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Sprachregelung

In demokratisch, diktatorisch, kapitalistisch, ständisch, egalitär, monarchisch oder libertär organisierten Gesellschaften, ist ein jeweils unterschiedlicher Sprachgebrauch anzutreffen. In zweierlei Hinsicht: Zum einen wird der Wortbestand im öffentlichen Diskursraum (falls er überhaupt existiert) selbst verschieden sein, zum anderen werden neben der bloßen Wortbedeutung, Assoziationen und Konnotationen anders ausgeprägt sein, fehlen, oder neu hinzutreten. Kurzum: die gesellschaftliche Organisation hat Einfluss auf Sprache und Sprachverhalten.

Denkt man an die Diktatur einer Militärjunta, wird eine militarisierte Sprache, ebenso wie das Fehlen von demokratischem oder liberalem Vokabular niemanden verwundern. Ein bestimmtes Sprachspiel ist en vogue, allgemein akzeptiert, brutal durchgesetzt, oder hat sich - fast beiläufig - über die Hintertüre eingeschlichen, und wurde zur Gewohnheit.

Der Sprachgebrauch kann aber auch über andere Gewohnheiten und Tendenzen in einer Gesellschaft Auskunft geben, über Dinge, die nicht derart “auf der Hand liegen”, wie etwa die jeweilige Staats- oder Regierungsform. Ein prominentes Beispiel ist die Marginalisierung des Weiblichen. Einen Beweis zu führen ist zwar schwer, aber “Korrelationen” können durchaus festgestellt werden: Das unpersönliche Führwort “man” sieht dem Wort “Mann” (fast) zum verwechseln ähnlich, und die Folgerung, dass dieses Wort möglicherweise etwas über die Einstellung einer Gesellschaft (zumindest gegenüber ihrem Weiblichen Anteil) aussagt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ein weiteres Beispiel: im Deutschen werden weibliche Formen oft durch das Anhängen der Silbe “in” (im Falle einer Mehrzahlbildung: “innen”) an ein entsprechendes Wort, gebildet. Etwa: Minister - Ministerin (Ministerinnen). Das Wort ohne angehängte Silbe - in unserem Fall Minister - ist nicht nur grammatikalisch männlichen Geschlechts, sondern es bezeichnet auch beide Geschlechter, etwa wenn man von Frauen und Männern gleichzeitig sprechen möchte. Auch hierin kann man eine Marginalisierung des Weiblichen erkennen, da ein Wort, dass das männliche Geschlecht bezeichnet gleichzeitig für das weibliche verwendet wird. Kurzum: in unserem Fall wäre die gesellschaftlich verankerte Ungleichstellung der Frau im Sprachgebrauch dechiffrierbar. Was folgern wir daraus?

Das hängt zu aller erst von der Richtung der Kausalität ab. Es ist denkbar, dass sich

a) gesellschaftliche Realitäten im Sprachgebrauch verfestigen, oder
b) der Sprachgebrauch selbst die Gesellschaft prägt.

Weiter ist folgende Mischform möglich: Grundsätzlich gilt a), aber zusätzlich wird der Prozess (die Ungleichstellung der Frau) durch b) gefördert.

Halten wir kurz inne: Ich sprach oben von einem öffentlichen Diskursraum, d.h. nicht von persönlichen Sprachräumen, die ja auch in einer Diktatur (unter vorgehaltener Hand, oder besser hinter verschlossenen Türen) anders “gestaltet” sein können. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass es die Sprache, in eben dieser Gesellschaft gäbe. Weder die Sprache, noch die Gesellschaft sind einheitliche Blöcke. Sie werden von Individuen gestaltet und sind Abstraktionen, die es uns ermöglichen über sie zu sprechen, und bestimmte Präferenzen, z.B. einen weithin üblichen Sprachgebrauch usw. festzustellen. Die oben getroffenen Überlegungen sind keinesfalls falsch, sie stellen jedoch (notwendige) Vereinfachungen dar (wir wollen ja versuchen Aussagen über eine große Grundgesamtheit zu treffen).

Was ist nun geboten? Wir haben festgestellt, dass Frauen in unserer Gesellschaft nicht gerecht behandelt werden, wir haben diesen Umstand (so meinen wir zumindest) im Sprachgebrauch dechriffiert und wollen diesen nicht weiter erträglichen Umstand ändern. Was tun wir? Gehen wir davon aus, dass wir politisch und gesellschaftlich handlungsfähig sind, dann werden wir zu aller erst die gesellschaftlichen Strukturen umbauen, und zwar so, dass die von uns festgestellten Ungerechtigkeiten möglichst beseitigt werden. Ich glaube unsere Gesellschaften sind hier auf einem guten Weg. Wird der Weg weiter beschritten, werden wir vielleicht bald in einer “völlig” gerechten Gesellschaft leben (zumindest was die Gleichberechtigung von Mann und Frau betrifft).

Ein Aspekt bleibt, und diesen möchte ich weiter vertiefen. Wir haben gesehen, dass der Sprachgebrauch möglicherweise über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten Auskunft gibt, und diese u.U. weiter verstärkt, ja sogar selbst Ungerechtigkeit sein kann. Reicht das bereits aus, um den Sprachgebrauch regeln, bzw. einen bestimmten Gebrauch derselben nahe zu legen? Oder folgt der Sprachgebrauch dem sich in der Gesellschaft vollziehenden, fundamentalen Wandel in jedem Fall? Eine Regelung wäre dann entbehrlich.

Der FH-Campus Wien hat zu diesem Thema einen Sprachleitfaden (pdf-Link) herausgegeben. Anhand der Forderungen und Vorschläge dieses Leitfadens soll der Sachverhalt weiter erörtert werden.

Zuvor aber noch ein paar Überlegungen: Sprache ist ein Zeichensystem, das nach bestimmten, allgemein verbindlichen Regeln organisiert ist, damit die sprechenden und schreibenden Individuen einander bestmöglich verstehen. Dieses Regelsystem entwickelt und verändert sich - “wie” ist selten voraussagbar, der Wandel nur im Nachhinein feststell- und erklärbar. Warum, mag man nun fragen, sollte man nicht in dieses, durch Konvention festgelegte System, bewusst eingreifen, um “Gerechtigkeit” zu schaffen? Allerdings: Alle Änderungen müssen von den sprechenden Individuen zunächst auch angenommen werden, was (siehe Rechtschreibreform) selbst bei amtlich “verordneten” Neuregelungen nicht, oder nur teilweise der Fall sein kann.

Es ist evident, dass alle Änderungen auch praktikabel sein müssen, und zwar deshalb, weil sie sich ansonsten (s.o.) gar nicht durchsetzen würden (zumindest nicht in liberalen Gesellschaften). Des Weiteren muss man berücksichtigen, dass ein bloßer Tausch einer Zeichenkette, nichts in den Köpfen der Menschen ändert und keine Vorurteile beseitigt. Auf der anderen Seite können in einer lange in Gebrauch gewesenen Zeichenkette ohne weiteres Bedeutungsverschiebungen auftreten. Und neuen vorerst neutralen Begriffen, werden immer Konnotationen und Assoziationen beigefügt. Ein Beispiel: Das Wort “Zigeuner” soll/wird/wurde durch den Begriff “Roma und Sinti” ersetzt (werden). Als Argument wird angeführt, dass die Bezeichnung diskriminierend ist, d.h. die betreffende Bevölkerungsgruppe abwertend bezeichnet. Entscheidend ist in diesem Falle das Selbstverständnis der ethnischen Gruppe selbst: Fühlt sie sich durch die Bezeichnung “Zigeuner” diskriminiert, ist dem Wunsch nach einer alternativen und adäquaten Bezeichnung nachzukommen. Die neue Bezeichnung sollte nach Möglichkeit keine neuen Probleme aufwerfen und sich in das sprachliche Regelwerk einfügen lassen (ansonsten würde er nicht verwendet werden). In letzterem Fall hat die Bezeichnung “Roma und Sinti” ein Problem: der Begriff steht im Singular nicht zur Verfügung.

Ich will noch ein weiteres Beispiel anführen: Das Binnen-I. Es soll ermöglichen, beide Geschlechter sichtbar zu machen, wenn man also beispielsweise über die Gesamtheit aller Studierenden sprechen oder schreiben möchte, statt dem Wort “Studenten”, das Wort “StudentInnen” zu gebrauchen. Hier sehen wir eine wesentliche Forderung aller Sprache verletzt, nämlich die vernünftige und praktikable Aussprache: Man kann das Binnen-I nicht befriedigend verbalisieren. Man müsste nämlich - um seine Bedeutung korrekt zu vermitteln - nach dem Ende des Wortteils “Student” eine Sprechpause einlegen, und dann das “Innen” nachfügen, denn sonst glaubte der Hörer ja, dass nur weibliche Studierende gemeint seien. Dies hat die Ausbreitung des Binnen-I auf die gesprochene Sprache verhindert, und damit die Erfüllung seines Zwecks.

Der Pferdefuß aller Begriffswechsel: Man vermag zwar für einige Zeit einen neutraleren Begriff zu Verfügung stellen, aber auf die Dauer ändert das wenig, denn es sind immer auch Konnotationen, also das was mitschwingt, der Beigeschmack, die Wertung, die einen Begriff prägen. Das alles kommt mit der Zeit bei einem neuen Wort hinzu. Und wir können niemanden davon abhalten, “Roma und Sinti” mit derselben Verachtung auszusprechen mit der er das Wort “Zigeuner” aussprach. Hier tun sich prinzipielle Grenzen auf: Wertungen können auf Dauer nicht durch sprachliche Änderungen beseitigt werden. Andererseits kann ein verändertes Bewusstsein, alte Bezeichnungen verändern und Begriffe aufwerten. Es stellt sich daher die Frage wie weit bewusst gesteuerte Änderungen notwendig sind. Man denke noch einmal an den Fall des Binnen-I: Wen die Sprechenden das Wort “Studenten” primär als für beide Geschlechter gleichgültig verstünden, und erst seine sekundäre Bedeutung männliche Studenten meinte, wäre der Gerechtigkeit eigentlich genüge getan. Es bleibt das grammatikalisch männliche Geschlecht, aber auf der anderen Seite gibt es den Begriff “Studentinnen”, der allein für weibliche Studenten reserviert ist.

Nun aber zu dem bereits erwähnten Sprachleitfaden und einigen seiner Forderungen (kursiv gesetzt). Er ist an die Lehrenden der Fachhochschule gerichtet, sein Zweck wird im Vorwort wie folgt umrissen:

Er soll Ihnen als Richtlinie für die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache in allen Ihren Schriftstücken dienen und ein Mittel sein, um die Werte der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung sowohl nach innen als auch nach außen zu dokumentieren.

Man kann weder Werte verankern, indem man einen bestimmten Sprachgebrauch installiert, noch diese dadurch dokumentieren (man fühlt sich an etwas wie public relations erinnert), ja mitunter stellt man sogar ungewollt ein Sprachkostüm zur Verfügung, welches sich hervorragend als Tarnung eignet (Ich borge mir ein Beispiel: Das Vorliegen einer schriftlichen Verfassung ist noch kein Garant für die Rechte der Bürger, wie viele Diktaturen mit “freiheitlichen” Verfassungen zeigen.).

Das “warum” wird im nachfolgenden Kapitel weiter vertieft, das Anliegen ist wichtig und richtig:

Wenn sich Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen fühlen sollen, müssen sie auch genannt werden – sowohl in gesprochener als auch in geschriebener Sprache.

Leider wird das Problem sprachlicher Praktikabilität konsequent außen vor gelassen, bzw. nur insoweit behandelt, dass man darauf verweist Vorschläge für die Praxis zu geben. Doch dazu weiter unten mehr.

Nicht alles ist logisch stimmig:

Um die Wirklichkeit adäquat abzubilden, müssen deshalb sowohl weibliche als auch männliche Bezeichnungen verwendet werden.

Begriffe die beide Geschlechter meinen, sind praktikabler und genauso gerecht. Eine Lösung, die aber offenbar nicht erwogen wird:

Eine Formulierung wie die folgende entspricht ebenfalls nicht der Wirklichkeit:
Ein Anschreiben, das sich an »Liebe Sozialarbeiter …« richtet, schließt Frauen aus. Tatsächlich arbeiten mehr Frauen als Männer als SozialarbeiterInnen – mit der obigen Anrede werden Frauen aber nicht angesprochen.
Umgekehrt schließt eine Formulierung wie »Liebe Kindergärtnerinnen …« Männer aus, die in diesem Beruf tätig sind .”

Grundsätzlich wird suggeriert, dass ein Bedeutungswandel immer mit einem Begriffswandel einhergehen muss - wie oben gezeigt, stimmt das aber nicht (das Wort “Fußgängerübergang” muss nicht vermieden werden weil es diskriminierend ist, sondern es reicht vollkommen aus, wenn sich ein Bedeutungswandel vollzieht). Was durchschwingt, ist offenbar die Vorstellung, dass erst völlige Gleichheit jedes auch nur möglichen sprachlichen Ausdrucks Gerechtigkeit bringt; die Ideen das zu verwirklichen reichen von gut bis haarsträubend. Es wird sich sicher niemand dagegen verwehren im gegebenen Fall, die Bezeichnung “Landeshauptmann” auf “Landeshauptfrau” (oder wenn von beiden die Rede ist, auf Landeshauptleute) abzuändern, aber der “LeserInnenbrief” ist nur mehr grotesk. Begriffe wie die Lehrenden, die Teilnehmenden, die Auszubildenden, die Unterrichtenden, die Vortragenden, die Mitarbeitenden, die Planenden sind ästhetisch auf Dauer unbefriedigend und die Studenten, die Mitarbeiter, die Lektoren, die Studiengangsleiter die sich in die Studentinnen und Studenten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Lektorinnen und Lektoren, die Studiengangsleiterinnen und Studiengangsleiter verwandeln sind zuerst umständlich, und später nervend. Las ich von praxisbezogenen Vorschlägen?

Die Verschiebung von Bedeutungsnuancen wird durchaus in Kauf genommen: nicht mehr benutzerfreundlich oder kundenfreundlich, sondern bedienungsfreundlich, praktisch zu bedienen, einfach anzuwenden (was auch immer mit “bedienungsfreundlich” genau gemeint ist). Die Sprache wirkt mitunter entpersonalisiert und kühl (Das Absolvieren des Studienganges legitimiert zum Doktoratsstudium.).

Hervorzuheben ist folgende, pauschalisierende Unterstellung:

Nicht geschlechtergerecht sind auch Klauseln, die zu Beginn eines Textes alibihalber darauf verweisen, dass nur eine Form der Bezeichnung verwendet wird, obwohl stets Frauen und Männer gemeint seien. Sie werden beim Lesen des Textes vergessen oder nicht mehr beachtet.

Es wird unterschlagen, dass ästhetisches Gefühl, die Beachtung gängiger Rechtschreibregeln, oder Praktikabilität eine Rolle spielen könnten.

Warum an Abkürzungen akademischer, oder anderer Titel erkennbar sein muss, ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist, wird nicht argumentiert, gefordert wird es hingegen schon (dem Wesen einer Abkürzung widerspricht, dass man sie länger macht; und warum soll der Titel “Doktor” nicht für Männer und Frauen - wie üblich - mit “Dr.” abgekürzt werden?).

Die Idee das unpersönliche Führwort »man« durch Passivkonstruktionen, direkte Anrede oder »wir« bzw. »ich« zu ersetzen, ist, dank des ästhetischen Mehrwerts und der Prägnanz passiver Konstruktionen im Deutschen schon fast lächerlich (man denke an naturwissenschaftliche Diplomarbeiten, die oft durch passive Formulierungen verhindern wollen, dass die erste Person zu stark in den Vordergrund rückt; was dabei herauskommt ist grauenvoll und umständlich zu lesen.). Des Weiteren ist es Sinn und Zweck des unpersönlichen Fürworts, niemanden direkt anzusprechen, also kein “ich”, “wir” usw. zu verwenden. Die Formulierung “Darüber spricht man nicht.” kann nicht einfach durch “Darüber braucht nicht gesprochen zu werden.” ersetzt werden: Mit dem Austausch geht ein Bedeutungswandel einher!

Gefordert wird im letzten Drittel des Leitfadens, dass auch die gesprochene Sprache geschlechtergerecht sein sollte - wie man sich das vorstellen muss, ist hingegen weniger klar (siehe oben, die Anmerkungen zum Binnen-I).

Diese Beispiele mögen genügen, nur einen Hinweis möchte ich noch kommentieren:

Schreiben Sie über Frauen und Männer, d. h. verwenden Sie Zitate und Literatur sowohl von Autorinnen als auch Autoren und wählen Sie Bilder von Frauen und Männern.

Für jeden Wissenschaftler und ernst zu nehmenden Vortragenden gibt es nur ein Kriterium: Die Wahrheit oder die Qualität. Das mag man undemokratisch nennen, ist aber so. Quoten haben hier nichts verloren. Da Frauen qualitativ und quantitativ das leisten können was Männer leisten, wird sich eine entsprechende Parität von selbst einstellen.

Eigentlich könnte ich beruhigt sein, ich muss an dieser Fachhochschule nicht unterrichten, ich muss auch keine umständlich formulierten Schriftstücke lesen, oder mir stockende Vorträge anhören - und im Grunde sind es weder die Forderungen (geschlechtliche Gleichstellung auf sprachlicher Ebene), noch die bisweilen belustigenden Vorschläge, es ist der Mangel an Vertrauen (in diesem Fall betrifft es die eigenen Mitarbeiter), dass die Individuen selbst nicht fähig sind, die in den öffentlichen Diskurs eingebrachten Vorschläge anzunehmen, oder abzulehnen. Jeder sollte die Freiheit besitzen, seinen sprachlichen Ausdruck selbst zu wählen, er sollte selbst entscheiden dürfen ob er das Wort “Student” nun geschlechtsneutral verstehen will, das Binnen-I bevorzugt, oder sich für die langatmige Variante “Studenten und Studentinnen” entscheidet. Kurzum: Warum versucht man mir zu erklären (nahe zu legen) wie ich sprechen soll? Zumal ja angeblich Teile der Forderungen erfüllt sind (Die Verwendung des Binnen-Is entspricht zwar streng genommen noch nicht den Rechtschreibregeln, sie ist jedoch bereits sprachliche und schriftliche Realität!). Qualitätszeitungen die das Binnen-I gebrauchen sind mir allerdings keine bekannt.

Bin ich hysterisch, wenn ich egalitäre Regelungswut diagnostiziere?

~ von metepsilonema am 9. Dezember, 2007.

2 Antworten to “Sprachregelung”

  1. Das Lesen des Sprachleitfadens habe ich abgebrochen, als mir suggeriert wurde, dass das “Team von Chirurgen” implizit eine diskriminierende Formulierung sein soll und das ich damit den Unfallhergang ‘falsch’ verstehen würde.

    Das es sich um eine “Richtlinie” handelt, die “dienen” soll, ist ein heuchlerischer Euphemismus. Hier wird eine Sprachdiktatur implementiert, die tatsächlich Orwellsche Züge annimmt. Man könnte das belächeln, wenn es nicht so Ernst wäre und ich würde mich an Deiner Stelle nicht freuen, dass Deine Uni so etwas nicht herausgibt - das kann ja immer noch kommen!

    Ich frage mich, wie schwach das Selbstbewusstsein von Menschen ausgeprägt sein muss, die sich durch neutrale Formulierungen bereits diskriminiert fühlen. Hier wird einer PC gehuldigt, die nicht nur psychopathologische Deformationen fast abbildet, sondern jegliches Sprachgefühl vermissen lässt. Es kann eben ein Unterschied sein, ob etwas “benutzerfreundlich” ist, oder ob es sich als “einfach anzuwenden” erwiesen hat. Eine Regelung einer Firma kann “kundenfreundlich” sein, aber nicht “bedienungsfreundlich”.

    Der grösste Unsinn ist dieses “Binnen-I”. In Behörden wird es inzwischen m. W. fast durchgängig verwendet. Im Internet schreiben besonders korrekte alles grundsätzlich in Kleinbuchstaben - ausser das Binnen-I. Die Politiker der Linkspartei verwenden im deutschen Fernsehen grundsätzlich immer “Rentnerinnen und Rentner” oder “Bürgerinnen und Bürger”. Das ist der Grund, warum ich diesen Leuten laum noch zuhören kann. Gelegentlich wird das derart genuschelt, dass der gegenteilige Effekt auftritt.

    Solche Art von Sprachpolizei ist eine Katastrophe für pluralistische und offene Gesellschaften. Der nächste Schritt ist, dass man vorschreibt, wie man bestimmte Sachverhalte zu denken hat. Das beginnt ja bereits dahingehend, dass man, wie Du am Ende zitierst, fast vorschreibt, welche Quellen man zu zitieren hat.

    Nein, Du bist nicht hysterisch. Und es ist mehr als nur eine Regelungswut.

    Eigenwerbung: Hier kann man lesen, wie man sogar die Bibel wieder “korrekt” schreibt.

  2. “das kann ja noch kommen!”

    Stimmt. Aber ich glaube es nicht (man hätte es längst versucht).

    Deine Beobachtung, staatliche Stellen betreffend, kann ich bestätigen.

    Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube wir haben anderen Orts schon einmal ähnliches konstatiert: Hier verliert die “Spitze” einer Bewegung die Tuchfühlung zur “Basis”. Ich kenne viele junge Damen, die mit dergleichen nichts zu tun haben wollen, und die die vergeudeten Energien lieber dort investiert sähen, wo tatsächlich zu wenig Gleichberechtigung herrscht (eine andere Entwicklung sind “gender” Vorlesungen, die bei den allermeisten Studenten außer Häme und Lachen nicht viel bewirken).

    Für das Unfallbeispiel bezeichnend ist ja, dass zu Beginn ausschließlich von Sohn und Vater gesprochen wird; es verwundert daher auch gar nicht, sollte ein Leser zuerst an eine männliche Person denken.

    Wenn es mehr ist als Regelungswut, komme ich nicht umhin an Verschwörungstheorien zu denken (will ich aber eigentlich nicht, die sind nämlich unbeweisbar).

    Der “Logoklasmus” ist genial.

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