Ein Blog muss her! – Zum Geleit.

Warum eigentlich? Fragte mich jemand, so schwiege ich im ersten, räusperte mich im zweiten und wüsste im dritten Moment noch immer keine Antwort.

Dann vermag der Verstand doch etwas zu fassen: Das Bedürfnis nach Diskussion und Auseinandersetzung, auch die Freude am verfassen eigener Texte. Aber kann ein Blog das leisten? Gibt es hierfür nicht bessere Orte? Diskussionsforen zum Beispiel?

Gregor hat sich vor einiger Zeit seinen Kopf über Blogger zerbrochen. Er kam zu dem Ergebnis, dass sie Narzissten sind. Gut möglich, dass das stimmt. Aber auch gut möglich, dass es andere Antworten gibt (Ich würde z.B. einwenden, dass die von ihm besonders unter dem Punkt „Bloggen ist die Behauptung der territorialen Diskurshoheit“ beschriebenen Phänomene in Diskussionsforen genauso auftreten, wie in der Realität, d.h. sie eher personengebunden sind, und nicht per se mit Bloggern zu tun haben bzw. unter ihnen nicht häufiger zu finden sind, als anderswo.).

„Was willst du denn mit dem Schmarren, das liest doch eh keiner!“, war die erste Reaktion die ich, nach dem „Bekenntnis“ einen Weblog eröffnen zu wollen, erhielt. Ich war irritiert, wusste aber zugleich, dass das stimmte.

Geben sich Blogger Illusionen hin, wenn sie glauben, dass das was sie schreiben tatsächlich Gehör finden wird? Oder ist ein Blog eine Art psychologischer Kniff, der denjenigen der nicht für die Schublade schreiben will, dazu ermutigt doch für die Schublade zu schreiben, weil er ihm zu dem Bewussein verhilft, gerade das nicht zu tun? Was für ein paar einzelne gelten mag, trifft für die Masse wohl nicht zu. Aber was dann?

Hier soll keine monokausale Erklärung versucht werden, eher eine Ergänzung. Ich glaube, dass Blogs einerseits gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln, und sich andererseits aus bestimmten individuellen Bedürfnissen ergeben. Das Phänomen Bloggen ließe sich somit aus realen gesellschaftlichen Entwicklungen (hier wäre der Individualismus, der Markt, die Fragmentierung der Welt, die Postmoderne u.a. zu nennen) ableiten. Ungefähr wie folgt: Eine Gesellschaft die sich immer weiter individualisiert (atomisiert), also auseinander strebt, brächte dann eine Netzkultur hervor, die quasi einen digitalen Spiegel darstellt. Das sind die Blogs.

Ein Blog ist mit dem bloggenden Individuum „identisch“ (nicht immer, aber meistens) und kann entsprechend gestaltet werden. Er ist – wie Gregor in seinem schönen Artikel bereits festgestellt hat – aber auch eine Marke. Man kann sich, wie so oft gefordert, verkaufen (um endlich, endlich als Getriebener des Marktes Erfüllung zu finden). Das scheint zunächst abwegig, aber denken wir einmal daran, wie viele Politiker (besonders wenn Wahlen anstehen), Sportler, Künstler usw. das nutzen. Der Blog (als persönliche Marke) konkurriert dann mit anderen um Publikum und Leserschaft.

Mit dem Markt verwoben ist das postmoderne (die ich einmal auf das Schlagwort „alles ist möglich“ verkürze) Identitätsspiel, das suggeriert, dass es keinen festen Kern des Selbst gäbe (man interessiert sich ja auch nicht mehr für die Wahrheit). Man spielt, bastelt, erschafft sein ich, und damit seine Identität. Etwas ähnliches leistet ein Blog: Er ermöglich die Kreation von Identität (was er hingegen weniger leistet ist der allzu rasche Wechsel, aber man kann auch mehrere Blogs betreiben), die mit der Wirklichkeit nicht zwingend übereinstimmen muss.

Zuletzt: Ein Blog erleichtert die Auseinandersetzung mit unserer hochkomplizierten, unüberschaubaren, und in eine Unzahl von Spezialgebieten zerfallenden Welt. Der Blogger kommentiert und behandelt nur das was er will; er bändigt den Informationsfluss, indem er aus medialen Supermärkten wählt und stellt entsprechendes Video-, Text- oder Bildmaterial online. Die einfache, flexible Bedienung eines Weblogs lässt das rasch und ohne Umschweife zu, der Schnellebigkeit unserer Zeit wird Rechnung getragen (das muss nur insofern relativiert werden, da es durchaus Blogs gibt, die sich der Tretradmentalität auf textlicher Ebene zu widersetzen wissen).

Ich schrieb oben von Bedürfnissen. Dort wo sich der Fokus auf das Individuum verengt, beginnt sich die Bande zwischen den Individuen zu lösen, die Folge davon ist Einsamkeit (nicht, dass der moderne Mensch nicht einsam genug wäre). Eine Einsamkeit, die nicht darin liegt, dass wir niemanden mehr kennen, sondern darin, dass es unseren Beziehungen zu anderen an Tiefe mangelt. Unser Freundeskreis ist größer denn je, wir sind auf allen Ebenen vernetzt, wir kommunizieren, laufen von einem Treffen zum nächsten, aber bleiben allzu oft an der Oberfläche hängen. Das Phänomen Bloggen ergibt sich möglicher Weise aus einem Bedürfnis, das in unserer Gesellschaft nicht zufriedenstellend erfüllt wird, man könnte einen Blog als ein Fenster in die Welt verstehen, einen Hilfeschrei vereinsamter, postmoderner Menschen, die an der Allgegenwärtigkeit des Fremden verzweifeln. Was für ein Irrtum gerade in den Tiefen des World Wide Web zu suchen.

Vielleicht erfahren Diskussionsforen in einer Zeit starker Individualisierung immer weniger Zuspruch. In der Tat: Warum sollte ich mich einem Regelwerk unterwerfen, vielleicht sogar Moderatoren (und damit, mag mancher verkürzt feststellen, Zensur) dulden wenn ich Herr im eigenen Blog sein kann? Womit wir auf Umwegen doch wieder beim Narzissmus gelandet sind. Gregor wird es freuen.

Warum ich blogge weiß ich allerdings noch immer nicht genau – ich muss wohl bis auf weiteres mit dieser Unschärfe leben. Diejenigen Leser, die mir bis hierher gefolgt sind, möchte ich nicht länger langweilen, sie auf’s Herzlichste begrüßen und willkommen heißen. Das war ursprünglich die Absicht dieser Zeilen.

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9 Antworten zu “Ein Blog muss her! – Zum Geleit.

  1. Gregor Keuschnig 2. Dezember 2007 um 4:51 pm

    Also zunächst einmal: Ich finde Deinen Blog optisch sehr gelungen; prima. Jetzt geht’s an den Inhalt!

    Das mit dem Narzissmus war ja auch aufgrund dessen, was Du beschreibst: Einerseits ist man sich ziemlich sicher, dass nur wenige Menschen dies lesen werden (der Zug zum „Alpha-Blogger“ zu werden ist schon längst abgefahren; es ist allerdings fraglich, ob ich gerne mitgefahren wäre) – und dennoch kommt man (auch wenn man manchmal will) schlecht davon los.

    Und noch ein anderer Aspekt ist interessant – Du sprichst das auch an: Man ist sein eigener Herr, kann tun und lassen was man will und braucht sich einem Regelwerk (oder Nicht-Regelwerk) eines Forums zu unterwerfen oder zuzuschauen, wie ein, zwei Trolle alles kaputtmachen.

    Ich wünsch‘ Dir jetzt mal das Übliche (obwohl es abgegriffen klingt), wie gutes Gelingen, viel Spass und gute Diskussionen.

  2. metepsilonema 2. Dezember 2007 um 8:03 pm

    Freut mich, dass Dir die Optik gefällt. Gleichzeitig sprichst Du indirekt meine größte Sorge an, nämlich zeitgerecht, dass heißt regelmäßigt Inhalt zu liefern. Das braucht (bei mir zumindest) viel Zeit, meist mehr als ursprünglich geplant. Aber es ist zunächst sicher das Wichtigste.

    Gute Diskussionen, genau das ist es. Danke!

    Weil wir anderen Orts darüber sprachen: Hier findest Du die Rezension, die mich anregte das Buch zu kaufen. Es ist anspruchsvoll und braucht Atem, aber es lohnt. Leider tendiere ich dazu Bücher mehrmals anzufangen und dann erst zu Ende zu bringen.

  3. kopffueßelnde 2. Dezember 2007 um 10:58 pm

    Ein herzliches Willkommen in der Blogosphäre auch von mir! Ich stimme meinem Vorredner zu, ist schön geworden und hat neugierig gemacht, auf dass was da kommen wird. Und hei, setz Dich doch nicht so unter Druck, von wegen Beiträge liefern. Vielleicht setzt auch ein gegenläufiger Mechanismus ein: schneller zu schreiben, dem eigenen Perfektionismus ein Schnippchen zu schlagen? In jedem Fall wünsche ich angeregte Diskussionen und gratuliere zum gelungenen Start!

  4. metepsilonema 3. Dezember 2007 um 12:38 am

    Merci auch Dir.

    Sich nicht unter Druck setzen ist nicht immer so einfach. Aber letztendlich wohl produktiver.

  5. Gregor Keuschnig 3. Dezember 2007 um 5:24 pm

    Druck & so.

    Ja, ein gewisser Druck entsteht schon. Aber es gilt: Weniger ist mehr. Ich habe bei mir die Erfahrung gemacht, dass ein Text, den man mal so eben reinhaut, meistens nicht befriedigt.

    Andererseits lechzt die „Meute“ immer nach neuem Stoff. Ein Blog, der nur alle 2, 3 Monate einen Beitrag liefert, gerät schnell in Vergessenheit. Leider…

  6. metepsilonema 3. Dezember 2007 um 9:54 pm

    Lechzende Meute…

    Das Angebot ist doch relativ groß, daher besucht man Seiten auf denen sich länger nichts oder nur wenig tut, kaum oder gar nicht mehr (die Zeit wird eben anders investiert). Mein Verhalten ist da ähnlich. Obwohl Qualität in Erinnerung bleibt, und man auch nach längeren Pausen mal wieder vorbeischaut.

  7. RebelllebeR 4. Dezember 2007 um 6:48 pm

    Gratulation zu deinem Blog-Wagnis! Deine heranführenden (einleitenden) Worte fand ich gut gelungen und haben mir so manchen Aspekt neu, und vor allem von anderer Perspektive aus, vorgeführt. Vor allem der drittletzte Absatz, der die sich ausbreitende Eisamkeit unserer oberflächlich immer enger vernetzten Abstandsgesellschaft (virtuell wie reell) gut umschreibt, hat mich beeindruckt und wieder einmal nachdenklich gestimmt.
    Ist es Narzissmus, der uns in den (die) Bolg treibt? Der Druck des virtuellen Alphamännchens/-weibchens – Triebs? Der Wunsch nach Anerkennung durch meist anonyme Rezensoren eines (meist) anonym verfassten Werkes/ Meinug, die, wenn sie (positiv) ausgesprochen wird, den Tag versüßen, diesen sonst aber nicht zu trüben vermag? Oder die „Aufwertung“ eines Blogs durch geschliffenste, brillianteste und mehrdimensionalste Ausdrucksweise, auch wenn man diese dazu verwendet (und damit ab(ent)wertet), auf Blogs zu verweisen, die „eindimensional, sprachlichlich kümmerlich, banal oder einfach nur narzistische Meinungsprosa ohne Relevanz und Informationswert“ sind?
    Keine Ahnung!

    Dieser Blog bedarf keiner Rechtfertigung, Erklärung oder Entschuldigung, das wird er hoffentlich bald selber tun!

  8. metepsilonema 4. Dezember 2007 um 9:48 pm

    Was uns in die Blogs treibt…

    …ist schwer festzumachen, wenn man es überhaupt allgemein sagen kann (ich glaube aber schon). Es könnte auch ganz einfach sein: was verfügbar ist, wird genutzt, analog zur Technik und Naturwissenschaft: was machbar oder erforschbar ist, wird ausprobiert, schon deshalb weil es möglich ist.

    Narzissmus und Anerkennungsstreben sind auch in der Realität erfüll- bzw. auslebbar, daher glaube ich, dass sie ein, aber nicht das Movens sind.

    Hesse schrieb einmal (sinngemäß, so weit ich es im Kopf habe), dass selbst die Liebe nur einen Notsteg (um den anderen zu erreichen bzw. zu verstehen) zu errichten vermag. Wir sind vielleicht grundsätzlich auf uns selbst zurückgeworfen, unfähig zur Transzendenz. Wenn dem so ist, dann begünstigt der „Zahn der Zeit“ diese Grundtendez noch.

    Ich danke, und hoffe Deinem letzten Satz nachkommen zu können.

  9. Pingback: Eine “Bestandsaufnahme”. In Eile. « Makulatur

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