Zufall und Notwendigkeit: „Babel“

Filme die nach hallen, die fordern und verlangen, sind selten. Groß ist die Freude, wenn man auf einen solchen Film stößt. „Babel“ ist ein solcher Film.

Iñárritus Werk ist ein Abbild unserer Existenz: Wir sind in die Welt geworfen und müssen ohne Auftrag und Aufgabe unser Leben mit Sinn erfüllen. Folglich gibt es – im Film wie im Leben – keine Handlung. Zufall und Notwendigkeit führen Regie – sie haben uns geschaffen und bestimmen unser Dasein. Aber „Babel“ ist mehr als ein Panorama unserer Existenz, er gibt gleichzeitig, im Handeln seiner Charaktere, eine Antwort auf ebendiese Existenz. Diese Antwort ist nicht nur möglich, sondern für alle Menschen dieselbe.

Die seltenen Momente, die wir als Glück bezeichnen, in denen wir Liebe und Geborgenheit erfahren, sind unstetig, und kaum gegenwärtig, schon wieder zu Nichte. Alles ist Fragment und wesentlich ist der Versuch die Mühen seiner Existenz auf sich zu nehmen, und nicht aufzugeben, selbst wenn am Ende wieder Enttäuschung steht, selbst wenn das einzige was wir haben, Hoffnung auf neue Hoffnungslosigkeit sein sollte. Die Schicksale der Charaktere, die in verschiedenen Kulturen und Ländern – Mexiko, Marokko, den Vereinigten Staaten und Japan – leben, sind zufällig und für sie nicht erkennbar miteinander verknüpft: Ein verschenktes Gewehr, als Zeichen von Dankbarkeit, ist Auslöser und Ausgangspunkt des Dramas. Eine verirrte Kugel, abgefeuert von einem kleinen Jungen, trifft eine amerikanische Touristin.

So inkompatibel die verschiedenen Kulturen in „Babel“ wirken, – die Gräben zwischen ihnen erscheinen größer als die zwischen den handelnden Personen – sie sind doch alle von der einen und einzigen conditio humana gezeichnet, einem durch und durch modernen Bild des Menschen, einem Bild das ohne naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht denkbar wäre.

Symbolisch für dieses Bild des Menschen, ist eine jungendliche, taubstumme Japanerin, Tochter jenes Mannes, der das folgenreiche Geschenk seinem arabischen Führer überreichte. Niemals wird die Kluft zwischen den Menschen, die Unüberbrückbarkeit der eigenen Subjektivität augenscheinlicher, nie bedrückender, wenn der Lärm im Warteraum, die Musik in der Diskothek mit einem Mal wegbricht und wir in ihre Sinneswelt eintreten. Schlagartig rückt uns unsere Trennung von der übrigen Welt ins Bewusstsein. Und wieder, immer wieder versuchen wir den anderen zu erreichen, ihn zu verstehen, obwohl wir wissen, dass wir es nicht können. Das Mädchen kämpft einen einsamen Kampf, sie ist verzweifelt, aber gibt nicht auf. Allen anderen geht es ähnlich, und ihre kleinen Siege sind nur Ausgangspunkte neuer Niederlagen: Das mexikanische Kindermädchen entkommt mit ihren Schützlingen gerade noch dem Tod in der Wüste, nur um zu erfahren, dass sie nach Mexiko abgeschoben werden wird. Die verletzte Touristin, die, nicht zu Letzt durch den sie begleitenden Mann gerettet wird, steht immer noch mitten in ihren Eheproblemen.

Und Gott? Die Moderne hat den Glauben aufgegeben und ihre Hoffnungslosigkeit erkannt. In Iñárritus Welt hat Gott keinen Platz. Schemenhaft und seiner Bedeutung beraubt, tritt die Idee Gottes nur ab und an zaghaft ins Licht: Etwa, wenn ein Muslim, fast verstohlen bei Tagesanbruch sein Gebet verrichtet. Beherrscht wird die Welt von Zufall und Notwendigkeit. Und selbst wenn man den Titel des Films an ein allmächtiges Wesen erinnern mag, so steht Babel doch für das Schicksal des Menschen, seine Begrenztheit, seine Zurückgeworfenheit auf sich selbst, seine Unfähigkeit zu Kommunikation und Selbsttranszendenz – und seinen verzweifelten Kampf, sein Ringen genau das zu erreichen.

Probleme unseres Jahrhunderts – Terrorismus, Migration, Bürokratie, die falsche Gewichtung in der Berichterstattung westlicher Medien, die Willkür staatlicher Organe – sind nicht mehr als Beiwerk, das eigentliche Thema, ist die menschliche Existenz. „Babel“ kennzeichnet ein fast asketischer, bewusster und ungemein gekonnter Einsatz der Mittel, der gerade deswegen, emotional bewegende und dramatische Szenen schafft. „Babel“ leistet aber noch etwas anderes, etwas das im Zeitalter der Reizüberflutung fast unangenehm erscheinen mag: er lässt dem Zuschauer Zeit zum Atmen – und zur Reflexion.

Verdichtet auf wenige Sekunden, tritt dem Zuschauer am Ende des Films seine eigene Existenz noch einmal vor Augen: Es ist Abend, der Vater jener taubstummen Japanerin kehrt in seine Wohnung zurück und sucht seine Tochter. Er sieht die offene Balkontür, und geht hinaus. Die Tochter, splitternackt, lehnt an der Brüstung und blickt in die Stadt. Sie ist Sisyphos – genau wie wir. Vater und Tochter, in innige Umarmung versunken, stehen auf dem Balkon. Hoffnung? Geborgenheit? Die Kamera erweitert das Blickfeld, langsam, Schritt für Schritt, bis die Szenerie ein kleiner Lichtpunkt geworden ist, ununterscheinbar von allen anderen, versunken im Lichtermeer der Großstadt. Unser Dasein ist absurd und unsere Aufgabe ist es den Stein bergan zu rollen. Das ist unser Glück. Ein großer Film.

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3 Antworten zu “Zufall und Notwendigkeit: „Babel“

  1. Pingback: Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit und die Philosophie – Philosophie EntGrenzen – Die Wissenschaft der Wissenschaften

  2. Norman Schultz 30. August 2011 um 2:08 am

    Wow, habe selten eine solch gute und anstoßgebende Rezension gelesen. Ich muss sagen, dass ich Babel damals als sehr belanglos empfand, erst jetzt werden mir die verschiedenen Bedeutungen bewusst.

    Danke hierfür und ich muss mal schauen, ob es hier noch mehr Rezensionen gibt :) Norman.

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