De apibus brasiliensis: Die Tagebücher von Hans Christian Tilenauer

Für LM

Hans Christian Tilenauer (1825-1870) war nicht nur einer der bedeutendsden Apidologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern zugleich auch Zeichner, Ethnologe, Weltreisender und Schriftsteller.

Über die Kindheit von Hans Christian Tilenauer ist wenig bekannt. Die einzige Quelle stammt von Tilenauer selbst, der in seinen „Jugendskizzen“ über seine Kindheit berichtet. Im Zentrum dieser fein ausgeführten und kommentierten Federzeichnungen steht das Interesse des Knaben an den Bienenvölkern seines Großvaters Franz Xaver Tilenauer. Charakteristisch für diesen Lebensabschnitt ist Tilenauers erster Versuch „zu entdecken, was die Tierchen denn in ihrem Stock so alles treiben“. Der knapp Dreißigjährige berichtet:

„Meine erste Unternehmung war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag ins Wasser. Zwar gelang es mir einen Blick in einen der Bienenstöcke meines Großvaters zu werfen, aber zu meiner Überraschung waren die wehrhaften Tiere nicht nur auf der Hut, sondern auch außerordentlich gut organisiert. Sie kreisten mich ein und stachen unerbittlich zu. Nur ein kühner Sprung in den nahe liegenden Tümpel rettete mich. Was ich in dem Stock gesehen hatte, habe ich darüber natürlich vergessen. Meine Mutter war außer sich, mein Großvater – der es gar nicht gerne hatte, wenn man sich an seinen Bienen zu schaffen machte -, versuchte mich von nun an davon zu überzeugen, dass die Bienen unseres Nachbarn doch viel interessanter seien als seine eigenen.“

Tilenauers Interesse an Bienen sollte nie wieder erlöschen. Eine erste Synthese seiner Forschungen publizierte er 1851: „De civitate apis“. Papst Pius IX., der Tilenauer offenbar missverstand, machte den „vom heiligen Geist erfüllten, sechsundzwanzigjährigen Jüngling“ zum wissenschaftlichen Berater seiner idustria mellita, was Tilenauer eine Leibrente, und damit finanzielle Unabhängigkeit bescherte.

In ganz Europa bekannt wurde Tilenauer durch die, nun im Freisinger Stadtarchiv wieder entdeckten, und 1864 im Stemmberger Landboten veröffentlichten „Brasilianischen Blätter“, seine umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen, die er während zahlreicher Reisen durch den südamerikanischen Kontinent anfertigte.

Diese Tagebücher – Hans Christian Tilenauer verstand sie „als chronologische Dokumentation in lockerer Folge“ – belegen einen besessenen, wie akribischen Zeichner. Mit Feder und Tusche erschloss er einen, seinen europäischen Lesern unbekannten Kosmos. Im zeichnerischen Schaffen Hans Christian Tilenauers verdichtet sich, was ihn ein Leben lang umtrieb: Das wissenschaftliche Interesse an Bienen, seine große, durch die Ethnologie beförderte Menschenkenntnis und ein gewaltiger, fast schon übersteigerter Wille zur Dokumentation des Erlebten und Gesehenen, wobei diese Dokumentation nie äußerlich bleibt, sondern stets darum bemüht ist, in die Tiefe der Erscheinungen vorzudringen.

Hans Christian Tilenauer widmete sich Zeit seines Lebens auch der praktischen Seite seiner wissenschaftlichen Tätigkeit: Er war leidenschaftlicher Imker, und reformierte die von Friedrich dem Großen gegründete königlich-preußische Akademie für Bienenzucht und schuf zahlreiche ähnliche Institutionen in Übersee. Beeindruckend waren auch seine Fähigkeiten als Bienenzüchter: Apis melifera glacialis, eine weiß-schwarz gestreifte Varietät der Honigbiene, ermöglichte den eidgenössischen Imkern ab 1860 ihre Honigwirtschaft bis in Höhen von 2500m auszudehnen. Leider wurde der ausgezeichnete Gletscherhonig außerhalb der Schweiz kaum bekannt. Überhaupt intensivierte sich die Beschäftigung mit der Imkerei in seinen letzten Lebensjahren. Hans Christian Tilenauer trachtete diese Arbeit mit einer zweibändigen Monographie „Der Apidologe als Imker“ und „Der Imker als Apidologe“ abzuschließen. Sie zu vollenden war ihm nicht mehr vergönnt. Der ein Leben lang an Diabetes leidende Tilenauer starb am 3. März 1870: Er verschluckte, in seine Arbeit vertieft, mehrere Bienen.

Um dem Leser des 21. Jahrhunderts den Zugang zum Werk – in diesem Fall den „Brasilianischen Blättern“ – Hans Christian Tilenauers zu erleichtern, wurde die Orthographie – wo notwendig – behutsam angepasst. Da Hans Christian Tilenauer seine Zeichnungen selbst ausführlich kommentiert hat, wurde von einem ergänzenden Kommentar Abstand genommen. Die angefügten Fußnoten stammen von Tilenauer selbst. Das hier erstmalig veröffentlichte Material versteht sich als bescheidene Auswahl einer schier unermesslichen Fülle.

* * *

Auszüge aus den „Brasilianischen Blättern“

Zuerst veröffentlicht im Stemmberger Landboten, 1864


I. Innenansichten neuweltlicher Bienenstöcke


Apis divina. Ein Blick in die Königinnenkammer, den allerheiligsten Teil des Bienenstocks. Die Königin erhält gerade ihre morgendliche Honigmahlzeit, der dann, über den Tag verteilt, etwa alle zwei Stunden eine weitere folgt. Beeindruckend ist, wie die kleinen Tiere ausschließlich mit Hilfe ihrer Muskelkraft das feucht-warme Klima von ihrer Königin fernzuhalten versuchen.

Die Arbeiterinnen erledigen sämtliche, im Nest anfallende Arbeiten. Sie stärken sich durch den von Versorgungsbienen herbeigeschafftenen Honigmet. Solcherlei Arbeiten reichen vom Bau der Waben…

…über das Reinigen der Nester (welches natürlich außerordentlich wichtig ist, wie zweifelsohne jedem sofort einleuchtet, denn niemand wohnt gerne in schmutziger Umgebung, oder will den geliebten Nachwuchs in einer solchen aufziehen)…

…bis zum Säugen der Kleinen und dem Sammeln von Pollen und Nektar. Kurzum: Die Bienen Südamerikas stehen punkto Fleiß ihren europäischen Verwandten um nichts nach.

Die Drohnen allerdings, sind hierzulande noch fauler, was mit Sicherheit auf das schwüle, drückende Klima zurückzuführen ist. Sogar zur Fortpflanzung müssen sie von den Arbeiterinnen gezwungen werden.


II. Bienen auf Wanderschaft: Der Schwarm


Schon viele brasilianische Imker klagten mir ihr Leid, und in der Tat, sie haben es weit schwerer als ihre europäischen Berufsgenossen, denn sämtliche Bienenvölker Brasiliens pflegen nachts zu schwärmen, und es ist nicht schon einmal vorgekommen, dass der Wache haltende Imker einschlief. Am nächsten Morgen war das Bienenvolk dann über alle Berge. Glücklicherweise gibt es deutliche Anzeichen – zum Beispiel das Erscheinen von Herolden und Fahnenträgern – für ein kurz vor dem Schwärmen stehendes Bienenvolk, d.h. die unglücklichen Imker müssen nicht jede Nacht Wache halten, denn sie kämen nicht zu mehr als einer Mütze voll Schlaf, und niemand würde dann – wie der geneigte Leser sicherlich nachvollziehen kann – Imker werden wollen. Dem unglücklichen Imker, den unsere Zeichnung zeigt, habe ich natürlich nichts davon gesagt, dass ich ihn nachts gemeinsam mit seinen schwärmenden Bienen festgehalten habe, denn er hätte mich sonst wohl über alle Berge gejagt. Ich habe ihn nur mit großen, ungläubigen Augen angesehen, als er mir am nächsten Morgen davon erzählte. Man beachte die unglaubliche Differenzierung und Aufgabenteilung in solch einem Bienenzug: Außer Herolden und Fahnenträgern findet man auch noch Schleppen-, Wasser-, und Honigträger, so dann Brautjungfern, Ammen und neben zahlreichen Arbeiterinnen, auch Drohnen, die fast immer getragen werden müssen. Bisweilen entdeckt man sogar trauernde Bienen1. Selbstverständlich beteiligen sich vor allem junge Bienen an solch einem Zug.


IX Human- und Veterinärmedizinische Anmerkungen


Im Allgemeinen können sich die Bienen des südamerikanischen Kontinents – im Gegensatz zu ihren europäischen Verwandten – nicht durch Stiche verteidigen. Keinesfall aber darf man daraus schließen, dass sie wehrlos sind, denn sie besitzen eine mächtig entwickelte Mandibularmuskulatur, und können schmerzhaft zubeißen. Die einzige Ausnahme ist Melipona gigantea2, die einen wohl ausgebildeten Stechapparat besitzt. Gut zu erkennen ist der Rest des Stachels, den man oft nur mit Gewalt entfernen kann. Glücklicher Weise ist Melipona gigantea ein gutmütiges Tier, das man schon erheblich reizen muss, was beispielsweise der Fall ist, wenn man versucht ihren Honig zu stehlen. Die bedauernswerten Knaben in unserer Zeichnung haben genau das probiert. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Schwellungen im Gesicht der Knaben keineswegs übertrieben sind, sondern ausschließlich nach dem natürlichen Vorbilde gezeichnet wurden.

Das brasilianische Rüsselschwein (Rostrum logissimum brasiliensis) ist, wann immer sich die Gelegenheit bietet, ein wahrer Honigräuber. Das Tier kann seinen Rüssel auf die etwa zweifache Länge ausstülpen und damit Honig aus den Bienennestern saugen. Eine Vielzahl von Borsten, und eine dicke, fast lederartige Haut, machen es gegen die Bissversuche der Bienen unempfindlich. Melipona gigantea hingegen vermag selbst durch diese dicke Haut zu stechen. In unserem Fall haben die Bienen die Gefahr rechtzeitig – nämlich bevor das Schwein das Nest beschädigen konnte – erkannt und das Rüsseltier in die Flucht gestochen.

Da die Rüsselschweine überaus beliebte Haustiere sind, und in großer Zahl gehalten werden, darf man die veterinärmedizinische und ernährungsphysiologische Bedeutung solcher Attacken nicht unterschätzen. Die als Hausschweine gehaltenen Tiere werden selbstverständlich nicht mit Honig gefüttert, der auch in der Natur nur in unregelmäßigen Abständen konsumiert wird, aber die Tiere erhalten, die von der Zuckergewinnung übrigbleibende braun-schwarze Melasse3, die allerdings oft Melipona gigantea anlockt, was wiederum zu Angriffen der Bienen führen kann.


XV. Symbiontische Beziehungen zu anderen Kerfen


Es ist zutiefst beeindruckend welche Vielzahl symbiontischer Beziehungen sich zwischen Bienen und anderen Kerfen entwickelt haben. So wird z.B. immer wieder beobachtet, dass Bienen, die ihren Schwarm des Nachts verloren haben, von anderen Kerfen – meist Käfern – mit Harz und Pollen versorgt werden. Wie sich dieses offenbar gänzlich altruistische Verhalten entwickelt hat, ist unbekannt.

Hier wie in der folgenden Zeichnung sehen wir das Phänomen der sogenannten Paarungsverwirrung. Es kommt immer wieder vor, dass Paarungsbereite Bienen an falsche Partner gelangen. Warum ist leider unbekannt, das Phänomen als solches ist aber gut dokumentiert.

Die vorhergehende Zeichnung zeigt den Käfer Cerambus salticus im Paarlauf mit Melipona gigantea, in der nebenstehenden sehen wir Trigona aliena4 im Verbunde mit einer weiteren Cerambus Art. Nicht alle Käfer sind den Jungfern gut gesonnen: Tiere der Gattungen Irrlichtereria und Phantasma5 täuschen die unerfahrenen Bienen absichtlich, um sie immer tiefer ins Dickicht des Waldes zu locken.

Des Abends finden sich zahlreiche Kerfe des Waldes (natürlich auch Bienen) zusammen um zu musizieren. Selbstverständlich singen die Tiere keine Ständchen (hierbei würden erstens die Jungfern für die Drohnen singen, was erstaunlich wäre, wobei letztere nicht im Mindesten dazu befähigt wären, zuzuhören, da sie immerzu schlafen), nein, hier scheint es sich um freie, spontane und zweckungebundene Lautäußerungen zu handeln. Leider ist auch dieses Phänomen ausschließlich den Tropen vorbehalten, ja es ist ein wesentlicher Bestandteil der allabendlichen lautmalerischen Kulisse.

Bisweilen kommen Bombardiere hinzu; ihr sogenanntes Trommelfeuer kann man mit keiner Lautäußerung im gesamten Tierreich verwechseln.

Manch eine Arbeiterin meint es zu gut (oder ist zu fleißig, oder beides) und schleppt mehr Nektar herbei, als ihr Magen verkraftet. Dieser beginnt dann zu gären, und die Bienen fliegen in ganz und gar wirrem Schwirrfluge durch den Wald. (Unsere Zeichnung zeigt freilich zwei Käfer der Gattung Gambrinus6, denen ähnliches passierte.)

Anmerkungen

1Eine Tatsache, auf die mich bereits Alexander von Humboldt im Jahre 1858, also kurz vor seinem Tod, hinwies.

2Leider besitzen wir keine genaue Kenntnis der Erstbeschreibung von Melipona gigantea, außer einer knappen Notiz bei Linnaeus und wir wissen nicht, ob sich „gigantea“ auf den Stechapparat, die Größe der Bienen, oder die ihrer Nester bezieht. Jedenfalls neigt die Art im Allgemeinen zum Gigantismus.

3Freilich könnte man die Schweine ausschließlich mit Melasse ernähren, und das wurde auch immer wieder angestrebt und erprobt, alleine das Fleisch dieser einseitig ernährten Tiere bekam einen süßlichen Beigeschmack und eignete sich kaum zum Verzehr. Abgesehen davon waren die beschriebenen Probleme mit Melipona gigantea bei dauerhafter Fütterung mit Melasse kaum in den Griff zu bekommen.

4sensu Linnaeus, Systema apoideae, 1760.

5Entgegen der immer wieder vertretenen Ansicht sind diese beiden Gattungen nicht mit der von Curtis für Wales beschriebenen Gattung Dolus verwandt. Letztere täuscht ausschließlich solitär lebende Bienen, während die südamerikanischen Vertreter auf staatenbildende Bienen beschränkt sind.

6Vormals Gattung Bacchus.

* * *

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4 Antworten zu “De apibus brasiliensis: Die Tagebücher von Hans Christian Tilenauer

  1. Gregor Keuschnig 21. Februar 2008 um 2:16 pm

    Sind die Bilder von Wilhelm Busch?

  2. ww 2. Juni 2008 um 7:19 pm

    Jou, jou, und wenn schon, dann „de apibus Brasiliensibus“.

    ww

  3. metepsilonema 2. Juni 2008 um 8:38 pm

    @ww

    Danke! Schön von Dir zu lesen.

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