Wenn Erstaunen Erstaunen hervorruft.

Gemeint ist das Erstaunen das manchen Zeitungsleser in den letzten Tagen befiel. Natürlich fragte er sich ob das Erstaunen, von dem er las und das ihn in den selben Zustand versetzte, denn echt sei. Aber nehmen wir einmal an, es ist wie es scheint, also echt, eben Erstaunen, dem noch Bestürzung, Überraschung und ähnliche gefühlsmäßige Schattierungen beigemischt sind. Und rufen wir uns zu dem noch in Erinnerung, dass unsere Welt eine zunehmend multiploare ist.

Dann muss man die Reaktionen*, vornehmlich westlicher Politiker, entweder als gedankenlos, oder sie selbst, als für ihr Amt ungeeignet ansehen.

Glücklicherweise wissen wir aber um das Geflecht von Interessen, und falschem Spiel, und können daher aufatmen: Unsere Politiker verstehen sich auf ihre Sache, und sie wissen wann man am besten welches Gesicht vorschiebt. Nun ist man eben überrascht, empört, erstaunt usw.

Aber warum eigentlich? Weil Russland seinen Großmachtsanspruch und damit seine Interessen in die Tat umsetzt? Wie weiland die Vereinigten Staaten im Irak, die auch unverholen über einen Krieg gegen den Iran nachdenken. Oder wie China, das sich – zugegebener Maßen – wesentlich geschickter verhält.

Nicht, dass das russische Spiel ein schönes ist, aber wir wollen darüber nicht vergessen, dass es andere ebenso trefflich beherrschen. Dieser lästigen Amnesie gab man den Namen Doppelmoral. Man sollte das wieder tun. Ohne große Geste. Aber um das Gedächtnis aufzufrischen. Und um der Wahrheit willen.

*So werden etwa Condoleezza Rice und George W. Bush in der letzten und vorletzten Ausgabe der Zeit wie folgt zitiert: Ich glaube, jeder erkennt, dass wir dieses Problem nicht zum ersten Mal erleben, bzw. Solch eine Aktion ist nicht akzeptabel im 21. Jahrhundert.

4 Antworten zu “Wenn Erstaunen Erstaunen hervorruft.

  1. Gregor Keuschnig 25. August 2008 um 5:44 pm

    Russland betätigt sich wie eine Wletmacht des 19. Jahrhunderts – China wie eine des 21. Russlands Aggression scheint in den Mainstream-Medien ausgemacht; Joffe schreibt auf Seite 1, dass der Überfall Georgiens keine Rolle spielt. Ein bisschen tiefer geht man im Literaturteil der aktuellen ZEIT, wenn ein politisches Buch über Georgien vorgestellt wird. (Christian Schmidt-Häuer war Korrespondent für den „Spiegel“, dann für den ARD-Hörfunk und Fernsehen in den 70er und 80er Jahren – vor allem in Moskau. Danach ging er zur „ZEIT“.)

  2. metepsilonema 25. August 2008 um 10:16 pm

    Von Joffe bin in schon einige Zeit lang enttäuscht (so auch diesmal); entweder hat er früher besser geschrieben, oder ich habe es mir nur eingebildet.

    Russland ist sicher kein Unschuldslamm, aber einseitig kommt mir die Berichterstattung schon vor; es ist einige Zeit her, da las ich ein Interview mit einem Oppositionellen (Kasparow?), der Putins wirtschaftliche Leistungen zwar nicht rühmte, aber zumindest positiv erwähnte.

    [Ich war so frei und habe Deinen Link korrigiert, da passte im Code irgendetwas nicht.]

  3. Gregor Keuschnig 26. August 2008 um 7:29 am

    Ich glaube, Joffe war nie anders. Ich halte ihn für einen deutschen Neokonservativen. Er war am Sonntag im Presseclub in der ARD. Als es darum ging, wer nun wie zur Eskalation beigetragen habe, machte er einen Ausflug in die Geschichte (er landete bei 1801) und bilanzierte hieraus, dass Russland Georgien gegenüber immer feindlich gewesen war. Das mag ja stimmen, aber aus der Geschichte ableitend könnte man ja auch durchaus immer noch eine „Erbfeinaschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich ableiten.

    Was man hier nicht akzeptiert (das kam auch im Presseclub heraus): Das Russland nach wie vor eine Grossmacht mit eigenen Interessen ist. Man agiert im Westen mit dem Alleinvertretungsanspruch, die Welt ausschliesslich nach seinen Kriterien zu formen – wer widerspricht, gilt als Paria. Ich sage auch nicht, dass das Verhalten Russlands in Ordnung ist (ist es nicht), aber ein bisschen Differenzierung würde ich mir schon wünschen.

    (Die Parallelen zu Jugoslawien sind interessant: Heute besteht die deutsche Bundeskanzlerin auf die territoriale Integrität Georgiens – das ist richtig – aber damals wurde die territoriale Integrität Jugoslawiens durch Genscher mit einem Federstrich als obsolet behandelt.)

  4. metepsilonema 26. August 2008 um 2:59 pm

    Und die Jugoslawischen Parallelen werden die Russen nutzen bzw. tun sie das jetzt schon. Vielleicht ärgert man sich da nochmal gewaltig.

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