Politische Befindlichkeiten II: Die missverstandene Freiheit.

Freiheit bedeutet nicht dass alles getan werden kann, oder alles möglich ist. Freie Entscheidungen trifft man innerhalb eines naturgesetzlich determinierten Rahmens über den wir nicht hinwegschreiten können. Die Gesetzmäßigkeiten des Lebens fesseln uns an die Erde.

Doch selbst unsere elementarsten Triebe eröffnen uns einen Handlungsspielraum: Zwar müssen wir essen und trinken, aber die Entscheidung wann wir das tun liegt bei uns, solange genug Nahrung vorhanden ist, oder wir nicht längere Zeit Hunger leiden mussten. Entscheidungsfreiheit impliziert eine Unbestimmtheit der Zukunft. Freiheit bedeutet Offenheit.

Die Offenheit, die die Freiheit mit sich bringt, ist der Grund warum man sich um sie bemüht. Es wäre völlig verfehlt für alle Menschen ein glückliches Dasein einrichten zu wollen, wo doch jeder in einer etwas anderen Fasson glücklich ist. Die Bereitstellung und die Nutzung von Freiheit ermöglichen jedem Menschen seinen eigenen Versuch. Freiheit begründet Vielfalt.

Politische Implikationen
Der Liberale weiß um die Entscheidungsspielräume der Menschen, und sucht diese zu erhalten, indem er das Recht darauf in staatlichen Strukturen verankert. Hier liegt zweifellos ein utilitaristisches Moment verborgen: Möglichst viel Freiheit soll für möglichst viele Menschen sichergestellt werden. Da aber die bloße Maximierung persönlicher Freiheit Konkurrenzsituationen und Konflikte mit der Freiheit anderer hervorruft, muss das utilitaristische Moment entschärft werden. Das selbstbestimmte Leben trifft auf die Frage nach Gerechtigkeit.

Die Institutionalisierung des Rechts auf Freiheits-, und Entscheidungsräume, ist auch als Selbstbeschränkung der Bürger zu verstehen, und sie erlauben dem Staat den naturgesetzlich determinierten Freiheitsrahmen weiter einzuschränken, weil sie glauben den Erhalt und die gerechte Verteilung von Freiheitsräumen auf diese Weise bestmöglich sicherzustellen.

Die Verletzung der Freiheitsräume kann nun sanktioniert werden: Schränkt mein Freiheitsanspruch den Anderer ein, liegt es am Staat in Rückgriff auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, die Freiheit der Betroffenen zu erhalten.

Aber es bleibt festzulegen welche Freiheitseinschnitte überhaupt sanktioniert werden dürfen, oder was genau unter einer „gerechten Verteilung von Freiheiträumen“ zu verstehen ist. Da Gerechtigkeit die Frage nach Gleichheit impliziert – allerdings nicht auf diese zu reduzieren ist -, tritt die Freiheit in ein Wechselspiel mit der Gleicheit, und im Grunde damit, welche Möglichkeiten wir dem Staat anvertrauen wollen.

Es kommt also darauf an, wie man die Grundidee – den Erhalt von Freiheit – variiert und entwickelt. Es können z.B. nur gröbste Verstöße gegen die Freiheit geahndet werden, oder rigoros darüber gewacht werden, dass jeder exakt dasselbe Maß an Freiheit erhält. Jedoch beinhalten beide Extremata die Gefahr des fast völligen Verlusts von Freheit für zumindest Teile der Bürger.

Grundsätzlich geht aber mit jeder Institutionalisierung von Freiheitsrechten, eine Beschränkung derselben einher, d.h. die Institutionalisierung, die von der Frage nach Gerechtigkeit inspiriert ist, denkt immer ein Mindestmaß an Gleichheit mit, und es ist eine Frage von Werten, oder Vereinbarungen wie weit diese Einschränkungen gehen sollen. Entscheidend ist, wieviel Verantwortung der Bürger entwickelt, und wie weit er sich selbst über seinen Freiheitsrahmen Rechenschaft ablegt.

Theoretisch könnten die staatlichen Strukturen zur Gänze durch verantwortungsbewusste Bürger ersetzt werden. Das könnte man „liberales Utopia“ nennen.

Die existenzielle Dimension der Freiheit
Eine bewußte Entscheidung wird immer angesichts eines bestimmten Ziels getroffen. Ich tue dies, um jenes zu erreichen. Ich weiß aber nicht, wie sich meine Entscheidungen auswirken werden, und ob ich mein Ziel erreiche. Entscheidungen sind daher immer risikobehaftet. Ich kann scheitern. Dieses Scheitern ist im schlimmsten Fall eine existenzielle Bedrohung. Das bedeutet, dass ich dort wo ich wählen kann, für meine Existenz (mit)verantwortlich bin, und damit auch für mein Scheitern. Die Freunde über das erreichte Ziel ist verdient; aber – und das fühlen wir – auch die Trauer und der Schmerz. Das Erleben aller drei wäre ohne Selbstbezüglichkeit und Verantwortung paradox. Daher nimmt es nicht wunder, wenn Zweifel und Angst manche Entscheidungsfindung begleiten.

Unsere Entscheidungen und unsere Existenz stehen in einem Wechselspiel: Für sich selbst verantwortlich zu sein, bedeutet sich dem Risiko seiner Entscheidungen zu stellen. Es zu tragen macht uns zu selbstständigen, unabhängigen Menschen. Das ist ohne das Risiko des Scheiterns nicht zu haben.

Die Trennung von unserern Eltern wurde von uns aus genau diesem Grund vollzogen: Wir wollten ihnen als selbständige Personen gegenübertreten. Deshalb der Schritt in die Kälte.

Wir gehen das Risiko der selbstbestimmten Existenz ein, weil sie erfüllend ist.

Schlußfolgerungen
Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortlichkeit, und keine ethische Beurteilung unserer Handlungen. Die Frage nach Gerechtigkeit wäre obsolet, und Altruismus unmöglich. Die Gewährung von Freiheit bedeutet den Anderen zu achten, seine Integrität und damit seine selbstständige Persönlichkeit anzuerkennen. Auch das ist ein Fundament jeder ethischen Handlung, denn jemand der in Abhängigkeit, oder gezwungener Maßen handelt, entzieht sich – in Teilen, oder ganz – dem ethischen Urteil. Wir sind erst für unsere Handlungen voll verantwortlich, wenn unsere Persönlichkeit gereift und entwickelt ist.

Denkt man an das Märchen vom Schlaraffenland, dann kommen einem sogleich Leute mit übervollen Bäuchen, die faul unter Bäumen liegen, und nur den Mund aufmachen müssen, um etwas Essbares zu ergattern, in den Sinn. Aber abgesehen von solchen Auswüchsen, ist ein materiell gesichertes Leben, für das man keinerlei Anstrengungen erbringen muss, nicht ein uralter Menschheitstraum? Und sind wir diesem Traum nicht schon sehr nahe gerückt? Der Staat könnte diese Aufgabe übernehmen, und über die Bereitstellung von Geldmitteln jedem Bürger ein Leben, das frei von existenzieller Sorge ist, ermöglichen.

Das bedeutet, dass der Staat das Risiko aller freien Entscheidungen, die die Existenzsicherung seiner Bürger betreffen, übernimmt. Die sichergestellte materielle Existenz hält unseren Entscheidungsspielraum konstant, oder erweitert ihn, sie prolongiert die vorhandenen oder legt zusätzliche Möglichkeiten in unsere Hände, deren Nutzung aber von den Lebensmaximen und -interessen abhängen. Das ist nicht anders, als wenn jeder Einzelne für seine Existenzsicherung selbst zuständig wäre, nur ihre Herkunft, und damit die Verantwortung für sie, liegen an anderer Stelle.

Nun wird niemand Hilfe an Hilfsbedürftige diskreditieren, und niemand, dass man denjenigen die Hand reicht, die das auch wollen. Viele Staaten helfen ihren Bürgern, wenn sie unverschuldet in Not geraten, oder falsche Entscheidungen getroffen haben, und sich in einer Krisensituation befinden, die sie alleine nicht mehr meistern können. Man nimmt der sich auftuenden existenziellen Problematik etwas von ihrer Schärfe, und erweitert den Freiheitsrahmen des Individuums. Das steht im Einklang mit den Aufgaben des Staates, dem Erhalt und der gerechten Verteilung von Freiheitsräumen. Sobald die existenzielle Krise vorbei ist, steht der Betreffende wieder gänzlich in seiner Verantwortlichkeit, und er ist wahrscheinlich zufriedener, wenn er weiß, dass er zu ihrer Überwindung wesentliches beigetragen hat.

Je umfangreicher aber Unterstützung und Versorgung werden, d.h. je stärker das Risiko freier Entscheidungen gemindert, oder ausgeschaltet wird, desto mehr nimmt man den Menschen die Verantwortlichkeit für sie selbst, und für ihr Leben. Man entbindet sie davon sich kreativ an die eigene Existenz zu wenden, ihre Herausforderung geht verloren, und damit die Begründung unserer Handlungen. Passivität ist die Folge. Eine kontinuierliche, zufriedenstellende und existenzsichernde Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil dessen was man Glück nennt. Sie gibt dem Leben eine Richtung, wie einen Faden dem man webt.

Der Gang in eine neue, fürsorgliche Abhängigkeit, ist eine Missachtung der selbstständigen Persönlichkeit der Bürger, und zeigt ein widersprüchliches Verhältnis zum Staat: Der Bürger darf wählen und mitbestimmen, und damit beurteilen was für andere gut sein könnte, der Saat allerdings traut ihnen die Sorge für ihre eigene Existenz nicht zu. Er erkennt sie als vollwertige Bürger an, und spricht ihnen diese Vollwertigkeit im selben Moment wieder ab.

Ein Staat dessen Aufgabe die Sicherstellung der Freiheitsräume seiner Bürger ist, usurpiert im selben Moment genau diese Aufgabe, wenn er – gleich einer großen Mutter – meint, seinen Bürgern alle existenziellen Nöte abnehmen zu müssen. Er respektiert und achtet seine Bürger nicht mehr, sondern bringt sie in eine Abhängigkeit, die sie bereits überwunden wussten, nachdem sie obsolet wurde; sie wandten sich ihrem Leben zu und entwickelten ihre Persönlichkeit in Selbstständigkeit, Freiheit, und Verantwortlichkeit. Warum sollten sie das, was sie errungen haben, das was sie glücklich macht, wieder aufgeben wollen?

Vielleicht liegt es daran, dass Freiheit nicht nur Möglichkeit, sondern auch Forderung ist. Sie schließt nicht nur Annehmlichkeiten ein, sondern umfasst eine existenzielle Dimension; sie bedeutet Aktivität, Mut zur Entscheidung und Handlung. Um seine Freiheit muss man kämpfen, oft gegen sich selbst.

Aber zumindest ein Moment liegt nicht in der Freiheit selbst, oder in der Beziehung zu ihr, sondern im Dickicht unserer Zeit. Alle Jahrhunderte haben den Menschen geprägt; erschreckt; verzückt. Das unsrige ist gezeichnet von einer Explosion des Wissens, und einer fast unendlichen Menge an medial verfügbarer Information. Unsere Welt, das ist eindringlicher den je, ist ungeheuer komplex, aber da man sie nicht mehr überblicken kann, bricht sie in zahlreiche Facetten auseinander; im selben Moment bedrängen uns und alle anderen Menschen Probleme die gemeinsamer Lösung bedürfen: Umwelt, Migration, Frieden, Bevölkerungswachstum etc.

Die Möglichkeit bewusster individueller Einflussnahme scheint zu versickern, während die Verantwortlichkeit unüberblickbar wird, man denke nur in welchem Beziehungsgeflecht – Kauf, Herstellung, Entsorgung – die Gegenstände des Alltags stehen. Unser tagtägliches Handeln verstrickt uns in die globalen Probleme unserer Zeit.

In seiner, zumindest so wahrgenommenen Ohnmacht, gibt man sein Leben und seine Verantwortung mitunter gerne in die Hände des Staates. Hier als Korrektiv zu wirken, und durch Askese und Konzentration auf das Wesentliche den Menschen ihr (scheinbar) verlorenes Leben wieder zurückzugeben, den Getriebenen wieder zum Handelnden zu machen, ist Aufgabe liberaler Politik. Die alte Frage, was die Kraft des Individuums bewirken, und was man jenseits davon regeln soll, tritt uns heute mit nie dagewesener Eindringlichkeit vor Augen.

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2 Antworten zu “Politische Befindlichkeiten II: Die missverstandene Freiheit.

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