Ein gefundenes Fressen? Journalismus in Österreich.

Pressestunde. Sonntag, 07. 09. 2008*. Diese traditionelle Sendungsreihe des ORF birgt die Möglichkeit sachlicher Auseinandersetzung in sich, da dem Spitzenkandidaten einer Partei, nicht wie in Konfrontationen, politische Mitbewerber gegenüber sitzen, sondern zwei Medienvertreter, einer des ORF, und einer eines Printmediums. Diesmal: Heinz-Christian Strache (FPÖ), Michael Fleischhacker (Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“), und Waltraud Langer (ORF).

Zu Beginn breitete man Straches Erkrankung im Wahlkampf aus – über Gebühr, und ins Groteske abgleitend. Als Auftakt eine gute Idee, hätte man sie nach den ersten Sätzen als erschöpft abgehakt.

Der Versuch Straches Eignung als (theoretischen) Bundeskanzler anzuzweifeln, u.a. unter Bemühung seiner Che-Guevara Spielereien (Langer: „[…] eine Figur auf dessen Konto auch Tote gehen […]“), führt dem Zuseher das erste Mal vor Augen, dass man sich nicht allzu sehr um umfangreiche Information bemüht hat – für den FPÖ Chef ist es ein Leichtes zu kontern (mit den Worten „ich bin die Antipode zu Che Guevara“ – verweist er auf seinen geschmacklosen Liedtext; seltsamerweise wird dieser von den Journalisten nicht weiter aufgegriffen). Und man denkt sich: Zum Glück gibt es Medien wie die Zeit**, in denen man Interessantes zum österreichischen Wahlkampf erfährt (angeblich ist das blaue Armband, das Strache auf seinen Plakaten trägt, ein serbisch-orthodoxes Gebetsarmband; man versucht offensichtlich zu erklären wer sich angesprochen fühlen soll).
Dann plänkelt man herum: Sind Revolutionäre geeignete Politiker? Im Zuge dessen spricht der FPÖ Chef kurz seine Bemühungen an, eine geeignete Sprache zu finden um Jungwähler (16-19 Jahre) stärker für Politik zu interessieren; hier hätte man nachsetzten müssen, stattdessen schwenkt man zu den Themen des Wahlkampfs.

Man diskutiert Maßnahmen gegen die Teuerung (Mehrwertssteuersenkung), spricht nur sehr allgemein, und unter Nennung weniger Zahlen, die Finanzierung an. Länger diskutiert man die soziale Treffsicherheit der Maßnahme. (Interessant, dass nie in Frage gestellt wird, ob man die Teuerung überhaupt bekämpfen muss.)

Langer bringt später die Frauenpolitik der FPÖ mit der Zahl der Frauen in Spitzenpositionen innerhalb der Partei in Zusammenhang und Fleischhacker liefert kurz darauf dem FPÖ Chef eine, vielleicht sogar erhoffte, Gelegenheit: Im Zuge von Familien- und Frauenförderung meint Fleischhacker im Rekurs auf Straches Ideen „[…] man müsste mehr Geld investieren, sozusagen in die Produktion von Kindern […]“ (Langer dazu „[…] eine ganz neutrale Frage […]“). Strache versucht umgehend Fleischhackers Parteinahme aufzuzeigen, und damit – unausgesprochen – die Benachteiligung der FPÖ in dem Medien. Hat man das nötig? Natürlich ist die Bemerkung im Grunde „harmlos“, aber durchaus ein Schritt in Richtung Stichelei und Untergriffigkeit, und damit weg von Kritik und Argument. Langer tat zuvor ähnliches (s.o), sie bemüht logische Unstimmigkeiten und hält der FPÖ ein veraltetes Frauenbild vor, was aber kaum begründet wird. Soll das seriöser Journalismus sein?

Dann folgen noch die Themen Einwanderung und EU. Fleischhacker: „[…] sie sind auch dafür, dass man Asylwerber abschieben kann, bevor sie rechtskräftig verurteilt sind. […]“. Strache bestreitet das, und – das Verwundertsein ist mittlerweile Routine – Fleischhacker kann seine Behauptung nicht durch ein Zitat belegen.

Strache ist kein Mann, der auf Zwischentöne achtet, und eine feine Klinge führt – er soll hier nicht verteidigt werden. Aber das entbindet Journalisten nicht von Stil und sauberer Recherche. Warum gibt man sich mit offensichtlichen Unzulänglichkeiten zufrieden (Langer hat es anscheinend auch nicht für wert befunden sich genauer mit den Ideen der FPÖ zur Abschaffung der Studiengebühren auseinanderzusetzen)? Mehr Sorgfalt und weniger Schlampereien sind nicht nur erwünscht, sondern gefordert. Dass es auch anders geht, zeigte die Pressestunde mit dem Spitzenkandidaten der Grünen, Alexander van der Bellen. Hier wurden z.B. in der Diskussion um Maßnahmen gegen die Teuerung, konkrete Zahle auf den Tisch gelegt und diskutiert; dass ein Vertreter einer sogenannten Qualitätszeitung bzw. seine Kollegin vom ORF (immerhin studierte sie Volkswirtschaft) – im Gegensatz zu ihrem Konkurrenten von der Krone (bzw. Profil) – das offenbar kaum nötig hat, befremdet doch ein wenig.

Aber vielleicht sollte man sich zurücklehnen, und wie einer meiner Freunde lakonisch konstatieren: Was erwartest du? Österreichischer Journalismus.

*Die Diskussion ist online verfügbar (direkter Link).

**Artikel von Dardis McNamee, Nr. 38, 11.09.2008; online leider nicht verfügbar.

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