Alltägliche Freiheit. Nachtrag I*

Frei zu sein ist nicht angenehm. Jedenfalls nicht immer.

Schematisiert, schreiten wir durch einen Prozess der Selbstbefreiung (dem Bemühen von etwas frei zu werden, „sich zu befreien“) zur eigentlichen Freiheit (dem „frei sein für“), und beenden diesen Zustand in dem wir eine Entscheidung fällen, d.h. wir bilden und binden (kanalisieren) unseren Willen. Danach läuft er seiner Erfüllung entgegen (oder auch nicht, wenn uns bestimmte Umstände hindern; trotzdem ist die zuvor erfolgte Entscheidung frei zu nennen). Der Moment vor unserer Entscheidung ist eine Art Schwebezustand, in dem wir unsere Möglichkeiten besehen, und unseren Begierden und Wünschen gegenübertreten. Wir halten sie in Schwebe bis wir uns für etwas entscheiden, oder geben nach, falls uns die Kraft verlässt. Letzteres bedeutet, dass wir etwas tun, was wir nicht wollen, etwas das uns mitunter vollkommen bewusst ist, und dem wir uns trotzdem nicht entziehen können: Wir sind unfrei.

Der Schwebezustand ist immer ein temporärer. Sobald eine Entscheidung getroffen wurde (der Wille „gebunden“ ist), ist auch der Schwebezustand zu Ende. Er muss vor jeder bewussten Entscheidung neu gewonnen werden.**

Sucht man den Akt der Selbstbefreiung zu entwirren, erkennt man, dass Bewusstwerdung, Widerstand und Reflexion eine wesentliche Rolle spielen. Gelingt es uns eine mehr oder weniger unbewusste Handlung auf die Ebene des Bewusstseins zu heben (z.B. durch den Vorsatz, darauf acht zugeben, nicht immer automatisch auf eine bestimmte Handlung eine weitere folgen zu lassen), gilt es gleichzeitig Widerstand gegen ihre Ausführung zu leisten, und damit in den Schwebezustand einzutreten. Eine anschließende Bewertung hilft den Willen zu bilden und unsere Entscheidung zu fällen. Man versucht die Dinge in klares – kein warmes! – Licht zu rücken. Zweifellos: Gemütlich wäre es, seinen Gewohnheiten freie (sic!) Bahn zu lassen. Freiheit ist zu allererst ein Kampf mit- und gegen sich selbst.

Die relative Teilnahmslosigkeit – etwa der Stoiker – den Dingen gegenüber, ist ein der Schwebe ähnlicher Zustand, der verhindert, dass Zwang und reflexartige Entscheidungen, unseren Willen bestimmen. Diese Teilnahmslosigkeit, die den Dingen die Herrschaft entreißt, darf aber nicht in Passivität verfallen, nicht zum Selbstzweck verkommen. Der Schritt aus dem schwebenden Strom hin zur bewussten Entscheidung muss vollzogen werden.

Das „frei sein von“ ermöglicht das „frei sein für“, aber in jedem der beiden liegt etwas Unangenehmes: In ersterem ist es das Trennende (oft Trennung von dem was wir gerne haben), in letzterem die Unbestimmtheit und das Risiko der Entscheidung. Hier öffnet sich die existenzielle Dimension der Freiheit, das Wagnis dessen, was wir Leben nennen. Die freie Entscheidung erwartet Freude*** – gelingt sie mit gewisser Regelmäßigkeit, sind wir glücklich. Unsere Lebensspanne ist kurz, sie unglücklich, oder unerfüllt zu vollbringen, kommt uns wie ein Diebstahl ihrer selbst vor. Zufällige oder ungewollte Ereignisse, können genauso erfreuen, aber wir haben keinerlei Möglichkeit sie zu beeinflussen. Unzufriedenheit verweißt auf Unfreiheit, denn man ist mit etwas (mit jemandem, meist sich selbst) unzufrieden. Sie sollte uns zur Freiheit bewegen – zu Bewusstsein, Widerstand und Reflexion. Freiheit bedeutet nicht, dass wir glücklich werden, aber wir haben die Möglichkeit es selbst zu versuchen. Und nicht nur wir selbst, die Freiheit ermöglicht es auch dem anderen, dem Nicht-selbst. Der Weg kann gemeinsam, oder alleine beschritten werden.

Die Frage „Warum sich um Freiheit bemühen?“ lässt sich wie folgt beantworten: Weil unsere Erfahrung und unsere Überlegungen ergeben, dass unser aller Glück sich viel eher dann einstellen wird, wenn wir uns als Handelnde darum bemühen, unsere Vorstellungen verwirklichen.

*Siehe „Die missverstandene Freiheit“.

**Die in den beiden Absätzen vorgetragenen Gedanken orientieren sich an Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“.

***Freude bedeutet mit dem Jetzt, dem Istzustand übereinzustimmen, also der zukünftigen Entscheidung gegenüber (relativ) frei zu sein, da das Jetzt durch sein akzeptiertes Sosein Zwanglosigkeit bedeutet. Es ist wie gewollt. Unzufriedenheit hingegen kann einer Hingabe an die Triebhaftigkeit Vorschub leisten, im Sinn einer Verdrängung, oder eines Wegschiebens der negativen Erfahrung.

Eine Antwort zu “Alltägliche Freiheit. Nachtrag I*

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