Das Gemeinwohl.

Die Moderne hat das Individuum aus seinen kollektiven Sinnbezügen herausgelöst, und es zu dem gemacht, was es ist. Dieser Prozess der Befreiung legte ihm neue gestalterische Möglichkeiten, die aber stets von der Sinnfrage und der Endlichkeit des Daseins überschattet sind, in die Hand.

Funktionalität spendet keinen Trost. Und selbst wenn wir nicht mehr hoffen wollen, tun wir es doch. Trotzdem: Eine (zumindest gedacht) radikalisierte Moderne muss wohl im Absurden Camus‘ enden. Die Ahnung der Absurdität oder die Begegnung mit ihr, prägt uns. Es sei denn man macht den Schritt zurück, oder wie Camus gesagt hat: Man springt.

Die Moderne bedeutet den Verlust eines kohärenten Sinnzusammenhangs, Individualisierung und Entgrenzung (eine Lösung traditioneller Banden). Die Kräfte, die die Individuen zusammen hielten sind erlahmt oder nicht mehr gültig. Will man Anarchie vermeiden, dann bleibt – um das Konstrukt Gesellschaft zu retten – ein rationaler Konsens, den jedes Individuum kraft seiner Vernunft mit trägt.

Die Moderne spaltet*. Das tritt im gesellschaftlichen Bereich besonders deutlich hervor: Das Individuum ist nicht mehr Teil einer u.U ekstatisch erfahrenen Gemeinschaft, eines Über-wir, ein Teil des Ganzen, des Kollektivs, nein, es erlebt seine Trennung davon als Realität, und das von dem es getrennt wurde, als etwas irgendwie Vorgeburtliches (zu-vor-gewesenes, aber nicht-mehr-seiendes) – jedenfalls sehr oft als etwas Schmerzhaftes (die Moderne ist sehr gründlich, und wie mir scheint betreffen ihre Auswirkungen nicht nur die gesellschaftlichen, sondern auch die personalen Beziehungen, d.h. die Moderne verbreitet Einsamkeit, und wir müssen – trotz aller Betriebsamkeit – dieser Einsamkeit „begegnen“, mit ihr zurecht kommen). Kurzum: Die Gesellschaft ist nicht mehr von der Spitze abwärts, vom Gemeinwohl, das das Individuum als Zelle eines Organismus versteht, zu denken, sondern in umgekehrter Richtung, vom Individuum aufwärts. Und das bedeutet, dass sich das Individuum nur mehr freiwillig bindet, und es seiner Zustimmung zu jedem wie auch immer gearteten Gemeinwohls bedarf.

Das ekstatische Gemeinwohl wurde ein rationales. Es wurde verstehbar. Und damit zu einer Sache der Politik, der Parlamente und Diskussionen. Das ist die erste Forderung einer modernen Gesellschaft an das Gemeinwohl: Es darf das Individuum nicht mehr verschlingen, d.h. es muss durch das Individuum eingrenzbar sein (man muss ihm zustimmen, oder es ablehnen können) – und es muss verstehbar sein.

Die zweite Forderung ist eng mit der ersten verbunden: Wann immer jemand ihm Namen des Gemeinwohls handelt, oder handeln will, sollte er zeigen können woher seine Legitimation kommt. Und es sollte genau definiert werden, was man darunter versteht, denn Demagogen jedweder Couleur wissen das Gemeinwohl für ihre Zwecke zu nutzen.

Die Stärken des neuen Gemeinwohls, sind gleichzeitig seine Schwächen, denn die – weiterhin existierenden „vormodernen“ Bindungen – waren nicht nur attraktiv, sondern auch bindend, in dem Sinne, dass man dem alten Gemeinwohl verpflichtet war, und sich nicht sich zurückziehen konnte.

Die Moderne macht mehrere „gesellschaftliche“ Modelle möglich, die sich hinsichtlich dessen, was Gemeinwohl bedeutet, unterscheiden: 1. Eine Gesellschaft mit verordnetem Gemeinwohl, das durch den Zustand der Verordnung ein sehr zweifelhaftes ist**; 2. Ein demokratisch organisiertes, das auf Transparenz, Zustimmung, und Legitimität beruht; und 3. eine Gesellschaftsform (anarchisch, libertär), die kein, oder ein sich evolutiv entwickelndes „Gemeinwohl“ (verstanden als Summe vernetzter, organische wachsender Gruppen und Beziehungen; d.h. die Individuen stellen bereit und organisieren, was sie selbst brauchen) besitzt.

* siehe hier

** Das verordnete Gemeinwohl ist einerseits rational begründet, andererseits verzichtet es auf die Zustimmung der Individuen.

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18 Antworten zu “Das Gemeinwohl.

  1. willyam 2. Dezember 2008 um 5:40 pm

    Fein, sehr fein. Allerdings – an Deinem Moderneverständnis stoße ich mich ein wenig. Richtig ist: Die Gesellschaft ist nicht mehr von der Spitze abwärts, vom Gemeinwohl, das das Individuum als Zelle eines Organismus versteht, zu denken, sondern in umgekehrter Richtung, vom Individuum aufwärts. Allerdings verstehe ich diese Umkehrung nicht mit Deinen Worten als Verlust eines kohärenten Sinnzusammenhangs. Die Fokusverschiebung auf den Einzelnen / die Einzelne ist in gewisser Weise und bis zu einer gewissen Grenze eine Enthierarchisierung, die neue, mobilere, flexiblere, funktionalere Sinnzusammenhänge schaffen will. Oder so ähnlich, meine ich sagen zu können.

    Auch Deiner Betonung der Rationalität stimme ich zu: Der Mensch ist versachlichtes „Individuum“, das im Neutrum angesprochen wird, nicht mehr sozial eingebettete Einzelne, Einzelner. (Wobei man beide Begriffe natürlich synonym verwendet, der erstere aber „isolierter“ besetzt ist.) Die Annahme ist die, dass es sich jederzeit aus bestehenden Ordnungen herauslösen und in neue einfügen kann (eine Schwäche, jeher, des Kosmopolitismus).

    Der postmodernen Einsicht, dass wir entgegen den Annahmen der Moderne doch auf grundlegendste Weisen vernetzt sind, scheinst Du nicht einbeziehen zu wollen? Ich grübele nämlich gerade darüber, wie man „postmodern“ über’s Gemeinwohl denkt. Vermutlich folgte man Deinem dritten, kommunitären Angebot: Gleich und Gleich gesellt sich gern und sorgt für sich selbst? Wie denkt man Gemeinwohl, wenn es mehrheitlich organisiert ist? Welches Gemeinwohl teil die Mehrheit mit der Minderheit? Was ist das kleinste, gemein(sam)e Wohl?

    Fragen über Fragen, mal wieder. _ w

  2. metepsilonema 3. Dezember 2008 um 1:54 am

    Den Verlust des Sinnzusammenhangs sehe ich (hauptsächlich, aber nicht ausschließlich) durch den Bedeutungsgewinn der Naturwissenschaft für unser Weltbild in der Moderne. Früher verstand man die Naturgesetze innerhalb des göttlichen Rahmens, d.h. von Gott geschaffen – die Naturwissenschaft war quasi von der Religion eingehegt. Heute ist das anders, die Naturwissenschaft zeigt uns ein Universum (ein gottloses) für das unsere Existenz völlig bedeutungslos ist. Zudem ist für dieses Universum keine sinngebende Metaphysik notwendig (Was heißt notwendig! Wir sind nichts weiter als Produkte zufälliger Mutationen, die einen überlebensfähigen Organismus hervorgebracht haben – was für ein Wandel im Selbstverständnis!).
    Freilich kann man einwenden, dass Sinn in personalen Beziehungen gefunden werden kann (Altruismus, soziales Engagement, Liebe, Freundschaft usw.), aber wiederum: Es ist im Grunde völlig egal wie ich mich verhalte. Die Individualisierung (Enthierarchisierung in Deinen Worten) setzt dem nur mehr die Spitze auf.

    Das Schlussbild von Babel drückt diese Verlorenheit sehr schön aus.

    PS: Zum Rest Deines Kommentars „morgen“ mehr, die Zeit ist doch etwas weit fortgeschritten.

  3. metepsilonema 3. Dezember 2008 um 4:56 pm

    So, Teil 2:

    Ich bin mir nicht sicher, was genau meinst du damit, dass wir auf grundlegendste Weise[n] vernetzt sind?

    Kann es ein postmodernes Gemeinwohl überhaupt geben? Wenn wir die multikulturelle Gesellschaft – eine Gesellschaft ohne eine von allen Bürgern (den Bürger gibt es dann eigentlich nicht mehr) geteilte Grundlage, weil sich diese nicht mehr finden lässt, oder nicht mehr interessiert – als Ausdruck der Postmoderne verstehen, dann löst sich das Gemeinwohl wie die Gesellschaft auf. Ja, es wäre am ehesten die dritte Variante (die ich in gewisser Hinsicht für bemerkenswert halte, denn Selbstorganisation kann – mündige Bürger vorausgesetzt – sicher einiges bewirken, und es besteht die Möglichkeit, dass sich – vor allem auf regionaler Ebene – das entwickelt was tatsächlich gebraucht wird).

    Das Gemeinwohl mehrheitlich zu organisieren ist eine Möglichkeit, die aber nur dann sinnvoll ist, wenn man allgemeine Vernunftbegabung und -willen unterstellt. Ob man dann automatisch in einer bestimmten Weise über das Gemeinwohl denken muss? Bin gerade unschlüssig…

    Das kleinste gemeinsame Wohl muss wohl in erster Linie materiell gedacht werden, denn eine bestimmte materielle Versorgung benötigt jedermann. Alles was darüber hinausgeht muss noch vorsichtiger gehandhabt werden. Aber mich schaudert ein wenig, wenn ich daran denke solche Dinge organisieren zu wollen. Auch darum ist es wert über ein evolutives Gesellschaftssystem nachzudenken.

  4. Gregor Keuschnig 5. Dezember 2008 um 9:20 am

    Bedingt durch die grossen Katastrophen des 20. Jahrhunderts war (und ist) so etwas wie Gemeinwohl oder Gemeinschaft immer noch diskreditiert. Nationalismus, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus haben versucht, sinnstiftend für ein Kollektiv zu wirken. Die katastrophalen Folgen sind bekannt.

    Der fast messianische Kollektivismus, dem sich die Menschen willig unterwarfen (wenigstens am Anfang) war ein Nachklapp zur Moderne, die in einer Vehemenz über die Gesellschaften hereinbrach. Gott war tot, aber man verlangte nach Surrogaten. Gott war zwar tot, aber es musste etwas anderes gefunden werden. Plötzlich sollte, ja musste man „Individuum“ sein, ohne das man genau wusste, wie das funktionieren sollte (es funktionierte ja auch nicht). Für die Masse war das nicht Verheissung, sondern Bedrohung. Nach 1945 galt im Westen jegliche Form von identitätsstiftendem Kollektivismus als verpönt. Später konnten dann die Beispiele aus den osteuropäischen Ländern modellhaft dafür hinhalten. Es entstanden Zwischenmodelle, die einerseits jeglichen politischen Kollektivismus negierten (und ihn, wie Du richtig schreibst, in die Parlamente delegierten) andererseits wurde aber ein ökonomischer Sozialstaat implementiert, der dann Zusammenhalt suggerierte. Das Wort Gemeinwohl war immer noch diskreditiert. An seiner trat die Solidarität (die war billiger, weil notfalls auch nur verbal zu erbringen). Einen erneuten, ja: DEN Schub des Individualismus gab es dann 1989/90 mit dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus.

    Es ist ja kein Zufall, dass der Mensch danach immer mehr als Marktteilnehmer angesehen wurde und eher weniger als Bürger. Der freie Markt garantiert, so dachte schon Adam Smith im 18. Jahrhundert, in irgendeiner Form die Wohlfahrt aller. Es fällt genug für jeden ab. Freier Markt für freie Bürger. Ein nun grösserer Markt wurde als Verheissung für eine Exportnation wie Deutschland dargestellt. Die Formel des rheinischen Kapitalismus („Wohlstand für alle“) feierte Auferstehung.

    Der Zusammenbruch Osteuropas galt als Triumph der Freiheit. In Wahrheit war es, ich sehe das nüchtern, ein Triumph des Individualismus, bzw. dessen, was man dafür hielt. Dass nämlich gerade in der Ex-DDR ein Bedürfnis nach einem starken, wenn auch nur fürsorglichen Staat existiert, ist durch die Wahlerfolge der Linken dokumentiert. Man will sehr wohl den Staat – als eine Art Krankenhaus, welches im Krankheitsfall das Individuum versorgen soll. Diese Sicht ist allerdings nicht auf Ostdeutschland beschränkt.

    So werden individuelle Lebensentwürfe mit staatlichen (finanziellen) Mitteln sozialisiert. Bindungen werden eingegangen und gelöst. Die Zahl der Alleinerziehenden steigt; der Staat unterstützt. Nicht selten, dass bei Scheidungen (mit Kindern) beide Seiten plötzlich auf Sozialleistungen angewiesen sind. Ein Paradox und ein Opfer, dass der Staat bringt, um dem Individuum einen möglichst grossen Gestaltungsspielraum zu lassen.

    Vollends pervertiert wird das Individualprinzip in der aktuellen Wirtschaftskrise. Privat geführte (und teilweise falsch geführte) Unternehmen wollen ihre verfehlte Firmenpolitik sozialisieren, weil ja – so das Totschlagargument – Arbeitsplätze in Gefahr sind. Der Staat, also das Gemeinwesen, kann wählen: Entweder er finanziert durch Bürgschaften und/oder Kredite diese Unternehmen (mit einem nicht geringen Risiko) oder er lässt diese Firmen insolvent gehen und bezahlt dann über Sozialleistungen (die er allerdings vorher eingenommen hat) die Arbeitslosigkeit der dann ehemaligen Arbeitnehmer.

    Was wir im Moment haben ist ein Individualismus, der sich so lange Eingriffe verbittet, bis er durch verschiedenste Umstände (die ich gar nicht bewerten möchte) an seine Grenzen gestossen ist. In diesem Moment feiert dann das Kollektiv, das Gemeinwesen wieder seine Auferstehung.

    Appelle an so etwas wie Gemeinwohl im Vorfeld prallen aus ideologischen Gründen also immer ab. Das beste Beispiel ist das Rauchverbot, welches von einigen als Bevormundung angesehen wird. Schliesslich sei es doch jedem selbst überlassen, seine Gesundheit zu schädigen oder nicht. Diese Wahrnehmung ist in diesem Fall in zwei Punkten falsch. Zum einen wird im Krankheitsfall des Rauchers (bedingt durch sein Rauchen) dieser Leistungen (finanzieller Natur) der Solidargemeinschaft in Anspruch nehmen. Also auch er schlüpft dann wieder plötzlich unter den Schutz eines Kollektivs. Zum anderen ist alleine das Wort „Rauchverbot“ schon dahingehend falsch, weil es eigentlich um den Nichtraucherschutz geht. Nicht nur der Raucher schädigt sich selber (das könnte man ja noch akzeptieren, wenn es denn stimmt, dass Raucher aus der oben angesprochenen Solidargemeinschaftskasse weniger Geld beanspruchen, weil sie einfach früher sterben), sondern er schädigt auch noch Unbeteiligte. Das bedeutet, dass der alte Spruch, dass die Freiheit dort aufhört, wo sie in die Freiheit des anderen eingreift, teilweise ausser Kraft gesetzt ist. Natürlich kann der Nichtraucher aufstehen und das Lokal, die Behörde, die Bahn verlassen. Aber dann würde die Freiheit des sich Gesund verhaltenden Nichtrauchers über die des Rauchers gesetzt.

    Ich weiss nicht ob das Beispiel Nichtraucherschutz gut gewählt ist (mir fiel kein besseres ein). Es kann aber zeigen, dass sich die Postmoderne in einem Dilemma befindet: Einerseits ist der Individualismus Ersatzreligion und darf (scheinbar!) in keinem Fall aufgegeben werden. Der Rekurs auf Gemeinwohl gilt immer noch als spiessig, gar reaktionär. Ich halte das für einen Affekt der (geistigen) Bequemlichkeit. Andererseits kommt der gelebte Individualismus irgendwann an seine Grenzen. Er konstituiert kein Aufgehoben-Sein. Er führt dazu, dass Mitmenschlichkeit inzwischen auch zur Ware geworden ist.

  5. metepsilonema 6. Dezember 2008 um 10:37 am

    Ein Grundproblem der Moderne ist zweifellos, dass sie keine Form (kein Gefäß) für die Irrationalität im Menschen anbieten kann. Das wäre aber durchaus notwendig, weil 1. Irrationalität genauso zum Menschen gehört wie Rationalität, also damit umgegangen werden muss, und 2. diese Kräfte durchaus sinnvoll genutzt werden können. Andererseits muss eine moderne Gesellschaft paradoxes leisten: Sie will offen für Menschen aus anderen Kulturkreisen sein, d.h. diese in ein Gemeinwesen integrieren, zugleich sollte sie aber auch bindend im nicht-rationalem Sinne sein. Letzteres funktionierte bislang aber nur durch Religion (kulturell beschränkt), Volkszugehörigkeit, u.ä. Die Moderne vermag nur rational zu binden („Verfassungspatriotismus“), und kann daher generell nur wenig Motivation von allen Bürgern für etwas wie ein Gemeinwohl einfordern.

    Zum Markt: Dass er zur Wohlfahrt aller beiträgt stimmt schon, man darf von ihm nur nicht zuviel erwarten, und er kann im besten Falle die materielle Seite des Gemeinwohls erfüllen; aber Sinn, Orientierung und Einsatz für alle kommen von anderswo. Der Markt ersetzt das Gemeinwohl nur in „Gesellschaften“ die ich in 3. angeführt habe (und selbst dort nicht unbedingt).

    Das Rauchverbot ist ein gutes Beispiel, weil es den Konflikt zwischen Gemeinwohl und Individuum illustriert. Ich glaube Du kennst meine Position, aber in Kürze noch einmal: Unsere Gesundheitsministerin war damals der Ansicht, dass die entsprechenden Gesetzgebungen ein Schritt wären, um die Menschen vom Rauchen wegzubringen. Ich frage mich, ob diese Sicht der Dinge zulässig ist, denn warum sollte jemand nicht rauchen dürfen, wenn er der Allgemeinheit keine Kosten aufbürdet (wobei man hier nicht ganz unberechtigt anführen kann, dass für Sportunfälle u.ä. die Allgemeinheit genauso zur Kasse gebeten wird), oder niemanden belästigt bzw. gefährdet? Welches Gemeinwohl wird hier ins Feld geführt? Die andere Sache ist die: Wenn ein Gastronom ein Lokal betreibt (also er Eigentümer ist, und keine weiteren Angestellten hat), warum darf er nicht bestimmen, ob dort geraucht wird, oder nicht? Niemand wird gezwungen dort hinzugehen (das ist zumindest dann gültig, wenn es konkurrierende Nichtraucherlokale gibt).
    Was bleibt, und m. E. zu wenig beachtet wird, ist ein soziales Problem, denn in einer Gruppe von Freunden gibt es immer einen Nichtraucherteil, und nach so weit ich sehe, ist der eher nicht bereit, auf seine Zigarette zu verzichten. Was passiert? Genau, die Nichtraucher beißen an jedem gemeinsamen Abend in den sauren Apfel.

    Das Dilemma ist für mich nur lösbar, wenn ich mir eine Gesellschaft vorstelle, die von einer „libertär-anarchischen“ Grundlage aus ein Gemeinwohl (oder mehrere?) entwickelt. Das würde aber mündigere Bürger, als wir heute haben, erfordern.

  6. metepsilonema 6. Dezember 2008 um 1:27 pm

    Um meinen ersten Absatz provokant auf den Punkt zu bringen: Die Moderne versprich ein Gemeinwesen, das sie aber nicht realisieren kann.

  7. willyam 7. Dezember 2008 um 4:55 pm

    Eine These, auf Euren Worten aufbauend (und vielleicht voreilig) festgehalten: Das Gemeinwohl hat durchaus überlebt – als der „Individualismus“, den wir seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts leben. Das gemeine Wohl ist es, selbst frei zu sein. Für Ausgleichsregelungen sorgt, so denn zwei miteinander konfrontierte Freiheiten Schlichtung erfordern, der Rechts- und Sozialstaat.

  8. metepsilonema 8. Dezember 2008 um 1:14 am

    Dem möchte ich aus zwei Gründen widersprechen:

    1. Freiheit (frei zu sein) kann kein Gemeinwohl darstellen; die ihr innewohnende Unbestimmtheit, schließt die Entwicklung eines solchen zwar nicht aus, aber auch nicht explizit ein. Man könnte sagen, dass das Freisein, also das potenzielle, an die Stelle eines definierten (vorherbestimmten) Gemeinwohls getreten ist.

    2. Ich glaube, dass die Idee hinter dem Sozialstaat durchaus die des Gemeinwohls ist, d.h. der Sozialstaat im Gemeinwohl gründet (es ist beispielsweise im Sinne aller, d.h. dem Wohle aller zuträglich, wenn von staatlicher Seite in Notzeiten Hilfszahlungen gewährt werden). Insofern könnte man die von Dir angesprochene Schlichtungsfunktion als eine Pervertierung des Sozialstaats (und des Gemeinwohls) verstehen.

  9. willyam 8. Dezember 2008 um 8:28 am

    Genz so meinte ich das, ohne es von vornherein als unmöglich bzw. Perversion werten zu wollen: das Freisein, also das potenzielle, [ist] an die Stelle eines definierten (vorherbestimmten) Gemeinwohls getreten. Das „neue“ Gemeinwohl ist die individuelle Freiheit, und ihr Garantiegeber, der kleinste gemeinsame Nenner, der dafür als notwendig angesehen wird, ist der Sozialstaat. Allerdings wird ja inzwischen auch an ihm kräftig gerüttelt, wenn man die Forderungen nach Abbau und die Probleme der Finanzierung bedenkt.

  10. Gregor Keuschnig 8. Dezember 2008 um 11:34 am

    Das „neue GemeinwohL“ ist aber nur ein – sozusagen – „Schein-Gemeinwohl“. Die Überlegung, dass, wenn es möglichst vielen gutgeht, letztlich auch die davon profitieren, denen es vielleicht nicht so gut geht, ist das Ruhekissen der Individualisten, die das Gemeinwohl an den Sozialstaat delegiert haben und in modernem Ablass die Sozialabgaben als ausreichend erachtet (was sie meistens auch sind).

    Und, metepsilonema, der Ansatz, das Rauchverbot als erzieherische Maßnahme einzusetzen, ist natürlich Unsinn. Ihn als „Nichtraucherschutz“ einzsetzen, wäre viel durchschlagender gewesen. Ich habe immer Lokale gemieden – aus dem Grund des „Einräucherns“. Die Lobby des Gastronomieverbands hat es in Deutschland geschickt verstanden durch geziele Desinformationskampagnen den scheinbaren ökonomischen Nachteil zu Gunsten des Gesundheitsarguments einzusetzen. Das geschieht – im Grossen – im (sogenannten) Klimaschutz seit Jahrzehnten.

  11. metepsilonema 9. Dezember 2008 um 1:57 am

    Ich versuche das grundsätzliche Problem zu formulieren, das ich zur Zeit nicht lösen kann.

    Wir haben auf der einen Seite Menschen, die zusammen leben – abstrakt: Eine Gesellschaft. Diese Menschen haben bestimmte Interessen, und einige davon, nämlich die die alle teilen, konstituieren das Gemeinwohl (grundlegende Interessen im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners; ich glaube das muss auch so sein, da jedes Individuum spezielle, und damit abweichende Interessen verfolgt, die von vielen anderen nicht geteilt werden).
    Auf der anderen Seite frage ich mich aber, ob es nicht Individuen gibt, die gar nicht Teil der Gesellschaft sein, oder zumindest ihre Teilhabe selbst definieren wollen. Auf Grund welcher Argumentation darf ich sie unter das Gemeinwohl zwingen (sie ihm unterordnen bzw. eingliedern)? Ich meine das primär nicht moralisch (sagen wir jemand stimmt manchen der gemeinsamen Interessen nicht zu). Die Antwort, die die Moderne gibt ist da nicht eindeutig (meiner Ansicht nach); es scheint mir aber auf jeden Fall plausibel von einem individualistischen Standpunkt aus zu argumentieren, eben weil die Moderne die Individuen auf sich selbst zurückwirft (eine evolutionäre Sicht des Lebens verstärkt das zusätzlich). Man kann es auch folgendermaßen sagen: Der Individualist will die Art und Weise seiner Interaktion mit den übrigen Menschen selbst bestimmen.

  12. metepsilonema 9. Dezember 2008 um 2:14 am

    @Gregor

    Man gewöhnt sich an das Einräuchern (leider?), auch wenn der Gestank der Kleidung am nächsten Tag immer wieder ein grausiges Erlebnis ist. Aber ich habe schon erlebt wie sich Raucher über den Friteusengestank aus der Küche beschwert haben – das entbehrt nicht einer gewissen Komik. Auf einen Lokalboykott habe ich mich leider (diesmal ohne Fragezeichen) nie eingelassen.

  13. willyam 10. Dezember 2008 um 12:34 pm

    Wie „zwingt“ man Individualisten, die alles für sich und mit sich ausmachen wollen, ins Gemeinwohl? Für mich beantwortet sich die Frage intuitiv, ohne dass ich dabei Verweise nennen kann. Mein „wackeliges“ Argument also: Indem man jedem Individualisten aufzeigt, wie stark er doch in gemeinsame Strukturen eingebunden ist – und wie sehr er von dieser Einbindung profitiert. Pocht jemand darauf, ein vollkommener Individualist zu sein, möge man ihn doch freundlich darauf hinweisen, dass nur der Einsiedler, der sich autark versorgt, wirklich Individualist ist. Als Teil einer Massengesellschaft aber nutzt er vorhandenes, d.h. bereits aufgebautes Potential (aufgebaute Freiheiten) zu seinem individuellen Vorteil, indem er an der Aufrechterhaltung und Veränderung dieser Strukturen mitwirkt. Mit anderen Worten: Wer glaubt, Individualist zu sein, ist einfach blind gegenüber der Tatsache, dass die eigene Handlungsfreiheit auf massiven Vorbedingungen fusst. Damit beweist derjenige, der für sich die größte Freiheit in Anspruch nimmt, den größten Stumpfsinn.

    Daraus abgeleitet wäre das Gemeinwohl für eine Gesellschaft von Individualisten definiert durch die Stukturen, die einem die derzeitigen Freiheiten garantieren. Nun ist aber das Leben makrtiwrtschaftlicher Freiheiten auch mit Niederlagen verbunden. Ergo unser Festhalten an bestimmten Vorstellungen vom Sozialstaat. Er ist deshalb Gemeinwohl, weil er den Wiedereinstieg in die Freiheit erlaubt, sogar: erlauben muss. Schließlich ist es Gemeinwohl, dass jeder frei sei. Ohne diesen Anker, den Sozialstaat als kleinsten gemeinsamen Nenner, stiege die Gefahr an, dass die Ökonomisierung Rahmenbedingungen schafft, die Verlierer Verlierer bleiben lassen.

  14. metepsilonema 11. Dezember 2008 um 1:51 am

    Wenn das Gemeinwohl ein fundamentales Interessenbündel darstellt, dann ist dessen Ablehnung prinzipiell gerechtfertigt. Ist es mehr, z.B. das ethisch Gebotene, dann wird die Sache komplizierter; einen letzten Zwang gibt es selbst dann nicht, allerdings – auf Basis gemeinsamer Werte – schon eine deutliche Aufforderung sein Tun entsprechend zu gestalten.

    Was Du geschrieben hast stimmt. Aber der Individualist (wir sollten aufpassen, und ihn nicht in die Ecke des Egoisten stellen) wird entgegenhalten, dass er nicht anders kann. Diese Gesellschaft wird ihm aufgezwungen. Er hätte viel lieber keinen Staat, und kein erzwungenes Gemeinwohl, sondern an deren Stelle die Möglichkeit der freien Entwicklung von interindividuellen Beziehungen (und dem was sich daraus weiter ergeben mag). Theoretisch kann auf diese Art und Weise ein System (aber eben kein zentral gesteuertes) entstehen, dass den Sozialstaat bzw. das Gemeinwohl (funktional) ersetzt.

    Ich vermute, dass beide Auffassungen auf stark unterschiedlichen Werten aufbauen, und dadurch inkompatibel sind.

  15. Gregor Keuschnig 16. Dezember 2008 um 9:34 am

    Aus einem Interview der NZZ mit Peter Sloterdijk:

    NZZ: Es gibt altmodische Begriffe, die jetzt zu neuen Ehren kommen. «Gemeinwohl» wäre so ein Wort.

    Sloterdijk: Das englische Wort «commonwealth» und das deutsche «Gemeinwohl» drücken die moralische Intuition aus, dass es Formen von Wohlergehen gibt, die man nur gemeinsam erlangt. Beide Wörter spielen auf eine immunsystemische Bedeutung des Sozialen an, in ihnen klingt der Zusammenhang zwischen Gesundheit, Wohlstand und Gemeinsamkeit mit. Leider sind in der Ära des eingeschüchterten Staats und der blühenden individualistischen Illusion Politiker selten, die hieran mit Autorität erinnern könnten.

    Immer für einen schönen Aphorismus gut.

    Interessant ist aber der Punkt, dass Sloterdijk auf die „Autorität“ von Politikern rekurriert. Appelle an das „Gemeinwohl“ sind mindestens seit Ende der 60er Jahre mit dem Geruch des Reaktionären desavouiert. Die Gründe hast Du zum Teil in Deinem Beitrag beschrieben.

    Ich glaube auch nicht, dass das „Gemeinwohl“ als Wert wieder aufkommt, wie der Frager suggeriert. Das sind nur kleine Ausschläge, letztlich ohne Bedeutung. Eine individualistische Sozialisation kann man nicht wie einen alten Wintermantel ausziehen.

  16. metepsilonema 17. Dezember 2008 um 9:58 pm

    Das hast Du schön gesagt: Eine individualistische Sozialisation kann man nicht wie einen alten Wintermantel ausziehen. Trotzdem hätte ich gerne das Gemeinwohl näher bestimmt. Es bleibt auch bei Sloterdijk, wie bei Habermas (unlängst in der Zeit), seltsam unbestimmt. Und damit anfällig für Missbrauch.

    Individualistische[n] Illusion klingt schon fasst wie eine Zurückweisung der Moderne – und auch manch andere Passage in dem Interview. Nicht dass die Moderne ein Heiligtum ist, aber doch eine Basis, die man nicht ohne weiteres aufgeben will (kann?). Vielleicht kranken wir an der Individualisierung, und können im selben Moment nicht anders. Wie eine Sackgasse in die man sich verrannt hat, und aus der man nicht heraus kann. Oder will?

    Die folgende Passage ist auch bemerkenswert:

    Ungleichheiten haben dort am stärksten zugenommen, wo sich der Staat am meisten einschüchtern liess. Bei uns ging das so weit, dass der Staat unter dem Druck der Ideologien seine Definition als Hüter des Gemeinwohls vergessen hat. Er stellte sich ohnmächtig und verlor seine effektive Definition aus dem Auge. Unseligerweise missversteht man den Sozialismus seit langem bloss als Parteiprogramm oder als soziale Bewegung, in Wahrheit ist der moderne Staat per se funktional sozialistisch oder besser semisozialistisch, so wie die moderne Gesellschaft per se kapitalistisch funktioniert. Aus der Verkennung dieser Sachlage durch die politische Klasse erklärt sich ein Gutteil der aktuellen Staatsschwäche.

    Man hielt den Sozialismus für historisch widerlegt und begriff nicht, dass er keine Ideologie ist, die kommen und gehen kann, sondern die funktionale Dimension der Staatlichkeit selbst darstellt, mit der das Gemeinwesen steht und fällt. Ein Politiker auf der Höhe wäre jemand, der den klaren Blick auf dieses Szenario besitzt. Er würde verstehen, dass der erfolgreiche Staat eine semisozialistische Agentur ist, die sich Jahr für Jahr die Hälfte des Bruttoinlandprodukts holt, um ihre Ordnungs- und Umverteilungsaufgaben zu erfüllen. Das kann sie nur im Bündnis mit einer belastbaren Ökonomie, die sich die regelmässige Schröpfung gefallen lässt. Bei einer Staatsquote um fünfzig Prozent ist die öffentliche Hand nicht so jämmerlich, wie sie seit langem tut.

    Das träfe doch ziemlich genau willyams These: Das Gemeinwohl hat durchaus überlebt – als der “Individualismus”, den wir seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts leben. Das gemeine Wohl ist es, selbst frei zu sein. Für Ausgleichsregelungen sorgt, so denn zwei miteinander konfrontierte Freiheiten Schlichtung erfordern, der Rechts- und Sozialstaat.

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