Erinnerung

Blaues Licht glitt über Erker und Simse, stieg hoch bis an den Rand der Dächer, und fiel zurück auf den Asphalt. Eine Hand führte ihn halb schiebend, halb zerrend, begleitet von eigentümlich freundlich klingenden Worten, mitten hinein in das grelle Licht.

Im Kampf gefallen. Das möchte man sagen, aber man kann es nicht. Und doch kennt der Kampf das für, nach dem das Blut auf dem Kopfsteinpflaster verlangt. Es schreit nicht, aber es verlangt. Zumindest meint man das, wenn man es ansieht, denn es schweigt.

Noch immer klebt das Blut dort. Und entfernt man es, taucht es früher oder später, an anderer Stelle wieder auf. Es ist nicht das Gefallen sein, oder das Gestorben sein, es ist das wie, das die erbarmungslose Frage stellt.

Das für meint Hoffnung, die Hoffnung der Lebenden und den Trost der Antwort, der der Trost des Fallens ist, auch wenn man nie an diesen Satz geglaubt hat.

Es ist der Irrwitz des Lebens, und seine tiefste Absurdität, dass es diejenigen verrät, die es auf das trefflichste zu führen wissen, und die Qualen derer verlängert, die es ohnehin verlassen wollen. Wie jene Augen, die man nur für einen einzigen Moment in seinem Leben sieht, und von denen man weiß, dass sie in genau diesem Moment alles über das Leben begriffen haben. Dieses vollkommene Leben – von dem man nie recht weiß, ob es seiner selbst bewusst ist, oder nicht – erkennt man auf Grund eines Mangels, der sensibel für seinen Ausdruck werden lies, und mit einer Gewissheit, dass es anders nicht sein könnte.

Und trotzdem: Auf dem Kopfsteinpflasters lastet Blut. Dort drüben war das Leben an sein Ende gekommen. Ein einziger garstiger Zufall, ließ es für immer zusammenbrechen.

Der Welt ist die Klammer abhanden gekommen. Ihr fehlt das für. Aber eigentlich ist das völlig unverständlich. Es gibt Anlass und Gründe genug, und trotzdem fehlt es. Vielleicht – man stelle sich diese Abwegigkeit vor -, ist das Leben selbst daran schuld. Oder vielmehr die Art zu leben, oder auch etwas anderes. Und da man es nicht weiß, wünscht man sich, dass die Folterer und Mörder wieder kämen, und mit ihnen die große Sache, die den Kampf belohnt.

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16 Antworten zu “Erinnerung

  1. willyam 6. Januar 2009 um 11:08 am

    Grrd gelesen; ich muss Deine Zeilen erst einmal zur Ruhe finden lassen, bevor ich auf sie reagieren kann. Woher der Titel, woher die „Erinnerung“ (ich zögere, und fürchte mich ein wenig davor, diese Frage zu stellen; vielleicht ist sie zu persönlich)?

  2. metepsilonema 6. Januar 2009 um 1:19 pm

    Ich schrecke immer etwas davor zurück, zuviel zu „erklären“ (also zu sagen, was ich sagen wollte).

    Ja, es gibt einen persönlichen Hintergrund, wobei hinter dramatischen Formulierungen, nicht ein ebensolcher stecken muss; zudem liegt der Hintergrund nicht in dem was man „Erinnerung“ nennen mag; zumindest nicht primär – natürlich ist alles Erlebte Erinnerung. Keine Angst vor zu persönlichen Fragen, also.

    Weil Du den Titel ansprichst; ich bin mir nicht sicher ob er passend ist – war das vielleicht (auch) Grund Deiner Nachfrage? Und gleich hinterher: Ich schwanke, ob ich nicht den ersten Absatz ganz weglasse – wie kommt der beim Leser an (ich hatte beim letzten Lesen das Gefühl eines Bruchs mit dem Rest des Textes, habe es aber vorerst so belassen)?

  3. willyam 7. Januar 2009 um 9:51 am

    Natürlich war der Titel Grund für meine Nachfrage: Ich dachte, es handele sich um Deine Erinnerung.

    Und den ersten Absatz würde ich durchaus stehen lassen. Gerade dadurch, dass er für mich keinen Bezug zum Zweiten herstellt, finde ich ihn unverzichtbar: Weil mich der der zweite Absatz umso unvorbereiteter trifft. Keineswegs Makulatur, also.

  4. Gregor Keuschnig 7. Januar 2009 um 1:11 pm

    Der Welt ist die Klammer abhanden gekommen. Ihr fehlt das f ü r.
    Ist das so schlimm?

  5. metepsilonema 8. Januar 2009 um 8:43 am

    @willyam

    Ich bin vom Titel nicht 100%ig überzeugt, deshalb die Nachfrage.

    @Gregor

    Manchmal ist es das tatsächlich – vermutlich dann, wenn man nach Handlungsmotivationen sucht, wenn man orientierungslos im Dunklen herumtappt…

  6. willyam 8. Januar 2009 um 9:16 am

    @ Gregor: „Schlimm“ trifft nicht den Kern dessen, was man als Verlust beklagen könnte; aber im Kern, scheint mir, besteht die „Gefahr“, ohne konkreteres „für“ orientierungslos zu sein, (immer) wieder.

  7. Gregor Keuschnig 11. Januar 2009 um 11:08 am

    Zugegeben, meine Frage war ein bisschen provokativ. Gilt es nicht allgemein als Errungenschaft, nicht mehr so „für“ eine Sache zu sein? Sind es nicht die Surrogate, die noch herangezogen werden dürften – zur Affektberuhigung? Kommt man nicht schnell in diese Thematik?

    Ich hatte gestern ein Portrait von Heiner Müller gesehen (der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre). Müller sagte sinngemäss, die Diktatur der DDR habe ihm erst ermöglicht so zu schreiben. Erst durch die Reibung mit dieser Diktatur (die oft Anstoss an sein Geschriebenes nahm – gleichzeitig aber auch Reiseprivilegien Müller gegenüber zugestand) hätten diese Texte entstehen können. Wäre dem Staat der Text „egal“ gewesen, wäre der Antrieb entfallen. Sinngemäss sagt Müller in einem anderen Intervieweinschnitt: Demokratie ist langweilig, weil sich niemand für deine Texte interessiert. Einen Funktionär der SED zitiert er mit den Worten, ’seien sie froh, dass die Kunst in diesem Land einen so hohen Stellenwert hat‘.

    Dabei kam ich auf die Idee Müller (auf seine Art) für einen DDR-„Patrioten“ zu halten (ohne dies national zu meinen). Seine Sache war – trotz Opposition gegen einzelne politische Entscheidungen – „für“ die DDR. Den Zusammenbruch nahm er hin, aber plötzlich kam ihm das Objekt seines Schaffens abhanden (er starb 1996; im wesentlichen arbeitete er in den letzten Jahren wie vorher – nur: er durfte alles machen).

    Ich gestehe, ich mag das Wort „gefallen“ nicht. Ich halte es für einen unerträglichen Euphemismus, in dem bereits das Heldische angelegt ist. Auf Grabsteinen ist es ein anderes Zeichen als das des „normalen“ Todes. Käme man auf den gleichen Gedanken bei Leuten, die an Krebs verstorben sind?

    Das Heldische hat – Gott (sic!) sei Dank – seine Surrogate gefunden: Fußball-WM, Fitness-Welle, „Superstars“, Konsum-/Markenfetischismus. Aber Surrogate haben die Eigenschaft, unter Umständen nicht wie das Original zu wirken. Man braucht höhere Dosen. Aber was ist die Lösung?

  8. metepsilonema 13. Januar 2009 um 1:08 am

    Das „gefallen“ war auch provokativ; allerdings dachte ich nicht an das Heldische (zumindest nicht über das Maß hinaus, das uns alle betrifft).

    Für etwas zu sein, kann einen Sinnzusammenhang konstruieren, und für diese Problematik gibt es keine Surrogate. Das „für“ ist womöglich eine Antwort, auch in Hinblick auf diese Diskussion.

    Wenn ich mich zurücklehne und frage, was ich – im Selbstverständnis nichts als ein Zufallsprodukt – in dieser Welt will, oder soll, dann gewinnt das „für“ an Bedeutung, besonders wenn man es mit Überfluss und Konsum kontrastiert. Das Leben verlangt nach einer Entscheidung.

  9. metepsilonema 13. Januar 2009 um 1:10 am

    PS: Die Lösung könnte Selbstironie heißen. Allerdings: Das „selbst“ sagt, schon, dass das jeder für sich tun muss.

  10. willyam 13. Januar 2009 um 1:29 am

    Ein kurzes „Oh nee!“ zur Nacht: Keine Selbstironie, bitte. Die ist ein so unglaublich überflüssiges Markenzeichen allen postmodernen Entscheidungsaufschubs. Gegen Selbstironie, also.

    Jedes ‚für‘ ist gleichzeitig sowohl der Wunsch nach einem ‚gemeinsam mit‘ als auch ein ‚antreten gegen‘. Mindestens das, wenn nicht mehr.

    Und einverstanden, Gregor: Das Surrogat wirkt nicht wie „das Original“ – wenn das denn überhaupt jemand ausfindig machen kann. Aber zum Surrogat greift man doch, ist meine Intuition, aus Überforderung?

  11. Gregor Keuschnig 13. Januar 2009 um 10:10 am

    Volle Zustimmung mit willyam! Bitte keine „Selbstironie“!

    Und ja, zum Surrogat greift man vielleicht aus Überforderung, vielleicht aber auch aus Sehnsucht. Denn so ganz ohne „für“ geht es nicht. Nicht einmal bei denjenigen, die am vehementesten „dagegen“ sind.

  12. metepsilonema 13. Januar 2009 um 10:30 pm

    Also gut ihr beiden, dann erklärt mir das bitte. Selbstironie war für mich bisher etwas wie Selbstreflexion, oder Selbstaufklärung: Man bricht das eigene Handeln und nimmt eine Metaperspektive ein; man macht sich immer wieder bewusst, dass die eigenen Überzeugungen, Gefühle, und Vorstellungen nicht absolut gültig sind. Ich konnte daran bislang nichts Schlechtes entdecken, gebe aber gerne zu, dass das Wort „Lösung“ in meinem obigen Kommentar zu hoch gegriffen ist, und willyams Einwand gültig ist: Selbstironie kann durchaus Handlungsaufschiebend wirken. Aber ohne, ändere ich gar nichts. Ich korrigiere: Selbstironie als Ausgangspunkt.

    Folgende Analogie: Ein Fußballfan, der sich selbst eine Metaperspektive bewahrt, also das eigene Handeln ironisiert, und damit reflektiert wird viel eher von Randalen absehen, als andere die das nicht tun.

  13. metepsilonema 13. Januar 2009 um 10:43 pm

    Zum Surrogat: Sehnsucht, Überforderung, aber auch Unerfülltheit scheinen mir Gründe zu sein, wobei sich natürlich die Frage stellt, ob man die sauber trennen kann. Je ähnlicher das Erleben, das die Surrogate herbeiführen, dem „Original“ ist, desto besser die Wirkung.

    Und ja: jedes „gemeinsam“ impliziert ein „gegen“ – die Frage ist, wie das „gegen“ aussieht.

  14. willyam 20. Januar 2009 um 12:03 am

    Ich würde da eher von Kompromissbereitschaft sprechen – aus Überreaktion auf das Schlagwort „Selbstironie“, das eine ganze Zeit lang durch so gut wie alle Texte geisterte. Das Problem liegt einfach darin, dass man a) überhaupt erst einmal einen Sinn für Selbstironie haben muss; und b) die Selbstironisierung oft zu einer Verharmlosung von Problemen führt, weil man selbst nicht die womöglich sehr einseitig bestimmte Konfliktsituation des Anderen nachvollziehen kann. Beispiel Gaza/Israel: Erkläre beiden in Artilleriegefechten verwickelten Seiten, sie sollten doch mal ein wenig selbstironischer über ihre Lage reflektieren. Selbstironie funktioniert fast ausschließlich in der Distanz zu erlebter ‚Bedrohung‘ (diese natürlich im weitesten Sinne gedacht) …

    [Der neueste Ismus, bei dem man angeblich mit muss (soweit ich denn auf dem aktuellen Stand der Dinge bin), ist die „globale Ökumene“ …]

  15. Gregor Keuschnig 20. Januar 2009 um 8:23 pm

    Mein Problem mit „Selbstironie“ ist, dass ich diese in der Vergangenheit allzu oft als bloße Pose wahrgenommen habe, die man sich anzieht (und verwendet) wie ein schickes neues Kleidungsstück. „Selbstreflexion“ ist für mich die seriösere Schwester.

  16. metepsilonema 22. Januar 2009 um 10:02 pm

    Danke … sehe jetzt klarer.

    @willyam
    Auf dem aktuellen Stand zu sein habe ich aufgegeben (was „Modeerscheinungen“ u.ä. betrifft).

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