Pietät und Gerechtigkeit. Jörg Haiders Tod und ein Kabarett.

Gerechtigkeit ist universal und besteht unabhängig vom Verhalten einer Person; das bedeutet, dass begangenes Unrecht, nicht als Rechtfertigung für neues Unrecht dienen kann; gewisse Grundprinzipien bleiben gegenüber allen, unabhängig ihrer Taten, aufrecht: Menschenwürde etwa, und Gleichheit vor dem Gesetz.

Ist Pietät, der respekt-, und rücksichtsvolle Umgang mit dem Tod eines Menschen, eine Frage von Gerechtigkeit? Man könnte, mit Blick auf die Menschenwürde argumentieren, dass das zutrifft, denn die Würde legt, einen ihr selbst entsprechenden Umgang, auch mit dem Menschen nach seinem Tod nahe. Trifft das zu, dann haben sich dem – auf Grund des universalen Charakters der Gerechtigkeit -, auch alle gesellschaftlichen und kulturellen Erscheinungsformen zu fügen. Eine Gegenargumentation könnte lauten, dass abseits einer grundlegenden Form von Pietät, sehr wohl das Verhalten eines Menschen, den Umgang mit seinem Tod mitbestimmt, ähnlich wie es das Verhalten in einer Diskussion tut: Jemand der derbe Worte verwendet, wird mit ähnlichen Rückmeldungen zu rechnen haben.

Ein Kabarett zum Tod Jörg Haiders hat – zumindest in Österreich -, eine hitzige, mittlerweile aber längst verebbte Kontroverse ausgelöst, die sich genau um diese Frage drehte: Wurde der pietätvolle Umgang mit dem Tod der Person Haider verletzt, oder – ganz im Gegenteil – ist der Auftritt der beiden Kabarettisten (Dirk Stermann und Christoph Grissemann) in Hinblick auf Aufklärung, Freiheit der Kunst, oder das Verhalten Haiders zu dessen Lebzeiten – es ist unstrittig, dass er ein Mann kontroversieller, und heftiger Worte war, der genau wusste wie man mit Medien und Journalisten spielte -, gerechtfertigt? Das damals im Rahmen von „Willkommen Österreich“ im ORF ausgestrahlte Kabarett, stellt YouTube – in Teilen – bereit:

Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung „Falter“, und vormals Redakteur der Zeit in Hamburg, verteidigt in einem Artikel, die beiden Kabarettisten in Hinblick auf künstlerische Freiheit und eben solche Meinungsäußerung; er stellt auch einen Brief des Kärntner Landeshauptmanns zur Angelegenheit bereit.

Hier soll es ausschließlich um eine Argumentation gehen, die zwei Linien betrifft: Form und Inhalt (das „wie?“) einerseits, und die Intention (Was soll erreich werden?) andererseits. Der Bezug auf freie Meinungsäußerung und Freiheit der Kunst, so überhaupt welche vorliegt (ich habe das Video beim ersten Sehen, nach etwa einer Minute abgebrochen, weil mir das Dargebotene unerträglich schlecht erschien, und erst später so weit auf YouTube verfügbar, gesehen), ist ambivalent, da hier durchaus Schranken bestehen (man kann und darf nicht jeden Unsinn von sich geben, es gibt Tatbestände der Verleumdung, und Verhetzung). Das entscheidende Argument ist das aufklärerische, das Mythenbildung und Heldenverehrung zu brechen und zu ironisieren weiß – ein wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Diskurses. Aber wie man sein Ziel erreicht, ist hierfür nicht unbedingt entscheidend, oder vielleicht nur insofern sie das Vorhaben nicht konterkariert, denn man kann mit feiner oder stumpfer Klinge agieren, der Kern der Intention bleibt derselbe. Für die Ablehnung des „wie?“ bleibt maßgeblich, auf welches Verständnis von Pietät man sich beruft. Eine Diskussion um die Zulässigkeit der zu Grunde liegenden Intention, führt geradewegs zur Frage um die Werte und Ideen der Aufklärung.

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