Fremdenfeindlichkeit. Ein bundespräsidiales Missverständnis?

Bundespräsident Heinz Fischer hat die in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar erfolgte Beschmierung der Außenmauer des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen (Was unseren Vätern der Jud ist für uns die Moslembrut seid auf der Hut 3. Weltkrieg – 8. Kreuzzug) als Akt von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilt*. Was pflichtschuldig und gut gemeint war, muss Unverständnis und Irritation muslimischer Staatsbürger hervorrufen, erkennt das Wort Fremdenfeindlichkeit sie gerade nicht als Staatsbürger an, im Gegenteil, es weist sie als Fremde aus.

Deutlich wird das in einem vom Standard geführten Interview mit Schülern muslimischen Glaubens in Bezug auf die jüngst aufgetauchten Probleme im islamischen Religionsunterricht (wobei nicht hervorgeht ob das Thema im Unterricht behandelt wurde oder nicht, was aber zweitrangig ist):

Nora: […] Da frage ich mich: Haben wir in Österreich nichts Besseres zu tun? Da gibt es viel ärgere Dinge.

derStandard.at.: Zum Beispiel?

Nora: Die Beschmierung in Mauthausen. Sie haben das sicher mitgekriegt: „Was unseren Vätern der Jud, ist für uns die Moslembrut… (zitiert die volle Länge der Beschmierung)“. Da hat keine einzige politische Partei etwas dazu gesagt. Das ist voll arg, oder?

Salma: Nur der Bundespräsident hat gemeint, das wäre Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Dabei war das klar gegen die Muslime gerichtet. Das war eine klare Aufforderung zum Mord. Ich will mir nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Muslime so eine Aussage gegen Christen tätigen würden.

Nora: Außerdem wird da keine Nation angegriffen, sondern eine Religion. Wir muslimische Österreicher werden angegriffen. Und Fischer sagt, das ist Fremdenfeindlichkeit. Sie (spricht die Redakteurin an) sind Österreicherin und ich bin Österreicherin. Wenn er mich als Fremde bezeichnet, dann sind Sie auch eine Fremde. Sie müssten sich eigentlich auch angegriffen fühlen.

Das Diktum Fremdenfeindlichkeit konterkariert hier jene Idee von Aufklärung und Moderne, die es ermöglicht Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion an einem Gemeinwesen, dessen Regelwerk sie zustimmten, teilzuhaben, und als dessen Bürger sie von da an gelten: Nach wie vor erscheinen sie implizit als Fremde, als nicht zugehörig, ja schlimmer, sie erkennen, dass sie offenbar gar nicht zugehörig sein können.

Die Suche nach einer Erklärung führt mich zu Ortega y Gassets Aufsatz „Ideen und Glaubensgewissheiten“ aus dem Jahr 1934. Er unterscheidet zwischen Ideen die wir haben, und Glaubensgewissheiten, die wir sind. Mit unseren Glaubensgewissheiten sind wir untrennbar verbunden, sie sind fundamental, und nur unter Anstrengung bewusst zu machen, eine Art implizites Verständnis, so wie wir uns keine Gedanken darüber machen, ob die Treppe existiert, über die wir hinabsteigen. Ideen sind wandelbar, wir begegnen ihnen, aber wir leben sie nicht, sie können wissenschaftliche Theorien, alltägliche Gedanken oder Einfälle sein sein, das ist ganz gleich. Ideen hängen von uns ab, sie werden von uns gedacht, wir kritisieren, argumentieren, und verändern sie – sie sind deshalb unwirklich, und wir nehmen immer einen gewissen Abstand zu ihnen ein, der uns im Hinblick auf die Glaubensgewissheiten abgeht. Ideen entstehen wenn unsere Glaubensgewissheiten zweifelhaft werden, und der Mensch erfindet, schafft Kraft seines Denkens Neues, das seinen Platz einnehmen soll – der orthopädische Charakter der Ideen. Die Ideen sind also die „Dinge“, die wir mit vollem Bewusstsein konstruieren und ausarbeiten, und zwar genau genommen darum, weil wir nicht an sie glauben. Aber: Ideen können zu Glaubensgewissheiten werden, sich verfestigen, und was zuvor Idee war, ist dann erlebte Wirklichkeit.

Abseits einer unbedachten Formulierung, könnte das oben angeführte Zitat Hinweis auf Reste einer Glaubensgewissheit sein, die im Wettbewerb mit Ideen steht, die man als richtig erkannt hat, die aber noch keine Glaubensgewissheiten geworden sind. Etwas, das für uns alle gilt – wenn auch in verschiedentlicher Hinsicht und Thematik -, und das auch erklären könnte, warum wir aber vieles, was wir als wahr, oder richtig erkannt zu haben meinen, nicht ändern, weil es keine Glaubensgewissheit darstellt, und damit nicht in das implizite Fundament unsere Lebens eingebettet wurde.

*Nach ORF bzw. Standard. Leider konnte ich auf den Seiten des Bundespräsidenten keine vollständige Version des erwähnten Briefs finden, das hier Festgestellte ist unter dieser Einschränkung zu sehen.

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2 Antworten zu “Fremdenfeindlichkeit. Ein bundespräsidiales Missverständnis?

  1. willyam 2. April 2009 um 9:45 am

    Ich wollte das schon länger angebracht haben, hab’s aber immer wieder versäumt: dass nämlich Ortega y Gassets Aufsatz eine feine Ergänzung zu unserer Diskussion über Glauben und Wissen gewesen wäre. ;-)

    Und ganz abgesehen davon: Ich freue mich immer noch über die Entlarvung der Bemerkung, ein Angriff auf Muslime sei ein Akt offener Fremdenfeindlichkeit. Da ist mal wieder so viel gesagt in einem Satz. Ein Sprung zurück um zig Jahrzehnte gutgemeinter Integrationsrhetorik.

  2. metepsilonema 2. April 2009 um 10:12 pm

    Stimmt, damals kannte ich den Aufsatz allerdings noch nicht.

    Es zeigt mir, dass die Angelegenheit so einfach nicht ist, auch bei denen nicht, die „über jeden Zweifel erhaben sind“. Und dass Selbstkritik (anstelle von Gestik und Rhetorik) angebracht ist.

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