Rodentia ad portas II: Die erste Fütterung.

Die Schnurrhaare vibrierten als die Nase über den schwarzen Metallrand glitt und den stechenden Geruch des Schießpulvers ausfsog. Zu spät: In einem dreifachen salto mortale klatschte das graue Knäuel auf den Teppich. Seine Begleiterin erfasste die ausweglose Situation blitzschnell, und sprang mit gefletschten Zähnen auf mich zu. Aber ihr Vorhaben brach wenige Augenblicke später in sich, und sie auf dem Teppich zusammen. Ich knickte die Flinte und lud zwei Patronen nach. Irgendwo musste sich noch eine dritte Ratte verbergen, oder aber sie war nach dem Scheitern ihrer bepelzten Freunde so klug gewesen ihr Glück in der Weite zu suchen.

Der Qualm begann sich aufzulösen, aber nichts regte sich. Nach meiner letzten Begegnung mit dem unbeugsamen Pack hatte ich beschlossen mich zu wappnen. Ich legte die Flinte neben das Bett, zog die Decke ans Kinn und schlief ein.

Der kluge Mensch misst Dingen die sich nachts ereignen, und nur einen losen Realitätsbezug aufweisen, nicht all zuviel Bedeutung zu, vor allem wenn ihm noch lebhaft in Erinnerung ist, dass er am Vorabend zum Herren der Mäuse gekrönt wurde, wenn auch in einer ganz unscheinbaren Zeremonie, die ihm beinahe selbst nicht aufgefallen war. Was ich mir bereits Anfang dieses Jahres lebhaft ausgemalt hatte, war nun in Erfüllung gegangen: Mäusepflege mit Fütterung inklusive. Obzwar ich schon die ganze Nacht das Gefühl der Rattenfänger von Hammeln zu sein, nicht los wurde, schritt ich doch vergnügt zu den kleinen Rackern. Sie würden Haferflocken, Nüsse, Karotten und Wasser erhalten um sich auch weiterhin ihres Mäuselebens erfreuen zu können, was nichts anderes heißt als über Gerätschaften zu klettern, einander zu piesacken, Treträder schwindlig zu laufen, oder sonstigen Unsinn zu treiben – zur Fortpflanzung jedenfalls waren sie noch zu jung. Ich stieg im Bewusstsein dessen, der die Qualen ganzer Völkerscharen lindern sollte, indem er Hunger und Durst stillt, in unerkannte Höhen, sprich in den zweiten Stock auf.

Im Käfig war keine Maus zu sehen, auch keine Teile, Anhängsel, oder anderwärtige Überbleibsel, was aber nicht weiter verwunderlich war, lieben sie die Schwärze der Nacht weit mehr als das grelle Tageslicht, vor dem sie sich zu verstecken pflegen. Ich öffnete die Käfigtüre – die kleinen Tiere in ihrer beengten Behausung bedauernd – und machte dabei einen entscheidenden Fehler: Wie ich später bemerkte lag rechts neben der Futterschüssel ein kleiner Heuhaufen. Anstatt die Schüssel von links, also der freien Seite her, zu nehmen, tat ich es von rechts. Meine Unachtsamkeit ging auch mit einem nicht zu unterschätzenden Mangel an Vorstellungskraft einher, und mit einem Mal schossen aus dem unscheinbaren Heuhaufen drei Mäuler mit klaffenden Zähnen, und – im Vergleich dazu winzigen – Mauskörpern mit zugehörigen Beinen. Warum sie das taten war mir klar, bevor ich den Schmerz ihrer Zähne verspürte: Das war pure Boshaftigkeit. Nein: organisierte Boshaftigkeit, denn sie bissen mich nicht in einen Finger, sondern – wohl koordiniert – in deren drei: Zeige-, Mittel-, und Ringfinger. Und da es offensichtlich Spass machte, wollten sie gar nicht mehr von meinem süßlichen Fleisch lassen, und verbissen sich darin.

An jedem Finger baumelte eine Maus! Trotz meiner Schmerzen, konnte ich dem ganzen einen gewissen belustigenden Charakter nicht absprechen, der aber alsbald verschwand, denn die braunen Kerle begannen an meinen Fingern wie an ihrer Wasserflasche zu nuckeln, und folglich mein Blut gierig aufzusaugen. Zu meinem Glück konnten sich nur drei Mäuse an diesem Unwesen beteiligen, denn bei vieren wäre der Blutverlust kritisch, und bei fünf pelzigen Genossen tödlich gewesen. Ich kämpfte meine Panik nieder, und vermied weiter wie aufgezogen durch das schöne Wohnzimmer zu laufen, denn ich zog bald eine ansehnliche Blutspur hinter mir her.

Was tut man, wenn sich drei Mäuse in eine entsprechende Zahl von Fingern verbissen haben? Ruft man den Arzt, macht man sich lächerlich, und den Kammerjäger würde man mir nie verzeihen. Ich lenkte meine Schritte in Richtung Küche, und die Finger meiner rechten Hand legten sich entschlossen um den Kunststoffgriff eines großen Küchenmessers, das ich einer der Laden fand. Aber Mutter Natur hatte Mäuse zu besonders heimtückischen, die Triebe ihrer Feinde unterminierenden Wesen gemacht: Kulleraugen, flauschiges Fell, und rosarote Näschen verhindern im allgemeinen, dass man sich an ihnen vergreift. Meine, den Messergriff so entschlossen umfassenden Finger lösten sich, und der eintretende Zustand, der übrigens dem beim Anblick kleiner Kinder gleicht – eine evolutive Einbahnlösung -, lässt sich trefflich mit dem abscheulichen Wort süß umschreiben. Abscheulich, weil man dieser Süße auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist: Man kann das Gegenteil noch so sehr wollen, am Ende erliegt man. Ich ging zurück zum Käfig (die Blutspur vervollständigend) und öffnete die Klappe. Für einen Moment flackerten Zorn und Wut auf, aber die tiefschwarzen Augen duldeten keinen Protest. Ich drehte meine Hand um 180°, so dass die Innenfläche nach oben zu liegen kam, und positionierte sie auf dem Gitter des Käfigs derart, dass die Mäuse in das Innere hingen. Der Rest war einfach: Man braucht die Tiere nur bauchseits zu kitzeln, und schon lassen sie los. Heu und Streu fingen ihren Sturz ab, und sogleich verschanzten sie sich in ihren Häuschen, als ob sie von mir etwas zu befürchten hätten.

Ich betrachtete meine Hand. Vampire sind zweifellos effizienter, aber die Mäuse hatten es immerhin geschafft, meiner zart rosa gefärbten Hand einen blass gelben Farbton zu verleihen. Und die Bissstellen waren bemerkenswert: An jedem Finger hatte ich beiderseits zwei Mahle, wie wenn ich mir in einem Anfall von Sadismus Stecknadeln in mein Fleisch gerammt hätte, nur dass die Mäuse weit tiefere und größere „Löcher“ geschaffen hatten, von der rundum zerfetzten und angenagten Haut gar nicht zu sprechen.

Während ich die Wohnung versperrte, und die Stiegen abwärts schritt – Näschen, Fell, und Kugelaugen vermochten ihre Wirkung nicht länger zu entfalten -, glitt ich in die dunkelsten Bereiche meiner selbst ab. Ich sann nach Rache. Wie so oft war mir mein Unterbewusstsein eine beachtliche Wegstrecke vorausgeeilt, und ich musste den ausgetretenen Pfad nur noch folgen. Das Futterschälchen der Tiere war leer geblieben, und das würde sich auch den nächsten Tag nicht ändern.

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Eine Antwort zu “Rodentia ad portas II: Die erste Fütterung.

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