Rodentia ad portas III: Rache! Oder: Der Versuch mit dem Angelhaken.

Nicht die überbordende Kraft des Gefühls, sondern die sie sich dienstbar machende kalte Logik des Verstandes, gibt dem Wort Rache seinen unbarmherzigen Klang, und versetzt den Ausführenden in jene freudige Erregung, die die Süße eines schmelzenden Bonbons im Mund eines Kindes entfaltet. Der Rächer ist ein Gourmet, und das leer gebliebene Futterschälchen war nur der Anfang.

Das Ziel beider ist die Befriedigung eines Verlangens, auch wenn sein Ursprung grundverschieden, und nur bei ersterem in völliger Reinheit anzutreffen ist. Den Gourmet – mit dem Koch zu einer Person verschmolzen – treibt das Spiel mit der sinnlichen Lust zur Zubereitung der Speise, den auf Rache sinnenden Menschen das Leid, das er seinem Opfer zufügen kann, und das in ihm eine eigentümliche Vermengung von Genugtuung und Genuss hervorruft. Dabei erweist er sich als Grenzgänger zwischen Ideal und Welt, zwischen dem Wunsch nach Unendlichkeit und dem Wissen um Begrenztheit, der einer speziellen Form des Hasses entspringt, und die Intensitätsteigerung seines sinnlichen Erlebens in dem vom Opfer erfahrenen Leides, das seine Erlösung durch den Tod – der bloß eine allzu leichtfertige Entschädigung darstellt – erst spät, oder gar nicht findet, sucht. Er will – wie der Gourmet – die Dehnung der Zeitskala in irdischen Begrifflichkeiten möglichst groß gestalten, der Weg ist ihm Ziel, und wie den Gourmet die Genussfähigkeit limitiert, so beschränkt den Rächer sein Mitgefühl, und die Leidensfähigkeit seines Opfers; und beide wissen, dass schrankenlose Gier am Ende alles zerstören wird. Kein gekonnter Genuss, keine wohl ausgeführte Rache, keine glückbringende Sinnlichkeit, ohne einen Hauch Askese, nichts von alledem, ohne die leitende und beschränkende Kraft des Verstandes.

Ihnen ist die blinde Hingabe an ihre Triebe fremd, und trotzdem – oder gerade deswegen – stellen sie sich ganz in den Dienst ihrer Sache: Den kochenden Gourmet und den planenden Rächer begleitet die Vorfreude auf den Genuss, auf das Gelingen ihres Vorhabens. Setzte man beiden – ein Gedanke den ich nur widerstrebend zu Kenntnis nehme – eine Maus vor, dann gingen sie Wege, die sich hinsichtlich der angewandten Mittel unterscheiden: Der Gourmet würde das Tier betäuben, töten, auf einen Spieß binden und über starker bis mäßiger Hitze – je nach Gusto und angestrebter Zubereitung – über den Flammen garen. Nicht so der auf Rache sinnende Mensch: Er bände die Maus zwar auch an einen Spieß (jedoch nie mit Schnüren, da diese – von der Hitze angefressen -, dem Tier die Möglichkeit eröffnen sich durch Freitod in den Flammen seiner gerechten Strafe zu entziehen), und würde sie bei lebendigem Leibe langsam rösten, wobei rötliche Glut die Garzeit beträchtlich verlängert, und einen vorschnellen Tod der Maus verhindert (dem Gourmet käme das nicht in den Sinn, denn welchen Nutzen hätte er von ledrigem, ausgetrocknetem Fleisch). Im Allgemeinen platzierte er die Maus dergestalt über den Flammen, dass sich das Fell des Tiers langsam von braun nach schwarz verfärbt und zugleich feine Rauchfähnchen aus ihm empor stiegen (es darf jedoch nicht zu brennen beginnen, denn die Maus würde augenblicklich einem Hitzeschlag erliegen).

Das ist natürlich barbarisch, und ich möchte den empörten Leser darauf hinweisen, dass der letzte Absatz reine Gedankenspielerei ist: Nicht umsonst wurde er im Konjunktiv verfasst. Ich jedenfalls wollte meine Rache gänzlich anders gestalten, da das Grillen von Mäusen – von der Anrüchigkeit der Barbarei einmal abgesehen – einige Unbequemlichkeiten mit sich bringt: lärmende Beschwerden der Nachbarn von gegenüber, Feuerwehr und Polizei die Gestank und Rauchentwicklung Einhalt gebieten wollen, und den vor der Türe lauernden Tierliebhaber, der zwecks Unterstützung seine abgesägte Schrotflinte gleich mitgebracht hat.

Da ich nun einmal – wenn auch unbewusst – den Tieren eine unfreiwillige Fastenzeit auferlegt hatte, wollte ich dies nutzen: Nach einer erquicklichen Nachtruhe, wagte ich mich an die Konkretisierung und Rechtfertigung meines Planens und Handelns. Die Rechtfertigung sollte Rechtfertigung bleiben, und ich erwähne sie nur, weil mir einige beiläufige Gedanken einen schönen Titel, und einen anderen Blick auf das, was wir recht schnell als Wissenschaft bezeichnen, zu werfen ermöglichten: Wissenschaftlichem Erkenntnisstreben gestattet man – Erfolg vorausgesetzt – so ziemlich alles: Man darf Elektroden in Affenhirne bohren, Kühe zu Antikörperlieferanten und Organspendern transformieren, oder Gene in Kleinsäuger einbauen, auf dass sie in fluoreszierender Weise die Nacht erhellen (gelb-grün, selbstverständlich). Hauptsache am Ende steht ein wie auch immer gearteter Nutzen: Das gesteigerte Wohl der Menschheit oder schnöder Erkenntnisgewinn. Kurz darauf war der Versuch mit dem Angelhaken geboren, und mit ihm die Tarnung meiner Rache.

Aber im Grunde ist es nicht nur lächerlich, sondern auch jämmerlich, sich hinter irgendwelchen wissenschaftlichen Trutzburgen zu verstecken: Ja, ich wollte die Kerle baumeln sehen! – wie Witwe Boltes Hühner -, und kein Studium der Kaubewegungen ihrer Dentes incisivi betreiben. Das soll jemand anders erledigen. Woran ich dachte, sollte der Kulminationspunkt meiner Rache werden, und folglich auch so bezeichnet sein.

Ich begann – nach abstreifen des ungetragenen wissenschaftlichen Mäntelchens – die nötigen Dinge zusammen zu suchen: Angelhaken, etwas Schnur, und ein paar Köstlichkeiten, die man an ihrem Ende aufspießt. Die Mäuse würden – von ihrer animalischen Gier überwältigt – an den Körnchen zu nagen beginnen und schwuppdiwupp am Haken baumeln.

Ich blickte aus dem Fenster, sonnte mich in meinen Plänen (eine narzisstische Geringschätzung unseres bedeutsamsten Gestirns), und war gerade dabei mir eine an den Gitterstäben des Käfigs hängende und hilflos zappelnde Maus in Überlebensgröße vorzustellen, da spazierte aus dem Bauch derselben ein junges Pärchen auf mein Fenster winkend und grüßend zu, und fragte wie es denn um ihre Mäuse stünde.

Man war zurück. Zu früh, weil Wind und Wetter nicht so wollten wie verlangt, und selbst die kommende Woche keine Besserung versprach. Nun denn!

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