Zeit für Demokratie? Demokratie und Zeit.

Wenn man Demokratie als Zumutung und Versprechen charakterisiert, erkennt man, dass sie immer auch Forderung und Pflicht bedeutet, und nur auf politisch-partizipativer Grundlage, als Teilnahme an einem Gemeinwesen, funktionieren kann und soll. Die Möglichkeit mitzubestimmen, die Strukturen des Gemeinwesens zu verändern, und daneben und zu gleich auf diesen ein relativ frei¹ bestimmtes Leben führen zu können, gibt es nicht „umsonst“. Im Gegenteil, wir „bezahlen“ mit dem kostbarstem Besitz, unserer Zeit. Wir widmen² – freiwillig oder als Pflicht begriffen – einen Teil unserer Lebenszeit in einer Art Tausch der Funktionalität des Systems, seiner Wartung und inhaltlichen Bestimmung3.

Griffe allgemeines politisches Desinteresse um sich, wäre es um das System selbst schlecht bestellt, denn – nicht mehr von allgemeinem Belang – wird es ausgenutzt und verfällt4. Auch wenn es sich nur um einen von Zeit zu Zeit auftretenden Gemütszustand des Verfassers handeln sollte, scheint es, als ob sich die Moderne gegen ihr eigenes Kind gewendet hätte: Lässt uns unser (post)modernes Leben – mit all seinen Flüchen, seiner Unerfülltheit und seinen Möglichkeiten – jene Zeit, die wir benötigen, um dem notwendigen Umfang demokratischer Partizipation nachzukommen? Das soll – auf prinzipieller Ebene – auch heißen: Können wir („der Durchschnittsmensch“) es überhaupt schaffen? Ist die demokratische Pflicht selbst Teil des Problems (der Ambivalenzbewältigung5), und damit eines sich selbst verstärkenden Kreislaufs?

Wer wählt urteilt. Das Kreuz auf dem Stimmzettel ist Auftrag und Vertrauen in eine Person und/oder eine Partei, in deren Ideen und/oder Programme, unter Einbeziehung der persönlichen Lebenssituation, drängender gegenwärtiger oder zukünftiger Fragen und Probleme, möglicher Lösungsvorschläge, und der Kompetenzen und Interessen der Personen, die diese Probleme lösen wollen. All das funktioniert nicht ohne Informationen bzw. Wissen in einem ganz allgemeinem Sinn: Ich benötige sie um mich mit einer bestimmten Thematik – meist ist man dafür kein Experte – auseinanderzusetzen, und Pro und Kontra abwägen zu können. All das kostet Zeit. Viel Zeit – jedenfalls wenn das Urteil kein Vorurteil sein soll. Und: Es genügt meist nicht sich punktuell mit Politik zu befassen, sie erfordert Beobachtungen über längere Zeiträume, um das Handeln der Beteiligten einschätzen, und Entwicklungen begreifen zu können. Und das wiederum heißt beständig Zeit zu „investieren“, Zeitungen zu studieren, zu diskutieren, Informationsquellen auszumachen, sie beurteilen, sich in Themen einlesen, selbst Artikel zu schreiben usw. usf. Und alles soll letztlich (irgendwie) abrufbar im Kopf behalten werden: Man muss sich wieder daran erinnern können. Kurzum, in unserer modernen Gesellschaft erfährt das, was wir Politik nennen, vielfach Konkurrenz und Verdrängung (im physischen Sinn)6.

Im folgenden dazu einige Skizzen, die mehr locker denn streng am Zeitproblem orientiert sind, und an allen Ecken und Enden in einander überzugehen scheinen – vielfach wird dabei persönliches Erleben den Ausgangspunkt bilden.

Das liberale Dilemma. Verheißung und existenzielle Not. Das Leben selbst gestalten zu können, die Möglichkeit des Entwurfs bedeutet, dass man tun darf „was man will“, was Freude bereitet und glücklich macht. Aber zugleich übernehmen wir als alleinige Entscheidungsträger die Verantwortung für unser Unglück. Der moderne und insbesondere durch die liberalen Ideen geprägte Mensch trägt Licht und Schatten seiner Existenz und ist für sie verantwortlich. Sein Glück ist sein Verdienst, sein Scheitern ist seine Schuld. Er hat seine Selbstrechtfertigung verloren, kennt keinen schützenden, verheißenden oder prüfenden Gott, lebt im Angesicht seiner existenziellen Nöte, und ist was er tut – zur Tat gezwungen. Dieses Leben ist sein einziges, und sein Gelingen oder Scheitern bedeutet ihm alles. Was (und wie) wir hier und jetzt schaffen, entscheidet darüber, ob unser Leben erfüllt genannt werden kann. Wir weben – nichts weniger – als den Faden unseres eigenen Schicksals. Wo das – implizit oder explizit – gilt, werden wir mit einer gewissen Atemlosigkeit leben7.

Freiheit (des Handelns) bedeutet Unsicherheit, Unbestimmtheit, und Risiko, und das wiederum belastet: Angst (und Furcht) entstehen im Angesicht dessen was nicht ist, und nur möglicherweise werden wird. Konsum, auf ihn wird später zurückzukommen sein, kann man als ruhende Rastlosigkeit deuten, als Möglichkeit die Stille – diese Verleugnung moderner Existenz – in (scheinbares) atemloses Leben zu verwandeln, oder: Er hilft so zu tun als ob man lebte. Und je maßloser und ausgedehnter er ist, desto stärker versteckt (verdrängt) er die existenzielle Unbestimmtheit, und „befriedigt“ die Forderung etwas aus seinem Leben zu machen. Und noch etwas hilft er zu vergessen: In ihrer extremen Form (s.u.) nimmt uns, die wir auf der ständigen, selbstverantwortlichen Suche nach unserem Glück sind, die liberale Idee, die Verbindung zu unseren Mitmenschen (dem Nächsten zu helfen erscheint uns unplausibel, denn er ist ja selbst für das was er ist und tut verantwortlich; und das Führen selbst intimster Telefongespräche in aller Öffentlichkeit zeigt wie sehr wir uns der Anwesenheit unserer Mitmenschen bewusst sind): Man kümmert sich immer mehr um sein Leben und immer weniger um das anderer; man separiert sich (unbeabsichtigt), und der beständige Zwang seine Existenz zu sichern lässt uns Gemeinschaft und Politik vergessen. Wer konsumiert, fühlt sich nicht mehr allein, man erhält Lärm, Bewegtheit und Trubel aufrecht – man suggeriert was nicht ist.

Der Kapitalismus in seiner radikalen Form, ist ein Abbild dieser existenziellen Situation: Beständiges Tretradwursteln, Innovation und Schöpfung liegen hier wie dort beisammen, und wer es nicht schafft etwas aus sich „zu machen“, fällt. Der Mensch als sein eigener Herr zwischen Behaglichkeit und Kälte, Konsum und Kreativität. Staat, Gemeinwesen, Demokratie und Sozialismus stehen dem gegenüber8, aber allesamt sind sie nicht gut oder böse, Licht und Schatten, sondern Pole menschlicher Grundbestimmtheit. Je atemloser die Welt, je mehr wir Kunde anstatt Bürger sind, desto unwichtiger Politik. Nicht weil wir keine Zeit mehr haben, sondern weil sie nicht (mehr) Priorität ist. Die liberale Idee von der Selbstbestimmtheit des Individuums benötigt radikal zu Ende gedacht, und im Libertarismus landend, kein Gemeinwohl und kein Demokratie. Es könnte also sein, dass die Zeitfrage im Zeitalter des Liberalismus in Wahrheit eine Scheinfrage ist, und das Interesse an Demokratie an der liberalen Idee selbst scheitert. Aber Liberalismus bedeutet nicht zwangsläufig keinen Staat, und kein Gemeinwesen, sondern eine Beschränkung desselben auf ein notwendiges Ausmaß. Zudem sind unsere Staaten recht ansehnlich und keineswegs klein zu nennen9. Ein Gemeinwesen, ein Staat, und damit auch Bürger, die teilhabend an, und in diesem Gemeinwesen leben, bleiben wohl bis auf weiteres erhalten. Und umgekehrt: Ein überbordender Versorgungsstaat, eine übergroße Mutter, die alles regeln und bestimmen will, würde jedes kreative Potential zerstören. Nicht das eine oder das andere sind die Lösung, sondern eine Balance, die zugleich dem was wir Politik nennen Bedeutung beimisst.

Der getriebene Mensch. Lebenswirklichkeit und Verselbständigung. Die Technik. José Ortega y Gassets „Betrachtungen über die Technik“10 in Erinnerung, lässt sich folgendes feststellen: Die Technik eröffnet neue Möglichkeiten, und sie hilft uns, Dinge häufiger, schneller und in größerer Zahl zu erledigen. Im Hinblick auf das weiter oben gesagte – die liberale Idee des Entwurfs und die Gleichgültigkeit aller Dinge – bedeutet die Technisierung des Alltags gleichzeitig seine Beschleunigung: Wir fahren nicht nur schneller in die nächste Stadt, sondern auch häufiger. Und zwar weil wir die Möglichkeit dazu haben, und weil wir sie ausschöpfen wollen (müssen). Die Quantität zählt, und damit der Schluss, dass alles was schnell, auch gut erledigt wird. Und um nicht aus dem Tritt zu geraten (also „natürliche“ Kontakte zu verlieren) und unsere Zeit noch besser zu nutzen, stellt uns die Technik mobile Kommunikationsmittel zur Verfügung. Zeitgleich Auto zu fahren und telefonisch Anweisungen zu geben, ist kein Problem.

Technik hat – als Summe begriffen – selbstverständlich Rückwirkungen (die die Beschleunigung weiter verankern) auf Anwender wie Konstrukteure: Zum einen erwarten wir, dass Dinge schneller erledigt werden, weil wir unsere Zeit nutzen wollen, zum anderen weil dies prinzipiell möglich ist. Warum soll ich auf einen Brief warten, wenn ich den selben Text in digitaler Form Sekundenbruchteile später auf meinem Bildschirm lesen kann? Wir fordern Schnelligkeit, weil sie unserer Vorstellung von Zeitnutzung entspricht, und weil es schneller als früher möglich ist – wir sind es (mittlerweile) nicht anders gewohnt. Die Technik macht Beschleunigung möglich, und wir fördern sie durch unsere Erwartungen, unser Verhalten, und unsere Vorstellungen.

Technik beschleunigt aber nicht nur, sie stellt auch Informationen in nicht gekanntem Ausmaß zur Verfügung; sie konfrontiert uns in Form von Dingen, die mit ihrer Hilfe produziert werden, und/oder ihrer bloßen Anwesenheit (Technik ist eine Abstraktion technischer Dinge und Apparate), mit zahlreichen (neuen) Sinneswahrnehmungen. Wir müssen – im Gegensatz zu dem was für uns als biologische Wesen „vorgesehen“ ist – in einem Dschungel von Gegenständen und Informationen zurechtfinden und diese (immer öfter gleichzeitig) verarbeiten. Daraus folgt, dass unser Verhalten durch den Umgang mit Technik, aber auch durch die Konfrontation mit ihr und ihren Produkten, eine Beschleunigung erfährt. Nicht nur weil ich mich schnell von A nach B bewegen kann, beschleunigt sich mein Leben, sondern in weit höherem Maße, weil ich eine Vielzahl von Dingen in Alltag, Arbeits- und Freizeitwelt erledigen muss und dies auch – mir selbst vorauseilend – erwarte (muss man im selben Zeitraum mehrere Angelegenheiten abwickeln, ist das nur durch beschleunigte Prozesse möglich): Ich blogge und schreibe Emails, lese auf den Seiten von Freunden und Bekannten, möchte die neusten Nachrichten von Online-Portalen der Zeitungen, danach ins Konzert, und davor sollte noch eingekauft werden – ich will viel und muss viel tun. Dabei erscheint der Mensch (oder besser: sein Gehirn) in immer stärkerem Maß als eine Art Durchlaufstation die zwischen Dingen und Information vermittelt, und die – unter weit gehender Ausschaltung des eigenen Willens -, auf einen bestimmten Eingang bestimmte Verhaltensweisen folgen lässt: Das geht mit einem Verlust des handelnden Subjekts hin zu einem getrieben, einher. Das ist oftmals Realität, in der Arbeitswelt, oder unterwegs, wenn kurz vor Ladenschluss noch einige Einkäufe erledigt werden müssen. Mittlerweile aber haben wir diese Verhaltensmuster verinnerlicht, und kommen gar nicht mehr zur Ruhe, obwohl wir uns – mehr oder weniger – in Ruhe befinden. Wir können nicht mehr anders, als in Rasanz zu leben, kommen nicht mehr aus Raserei und Oberflächlichkeit heraus, klicken nervös auf dem Bildschirm von einem Fenster zum anderen, und arbeiten nicht mehr konzentriert11.

Bewegung um der Bewegung willen, weil wir es so gewohnt sind, und weil es so sein muss, auch wenn es zunehmend unangenehm ist, oder krank macht. Nichts anderes ist der Konsum: Beschleunigung ohne selbst zu beschleunigen. Das Hintergrundrauschen muss sein, weil die Stille unerträglich12 ist, weil es keine ungenutzte Zeit geben darf, und weil die Stille die Moderne und damit die in ihr Lebenden daran erinnert, dass sie ihrer Selbstrechtfertigung entblößen.

Politik bekommt nicht nur Konkurrenz von dem was man Konsum nennt sondern auch von der Lebensbeschaffenheit selbst: Die Zeitung findet nur noch auf dem Weg zur Arbeit Platz, substanzielles Diskutieren findet kaum noch statt, und online vorliegende Meldungen werden nur noch überflogen. Keine Zeit! Wie oft hören wir diese beste aller Ausreden. Aber wie oft trifft sie zu? Und wie oft glauben wir daran, obwohl sie das nicht tut? Die teilweise zutreffend erlebte Wirklichkeit von Beschleunigung und Raserei schiebt sich über unsere gesamte Wahrnehmung, und wir meinen zu wissen, dass wir keine Zeit mehr haben – nicht einmal mehr um inne zu halten, und uns zu fragen, ob das überhaupt stimmt. Man nimmt sich keine Zeit mehr, nutzt und erlebt sie als in Bruchstücke zerteilt, und hat sie am Ende nicht mehr, weil man sie nicht konzentriert (eine Folge der vielen Dinge denen wir uns gleichzeitig widmen [zu meinen] müssen, und die uns immer wieder unterbrechen), erfüllt und als Einheit erlebt. Aber ob wir nun etwas mehr Zeit haben, als wir denken (und sie nur schlecht verwenden), oder tatsächlich „arm“ sind: Die demokratische Idee fordert Zeit, Zeit die wir auch auf andere Art und Weise nutzen können, und die uns vielleicht fehlt. Soviel ist sicher.

Freizeit- und Erlebnisgesellschaft. Der Konsum. Verbildlicht und grob gesprochen, befördern wir Dinge und Ideen in uns hinein und aus uns heraus. Wir konsumieren (lesen) Bücher, und wir schreiben Texte. Aber13: Lesen können wir mehr passiv oder mehr aktiv, und kein Mensch ist reiner Produzent, oder Konsument, wohl aber manche den Extremen zuneigend.

Im Blick auf unsere Frage ist entscheidend, was mit uns geschieht und wie sehr es unsere Zeit beansprucht. Konsum soll hier also als (vorrangige) Passivität verstanden werden, aber nicht allzu sehr schematisch. Die Ursache liegt in einer Verbindung unseres Triebgeschehens einerseits, und der Welt der Dinge und Informationen andererseits: Beispielsweise wird das Konsumieren von Nahrungsmitteln durch ihre schier unermessliche Fülle, und durch unsere Gier gefördert.

Nicht die Dinge an sich sind schlecht; auch nicht ihr Gebrauch und ihre teilweise oder temporäre Stütze des Lebendigen, sondern ihre immer stärker werdende Wirkung auf den Menschen. Dinge und Informationen strömen beständig auf uns ein, binden uns und fordern Tribut; sie zwingen uns zum Konsum, und wir werden immer weiter in die Passivität gedrängt, gestoßen und getrieben – egal ob das willig empfangen oder als aufgedrängt empfunden wird. Die für Politik und Demokratie notwendigen Informationen sind vorhanden, und erreichen ihre Empfänger, aber diese sind mehr und mehr in Passivität verfangen, und handeln oder unternehmen daher wenig. Es scheint dringend gefordert sich gegen die Einstromdichte zur Wehr zu setzten und sich abzuschirmen – mit reduzierten Informationen, aber intakten Handlungsmöglichkeiten.

Etwas anders sehen die Wirkungen des Konsums in der Freizeit und Erlebnisgesellschaft aus. Offenbar ist unser Alltag nicht erlebnisreich genug, oder aber er fordert seine Kompensation durch Erlebnisse und Ereignisse (Ablenkung, Verdrängung). Im Grunde ist es egal, ob das Freizeitverhalten als ein aktives oder passives erlebt wird oder nicht, eine Gesellschaft die ihre Freizeit immer mehr unter diesem Blickpunkt organisiert, verliert Zeit für politische Beschäftigung. Und eine Politik die diese Ereignisse nachzuzeichnen sucht, indem sie sich an dieses Verhalten anbiedert oder es imitiert bzw. sich nutzbar macht, erreicht vielleicht, dass der Bürger zur Wahl geht, im Grunde aber wird damit genau das Gegenteil des homo politicus, des aktiven, überlegenden und handelnden Individuums erzeugt. Der Bürger wird entweder zum Konsumenten degradiert, der wählt welches Gesicht ihm am besten gefällt (wie die Speise auf der Speisekarte) und das mit Lustgewinn und Spieltrieb verbindet, oder aber Politik wir ihm – wie das Freizeiterlebnis – zu einem Ereignis, dem man beiwohnt, das erlebt wird (was nicht per se falsch, aber zu wenig ist) wie eine Feier (wieder nicht gänzlich falsch), mit und in dem man sich verbunden fühlt, aber das eben nicht Auseinandersetzung ist, und das nicht die Qual detaillierter Diskussionen kennt, sondern durch das man gekauft wird. Man wählt, weil man sich wohlfühlt (notabene: nicht weil es dem Gemeinwesen gut geht, sondern weil man nett gefeiert hat), und gibt dafür seine Stimme.

Der Konsum ist derart erfolgreich weil er die existenzielle Gespaltenheit des liberal geprägten Menschen zu verdecken weiß, dass er Verwerfungen zuzudecken vermag und betäubend13 (als geförderte Kompensation psychischer Mangelerscheinungen bzw. Zustände) wirkt. Der Konsum ist die Erfüllung moderner Existenz, aber in eigenartiger Weise in ihr Gegenteil verkehrt: Er bedeutet tätig zu sein, ohne tätig zu sein. Hinzu kommt, dass das Konsumieren jedweder Dinge, nach getaner Arbeit, und beginnender Müdigkeit verlockend, weil angenehm, einfach und entspannend ist. Der Heimkehrende sinkt auf die Couch und schaltet den Fernseher ein. Man muss sich diesem Verlangen – und wer kennt es nicht! – mit aller Kraft zu widersetzen versuchen.

Wieviel Zeit bleibt für Politik?. Eine kleine Rechnung. Das Mikrozensus-Sonderprogramm vom September 200214 erfasste (in Österreich) Aspekte bezahlter und unbezahlter Arbeit (Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Altenpflege) und bildet die Basis für die folgenden Betrachtungen. Die durchschnittliche Gesamtarbeitszeit (bezahlte und unbezahlte Arbeit, ab 18 Jahren) pro Woche beträgt 40,3 Stunden (35,1 für Männer; 45,2 für Frauen). Genauer betrachtet variiert die Arbeitszeit beträchtlich mit Alter und Geschlecht, wie man aus der folgenden Grafik ersehen kann.

arbeit

Bleiben wir aber bei der Betrachtung des Durchschnitts: Von sieben Tagen oder 168 Stunden gehen 56 (8 pro Tag) durch Schlaf „verloren“ (diese und die folgenden Zahlen sind meine Schätzungen), es bleiben 112. Zieht man davon 40 (s.o.) für die anfallende Arbeit ab, bleiben 72 Stunden, die zur Verfügung stehen, das sind etwa 10 pro Tag. Ziehen wir für den Weg zur Arbeit pro Tag eine Stunde ab, dann halten wir bei 67 Stunden; für die Einnahme von Mahlzeiten 1.5, dann erhalten wir etwa 57. Gehen wir davon aus, dass zwei Halbtage mit Aktivitäten verschiedenster Art belegt sind, z.B: Treffen mit Freunden, Unternehmungen mit der Familie, Pflege von Hobbies, Besuch von Ausstellungen, Konzerten, Theater, Kino, Sport etc., dann landen wir bei 47 Stunden. Noch einmal 7 Stunden wenden wir für Informationsbeschaffung und/oder Unterhaltung auf (Radio, Fernsehen, Zeitung, Internet), dann landen wir bei 40. Grob geschätzt bleiben etwa 5.5 Stunden pro Tag. Aber man muss folgendes berücksichtigen: Für die Ermittlung der Erwerbsarbeit wurden keine Überstunden herangezogen, und als unbezahlte Arbeit gilt nur Haushaltsführung, Kinderbetreuung und Betreuung hilfs- und pflegebedürftiger Menschen. Andere Bereiche unbezahlter Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten15 u.ä. wurden nicht berücksichtigt, und auch viele andere Kleinigkeiten: Sei es der Kauf von notwendigen (sofern sie nicht unter Haushalt fallen) oder persönlichen Dingen; Wartezeiten, Tratsch, Telefonieren, Körperpflege, Ruhephasen. Reduziert man die verfügbare Zeit noch einmal um 1.5 Stunden, dann bleiben 4 Stunden pro Tag (28 pro Woche), die zur Nutzung frei stehen. Das ist selbstverständlich sehr schematisch und soll einen ersten Anhaltspunkt (auch für eine etwaige Diskussion) bieten16.

Die Schwankungsbreite in Bezug auf die mit dem Lebensalter variierende Arbeitszeit stellt sich wie folgt dar: Ein Mann und eine Frau aus der Altersgruppe 35-39, bzw. 30-34 – das sind die jeweiligen Gruppen mit dem höchsten Gesamtarbeitsaufwand pro Woche (siehe Grafik oben) – kommen, nach der oben aufgestellten Rechnung auf eine verfügbare Zeit von 18 bzw. -2 Stunden pro Woche (bei 50 bzw. 70 Stunden Gesamtarbeitsaufwand)! Junge (18-24 Jahre) und sehr alte (über 84 Jahre) Menschen – bei einer geschätzten mittleren (Männer und Frauen) Gesamtarbeitszeit von etwa 30 bzw. 10 Stunden pro Woche, haben deutlich mehr Zeit zur Verfügung: 38 bzw. 58 Stunden pro Woche oder ca. 5 bzw. 8 pro Tag.

Der IMAS-Report Freizeit in der alternden Gesellschaft (für Österreich, 2007) kommt zu einer durchschnittlich verfügbaren Freizeit von 5 Stunden und 11 Minuten (3 Stunden und 41 Minuten für Berufstätige), Tendenz seit 1979 steigend. Auch nicht uninteressant ist, dass 77% der nicht berufstätigen und 34% der Berufstätigen mit ihrer verfügbaren Freizeit zufrieden sind, und den Österreichern ein eher passives Freizeitverhalten attestiert wird (am häufigsten werden folgende Tätigkeiten genannt: Fernsehen, lesen von Zeitungen und Illustrierten, Empfang von Besuch bzw. selbst Besuche durchführen, Musik hören). Die OECD-Studie Society at a Glance 2009 gibt für den Durchschnittsdeutschen 25% bzw. bei anderer Definition 27.4% Freizeit pro 24 Stundentag an.

Eine Frage der Wahl? Wie frei sind wir? Das oben gesagte legt folgendes nahe: Wie auch immer sich das zum jeweiligen persönlichen Empfinden verhält, klar ist, dass die verfügbare Zeit mit Alter, Geschlecht und persönlicher Lebenssituation schwankt. Es wäre also Unsinn, von jeder Person gleichmäßigen Zeitaufwand für Politik über ihre gesamte Lebensspanne zu erwarten. Und auch das „wann“ der verfügbaren Freizeit ist entscheidend – handelt es sich etwa um Wochenend- oder Feiertagszeit, oder um Stunden zwischen 21 Uhr und Mitternacht nach einem langen Arbeitstag.

Gesetzt der Fall wir sind frei – andernfalls bräuchte ich nicht weiter fortzusetzen -, und wir können als Urheber von Handlungen gelten, kann es doch Situationen geben, die uns andere Prioritäten, als die der Politik setzen lassen. Andere Dinge sind wichtiger, drängender, oder unsere Möglichkeiten grenzen uns aus/ab17.

Zusammenfassend spielen folgende Komponenten für die Beschäftigung mit Politik eine Rolle – sie modifizieren und gestalten das Zeitbudget: Wahl und Prioritätensetzung, Sozialisierung, Interesse bzw. Bereitschaft, Alter, Geschlecht und die persönliche Lebenssituation. Bestimmte Faktoren betten uns in eine Lage, die wir nicht zur Gänze ändern, aber innerhalb derer wir sehr wohl Umschichtungen vornehmen können. Dass die allgemeine Lebenssituation – Getriebenheit und Passivität; Beschleunigung, Konsum und gefühlter Zeitmangel – dem zu widersprechen scheint, und Änderungen schwieriger, ja vielleicht als unmöglich erscheinen lassen, liegt auf der Hand. Im Bewusstsein dessen aber sollten sie dennoch möglich sein. Nicht von heute auf morgen – gut Ding will Weile haben.

Muss man alles alleine tun? Vielleicht kennt der eine oder andere folgende Situation: Man hat die alte Zeitung (Vortag/Vorwoche) noch nicht beendet, aber die neue liegt bereits auf dem Tisch, und wartet darauf gelesen zu werden. Legt man die alte beiseite, und greift zur neuen, „verliert“ man einige Artikel und folglich Informationen. Tut man es nicht, gerät man wieder in dieselbe Situation bzw. weitet sich diese womöglich aus, und man hinkt noch weiter hinterher. Das Dilemma besteht in der Pflicht/dem Willen sich umfassend zu informieren, aber dafür nicht genug Zeit zur Verfügung zu haben; man möchte/muss sich von „allem“ eine Meinung bilden oder zumindest in irgendeiner Form darüber bescheid wissen. Kurzum: Man meint alles selbst tun zu müssen, und vertraut oder vergisst, dass es andere Bürger gibt. Die Folgen sind Zeitprobleme oder schlichtes Überfordertsein diese Informationen (sinnvoll) zu verarbeiten und zu nutzen. Man kann das mangelnde Selbstbegrenzung nennen, und ist dem so, hieße das, die demokratische Forderung zur Urteilsbildung, beschneiden zu müssen.

Da „alles“ nicht möglich ist, muss gefragt werden, was der einzelne Bürger leisten kann und soll. Ein Bürger mit grundsätzlichem politischen Interesse wird sich von Haus aus leichter motivieren können seine Zeit entsprechend aufzubringen. Aber was macht der Bürger, den echte politisch Aversion von der Auseinandersetzung wegtreibt? Wer hat kennt das Geständnis „Ich bin nun einmal kein politischer Mensch“, nicht? Ist es immer nur vorgeschoben? Müssen sich diejenigen zwingen, und über die Pflicht zum „Vergnügen“ der Beschäftigung mit Politik finden18? Eine gewisse Zahl interessenloser Bürger wird das System verkraften, aber dann? Schwerlich kann man sich – fernab von theoretischer Erläuterung – vorstellen, Politikignoranten ihr Stimmrecht zu entziehen, schon deshalb weil das praktisch nicht prüfbar ist. Ein Ausweg scheint mir nicht greifbar, nur Erziehung, wenn auch gerade in der Politik unendlich schwierig, weil die Gefahr der Indoktrination überall lauert, schon zur Schulzeit als der vielleicht beste Ansatz. Aber zurück zur Zeit: Wer über alles informiert sein will und muss, weiß am Ende nichts, d.h. der Informationsüberfluss überfüllt den Bürger, bis er passiv zurücksinkt und nicht mehr weiß wo ihm der Kopf steht. Aber wie selektiert man? Was ist wesentlich? Worüber sich informieren? Internationale und nationale Politik? Die EU mit ihren komplizierten Angelegenheiten wie dem Lissabonner Vertrag? Wirtschaftspolitik? Kultur? Umwelt?

Eine Konzentration auf das Wesentliche, auf das was man kann (können möchte), das motiviert und entsprechend emotional besetzt ist – sich abschotten von den Störgeräuschen der Moderne. Langsamkeit. Oder, wie Peter Sloterdijk es im Sinne zu haben scheint, als eine Art weltliche Klausur. Es gilt die durch die Moderne verursachte Passivität zu vermindern, dem informierten aber handlungsunfähigen Demokraten vorzubeugen. „Weniger ist mehr“ hat wohl hier seine Berechtigung: Niemand ist alleine Bürger, und muss sich überall auskennen, man kann manches getrost anderen überlassen, und sich auf Teilbereiche beschränken. Nur der sich selbst begrenzende Bürger leistet etwas für sich und andere. Aber: Die Gefahr der weltlichen Klausur ist das Ende des demokratischen Ideals, ähnlich wie der Libertarismus. So müsste es sein: Demokratie treibt in die Askese, und die Askese zurück zur Demokratie.

Das soll nicht über die klaffenden Ränder des Grabens hinwegtäuschen, die Widersprüche zwischen dem demokratischen Ideal und der verfügbaren Zeit, zwischen dem Informationsstrom und der asketischen Abgeschiedenheit. Ein Ideal wird niemals real. Und was wir tun können, so unbefriedigend es erscheint, ist es dennoch zu wollen.

* * *

Anmerkungen

1 Jedenfalls freier als in vielen anderen Systemen.

2 Zunächst einmal idealisiert begriffen.

3 Wenn die Deutschen Bürger sich selbst als wichtigsten Motor für den Fortschritt sehen, kann man das als Bestätigung von Gemeinwesen und Demokratie, und zugleich als Willensäußerung etwas zu beiden beizutragen, interpretieren.

4 Im störungsfreien Zustand wirkt dem die Kontrolle durch den Bürger entgegen.

5 siehe Zygmut Bauman, „Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit“, Hamburger Edition, 2005

6 Keineswegs soll der hier vorgenommene Fokus suggerieren, das Zeitproblem wäre das einzige das Demokratien hätten (da gibt es auch andere, siehe z.B. hier).

7 Die Postmoderne weiß das nur noch weiter zu steigern: Dort wo alles gleichgültig ist, gilt die Quantität alles.

8Siehe: Die Qual einer Wahl.

9Bei Staatsquoten (Österreich, Deutschland) von über 40% (Quelle).

10 in José Ortega y Gasset „Gesammelte Werke“, Band IV, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1996

11 Ganz ähnlich der Fluch der Unterbrechung, der als ein Symptom zunehmender Beschleunigung zu begreifen ist, und uns so weit bringt, uns ständig selbst zu unterbrechen, weil wir es nicht mehr anders gewohnt sind: Wir beginnen eine Email zu schreiben, klicken nach zwei Zeilen zum Explorer, dann weiter zu PowerPoint, bauen ein Video in die Präsentation für die morgige Besprechung ein, erinnern uns an die Email, klicken sie wieder weg um ein Programm zu starten, das einen längeren Ladevorgang im Hintergrund beginnt, und schreiben endlich weiter.

12 Ich habe habe das immer wieder erlebt, etwa wenn mich Besucher baten doch Musik einzuschalten, weil die Stille in meiner Wohnung unerträglich wäre. Und in der Tat: Stille kann qualvoll sein. Aber auch wunderschön.

13Erich Fromm ein wenig folgend.

14Das Mikrozensus-Sonderprogramm vom September 2002: Teil 1, Teil 2.

15Nähere Auskunft über das Ausmaß von Freiwilligenarbeit gibt diese Tabelle.

16Im Herbst 2009 erscheint eine neue Zeitverwendungsstudie, die diese Aspekte vertiefen bzw. erweitern könnte.

17Dazu etwa dieses Zeit-Dossier.

18Mir ging lange Zeit ähnlich – ich zog (fast) jedes Buch der Zeitung vor, mittlerweile aber konkurieren sie miteinander.

17 Antworten zu “Zeit für Demokratie? Demokratie und Zeit.

  1. Gregor Keuschnig 1. Juni 2009 um 2:05 pm

    Du schreibst es ja am Ende selber: Ich glaube nicht, dass die Beschäftigung mit politischen Dingen über den normalen Nachrichtenkonsum hinaus ein Zeitproblem, sondern ein Prioritätenproblem ist. Eine Meinung hat – wenn man genau nachfragt – fast jeder. Aber die Bereitschaft, diese Meinung zu vertiefen, zu ergänzen, vielleicht sogar zu differenzieren oder gar zu verwerfen steht und fällt mit der Priorität, die diesem Meinungsbildungsprozess eingeräumt werden. Da lauert dann doch lieber die DVD, das Fußballspiel oder der Krimi.

    Fest steht: Die Arbeitsteilung und die mehr gewonnenen Freizeit hat nicht zu mehr politischer und/oder intellektueller Weiterbildung der Bevölkerung geführt. Alle diesbezüglichen Wünsche und Träume müssen ad acta gelegt werden. Zudem sind die Zeiten grosser Polarisierungen (mindestens in Deutschland im Moment) vorbei. Die Austauschbarkeit der politischen Protagonisten ist zu gross; man erkennt es daran, dass bei den Einblendungen in den Nachrichtensendungen immer und immer die jeweilige Partei des Politikers, der etwas sagt eingeblendet wird (ja, das war früher auch so, aber damals war die Nachrichtendichte nicht so stark und das Angela Merkel von der CDU ist, dürfte, nein: müsste jeder wissen).

    Zu Deinem Zeitmodell: Man nehme nur einmal an, die Leute in Deinem Beispiel hätten Kinder. Wieviel Freizeit gäbe es dann noch? Ich habe immer festgestellt, dass Leute mit Kindern eigentlich gar keine Zeit mehr für „extravagante“ Freizeitaktivitäten haben (es sei denn ein Partner verzichtet nahezu auf alles, was nur irgendwie mit Freizeit zu assoziieren wäre). Deren Interesse ist damit gar nicht ausgeschaltet; es gibt schlichtweg keine Zeit (dann stimmt’s) dafür – der normale Nachrichtenkonsum wird hier für viele Jahre die einzige Informationsbasis sein.

    Merkwürdig bleibt, dass die „freie Zeit“ seit den 60er Jahren mit Sicherheit kontinuierlich angestiegen ist und gleichzeitig das Interesse an der Politik (von einigen Ausnahmen abgesehen) eher gesunken ist (legt man hierfür die Wahlbeteiligungen zugrunde und verzichtet man auf die postmodern-beliebige Aussage, dass auch ein Fernbleiben von der Wahl ein „Politikum“ sei [das ist das wahre „Opium“ für Volk: ihm wird suggeriert, die eigene Trägheit sei ein gleichberechtigtes Zeichen politischer Partizipation]). Meines Erachtens liegt dies stark am kontinuierlich gestiegenen Wohlstand, der die politischen Fragen nicht so sehr in den Vordergrund geschoben hat (das ändert sich jetzt ein bisschen, aber auch nur von der ökonomischen Seite).

    • metepsilonema 2. Juni 2009 um 1:58 pm

      Ich glaube nicht, dass die Beschäftigung mit politischen Dingen über den normalen Nachrichtenkonsum hinaus ein Zeitproblem, sondern ein Prioritätenproblem ist. Eine Meinung hat – wenn man genau nachfragt – fast jeder. Aber die Bereitschaft, diese Meinung zu vertiefen, zu ergänzen, vielleicht sogar zu differenzieren oder gar zu verwerfen steht und fällt mit der Priorität, die diesem Meinungsbildungsprozess eingeräumt werden. Da lauert dann doch lieber die DVD, das Fußballspiel oder der Krimi.

      Ich glaube nicht, dass man das generell feststellen kann, da die verfügbare Zeit mit Lebensalter und Geschlecht stark schwankt. Wenn jemand 9 – 10 Stunden pro Tag arbeitet und eine Stunde zusätzlich aufbringt, um sich zu informieren, bleibt nicht mehr viel übrig; dass man am Wochenende auch anderes im Sinn hat, kann ich nicht verdenken. Dazu kommt, dass die liberale Idee des Entwurfs „jeden“ Entwurf rechtfertigt – es gibt „keine“ Vorgaben, „keinen“ Rahmen mehr.

      Man nehme nur einmal an, die Leute in Deinem Beispiel hätten Kinder. Wieviel Freizeit gäbe es dann noch? Ich habe immer festgestellt, dass Leute mit Kindern eigentlich gar keine Zeit mehr für “extravagante” Freizeitaktivitäten haben (es sei denn ein Partner verzichtet nahezu auf alles, was nur irgendwie mit Freizeit zu assoziieren wäre). Deren Interesse ist damit gar nicht ausgeschaltet; es gibt schlichtweg keine Zeit (dann stimmt’s) dafür – der normale Nachrichtenkonsum wird hier für viele Jahre die einzige Informationsbasis sein.

      Die Zeit für Kinderbetreuung ist eingegangen, da sie von der Mikrozensusstudie berücksichtigt wird (deswegen auch die geringe Zeitverfügbarkeit im Alter von ca. 30-40 Jahren).

      Merkwürdig bleibt, dass die “freie Zeit” seit den 60er Jahren mit Sicherheit kontinuierlich angestiegen ist und gleichzeitig das Interesse an der Politik (von einigen Ausnahmen abgesehen) eher gesunken ist […]

      Wahrscheinlich liegt das an der geringen – erlebten oder tatsächlichen? – Rückkoppelung politischer Entscheidungen und Wirkungen.

      • Gregor Keuschnig 2. Juni 2009 um 4:46 pm

        Meine Antwort bezog sich auf die m. E. zu stark (besonders am Anfang) fokussierte Zeit-Argumentation. Vielleicht bin ich da auch nur ein bisschen empfindlich, weil ich das „Zeit“-Argument allzu oft als wohlfeile Ausrede kennengelernt habe; man wollte es einfach ein bisschen elaborierter ausdrücken, dass man eigentlich kein Interesse hat. Ich finde Letzteres ehrlicher, weil ich auch bestimmte Vorgänge/Themen, die mich zwar oberflächlich interessieren, aber mir auch letztlich einfach der Intellekt fehlt, lieber nicht verfolge.

        Mit den Rückkoppelungserlebnissen sprichst Du letztlich den wunden Punkt des demokratisch-politischen Agierens an: Liefert sich die Politik der Meinung der Mehrheit der Wähler aus oder „sucht“ sie die Mehrheit mit ihrem Programm? Wann fühle ich mich als Wähler Ernst genommen? Ich stelle mal die These auf, dass Politiker, die auch einmal unbequeme Entscheidungen treffen auf Dauer glaubwürdiger wirken als diejenigen, die ihr Fähnchen im Wind hängen. Das Schreckliche ist nur (gerade in Deutschland zu beobachten): Es gibt kaum noch Politiker mit Rückgrat, weil die in den Medien je nach Lust und Laune dekonstruiert werden (seltener das Gegenteil; da meist bei Politikern, die ohne Amt sind).

      • metepsilonema 2. Juni 2009 um 10:52 pm

        @Gregor

        Selbstverständlich ist das „ich habe keine Zeit“ auch eine Ausrede, aber sie ist es doch nur, weil das eben oft der Fall ist bzw. unser Alltag im Regelfall recht gut gefüllt ist.

        Vielleicht ist es heute auch schwierig geworden sich im Dickicht zurechtzufinden, und freizulegen was worauf wirkt – vieles hat wohl multikausale Ursachen. Wenn Wohlstand und Technik im weitesten Sinn tatsächlich Ursachen für schwindendes Empfinden von Rückkopplungen politischer Entscheidungen sind, dann müsste sich das zu anderen Zeiten anders verhalten haben, und belegbar sein. Was gäbe es für Kriterien?

  2. metepsilonema 2. Juni 2009 um 1:56 pm

    Ich habe gestern noch einen Fehler in der Nummerierung der Fußnoten beseitigt – Dank an Gregor.

  3. metepsilonema 2. Juni 2009 um 10:24 pm

    Und das Layout an das neue Erscheinungsbild angepasst…

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  7. Lara 15. Mai 2010 um 4:18 am

    Du wolltest Anregungen für eine neue Version. Ich werde die nächsten Tage ein paar Bemerkungen unabhängig davon schreiben. Was die Neufassung in Form eines Blogbeitrages betrifft so ist der wichtigste Kritikpunkt möglicherweise die Länge. Gemäß deiner eigenen Aussagen ist es Zeit, die den Menschen zunehmend fehlt und genau deswegen muss sich politisches Engagement (was man mögen kann oder kritisieren mag) im Web 2.0 auf die wesentlichen Aussagen beschränken. Diese ist in diesem Fall die Tatsache, dass die Menschen nach der Arbeit einfach platt sind und nichts ferner läge als sich danach noch mit politischer Arbeit zu beschäftigen. Du hast das wie ich finde sehr zutreffend mit dem Übergang von einem handelnden zu einem getriebenen Subjekt beschrieben. Wobei man trotzdem anfügen darf, dass die „Gemütlichkeit“ nicht nur auf Kraftlosigkeit zurück geht, sondern auch auf Genügsamkeit. Ebenso drückt niedrige Wahlbeteiligung zwar eine fehlende Verbundenheit mit dem System aus, nicht aber eine grundlegende Unzufriedenheit. Man findet sich ab. Man arrangiert sich. Diesen Zusammenhang zwischen einer liberalen Struktur (im Prinzip ist es ja das System der Arbeitsteilung das maßgeblich ist) und bürgerrechtlichen Partizipation hast du versucht detailliert zu betrachten. Es geht aber auch apologetisch (und trotzdem sachlich).

    Es muss ja keine Neufassung im Sinne einer Verbesserung sein, es kann auch ein Artikel zum gleichen Thema sein, der auf die wesentlichen Züge aufmerksam macht. Das hier ist ein kurzer Essay, es ist kein Blogbeitrag, der von der Masse rezipiert wird. Die obere Wahrnehmungsgrenze liegt meiner Meinung nach bei durchschnittlich 300-500 Wörtern. Muss man nicht mögen, aber man sollte es im Hinterkopf haben.

    • metepsilonema 20. Mai 2010 um 10:57 am

      Zunächst einmal danke für die Anmerkungen. Ich werde mich wahrscheinlich am Wochenende daran machen, und die Gelegenheit gleich nutzen um etwas zu „experimentieren“, probieren.

      Das Wichtigste ist, dass man das Interesse des Lesers weckt und erhält, dann werden auch längere Texte gelesen. Tendenziell hast Du aber recht: Alles was sehr lang ist, findet weniger Anklang, ist aber manchmal notwendig (und man muss sich nicht immer anpassen).

      • Lara 20. Mai 2010 um 11:10 am

        Ich meinte auch nicht Anpassung, sondern Umpassung. Der lange Text ist ja geschrieben und man kann darauf verweisen. Für diejenigen, deren Interesse nicht geweckt ist wird das Lesen nicht nur schwerfallen sondern schlicht nicht erfolgen. Ich habe meine weiteren Anmerkungen auf einem anderen Computer gespeichert. Ich werde aber die Tage dran kommen, ist also nicht in Vergessenheit geraten.

      • metepsilonema 20. Mai 2010 um 4:03 pm

        Ich meinte weniger textliches Anpassen, als Gewohnheiten des Verfassens…

        Ich überlege den Text irgendwo anders zu platzieren, da bei mir ohnehin der alte steht, entweder bei Dir (falls Du Interesse hast) oder bei Gregor.

      • Lara 21. Mai 2010 um 12:18 pm

        Ich befasse mich diese Woche auf dem nachgeschaut-Blog mit dem Thema Freiheit. Das ist relativ offen angelegt, wenn du deinen Text also ein wenig dahingehend modifizieren koenntest, kann ich ihn gerne auf dem Blog veroeffentlichen. Da ich nicht laufend laengere Beitraege schreiben kann, waere das eigentlich keine schlechte Idee, um den Blog etwas zu fuellen.

      • metepsilonema 21. Mai 2010 um 12:38 pm

        Gut, fein, ich melde mich.

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