Näherungsversuch

Liberalismus könnte bedeuten, die individuellen Entwürfe mit den gemeinschaftlichen Notwendigkeiten in diskursiv-evolutiver Weise abzustimmen.

8 Antworten zu “Näherungsversuch

  1. Lara 11. Juni 2009 um 12:36 pm

    Wichtig wäre dann auch, die Gemeinschaft zu definieren.

    • metepsilonema 11. Juni 2009 um 1:31 pm

      Ja, auch wenn das vermutlich nie abschließend getan werden kann. Zweierlei scheint mir unentbehrlich (auch wenn man das nicht Gemeinschaft nennen muss, es wäre jedenfalls das zu erfüllende Minimum): a) Verantwortung für das eigene Tun in Bezug zu b) den existenziellen Grundlagen seiner Mit- und Umwelt zu setzen. Das heißt Gemeinschaft konstituiert sich am Erhalt der Lebensgrundlagen aller.

      • Lara 11. Juni 2009 um 4:15 pm

        Naja, das ist die humanistische Variante. Völkische Varianten beziehen die Werte auf das Volk. Solidarität bedeutet dann im Effekt Benachteiligung bzw. keine Solidarisierung mit denen, die nicht dem Volk angehören. Freiheit ist eigene Freiheit vor(!) der Freiheit der anderen.
        Natürlich klingt das heute abwegig, aber das unsere Vorstellung ist, wir hätten die Ausgrenzung überwunden. Sind Tiere Teil der Gemeinschaft? Diese Frage beantworten die meisten Veganer anders als die meisten Fleischfresser. Aber selbst wenn wir die Tiere rauslassen endet die Vorstellung von Freiheit bei den meisten Menschen weit bevor sie alle Menschen erfasst hat. Die radikalen Folgen des Konsums auf politische und freiheitliche Bedingungen in anderen Ländern interessieren kaum jemanden. Sie sind ja, zugegebenermaßen, auch sehr komplex. Man kann nicht einfach sagen: kaufe ich halt keine Erdbeeren im Winter, fördere ich die Freiheit der Menschen. Umgekehrt sind viele Menschen aber leicht dazu bereit Beschränkung von Freiheit durch andere Staaten zu kritisieren und politische Strategien einzufordern. Siehe Iran. Freiheit ist meiner Meinung nach (leider) eines der meist getretenen, verformten und instrumentalisierten Konzepte, die es in unseren Gesellschaftsvorstellungen gibt. Gerade deswegen finde ich die Überlegung was „Gemeinschaft“ dann seien sollte so interessant.
        Ich habe es eigentlich falsch gesagt: Definitionen sind eben NICHT wichtig, sie sind vollkommen unwichtig. Wichtig ist doch eigentlich, worauf wir uns einigen können und was für Auswirkungen diese Einigung für uns hat.

      • metepsilonema 12. Juni 2009 um 1:28 am

        Freiheit ist eigene Freiheit vor(!) der Freiheit der anderen.

        Freiheit akzeptiert die Existenz Anderer in einem herrschaftsfreien Raum (deshalb eben nicht bloß Freiheit für ein Volk, oder gar nur für einen selbst, wobei ich zugebe, dass mein „alle“ unspezifisch ist), und schafft dadurch die Möglichkeit von Diskurs und darauf basierender Entwicklung.

        Wer denn nun zur Gemeinschaft zählt ist – völlig richtig – eine Frage von Einigung, nicht von Definition. Ich sehe – von einem existierenden Grundkonsens einmal abgesehen – nur zwei Möglichkeiten (etwa auf das Bsp. Tiere bezogen): Man verordnet den Konsens (dann ist er eigentlich keiner) oder man lässt ihm Zeit zur Entwicklung – durch Diskussion, Auseinandersetzung etc. Letzteres kann problematisch sein, aber gerade im Hinblick auf den Tierschutz durchaus (partiell) erfolgreich. Skizziert: Bestimmte, neue Verhaltensweisen treten aus welchen Gründen auch immer, zunächst vereinzelt auf; entweder sie verschwinden wieder, oder sie akkumulieren und verbreiten sich bis sie eventuell sogar Allgemeingut werden. Neue Entwicklungen bringen neue Probleme und neue Verhaltensänderungen: Das Spiel beginnt von vorne.

        Der Freiheitsbegriff ist mitunter stark emotional gefärbt – das lädt zum Missbrauch ein.

        Ganz allgemein betrachtet, oszillieren wir, in dem wir uns für dieses Leben entscheiden und handeln, immer zwischen verschiedenen Polen von Freiheits- und Existenzeinschränkungen gegenüber unserer Umwelt. Nur ein sein Leben lang meditierender und sich ausschließlich von Früchten ernährender Mönch kann sich dem vielleicht entziehen.

        Diese Diskussion kennst Du?

      • Lara 12. Juni 2009 um 9:41 am

        Das Idealbild der Freiheit herrscht vielleicht in einem herrschaftsfreien Raum, aber wo existiert der? In der idealen Theorie wird er nie umschrieben, weswegen er auch kein Problem darstellt. Würde er umschrieben, würden sich die Widersprüche zeigen.

        Natürlich klingt es seltsam und beschränkt, wenn man Freiheit als Freiheit vor anderen bezeichnet. Aber ich kenne keinen anderen praktischen Freiheitsbegriff. Der humanistische Freiheitsbegriff ist ebenso eine Freiheit vor anderen, wie der des Volkes, nur dass er umfassender. Und auch Tierschützer & Veganer werden nicht ganz der Freiheitsbeschränkung vor einer anderen Existenz entrinnen können.
        Weil der Begriff nicht nur emotional geladedn, sondern auch unglaublich dehnbar ist, lässt er sich ebenso wie „Solidarität“, „Gerechtigkeit“, „Frieden“ für politische Pläne instrumentalisieren. Die Offenlegung einer Gemeinschafts-, Gesellschafts- und Subjekttheorie ist meines Erachtens deshalb so notwendig, weil die oben genannten Begriffe eine Funktion der Gemeinschaft/Gesellschaft sind. Gerechtigtkeit für wen? Frieden für wen? etc. Und auch „alle“ sagt nichts über die Bezugselemente.

      • metepsilonema 13. Juni 2009 um 12:33 pm

        Das ist eine Frage von Wechselwirkung: Der herrschaftsfreie Raum ermöglicht Freiheit, und letztere wiederum benötigen wir um Handlungen zu setzen oder zu vermeiden, die seine Entstehung begünstigen oder verunmöglichen. Was ich oben schrieb ist selbstverständlich idealisiert, und ich habe versucht es durch meinen letzten Satz zu konterkarieren. In der theoretischen Betrachtung kann ich letztlich nur feststellen, dass es Widersprüche geben wird, und mir Handlungsalternativen überlegen. In der Praxis geht es darum, seine Vorhaben und Handlungen im Sinne der Theorie zu gestalten, und Rückkoppelungen bzw. Wirkungen aufzunehmen, die dann wiederum die Theorie verändern. Deswegen evolutiv, deswegen diskursiv. Durch ständige Passungen werden Änderungen gelingen.

        Der humanistisch gefärbte Freiheitsbegriff – wie Du richtig sagst, Freiheit vor der Freiheit anderer Wesen (ich wollte das auch gar nicht als seltsam herausstellen) – ist dabei ähnlich zu verstehen, nämlich als eine Basis, die wandelbar ist: Ein Veganer bewegt sich auf anderen Wegen als ein Fleischesser (der eine ist aber deswegen kein besserer Mensch als der andere), und beide vermögen ihre Sicht der Dinge zu artikulieren und zu diskutieren – eine Basis für Änderung, Entwicklung und Abstimmung. Vor mehr scheue ich zurück, und ich wüsste auch keine Rechtfertigung dafür.

        Der Dehnbarkeit wegen (guter Punkt!), sollten wir allen misstrauen, die sich Kritik entziehen, und uns nicht genau sagen wollen, was sie mit ihren Begrifflichkeiten eigentlich wollen.

        Da Gemeinschafts-, Gesellschafts- und Subjekttheorie eine Funktion der Gemeinschaft und damit auch von Kultur sind, müssen sie offen gestaltet werden, d.h. Änderungen ermöglichen, was mich dann wieder zu den oberen Zeilen meines Kommentars zurückführt.

        Ein weiteres Problem, das ich auch an mir selbst erkenne: emotional/empathisch zu handeln und theoretisch zu überlegen kann diametral auseinander fallen.

      • Lara 13. Juni 2009 um 4:57 pm

        Ja, das mit dem „ist dadurch nicht besser“ ist eine wichtige Sache. Natürlich ist kana Vegana besser als ein Mensch, der Fleisch isst. Manchmal habe ich den Eindruck, viele Fleischessa glauben, dass Veganan und Vegetarian ihnen das zum Vorwurf machen. Die offene Kultur, da gebe ich dir vollkommen Recht, ist die Kommunikationspattform, auf der sich Konflikte am dynamischsten austragen lassen. Den Konflikt, den du ansprichst, nämlich der Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis, hatte ich in diesem Thread (http://mojamalarevolucja.wordpress.com/2008/11/30/vortraglicher-und-nachtraglicher-tabubruch/) ja einmal mit dem offensichtlichen Problem herausgestellt, dass man dem eigenen Wertesystem nur schwerlich entfliehen kann und noch viel weniger in einer kommunikativen Situation (die Konsequenzen einer normabweichenden und schwer-verständlichen Meinung ist im Kopf halt geringer :).
        Wenn man den Humanismus als Rassismus analysiert (wie es ja mit der Terminologie z.B. von Foucault durchaus möglich wäre) dann stellt man ihn auf eine gleiche Ebene wie z.B. die Apartheid. Ich finde das durchaus legitim, solange man dazu in der Lage ist das Analysemuster wertfrei anzuwenden. Das ist zugegebenermaßen sehr schwierig, weil man dadurch eigene Tabus verletzt, im Gespräch evtl. die No-Gos Anderer.
        Eine Lösungsstrategie ist vielleicht, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die Vergleiche nicht der Reetablierung des absurd erscheinden Vergleichsgegenstandes dienen, sondern der Aufdeckung ähnlicher Strukturen in der Gegenwart, die wir konsequenterweise ablehnen müssten und die wir unter Umständen gerne übersehen, weil mit den Gegebenheiten zufrieden sind.

        Natürlich lehnen wir Pädophilie ab. Meiner Meinung nach ist die Frage, ob wir es tatsächlich ablehnen, weil Rechte verletzt werden, oder weil wir es einfach pervers finden? Gerade was beispielsweise den Bereich der Päderastie oder der (sexuellen) Beziehungen mit Minderjährigen angeht, bin ich mir nicht sicher, ob der Komplex nicht sehr stark auf Gewaltverbrechen ausgerichtet ist und Alternativen begrifflich überhaupt nicht mehr fast.

        Auf die Thematisierung von Tabus wird in den meisten Fällen mit radikaler Einschränkung des Diskurses auf unterschiedlichster Weise reagiert. Auch eine Art der Freiheitsbeschränkung. Vielleicht ließe sich durch die Suche nach Tabus zumindest das diskursive Freiheitsfeld skizzieren lassen.

      • metepsilonema 14. Juni 2009 um 9:57 am

        Nun, manche Veganer bzw. Vegetarier vertreten ihr Anliegen sehr offensiv, das provoziert Widerstände; auf der anderen Seite meint man Vorwürfe zu hören wo keine sind, und reagiert zu emotional.

        Zur Pädophilie: Das ist mehr eine Frage sozialen Lernens und Vermittelns: Etwas das verhindert werden soll (ursprünglich scheint mir plausibel, dass man Minderjährige einfach als verletzlich und schutzlos ansah) wird tabuisiert und sozial geächtet – dann tritt die Abscheu („das ist pervers“) mehr und mehr in den Vordergrund (mit ihren Vor- und Nachteilen).

        Vielleicht ließe sich durch die Suche nach Tabus zumindest das diskursive Freiheitsfeld skizzieren […].

        Ja. Es kann aber – im Sinne von kultureller Verständigung etwa -, notwendig sein Tabus anzusprechen, es ist vielleicht unentbehrlich. Sich auf seine eigenen Tabus einzulassen, kann wiederum einen Freiheitsgewinn bedeuten.

        Was mir auch wichtig erscheint, wofür ich aber keine Lösungsmöglichkeit sehe, ist, zu verhindern, Freiheit zu nutzen um Unfreiheit hinterrücks zu etablieren. Muss man sich hierbei auf das Wohlwollen anderer verlassen?

        Die von Dir verlinkte Diskussion wollte ich ohnehin mal fortsetzen…

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