Rodentia ad portas IV: Das leere Nest.

Immer wieder versuchen wir auf drollige Art und Weise die Übellaunigkeiten unseres Daseins zu bewältigen. Wir überhöhen ihren Schaden, und deuten sie als Lehre, was uns zuzüglich der erwünschten psychischen Ausgeglichenheit auch noch Nutzen verspricht. Wir machen uns glauben, dass wir im Stande sind, aus Erfahrung zu lernen. Das solcherart beschwichtigend Dahingesagte – gerne sprechen wir vom Leben als dem besten aller Lehrmeister – könnten wir bedenkenlos auf den Müllhalden der Gemeinplätze entsorgen, ergäbe sich daraus nicht die Frage, warum wir gerade von diesem besten aller Lehrmeister, so wenig lernen.

Der Irrtum ist schnell aufgedeckt, und durch die unrichtige Annahme bedingt, die das Leben als den besten und nicht als den geduldigsten Lehrer aufzufassen geneigt ist, denn eben jenes Leben verteilt, trotz aller Misserfolge, seine unendliche Weisheit stets in Form kleiner und kleinster Nadelstiche, auf die unsere Hornhaut mit steigender Lebensdauer und Stichhäufigkeit zunehmend unempfindlich reagiert, und uns als dickes Leder endlich, vor all zuviel Klugheit wirksam zu schützen weiß. Das erklärt unsere Lernresistenz schlüssig, und alleine deshalb sind alle wortgewandten Verlautbarungen, die eine asymptotische Näherung der älterlichen Lernkurve an die Weisheit behaupten, nicht weiter ernst zu nehmen. Nicht Jugend oder Alter, der ewige Streit ist längst entschieden, sondern der Säugling ist das Gefäß der Weisheit! Oder eben das Alter, wenn entgegen sonstiger Gewohnheit, keine Nadeln, sondern Nägel mit dem Vorschlaghammer in das entsprechende Gesäß getrieben werden.

Doch, gelegentlich, und völlig konträr zu jener Regel, wird unser Hautschutzgürtel löchrig und empfänglich. Das geschieht spontan und vornehmlich nachts, wenn unser Bewusstsein dämmert, und wir ohnehin im Dunkeln tappen. Ich kniete, um einen letzten Rest Zweisamkeit zu bewahren, gemeinsam mit einer Tasse Grüntee zu entsprechender Zeit gerade vor dem Mäusekäfig, und verteilte Nüsschen in dafür bestimmte Gefäße, als ich endlich den Stachel in meinem Fleisch gewahrte: Man war, vermutlich mit Erato verbandelt, aufgebrochen, um seine Sehnsüchte nach der farbigen Pracht exotischer Gefilde zu stillen, und hatte mir, als ob der Verbleib in der städtischen Betonwüstenei nicht schon genug gewesen wäre, zu Teil und Aufgabe werden lassen, die zurückgebliebenen Haustiere zu umsorgen. Es schmerzt, aber Schmerzen lindert man, in dem man sich die überragende Bedeutung der gestellten Aufgabe in Erinnerung ruft.

Ich beliebe nicht zu scherzen: Man darf die regelmäßigen Fütterungen keineswegs auf die leichte Schulter nehmen, ja man muss sich ihrer mit größt möglicher Verschlagenheit widmen, und die Mäuse bei Laune und hohem Körpergewicht halten, denn nur das verhindert, dass aufrührerische Gedanken in ihren engen Schädelhöhlen jenen Platz beanspruchen, der für adrettes Verhalten und gute Etikette vorgesehen ist. Das Ergebnis hieße, man errät es leicht, Revolte, und wer wollte diese nicht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern? Wohl gemerkt, ich spreche nicht von einzelnen Tieren die Knüppel schwingen oder Flinten laden, und vergebliche Mühen darauf verwenden die Weltherrschaft an sich zu reißen, sondern ich meine organisierte Scharen, die versuchen das Joch der Menschheit abzuschütteln, die sie in Löcher, Kanalisationen, Laboratorien und Käfige zwang. Gegen diese grau-braun-weißen Massen nutzt die beste Schrotflinte so viel wie ein Knallfrosch, und folglich hält man sie nieder, indem man sie füttert, solange, bis die Bauchdecke auf der Erde streift, und ihre Triebeskraft erschlafft.

Stolz betrachtete ich das Geleistete. Ich hatte die fettesten Körner und Nüsse herausgesucht, und die vorgesehene Ration verdoppelt. Ich klappte die Käfigtür zu, und entdeckte just in diesem Moment eine Unregelmäßigkeit im zweiten Fach des hinter dem Käfig stehenden Bücherregals: Karl Marxens Kapital, Band eins. Der Grund warum es meine Aufmerksamkeit erregte war nicht das Buch selbst, sondern seine Haltung. Es tanzte aus der Reihe, war es in diesem doch überaus sorgfältigen Haushalt das einzige Buch des gesamten Regals, das schräg an seinen Nachbarn, den zweiten Band gelehnt, und etwas vorgerückt dastand, so dass es ein wenig über die hölzerne Kante des Regalbretts ragte. Ich trat vor die Bücheraufbewahrungsstätte und wollte dem Wälzer wieder in eine aufrechte Lage verhelfen, da gewahrte ich zahlreiche, bedrückende Mängel an seinem Erscheinungsbild, ja es erinnerte an ein geschorenes Schaf oder ein gerupftes Huhn, denn die unteren Ecken zahlreicher Seiten waren wie in seltsamer Angewohnheit entfernt worden. Einen Augenblick später taumelte ich wie vom Blitz getroffen: Wenn Mäuse die selben Angewohnheiten haben wie ich, der die Ecken von Seiten umbiegt weil er kein Lesezeichen benutzt (selbstverständlich biegen Mäuse nicht, sie nagen), dann heißt das nicht nur, dass sie nicht im Käfig sind, sondern auch noch im Kapital gelesen und seine Seiten benagt hatten. Und tatsächlich: Ich hatte die Tiere während der letzten Fütterungen nie im Käfig gesehen, aber die wankelmütigen Gesellen unter der Streu vermutet. Zu allem Unglück – zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit fühlte ich (welch unerwartete Steigerung meiner empathischen Fähigkeiten!) mich wie ein vom Blitz durchflutetes Stück Metall – stand in irgendeinem der zahlreichen Bücherregale auch noch das „Kommunistische Manifest“.

Warum man dem „Manifest“ nicht die Nähe des „Kapitals“ vergönnt, und es zwei Regale weiter untergebracht hatte, entzog sich meiner Kenntnis, aber wie es sich gleich herausstellen sollte, war das von untergeordneter Bedeutung. Das „Manifest“ bildete den Abschluss einer der wenigen Reihen, die noch nicht zur Gänze gefüllt und mit waagrecht gelegten Büchern vollgestopft waren. Ich brauchte nicht lange darin zu blättern, bis ich erkannte, dass es derselbe feinsinnige Leser in Händen oder Pfoten gehalten haben musste. Ich prüfte noch einige weitere Bücher in Umkreis und Nachbarschaft der Marx’schen Schriften, aber vergeblich, sie alle (sogar Band II und III des „Kapitals“) wiesen keine Spuren substanzverzehrender Lektüre auf.

Ich hatte nicht nur nicht anwesende Mäuse erfolgreich gefüttert, sondern diese würden aller Wahrscheinlichkeit nach bald den Aufstand gegen den Klassenfeind ausrufen. Wunderbar! Ich lief in die Küche, betrachtete kurz die nur grob zerrissenen, gezähnten, und lanzettartig geformten Blätter der mir unbekannten Grünteesorte, die ich bereits zuvor schätzen gelernt hatte, und bereitete mir eine Kanne zur Beruhigung meiner Nerven und Festigung meiner Gedanken. Da das nicht ausreichte, wandelte ich mit einer gut gefüllten Tasse in das Schlafzimmer, welches – zweifellos noch vor dem Bett sein bedeutendstes Utensil – eine umfangreiche Comicsammlung beherbergte, um mir ein entspannendes Heft aus dem Regal zu angeln, aber da wurde alles noch viel merkwürdiger. Auf dem Boden vor dem Regal lag ein dickes, gebundenes Comic: „V wie Vendetta“.

Die Ecken waren, wie zuvor, benagt. Nun ließ es mir keine Ruhe. Ich musste sicher sein, ob die Tiere tatsächlich nicht im Käfig waren, denn die Fraßspuren bewiesen im Grunde nichts, sie konnten alt sein. Andererseits, wenn die Tiere Bücher in antiintellektuellem Dünkel befallen haben sollten, war die Weltrevolution zwar abgewendet, aber immerhin stand noch mein Ansehen als umsichtiger Bewahrer haustierlicher Glückseligkeit auf dem Spiel – und selbstverständlich die bibliophile Sammlung meiner Freunde.

Für gewöhnlich sind Mäusekäfige dezentral organisiert, zumindest wenn man die Gewohnheiten der Tiere in den Vordergrund rückt. Noch niemand hat herausgefunden, ob sie lieber schlafen, fressen, oder ihresgleichen durch den Käfig jagen, daher die multiplen und gleichwertigen Mittelpunkte: Haus, Futterschälchen und Klettergerüst. Und da Mäuse eifersüchtige Tiere sind, muss alles gleich dreifach vorhanden sein – bei vier Mäusen selbstverständlich vierfach usw. Geschäftstüchtige Händler versuchen Mäuse deshalb immer in ganzen Rudeln an den Mann oder die Frau zu bringen.

Käfige sind Kunstwerke, filigrane Geflechte, die mit messianischem Sendungsbewußtsein bestückt, gepflegt und kontrolliert werden; der Besitzer prägt, erweitert und richtet ihn ein, wie ein Gärtner, der neue Bäume pflanzt, Laub recht, und Unkraut jätet. Daher ergeben sich zwei Gefahren wenn man einen Mäusekäfig auf Vakanz prüfen will: Macht man sich an ihm zu schaffen, setzt man sich den Eitelkeiten und der Rachsucht seines Schöpfers aus, wobei nicht unterstellt werden soll, dass unter den Käfigbesitzern dieser Welt nicht auch Güte zu finden wäre (böse Zungen behaupten, dass die Käfige dann leer sein müssten). Weit gefährlicher sind jedoch die Bewohner selbst, die die kleinsten Verschiebungen der käfiglichen Enge mit kleinbürgerlichem Eifer verfolgen, selbst wenn man bloß ihr Futterschälchen füllen wollte. Rücksicht oder gar Pardon, so viel steht fest, kennen sie keinen. Gute Gründe allesamt, sich dem Käfig als Unbeteiligter nur dann zu nähern, wenn Notwendigkeiten es nahelegen, und man auf ihrer Grund mit der Milde der Bewohner rechnen kann (zumindest statistisch gesehen werden fütternde Hände seltener gebissen, als leere).

Die unachtsame Überschreitung eines kleingärtnerischen Saums kann lebensgefährlich sein, und ähnlich würde auch die Demontage eines Käfigs enden (findige Köpfe erkunden das Käfiginnere nur mit kettenbehandschuhten Händen, denen zusätzlich der zartere Verwandte in Leder übergestülpt wird, um beim Herannahen der bisswütigen Bewohner in Fontanes Melodie einzustimmen: „Hei! Wie Splitter brach das Gebälk entzwei. Tand, Tand ist das Gebilde…“). Aber um ehrlich zu sein, im selben Maße scheute ich die Mühe und den Schmutz, die das Entfernen und die Rückführung der Miniaturutensilien (die wichtigsten: Kletterseile, Laufstege, aus- und einklappbare Brücken, Laufräder, Futterschälchen, Plattformen, Leitern, Unterschlupf, Trinkflasche und Futter in allen erdenklichen Variationen) und der Bodenstreu verursachen würde; außerdem gedachte ich mich in Geduld und Eleganz zu schulen, was nun wirklich dringend notwendig war, und beschloss daher zu warten bis die turn- und lauffreudigen Vierbeiner ihre Köpfe heben, und durch Zimmer oder Käfig trollen würden, um dabei den Ort ihres Verweilens selbst preis zu geben.

Was wäre das Leben ohne Grüntee? Ich richtete mir abermals eine Kanne des bekömmlichen Getränks, und gab mir die pragmatische Antwort, dass man sich dann an die anderen Farben halten müsse: Weiß, Gelb, Schwarz. Und selbst dann waren nicht alle Alternativen ausgeschöpft. Ich überlegte einen knappen mitleidvollen Gedanken an die Kaffeetrinker dieser Welt zu verschwenden, entschied mich aber anders, und wandelte ins Schlafzimmer, um in Begleitung von Harold Foster und Prinz Eisenherz wieder im Wohnzimmer Einzug zu halten. Ich setzte mich auf das Sofa, legte meine Füße auf dem Hocker, und die Comics auf meine angewinkelten Knie. Der Tee dampfte in einiger Entfernung, die Mäuse konnten sich Zeit lassen, denn Eisenherz war ein Held jugendlicher Tage und ich freute mich auf ein Wiedersehen.

Feuer und Tod kamen aus den Sümpfen; sie gelangten unversehens in die kleine Bucht, getragen von einem Häuflein mutiger Männer, die aus kleinen Booten Brandkugeln, Pech, und Pfeile auf ihre Feinde niederregnen ließen. Die Sachsen gerieten in Panik. Sie glaubten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite zu haben, und waren nun selbst in eine Falle geraten. Schwimmer schoben kleine, brennende Flöße zu den ankernden Schiffen, aus deren Rümpfen bald Flammen schlugen, die sich schneller ausbreiteten, als sie gelöscht werden konnten. Qualm und Rauch hüllten Männer und Schiffe ein, und begünstigten das zerstörerische Werk, machten die Angreifer unsichtbar, und ein Entkommen aus der Bucht unmöglich. Horsa befahl die Landung, um sich dem aus dem Dickicht der Sümpfe operierenden Feind zu entziehen, um sich zu sammeln, und fortzusetzen wozu man gekommen war. Doch als die Sachsen aus dem Rauch stolperten, mit Tränen in den Augen, und nach Atem ringend, als sie den Strand hinaufwankten, ein unformierter, wilder Haufen, da erkannten sie, dass man sie längst erwartet hatte. Eine fürchterliche Schlacht entbrannte, in der die Streitmacht der Sachsen völlig aufgerieben wurde, und König Arthurs Ritterheer einen glänzenden Sieg errang. Die wenigen Schiffe die aus der Bucht entkamen, waren leichte Beute für die Mannschaften auf den Kriegsschiffen des Königs.

Später, nach den Siegesfeiern, begleitete ich den Prinzen, mit dem ich Freundschaft geschlossen, und Seite an Seite gegen Horsa gekämpft hatte, auf seiner Fahrt. Land auf, Land ab sprach man von Andelkrag, der sagenumwobenen Burg Herzog Camerons, die von einem riesigen Hunnenheer belagert wurde. Das war nach unserem Geschmack, etwas für mutige Männer, den Bedrängten beizustehen. Ein kundiger Mann führte uns drei Tage lang über Steile Pfade, Pässe und Sättel, bis die prächtige Burg vor uns lag. Sie war von den Hunnen völlig eingeschlossen, und blickte dennoch trotzig auf sie herab. Des Nachts und mit Hilfe einer List konnten wir den Belagerungsring durchbrechen und in die Burg gelangen. Wir wurden freudig begrüßt, und waren überrascht von der Fröhlichkeit und dem überschwänglichen Leben, den Feiern und Festbanketten der Verteidiger, die sich selbst durch diesen übermächtigen Feind nicht von ihren Gewohnheiten abbringen lassen wollten. Die Hunnen stürmten, und wir warfen sie zurück; von den Mauern und Türmen, die sie mit Leitern und Seilen erklettert hatten, wir trieben sie aus den Breschen die sie schlugen, verfolgten die Fliehenden in wilden Ausfällen, und das Spiel wäre, dank der nicht erlahmenden Kräfte der Verteidiger, wohl ewig weitergegangen, hätten sich nicht die Vorräte zu Ende geneigt, und der Herzog einen letzten Ausfall befohlen. Lieber im Kampf untergehen, als hinter den Zinnen verhungern. Durch einen geheimen Gang gelangten wir in den Rücken der Angreifer und überrumpelten den überraschten Feind, den nur seine schier unermessliche Masse vor dem Untergang bewahrte. Nach und nach wurden wir weniger und wären wir nicht vor Durst und Kräftemangel zusammengebrochen, uns hätte dasselbe Schicksal wie Cameron und seine Mannen ereilt – sie endeten wie sie es erhofften, im ritterlichen Kampf.

Als einzige mit dem Leben davon gekommen, beschlossen wir den Tod des Herzogs und seiner Edlen zu rächen, und organisierten Widerstand gegen die Eindringlinge. Der Hass auf die Hunnen war groß, und man musste die Versprengten, die Fliehenden und Verzweifelten nur sammeln und ihr Vertrauen gewinnen. Mit strategischem Geschick, Kleinkrieg, und tollkühnen Kämpfern war unsere schlagkräftige Truppe bald von den Hunnen gefürchtet. Wir vernichteten viele kleine und mittlere Verbände, plünderten Nahrungs- und Waffentransporte, setzten dem Feind zu, wo wir ihm habhaft werden konnten, und verschwanden in den Wäldern ehe er sich besinnen und zurückschlagen konnte. Kopfgeld wurde ausgesetzt, Spähtrupps durchpflügten die Landschaft, aber alle Mühen blieben ergebnislos. Als es uns schließlich gelang einen großen Verband in eine gut vorbereitete Falle zu locken und zu vernichten, gaben die Hunnen auf. Sie zogen sich über den Pass den wir unsicher gemacht, und den sie nie in ihre Hand bekommen hatten, zurück. Von dort beobachteten der Prinz und ich die Truppenbewegungen; er traute dem listigen Feind nicht, und argwöhnte, dass wir uns in Sicherheit wiegen sollten.

Auf dem Rückweg ritten wir entlang eines Waldsaums, beide gedankenverloren und in sich gekehrt. Plötzlich scheuten unsere Pferde. Holz splitterte. Ein Ast traf mich, und schleuderte mich aus dem Sattel. Ein Untier, das sich im dichten Gehölz des Waldrandes verborgen hatte, fiel über uns her. Auf zwei Füßen stehend, packte es den Prinzen und riss ihm mit seinen mächtigen Zähnen den Kopf vom Leibe; dann schleuderte es den zuckenden Körper zu Boden, machte kehrt, fällte dabei mit seinem Schwanz etliche Bäume, und war auf und davon. In mitten einiger großer, von übermenschlicher Kraft umgerissenen Bäumen, sah ich den leblosen, enthaupteten Körper des Prinzen. Der Boden ringsum war blutüberströmt, das singende Schwert lag unweit von ihm. Im lehmigen Boden entdeckte ich riesenhafte fünfzehige Abdrücke. Dergleichen hatte ich noch nie erlebt; dieses Geschöpf, was auch immer es gewesen sein mochte, war keine Echse, kein Drache, und selbst in Sagen oder Erzählungen war niemals ein Ungetüme dieser Gattung besungen worden – dicht behaart, mit glattem, langem Schwanz, und auf zwei Beinen laufend. Ich kniete neben dem Prinzen nieder, und blickte noch einmal in die Richtung in die das Untier verschwunden war. Mir entfuhr ein heiserer Schrei, denn es war nur ein Stück in den Wald gelaufen, und starrte mich an, in der linken Pranke den Kopf des Prinzen. Ich zog mein Schwert und stürzte auf es zu, als mich nach ein paar Duzend Schritten ein Stechen in meinen Knien einknicken lies, und mir zu schwindeln begann. Der Wald vor meinen Augen versank in trübe Schleier, ich wankte, aber nach einigen Augenblicken gewannen die Konturen wieder an Schärfe.

Ich sah den Kopf des Prinzen im Rachen einer auf meinem Knie sitzenden Maus verschwinden, die sich bei ihrem genüsslichen Mahl nicht stören lies. Ich besann mich einige Augenblicke – um dem Kopf des Edlen habhaft zu werden, hatte sich die Maus ihren Weg durch eine ganze Seite genagt -, und stürzte mich, in Ermangelung eines Schwertes, mit bloßen Händen auf sie. Ich bekam den pelzigen Körper kurz zu fassen, dann fielen wir beide vom Sofa, und sie entschlüpfte mir. Ich nutzte meinen Schwung, machte eine Rolle vorwärts, sprang zur Zimmertür und warf sie zu. Dann ergriff ich wahllos Gläser, Teller, Orangen und Bananen aus der Obstschale, und einige andere Gegenstände, die auf dem Wohnzimmertisch abgestellt waren und warf sie nach dem Untier, das hinter den Büchern im Regal Deckung suchte. Statt für Freiheit zu streiten, musste ich meine Ritterlichkeit im Gebälge mit einer Maus unter Beweis stellen.

Das größte Defizit meines Vorhabens der Mäuse wieder habhaft zu werden, rückte allmählich in mein Bewusstsein: Ich hatte mir nie genau überlegt, wie ich Falle des Falles, selbige wieder einfangen könnte. Als ob sie es ahnte, bildete die Maus – signalisiert durch ein heiseres Fiepsen -, mit ihren herbeieilenden Gefährten eine (Mäuse)Rotte, die versuchte, die Bücher als Deckung nutzend und von Regalbrett zu Regalbrett springend, die zweite, noch offen stehende Zimmertüre zu erreichen. Ich begann die Regale mit Sperrfeuer verschiedensten Kalibers – diesmal: Tassen, Gläser, Flaschen, Blumentöpfe, eine hübsche Vase, etc. – zu belegen, und auf diesem Wege die geplante Fluchtstrecke unpassierbar zu machen. Die Mäuse zogen kurzfristig ihre Köpfe ein, und ich nutzte ihren taktischen Fehler, um den neben mir stehenden Stuhl auf die zweite Tür zu schleudern, die getroffen, krachend zufiel.

Die Mäuse hatten sich hinter dem „Mann ohne Eigenschaften“ versammelt, und – ich hatte beschlossen die Initiative nicht mehr aus der Hand zu geben – mein Näherkommen freilich bemerkt. Auf dem Hocker neben dem Sofa lag eine Stofftasche, die ich im vorbeigehen an mich nahm. Gut genug für drei Mäuse, dachte ich und setzte meinen Weg in Richtung Musil fort. Nach zwei weiteren Schritten sprangen die Mäuse auf und jede in eine andere Richtung davon, was mich dazu veranlasste, mit zwei Händen nach allen dreien, und folglich vor allem in die Luft zu greifen. Trotzdem hatte ich einen Mäuseschwanz zu fassen bekommen, da aber das Antennenkabel für die Vierbeiner Partei ergriff, und sich um meine Füße wand, lies ich los, als ich geradewegs in Richtung Bücherregal stolperte und mir, da es unnachgiebig blieb, einige blaue Flecken einhandelte. Damit nicht genug, kippte es nach einigen Momenten inwendiger Prüfung und landete krachend auf dem Wohnzimmerboden. Der Nachbar dankt’s, Sofa und Teppich dämpften den Fall. Die Mäuse entkamen, da ich, an Leib und Leben hängend, der Flucht vor dem Gewicht der Literatur Vorrang gegeben hatte.

Was danach geschah weiß ich nicht mehr, und die Erinnerung an meine Gedächtnislücke treibt mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht. Wie ausgelöscht sind die letzten Minuten – der Leser mag an dieser Stelle ein dickes Fragezeichen anfügen -, die ich in der Wohnung verblieb; ich kann mich weder erinnern wie ich sie verließ, noch wann ich aufgehört hatte den Mäusen nachzustellen, und auch nicht wie ich ins Bett gekommen war. Nur eines blieb mir deutlich vor Augen: In der Nacht kämpfte ich gegen Riesenmäuse, und wurde dabei etwa zehnmal verschlungen, zernagt und zerrissen (selbstverständlich bin ich nach jedem gewaltvollen Tod aufgewacht).

Bis in den Vormittag hinein erholte ich mich von den Strapazen der Nacht. Als ich mich zu Mittag endlich auf die Strasse wagen wollte, fand ich ein Päckchen feinster Gewürze mit einem beigefügtem Notizzettel vor meiner Wohnungstür. „Wir sind wieder zurück. Vielen Dank für die achtsame Pflege und die wohlgenährten Tiere.“, stand da geschrieben: „mit herzlichen Grüßen, L & F“. Erst jetzt fiel mir die verunstaltete Wohnung wieder ein, die über den Teppich verteilten Splitter und Späne, das beschädigte Sofa, die ramponierten oder zerstörten Regale, der Sessel … ich verstand nichts mehr, machte kehrt, und legte mich wieder ins Bett.

Erst dann tauchte ein weiteres Detail aus dem diffusen Tageslicht, von dem ich allerdings nicht mehr zu entscheiden vermag, ob es dem Traum oder der Realität entstammt. Der Schrank, dessen Türe wegen des umgefallenen Regals aufgesprungen war, beinhaltete zwei Kunststoffwannen mit Erde. Einige kleine Keimlinge stritten sich um das matte, flackernde Licht das ihnen eine Leuchtstoffröhre spendete. Die Erde war feucht, und in einem kleinen Tiegel entdeckte ich grau-braune Samen. Ein ungeduldiges Ticken lies mich die Tür sogleich wieder schließen.

Eine Antwort zu “Rodentia ad portas IV: Das leere Nest.

  1. metepsilonema 21. Juli 2009 um 9:52 pm

    Ich habe den Text noch einmal leicht überarbeitet und den einen oder anderen Fehler korrigiert.

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