Abends.

Fünfzehn Stockwerke über uns wäre man einer schüchternen Dissonanz begegnet, und trotzdem verglich man uns später mit einer Affenhorde, die die Nachbarn am liebsten durch die Staatsgewalt hätten bekämpfen lassen. Aber die trägt auch grün.

Payer hält. Wir lassen uns in die Sessel fallen, und atmen aus. Die Konferenzschaltung raubt den letzten Nerv. Endlich: Ein abgefälschter Freistoß – violett ist weiter, und wir wieder in Birmingham. Und sieben Minuten später, beinahe dasselbe. Wieder die Nummer sieben, wieder über die rechte Seite. Aber Young vertraut man nicht mehr. Und diesmal sitzt er, scharf und wuchtig. Aber das ändert nichts.

Wir wussten, dass wir Tore bekommen werden; dass dieses eine nicht reichen würde, aber ein beherztes Ringen alles ermöglichen könnte. Die Konferenzschaltung zerstückelt die erste Hälfte, und lässt wenig mehr als die Pause, aber weder ist Rom verloren, noch die Engländer weiter.

Minute 53; Ballverlust an der linken Flanke auf Höhe der Mittellinie; ein Laufpass, ein Innenhaken im Sechzehner, und flach auf’s kurze Eck: 2:0. Obwohl die Hoffnung grün ist, beginnt sie zu welken, und das Bier schal zu schmecken. Aber selbst das ändert nichts. Die 1400 geben nicht auf, und wir halten uns an den letzten verbleibenden Strohhalm, die finalen fünfzehn Minuten, obwohl noch mehr als 30 zu spielen sind.

Ich betrachte den geviertelten Fußball auf dem Teller vor mir, picke einige Brösel mit meinem Finger auf, und denke daran, dass man ihn noch hätte grün färben können. Aber das wäre albern gewesen, und wohlschmeckend war er auch so.

Maierhofer fällt rücklings, Guzan pariert, Jelavic schießt, am Fünfer stehend, aber kein Schrei wird den Hals verlassen – wir ringen nach Luft, und sinken zusammen. Das wäre es gewesen. Oder Hofmann zuvor.

Die letzten 15 Minuten. Zunächst Katzer, aber Guzan pariert erneut; der Ball rollt Richtung Elfmeterpunkt, und nun passt er. Ein Billardstoß ins lange Eck, zweimal springt der flache Ball auf, dem Verteidiger über den Fuß: 2:2. Die Leiber ketten sich an einander, wie von Gewalt getrieben, schlingen sich Arme um Brust und Schultern, und immer weiter spannt sich der Bogen, bis die Körper einander wieder freigeben, und erlöst ihre Plätze besetzen.

Die Zeit hinkt, steht, wie die Schwüle einer Sommernacht, die der Wind nicht vertreiben kann. Was gäbe man um sie anzuspornen, fortzuwälzen, ein wenig schneller zumindest, aber sie lässt sich nicht zwingen, und so werden die Sekunden zu Minuten, und wir überspielen mit zaghaften, unbeholfenen Bewegungen die Qualen, die uns unsere Hoffnung bereitet hat. Alles schwimmt wie im Fieber. Die Engländer bäumen sich auf, und setzen nach. Noch ein letztes Mal, für einen Augenblick, steht alles still. Wie Wollen und Nichtwollen auf so engem Raum zusammenfinden? Im Gegenzug Hofmann – und man möchte sich jedes Haar einzeln ausreißen. Noch vier Minuten. Dann erschlaffen die Muskeln. Morgen habe ich frei.

Und irgendwann treten wir hinaus in die Nacht.

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