In einer Stadt.

Die Luft trocknete Mund und Rachen – das Lebenerhaltende, das eigentlich Unmerkliche, wurde überdeutlich und zur Qual.

Eine metallene Gerte peitschte sonderbar geformte Laute über den Platz. Sie querten die große, weite Fläche, schossen wie die Brandung über das Denkmal, das in ihrer Mitte aufragte, und über die marmornen Quader hinweg suchten sie ihr Ziel auf der anderen Seite.

Vorbei an den eisernen Gittern, den schweren Vorhängen, die die Glut der Tagesmitte auszusperren vermochten, traten sie durch die Fenster der Läden, durchstiegen Gänge und Treppenhäuser, und erreichten, ohne Unterschied, die Kammern und Räume der Bewohner. Sie legten sich über die Kleidung der Menschen, ihr Haar, und krochen in ihr Innerstes, gleichgültig ob sie sich auf der Straße befanden, in den Häusern saßen, oder am Rande des Platzes, dicht gedrängt, wie vor einer unsichtbaren Mauer aufgereiht standen. Viele, die seit den Morgenstunden in kleinen Gruppen beisammen waren, verstummten. Ihre Gestiken erfroren. Es war, als ob sie das Verbot erst jetzt erkannt, und ihr Zuwiderhandeln erschrocken eingesehen hätten. Sie blieben, schuldbewusst, und starrten auf den Platz und das Denkmal.

Licht spielte über die weißen Quader. Seine runde Basis ging unmittelbar in drei rau behaue, schräg gegeneinander gelehnte und in mehreren Metern Höhe schraubig in einander verflochtene Steinformationen über. Das Denkmal war immer schon dagewesen, und an den Grund seiner Errichtung schien sich niemand mehr zu erinnern, jedenfalls war er nicht offensichtlich, und es gemahnte an keine Person, kein historisches Datum oder Ereignis, und war in diesem Sinne auch kein Denkmal, obwohl es alle so nannten. Es war einfach da, und weil es keinem bestimmten, erkennbaren Zweck diente, entwickelten die Menschen vielfältige Beziehungen zu ihm.

Das Denkmal war Freund und Begleiter während der tagtäglichen Verrichtungen, es leuchtete blass im Mondlicht, wie ein Wegweiser, und rot-orange in der Dämmerung; und wenn es regnete, floss das Wasser in Strömen über den Stein. Danach war es besonders schön, denn der Regen wusch den Sand, den der Wind über den Platz trug, und der sich in den Vertiefungen der Steinquader verfing, und sie gelbbraun verfärbte, ab.

„Am Nachmittag vor dem Denkmal!“, riefen die Kinder einander beim Verlassen der Schule zu, und sie sprangen, wenn das Wetter gut und der Nachmittag frei war, über die steinernen Stufen oder kletterten ein Stück weit aufwärts, bis sie meinten den Himmel berühren zu können. Sie teilten, wie viele andere, auf diese Weise ihre belanglosen und dennoch wichtigen Handlungen und Zeitvertreibe, und das Denkmal war ihnen ein großer Bruder auf dem man herumtollte und den man dabei doch respektierte. Die Älteren trafen sich vor dem Denkmal, bevor sie gemeinsamer Wege gingen oder aber sie ruhten in seinem Schatten, und träumten, wie die Liebenden, in der schwülen Sommernacht, inmitten der heiseren Schreie der Vögel.

Am Fuß des Denkmals stehend, sprach man nicht über Pläne und Vorhaben, über Beruf, Handel, oder Geschäft – all das hatte seinen Stellenwert verloren. Der Kaufmann war, wenn er mit seiner Frau vor dem Denkmal spazierte, kein Kaufmann mehr, der Bankier kannte keine Konten, und der Familienvater keine Sorgen. Für einen Moment waren die Wertigkeiten vergessen, und die Menschen liebten es, obgleich es kaum ihn ihr Bewusstsein drang.

Die Einsamen waren, wenn sie sich auf den großen Quadern niederließen, in der Mitte des Lebens, und staunend begriffen sie, und begriffen es doch wieder nicht. Und selbst wenn niemand hier war, was selten genug vorkam, so war das Denkmal demjenigen, der die Phantasie aufbrachte, ein geduldiger Zuhörer, dessen Antwort man im Tanzen und Pfeifen des Windes um die Kanten und Rundungen auflesen konnte. Und noch etwas machte das Denkmal besonders: In seiner unmittelbaren Umgebung grüßte man die Ausgestoßenen und Elenden, unterhielt sich mit ihnen über das Wetter oder lachte, selbst wenn der eine beim anderen in Schuld stand. Wie die Entstehung des Denkmals selbst, so liegt auch der Ursprung dieser eigenartigen Begebenheit im Dunklen, und Fremden, die um Erklärung baten, musste man gestehen, dass man nur wüsste, dass es immer schon so gewesen war seit das Denkmal existierte.

Für einen Moment wischte eine Bö die Schwüle beiseite. Dann umfing die Menschen wieder bleierne Schwere. Die Männer hatten sich in einer lockeren Reihe über die Breite des Platzes verteilt, und das Denkmal erreicht. Niemand hatte vergessen warum er gekommen war, aber wenige konnten ihre Gründe artikulieren, oder auch nur ungenau beschreiben, obwohl alle in unausgesprochenem Einverständnis hier waren. Einige liefen einfach davon, den Platz und das Denkmal im Rücken.

Ein Junge tat ein paar Schritte nach vorne, in die Leere des Platzes hinein, auf seine Mitte, in der das Denkmal stand, zu. Man wollte ihn zurückhalten, aber niemand wagte es, denn es hätte den Tod der Hoffnung, das einzige, das die Menschen noch zusammenhielt, bedeutet.

Die abgenutzten Sandalen, der Sand auf dem Pflaster, die Schritte – als ob dieser Tag jedem anderen gleich wäre. Die Hitze lastete auf ihm, auf jeder Falte seines Gewandes, jeder Faser des Stoffes, Befreiung und Tod. Er war von Stille erfüllt, aber nicht jener Stille die Nässe, Schwüle, Hitze oder Frost gleichgültig empfängt und willkommen heißt. Seine Augen zuckten, und er blinzelte in die Sonne.

„Das ist nichts für dich.“ Es war das Leben selbst, das er spürte, und das das Blut durch seine Adern trug. Er hob seinen Arm und betrachtete die Linien auf der Innenseite seiner Hand, die eine feine, an ihren Rändern verkrustete Sandschicht bedeckte.

Als die freundlichen Worte keine Wirkung zeigten, schlugen sie zu. Eine Frau, die erste die dem Jungen gefolgt war, fiel zu Boden. Blut tröpfelte auf den Stein, und der Sand sog es auf. Wenig später wurden die Ersten erschossen. Die Hoffnung starb, und sie machte einer Verachtung gegen das Leben selbst platz, von der niemand sagen wollte, dass sie auf der Seite der Guten zu finden war. Aber sie war der Grund, wenn sich überhaupt etwas im Nachhinein über die Wende der Ereignisse sagen lässt, die den plötzlichen Umschwung bewirkt hatte – eine Verachtung des Lebens, die sich für seinen Erhalt einsetzte, und auf die niemand gefasst gewesen war.

Das Rad konnte man nicht zurückdrehen. Was vergangen war, bleib vergangen, war unrettbar dahin, und selbst das Denkmal entging dem Wandel nicht. Aber es sollte wieder die Zeit kommen, in der die Kinder über die Blöcke tollten und ihre Spiele trieben. Und wenn ihre Finger in den Einschusslöchern Halt suchten, um aufwärts zu klettern, blieb ihnen der Grund ihrer Entstehung verborgen. Beizeiten würden es ihnen die Älteren erklären, und damit, welche Bedeutung das Denkmal hatte, und woher er seine Wunden kamen.

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