Die Kunst muss nichts.

Sie muss weder verstören, noch befremden; sie muss sich auch nicht ihrer geistigen Vaterschaft entledigen*, oder verkrampft Neuheit produzieren. Sie hat das zwar immer wieder getan, sehr erfolgreich, und das war auch gut so. Aber jede Festlegung schafft nur willfährige Sklaven, und führt dorthin, wo man ursprünglich nicht hinwollte.

* siehe Florian Illies‘ Aufruf in der Zeit (Ausgabe 5/2010); jetzt auch online: Aufruf zum Vatermord

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21 Antworten zu “Die Kunst muss nichts.

  1. Gregor Keuschnig 2. Februar 2010 um 10:09 am

    Ich habe den Beitrag in DZ 05/2010 im Feuilleton nicht gefunden (kann auf die gesamte Print-Version zurückgreifen), aber vielleicht schaffe ich das ja noch.

    Illies‘ Spruch wäre – sollte er so gemeint sein – viel zu beliebig. Was zum Autor (und den Zeit-Feuilleton der letzten Jahre) passt.

      • Gregor Keuschnig 2. Februar 2010 um 2:52 pm

        Naja, DEN Artikel hatte natürlich gefunden. Die Intention ist aber m. E. eine andere.

        Interessant, dass Illies über vatermordende Intellektuelle räsoniert und dabei plötzlich Kehlmanns Theaterschelte anführt, die just genau das Gegenteil davon ist.

        Für mich gilt tatsächlich Kafkas Satz: Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns, wenn ich an Literatur denke. Das bedeutet nicht, dass ich andere nicht lesen kann oder mag, aber der Anspruch muss immer derart sein. Diesen Anspruch transferiere ich auch auf Kunst. Wer das nicht möchte (als Künstler oder Schriftsteller) ist eigentlich verloren und im besten Fall noch ein Entertainer. Das ist auch ein ehrenwerter Beruf, aber eben keine Kunst mehr.

      • metepsilonema 2. Februar 2010 um 11:18 pm

        Naja, welchen hätte ich sonst meinen können?

        Kafka ist zuzustimmen, auch wenn ich es anders formulieren würde, etwas sachter sozusagen: Ein Buch sollte etwas verändern, etwas anstoßen, aufwühlen, in frage stellen, befremden – es wird nicht immer gleich die Axt sein. Aber: Es gibt auch Bücher die das tun, und keine Literatur sind, und umgekehrt. Das ist also ein persönliches Moment, und zugleich aber der „Nutzen“ und Reichtum von Literatur (oder anderer Kunst).

        Damit wäre ich wieder bei Illies: Der Punkt ist, dass das was Kunst auszeichnet, m.E. nicht notwendig durch den Vatermord (mein Leseeindruck) gegeben ist, daher stelle ich seine vehemente Einforderung in Frage.

        Natürlich wendet sich die Kunst gegen das Hergebrachte, Tradierte, Alte oder setzt sich von ihm ab, aber doch immer durch ebendieses. Sie lernt, und geht dann einen eigenen Weg. Das scheint Illies nicht in Betracht zu ziehen.

  2. Lara 8. Februar 2010 um 12:16 am

    Ich habe den Eindruck, dass sich Kunst für die meisten Menschen zwischen Handwerk und Innovation abspielt. Natürlich können sich die beiden in der jeweiligen Bewertung ergänzen, aber in einer Betrachtung – meine ich – wählen die meisten Menschen einen der beiden Aspekte als Primat – und das wenig konsequent, heißt: mal so mal so. Wenngleich sich Handwerk und Innovation ohne Frage verbinden lassen, stehen sie sich dann doch in gewisser Weise diametral gegenüber: Handwerk ist zwangsläufig angepasst, richtet sich nach Normen und Maßstäben, während Innovation eben im Durchbrechen dieser Normen besteht, bzw. in der Kreation neuer und somit nicht-vergleichbarer Maßstäbe. Solche (idiotischen) Positionen wie die von Rauch in dem von dir zitierten Artikel halte ich für intellektuellen Populismus, der eben aus der Ecke der „Handwerker“ kommt. Denn rein handwerklich betrachtet kann tatsächlich jeder abstrakt malen und zeichnen, nur würden die wenigsten auf die Idee kommen es aus dem heiteren Himmel zu machen und genau darin besteht der Witz abstrakter Kunst. Meines Erachtens ein typischer Versuch sich den Begriff „Kunst“ zueigen zu machen, um ihn nach den eigenen Maßstäben zu modellieren. Im Übrigen kenne ich einige Bilder von Rauch bei denen ich mir sicher bin, dass sie ein Großteil der Bevölkerung ebenfalls als „abstrakt“ einstufen und angeben würde, diese nicht zu „verstehen“, aber naja, anderes Thema.

    • metepsilonema 10. Februar 2010 um 12:40 am

      Ich möchte Dir insofern widersprechen, da das was die Menschen zur Kunst treibt, sie zum Bedürfnis werden lässt, in ihrer Bedeutung liegt. Wenn Kunst nichts weiter als Handwerk oder Innovation wäre, dann interessierte sie doch niemanden; wenn Kunstwerke nicht schön oder befremdend wären, wenn sie nicht sprächen, was sollten wir mit ihnen?

      Warum wir immer wieder über Handwerk und Innovation sprechen, liegt darin begründet, dass sie mit der Bedeutung (dem Ausdruck) verbunden sind, ihn bedingen, und vielleicht auch damit, dass man einem Bild etwa, ideenlos gegenüberstehen kann, aber sich doch immer etwas über das Handwerk, das wie, feststellen lässt (hier sind die Surrealisten ein gutes Beispiel).

      Rauchs Diktum ist Zuspitzung, Provokation, denke ich (und daher populistisch, ja). Seine Bilder sind, soweit ich sie kenne, durchwegs schwer zu deuten.

  3. Lara 10. Februar 2010 um 3:39 am

    „Ich möchte Dir insofern widersprechen, da das was die Menschen zur Kunst treibt, sie zum Bedürfnis werden lässt, in ihrer Bedeutung liegt.“

    Verstehe den Satz (glaube ich) nicht richtig. Könntest du das noch einmal erläutern?

    „Wenn Kunst nichts weiter als Handwerk oder Innovation wäre, dann interessierte sie doch niemanden; wenn Kunstwerke nicht schön oder befremdend wären, wenn sie nicht sprächen, was sollten wir mit ihnen?“

    Ich finde das denkbar einfach, denn wenn etwas nicht Kunst genannt wird ist es schlichtweg nicht Kunst, Punkt. Dem ist natürlich nicht so. Wir haben durchaus starke (und wehrhafte) Diskurse darüber was Kunst sein kann bzw. zu sein hat und meines Erachtens dominieren hier Innovation und Handwerk als (durchaus gegenläufige) Aspekte der Bewertung Schrägstrich Einordnung. Auch würde ich sagen, dass bei so abstrakten und wenig fassbaren Worten wie „Kunst“ der Rückgriff auf Tradition fast schon reflexartig erfolgt, sprich: man beruft sich auf das, was das Wort irgendwann einmal unter Umständen eventuell bedeutet hat. Mir missfällt dieser Kampf um das Wort und das ist etwas, was mich auch unabhängig vom besagten Zitat bei Rauch stört, was aber wohl nicht untypisch ist für Künstler die Schulen aus dem Boden stampfen und damit auch täglich konfrontiert werden. Ich habe ja nichts gegen Definitionen, im Gegenteil, ich stelle sie ja auch selber auf und ich tue das, weil ich der Meinung bin, dass sie den Blick weiten und Altbekanntes neu beleuchten können. Aber kreativ wird mit Definitionen meiner Erfahrung nach auch in Künstlerkreisen recht selten umgegangen und mir missfallen die Hahnenkämpfe um Definitionen, bzw. um Deutungshoheiten oder besser: die Verteidigung von Deutungserhabenheiten. Das geschieht beispielsweise wenn in Rezensionen, Kritiken und Beurteilungen Maße ausgelotet und ausgesprochen werden anstatt Aussagen darüber zu machen, wozu der behandelte Gegenstand gebraucht werden kann.

    Eine andere Sache:
    Ich saß einmal mit meiner Schwester und einer Freundin, die am DLL studiert hat zusammen und disktutierte über ein Gedicht, dass die Freundin geschrieben hatte. Meine Schwester meinte damals etwas verlegen, dass es zwar schön klinge, ihr aber nichts sagen würde. Interessant finde ich hier das devote Verhalten meiner Schwester, grundsätzlich aber vieler Menschen gegenüber Kunst und sog. Künstlan (übrigens auch gegenüber Wissenschaft und sog. Wissenschaftlan). Man schämt sich regelrecht (zumindest im Beisein der Künstlerin) dafür, dass man nicht versteht. Dabei ist es zu mindestens 50% „Schuld“ (im neutralen Sinne) dos Künstla. Die Bewertung, dass es schön klingt wird für andere Menschen vermutlich vollkommen belanglos sein. Möglicherweise konnte meine Schwester das handwerkliche Potential des Gedichtes nicht einschätzen. Vielleicht hat sie auch andere „revolutionäre“ Ideen daran übersehen. Vielleicht hat sie sich auch nie Gedanken darüber gemacht, was Kunst machen darf, sollte, könnte und einfach den Begriff so übernommen, wie er in ihrem sozialen Feld benutzt wurde und ihn auf ähnlich aussehende Dinge angewendet. Kunst wird eben nicht nur von Künstlan gemacht, sondern auch von den Menschen, die es rezipieren. Es ist nicht so, dass ich den elitären Diskurs darüber, was Kunst ist und sein könnte grundweg ablehne, aber ich denke es ist fair zu fragen, weswegen er überhaupt stattfinden muss.

    • metepsilonema 10. Februar 2010 um 11:06 pm

      Ich meinte, dass diejenigen, die beispielsweise eine Kunstausstellung besuchen, dies tun, weil es ein Bedürfnis gibt, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, und nicht weil sie primär an handwerklichen Fragen oder an Neuheit interessiert sind. Kunst bedeutet etwas.

      Kunst hat (wenn ich sie bewerte) zwei Aspekte: Das Können auf der einen, und die Bedeutung (Ästhetik, Aussage) auf der anderen Seite. Letzteres ist mir wichtiger, weil es eine Verbindung mit meinem Leben herstellt. Aber das ist etwas anderes, als die Einordnung und der „Kampf“, das „Elitäre“ von dem Du sprichst, denn dieser Diskurs spielt auf einer verallgemeinerten Ebene.

      Zur anderen Sache: Man braucht immer Erfahrung, um etwa über Kunstwerke sagen zu können, oder auch nur festzustellen, ob überhaupt eines vorliegt. Vielleicht fehlte das Deiner Schwester, einfach weil sie selten Gedichte liest, oder sich mit Texten auseinandersetzt.

      Der elitäre Diskurs muss dann stattfinden, wenn Kunst etwas Besonderes sein soll (und ich glaube, dass es hierbei durchaus eine subjektive Grauzone gibt).

      Wie meinst Du, dass der Künstler schuld ist? Weil er eine „Sprache“, ein Ausdrucksmittel verwendet, das nicht jeder (auf Grund persönlicher Anlagen) verstehen „kann“?

      • Lara 12. Februar 2010 um 2:30 am

        „Ich meinte, dass diejenigen, die beispielsweise eine Kunstausstellung besuchen, dies tun, weil es ein Bedürfnis gibt, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, und nicht weil sie primär an handwerklichen Fragen oder an Neuheit interessiert sind. Kunst bedeutet etwas.“

        Ok, da gehe ich mit.

        „Kunst hat (wenn ich sie bewerte) zwei Aspekte: Das Können auf der einen, und die Bedeutung (Ästhetik, Aussage) auf der anderen Seite. Letzteres ist mir wichtiger, weil es eine Verbindung mit meinem Leben herstellt. Aber das ist etwas anderes, als die Einordnung und der “Kampf”, das “Elitäre” von dem Du sprichst, denn dieser Diskurs spielt auf einer verallgemeinerten Ebene.“

        Naja klar, man konsumiert das, was einem gefällt, was also zunächst einmal sehr hedonistisch ist. Ich bezog mich vor allem auf die Bewertung und da scheinen mir Handwerk und Innovation zwei geeignete Begriffe zu sein, um das Feld des „Redens über Kunst“ einzugrenzen. Ich will es gar nicht als DIE Begriffe schlechthin verstanden wissen, man kann sie schließlich genauso gut aufeinander verwenden, also z.B. von der Innovation im Handwerk oder von dem Schöpferischen als Handwerk sprechen – ich verwende die Begriffe lediglich um die mir wichtig erscheinenden Tendenzen zu markieren. Vielen Menschen ist es schlichtweg egal, ob sie das Bild, das ihnen im wahrsten Sinne des Wortes vorschwebt, schon 1000mal gesehen haben, sie achten lediglich auf das Handwerk. Abseits von dem – wie ich finde – doch recht elitären Feld der Kunstgalerien und Kunstzeitschriften könnte man da über so populäre „Werke“ wie Avatar sprechen: Pures technisches Handwerk (und entsprechender Medienhype) bei einem Inhalt, der von altbekannten kollektiven Bildern nur so strotzt und prinzipiell langweiliger nicht sein könnte (allein deswegen übrigens sehr sehenswert).

        „Zur anderen Sache: Man braucht immer Erfahrung, um etwa über Kunstwerke sagen zu können, oder auch nur festzustellen, ob überhaupt eines vorliegt. Vielleicht fehlte das Deiner Schwester, einfach weil sie selten Gedichte liest, oder sich mit Texten auseinandersetzt.“

        Dass ihr da ein bestimmtes Wissen „fehlte“ denke ich auch und ich bin überzeugt, dass ihr das Gedicht mehr sagen würde, wenn sie sich auch nur annähernd ähnlich mit Poesie oder Prosa im allgemeinen beschäftigen würde. Mir geht es nur darum, dass der Diskurs eben hierarchisch ist, und dass die „Verständnislast“ nicht selten den (ungebildeten) Lesan auferlegt wird. Deswegen ist es auch gar nicht so unproblematisch von „fehlendem“ Wissen zu sprechen, zumindest dann wenn fehlend tatsächlich normativ als Defekt und nicht rein deskriptiv verstanden wird. Meiner Meinung nach wird dabei oft übersehen, dass es gar nicht zwangsläufig darum gehen muss ein Gedicht zu verstehen, sondern das Unverständnis auch und eventuell sogar in erster Linie eine Aussage über die Zielgruppe aus der man selbst (unter Umständen sogar bewusst) ausgeschlossen wurde. Und vielleicht ist es dann missverständlich von Schuld zu sprechen, die zumindest zum Teil beim Künstla liegt. Vermutlich wäre es besser von „Verantwortung“ zu reden, denn ich meine es nicht moralisch, sondern lediglich kausal. Die Kunst, die von den „großen Künstlern“ geschaffen wird ist eben keine Kunst „für das Volk“, sondern für eine kleine gesellschaftliche Elite. Verwerflich finde ich das nicht, lediglich dann, wenn es normativ aufgeladen und als gesamtgesellschaftliche Höchstleistungen verkauft wird. Ich sehe schon, dass das wieder vom Thema wegführt, es ist nur so, dass bei mir alle Alarmglocken läuten wenn ich Sätze wie „Abstrakt malen kann jeder“ höre. Wobei ich mir bewusst bin, dass das eine populistische Ansage ist, die Rauchs Einstellung zur Kunst meines Erachtens gar nicht zwingend entspricht, aber man erkennt bei ihm wie ich finde sehr gut das auf das Handwerk und die Perfektion der Technik ausgerichtete Bewertungsschema (z.B. hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48902762.html). Die Formierung von „Schulen“ hat immer etwas mit Dogmatismus zu tun und dort zeigt sich dann, wie wenig auch der Kunstbetrieb (nicht das Kunstschaffen!) den diskursiven Zwängen entrinnen kann, mehr noch: wie er sich dort sehr gut einrichten und seine Position verteidigen kann. Die immer wieder neu zu beantwortende Frage, die nach meinem Empfinden oftmals unbeantwortet im Raum stehen bleibt ist, wofür Kunst (abgesehen von dem persönlichen Nutzen und der Freude dos Künstlas) gebraucht wird. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine bewusst nicht ausgesprochene Antwort, ich weiß es nicht.

      • metepsilonema 13. Februar 2010 um 7:27 pm

        Ich glaube Du hast schon recht mit Handwerk und Innovation, denn was bleibt anderes um Qualität zu objektivieren? Und jeder der Vergleiche und Bewertungen anstellt, muss das tun. Konkret: Wenn ich z.B. Kafkas Werk bewundere, dann kann ich zwar seine Bedeutung für mich herausstreichen, das wird aber jemand anderen, der diese nicht (so) sieht, nicht weiter beeindrucken. Daher: Handwerk und Innovation.

        Avatar habe ich nicht gesehen, vielleicht hole ich es noch nach. Die altbekannten kollektiven Bilder, wie Du sagst, stecken offenbar sehr tief in uns, deswegen glaube ich, lohnt es sie zu thematisieren (es kommt natürlich auf das wie an) – man muss damit umgehen, weil man sie nicht verbannen kann (vielleicht auch nicht sollte). Richtig, von diesem Standpunkt aus, kann man auch Avatar in die Diskussion einbeziehen, was gut wäre denn das Populäre (d.h. beliebte), oder partiell Populäre (denn was ist Kunst anderes, als etwas Populäres im Kreise von Kennern, oder solchen, die zu sein meinen), wird mitunter aus diesem Grund vorschnell aus dem Diskurs verbannt.

        Von Verantwortung zu sprechen ist sicher besser. Es ist auch kein Problem, wenn sich jemand nicht für Gedichte oder Literatur interessiert (auch wenn das aus einer persönlichen Sicht oder Leidenschaft manchmal unverständlich bleibt), es wird nur dann eines, wenn derjenige ein Urteil fällt, obwohl er nicht die Mühe einer Auseinandersetzung auf sich genommen hat (etwas anderes ist es, wenn er dazu quasi genötigt wurde, in der Schule etwa). Insofern ist Deiner Schwester kein Vorwurf zu machen.

        Wofür Kunst da ist? Sie ist zunächst immer auch Ausdruck, d.h. Selbstzweck. Ein Künstler (wobei ich nicht den Beruf Künstler meine) drückt etwas aus, weil er „muss“, und schafft dabei gleichzeitig bewusst und unbewusst interpretatorische Spielräume (Ambivalenz, Leerstellen, Mehrdeutigkeiten, wie man es auch immer nennen mag). Der Betrachter, der Lesende, „muss“ diese Spielräume füllen, und wenn er das tut, entwickelt er einen Sinnzusammenhang, eine Deutung (wie vollständig auch immer). Je intensiver und differenzierter das Kunstwerk (emotional, ästhetisch), auf ihn wirkt (und das hat wieder mit Vorerfahrung zu tun), desto eher wird ihm diese Deutung abgerungen, ja aufgezwungen: Deshalb fesseln uns manche Bücher, Bilder etc. derart. Da ein Kunstwerk aber immer auch auf das Allgemeine zielt (es entsteht während eines Reflexionsprozesses), erlangt die von uns geschaffene Deutung, einen, durch Erfahrung persönlich gefärbten, Bezug zu unserer Existenz, unserem Leben, unserem Kulturraum usw., und daraus erwächst eine Bedeutung, die sehr verschiedenartig sein kann. Es lässt sich entweder nur sehr allgemein, oder gar nicht sagen, wozu Kunst da ist. Sie entsteht als eine Auseinandersetzung mit Welt und Leben, existiert, weil beide gedeutet werden müssen, und wirkt wieder auf sie zurück.

      • Lara 19. Februar 2010 um 1:25 pm

        „Wofür Kunst da ist? Sie ist zunächst immer auch Ausdruck, d.h. Selbstzweck. Ein Künstler (wobei ich nicht den Beruf Künstler meine) drückt etwas aus, weil er “muss”, und schafft dabei gleichzeitig bewusst und unbewusst interpretatorische Spielräume (Ambivalenz, Leerstellen, Mehrdeutigkeiten, wie man es auch immer nennen mag).“

        Ich finde das sehr idealistisch gedacht. Ich verstehe mich auch als Künstlerin, weil ich Kunst schaffe und ich mache es nicht (immer), weil ich den Drang verspüre Kunst zu schaffen, sondern weil ich manchmal Lust habe, etwas zu schaffen. Andere sogenannte Künstla machen Kunst, weil sie es mögen und hoffen irgendwann Geld damit verdienen zu können. Andere wiederum machen es in erster Linie für den Lebensunterhalt, oder aber für Aufmerksamkeit oder weil sie extrovertiert sind. Ich würde mich dagegen aussprechen do Künstla zu idealisieren (hast du aber vermutlich so auch nicht gemeint). Wenn ich frage wozu Kunst da ist, mache ich das nicht, weil ich eine Antwort erwarte, sondern weil ich glaube, dass diese Frage uns einerseits ermöglichen kann zu verstehen was andere für Kunst halten und andererseits, was Kunst machen kann, wozu sie in der Lage ist, wozu sie konzipiert wurde. Es ist also eine Frage, die immer wieder gestellt werden muss und deine Antwort ermöglicht mir einen besseren Einblick in dein Verständnis (auch wenn es vielleicht nur der Blick durch eine Türritze war).

      • metepsilonema 19. Februar 2010 um 7:38 pm

        Ich finde das sehr idealistisch gedacht. Das kann schon sein (aber wie Du schon vermutest, ich meinte nicht den Künstler), und „müssen“ ist zu streng. Vielleicht trifft es das besser: Es gibt irgendwo einen Anstoß oder einen Anknüpfungspunkt, man kommt auf eine Idee, und dann beginnt man. Nicht dass ich mich als Künstler sehe, aber wenn ich wieder mal versuche eine mehr schlecht als rechte Kurzgeschichte zu verfassen, dann ist meist irgendetwas da, bevor ich nach Bleistift und Zettel greife. Natürlich gehört ein Wollen dazu, und viele andere Motivationen, aber etwas aus einem diffusen Untergrund eben auch. Aber es muss auch nicht bei allen gleich sein.

        Als endgültig war meine Antwort keineswegs gemeint. Wenn Antworten, dann immer vorläufige.

      • Lara 20. Februar 2010 um 10:59 am

        Wieso verstehst du dich nicht als Künstler?

      • metepsilonema 20. Februar 2010 um 11:45 am

        Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich täte ich das sogar gerne, aber ich halte es für Selbstbetrug. Zumindest dann, wenn Kunst etwas Besonderes sein soll (s.o.), und wenn sie bestimmte handwerkliche Fähigkeiten erfordert, von denen ich denke, dass ich nicht über sie verfüge.

      • Lara 20. Februar 2010 um 4:06 pm

        Vielleicht ist es eher Selbstbetrug, dich nicht als Künstler zu bezeichnen? Oder Koketterie? In deinem Ausgangspost heißt es, dass die Kunst nichts muss. Wie kann es sein, dass die Kunst nichts muss, do Künstla aber schon (und zwar sich messen an gesellschaftlich oder individuell aufgestellten Maßstäben)? Was spräche dagegen Kunst nach ihrer Funktion, also dem o.g. „wozu“ zu bewerten? Wenn ich von dir als Künstler spreche heißt das ja nicht, dass ich gleichzeitig von jeder anderen Person als Künstla spreche (obwohl das meiner Meinung nach geht und auch gehen sollte) und insofern alles in einem gigantischen Relativismus verschwindet, sondern es heißt, dass ich in diesem Moment aus einem ganz bestimmten Grund von dir als Künstler spreche, und um genau diesen Grund geht es mir dann im Gespräch, nicht um die Frage, ob dein „Werk“ irgendwelche Erfordernisse erfüllt. Ich habe auf Deutschlandfunk vor vielleicht zwei Jahren eine Debatte verfolgt, in der es um den (ja eigentlich zu begrüßenden) Trend zur kreativen Betätigung ging. Im Studio war der Moderator mit einem Künstler (Name weiß ich nicht mehr, er kam, glaube ich aus Dortmund) und es wurden zum Teil Hörer zugeschaltet. Ich erinnere mich hauptsächlich an den Anfang des Gesprächs, in dem der Künstler herausstellte, dass es nicht sein könnte, dass sich jeder Künstler nennt, weil der Kunstszene verloren ginge, wenn sich jeder, der ein Bild mit Aquarel-Stiften gemalt hat, Künstla nennt. Das ist vielleicht das Gleiche, was du als „Kunst soll etwas Besonderes sein“ anführst. Meines Erachtens ist es jedoch nicht wirklich relevant, ob es zutreffen kann/darf/soll, dass sich auf einmal „alle“ als Künstlan bezeichnen, sondern die Frage weswegen sich die einzelnen Menschen als Künstla bezeichnen, was für ein Verständnis von Kunst damit verbunden ist und wie innovativ oder auch technisch-handwerklich die Kreationen de facto sind. Zumindest dann, wenn es um Inhalte geht. An der Bezeichnung können wir immerhin das Kunstverständnis ablesen, was z.B. sein kann Bild=Kunst und hiervon ausgehend kann man Menschen für andere künstlerische Formen sensibilisieren. Ich würde also dazu tendieren den Begriff so frei wie möglich einzusetzen und zu prüfen, welches kreative Potenzial wir herausschöpfen können.

        Deine Geschichten oder Gedichte schreibst du aus einem bestimmten Grund und mit einer bestimmten Intention, die nicht ausgesprochen werden muss, an der du dich aber vermutlich selbst in irgendeiner Weise misst. Wenn ich einen Text schreibe möchte ich nicht, dass er um jeden Preis rezipiert wird, ich möchte auch nicht unbedingt, dass er so verstanden wird, wie ich ihn evtl. einmal verstanden habe, aber natürlich habe ich ein (sich wandelndes) Konzept anas impliziten Lesa und dem möchte ich auch gerecht werden. Das ist mein persönlicher Maßstab und ich nenne meine Arbeit (zu Teilen) Kunst, weil mir die Begriffe Wissenschaft, sinnloses Herumgerede oder Philosophie unpassend erscheinen, und auch weil ich der Meinung bin etwas zu kreieren was vielleicht unbedeutend erscheinen mag, aber für mich nun einmal nicht ist.
        Dass ich gesellschaftlich unter Umständen nicht als Künstlerin angesehen werde, das steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Wen es interessiert, weswegen ich mich (u.a.) als Künstlerin verstehe, der wird nachfragen, wer es nicht akzeptiert, der kann mit mir streiten oder es sein lassen und eine andere Meinung behalten. Ich halte das für einen fairen Kompromiss, der im übrigen gut mit der Ansicht, dass die Kunst nichts müsse, vereinbaren lässt.

      • metepsilonema 21. Februar 2010 um 1:51 am

        Koketterie? Aber ja! Ich finde es übrigens sehr schön wie Du Selbstverständlichkeiten aufblätterst…

        Sich nur für ein Gespräch als Künstler zu bezeichnen, um etwas herauszufinden, das ist zumindest kein Weg den ich normaler Weise einschlagen würde – das produziert Missverständnisse (und Du selbst hältst es ja auch anders). Aber natürlich kann man es tun.

        Ich meine, dass die Kategorie unpassend ist, zu erhaben, zu groß, wenn man auf den Maßstab schielt. Und ganz ohne kommen wir nicht aus, denn wenn jeder Künstler ist, was sagt das dann noch? Auch über die Funktion? Und warum können wir nicht einfach auf die Funktion blicken, und hinterher streiten, ob nun ja oder nein?
        Wenn ich meinte, dass Kunst nichts muss, dann ging es um von außen Auferlegtes, Gefordertes, und zwar „immer“ gültig Gefordertes. Ich glaube schon, dass Kunstwerke auf bestimmte Art und Weise funktionieren (ich denke jetzt mal an Literatur), das mindestens muss man berücksichtigen als Künstler, aber es lässt auch viel Freiheit. Was ich sagen will: Das „wozu“ ist nicht unabhängig von einer basalen Art und Weise des Funktionierens, und das wiederum macht einen Teil des Maßstabs aus. Der Rest ist Gesellschaft, richtig (ich habe vor Jahren etwas ähnliches gehört, aber von einem Komponisten), oder persönliche Anschauung.

        [Ich weiß nicht ob das verständlich war, gelingt gerade nicht besser.]

      • Lara 21. Februar 2010 um 2:33 am

        Nein, war schon verständlich. Trotzdem noch kurz nachgehakt, auch wenn es schon spät wird:

        „Und ganz ohne kommen wir nicht aus, denn wenn jeder Künstler ist, was sagt das dann noch?“

        Ich sagte ja bereits: Dieser Konditionalsatz hat für mich nichts mit der Realität eines weit gefassten Kunstbegriffes zu tun. Wenn du mich fragen würdest „Ist denn jeder Künstler?“ würde ich nicht ja sagen, sondern, dass man diese Frage so nicht beantworten kann, weil man dafür die genauen Tätigkeiten, die als Kunst begriffen werden sollen beleuchten müsste. Man hat meines Erachtens wesentlich mehr davon, wenn man „Künstla sein“ als Verweis auf eine konkrete Tätigkeit betrachtet und nicht nicht als ein Prädikat. Oder anders: dass man nicht so sehr die Frage stellt, ob man oder andere Künstla sind, sondern weswegen man deren Werke Kunst nennen könnte. Würde das wirklich mehr Missverständnisse verursachen als die unkommentierte Zuschreibung: „Du bist Künstla. Du nicht“?

        Wenn du dich nicht Künstler nennen willst, wie würdest du dich stattdessen nennen? Ich denke ja nicht, dass du dich unbedingt als Künstla verstehen musst, mir persönlich scheint es da lediglich – zumindest was dein kreatives Schreiben anbelangt – wenig zutreffende Alternativen zu geben. „Künstla sein“ heißt zumindest für mich nicht zwingend, dass man irgendein qualitatives Niveau erreicht hat. Würde man das machen könnte man 99% dessen was sich Kunst nennt einfach vergessen. Es gibt immer Menschen, die den Pinsel sicherer führen oder noch revolutionärere Gedanken in Szene setzen können.

      • metepsilonema 23. Februar 2010 um 1:03 am

        Ich habe noch einmal nachgedacht (nachzudenken versucht, wobei mir jede Menge Unsinn eingefallen ist, mit dem ich Dich vielleicht später belästigen werde…)

        Und mittlerweile ist es Mitternacht dank des Unsinns, und ich verschiebe die Antwort auf morgen.

      • metepsilonema 23. Februar 2010 um 10:30 am

        Was mir gestern noch eingefallen ist, und damit hängt meine Abneigung wohl auch zusammen: Ich habe immer wieder (z.B. im Radio) gehört, dass diese und jene Künstler dies oder jenes aufführen, was mich gestört hat und es immer noch tut, weil ich das Gefühl habe, dass man mir etwas “zu verkaufen” sucht, und mir nicht mein eigenes Urteil überlässt… Mein Einwand wäre: Warum spricht man z.B. nicht einfach von Musikern, oder von Komponisten, und überlässt dem Hörer die weiter Einschätzung, ob es nun Kunst ist, oder nicht (Etwas anderes ist es vielleicht, wenn derjenige bereits verstorben ist, wenn sein Werk bekannt ist, und eine allgemeine Einschätzung existiert). Ich verstehe noch nicht, warum Du “alle” zunächst als Künstler bezeichnen willst, warum das notwendig ist?

        Unabhängig davon: Wozu ist Kunst Deiner Ansicht nach da?

  4. Lara 2. März 2010 um 3:58 am

    Du hast mich falsch verstanden. Ich will nicht zunächst alle als Künstler bezeichnen und ich glaube, dass genau das das Missverständnis des oben beschriebenen Künstlers im Radio ist, der meint die Kunst gegen das Einwandern von Dilettanten verteidigen zu müssen. Die Frage ist doch, weswegen es mir darum gehen sollte jemanden Künstla zu nennen und nicht etwa über das, was die Person macht, zu reden. Man kann alle Menschen Künstla nennen, genauso wie man sie Baum oder XYZ nennen könnte. Die Worte spielen eben keine grundsätzliche Rolle, sie dienen nur zur Orientierung. Man sagt „Diese Person ist eine Künstlerin“ und versteht darunter etwas bestimmtes und wenn man Glück hat versteht do Gesprächspartna etwas Ähnliches (oder man glaubt es zumindest) und deswegen braucht man nicht darüber reden, was das eigentlich ist, ana Künstla. In anderen Fällen sagt man „Diese Person ist ein Künstler“ und es kommt zu einer Auseinandersetzung weil do Gesprächspartna einer anderen Meinung ist. Wenn beide ignorant genug sind werden sie die Diskussion nicht fortführen, sondern einfach denken, dass der andere ana Vollidiota ist, do von der Materie keine Ahnung hat. Ist das sinnvoll? Ich denke nicht. Wer dazulernen will gibt seinen Kunstbegriff für eine Weile auf, um sich eine andere Position anzuhören und genau das meine ich: Man muss alle als Künstla bezeichnen können(!). Das heißt nicht, dass alle Künstla sind oder bezeichnet werden sollen(!). Es heißt lediglich, dass man sie nicht ausschließen sollte, denn das wirklich Interessante ist meines Erachtens nicht ob sie Künstler sind oder Kunst betreiben, sondern was eigentlich hinter dem Konzept Kunst steckt und weswegen wir eine Person nach bestimmten Maßstäben bewerten sollten. Interessant ist weswegen sie sich als Künstla bezeichnet. Interessant ist, weswegen sie der Meinung sind, dass das was sie machen Kunst ist.
    Ich habe mir deine Definitionsversuche angehört weil ich daraus lernen kann, nicht weil ich die Definition übernehmen will oder der Meinung bin, dass du damit sehr nahe an der „Essenz“ von Kunst bist. Du hast eine Idee formuliert, die unter Umständen vollkommener Schwachsinn ist und unter anderen Umständen voll zutrifft.

    Popper hat einmal gesagt, dass der Witz der modernen Wissenschaft darin besteht, dass sie von den aristotelischen Fragen nach dem Sein absieht. Wir fragen uns nicht mehr, was Kunst ist, sondern was wir Kunst nennen wollen. Das Problem ist nur: Das „wir“ ist ein Konstrukt und entsteht immer wieder neu in anderen Formen. Es gibt unterschiedliche Kunstbegriffe, die in unterschiedlichen Sprachgemeinschaften kursieren. Es ist daher auch nicht unsinnig jemanden als Künstla zu bezeichnen, ebenso wie es nicht unsinnig wäre dich als Österreicher zu bezeichnen, aber damit ist nichts darüber gesagt, ob es zutrifft, sondern lediglich, dass es eventuell zwischen zwei Sprechan darüber ein Einverständnis gibt. Genauso wie es gleichzeitig zutreffen kann, dass ich in einem Gespräch zwischen zwei Personen eine Deutsche bin und selbst der Meinung bin, dass dem nicht so ist.

    Die Frage wozu Kunst da ist kann ich so nicht beantworten. Als ich sagte, dass man sich diese Frage stellen sollte, meinte ich nicht (oder zumindest nicht in erster Linie), dass man versuchen sollte sie generell zu beantworten. Dann würde es wieder um den Begriff „Kunst“, nicht um den Inhalt gehen, also darum eine vordefinierte Kategorie zu schaffen, in die wir unsere potenziellen Kunstwerke verpacken können. Das fände ich unsinnig, weil unnötig engstirnig (möglicherweise allerdings sehr ökonomisch). Ich meinte es eher ganz konkret, soll heißen: Diskutieren wir darüber, weswegen wir Text X, Handlung Y oder Video Z für Kunst halten, welche Funktion es erfüllt und lernen wir daraus, was Kunst evtl. bedeuten kann & was das wiederum konkret für uns bedeutet. Wenn du sagst „Dieser Text ist keine große Kunst“ so sagt das sehr viel über dein Verständnis von Kunst aus, darüber was für Anforderungen du an deine Arbeit stellst und an welchen Maßstäben du sie bewertest.

    Das Werk Poppers beispielsweise als Kunst zu bezeichnen ist nicht zwangsläufig sinnvoll, kann uns aber in bestimmten Fällen ermöglichen seine Überlegungen auf eine neue Art nutzbar zu machen und Dinge, die wir zuvor als Kunst bezeichnet haben, mit anderen Augen zu sehen. Um den Bogen zu schließen: Man könnte auch alle Menschen „Früchte“ nennen, aber es geht nicht darum, dass man das auch tut, sondern darum, dass man es ggf. machen kann. Nur weil man etwas kann, muss man es nicht machen. Nur weil ich alle Lebewesen Künstla nennen kann werde ich es nicht zwangsläufig tun – aber die Option halte ich mir offen, um die Welt anders sehen zu können.

    • metepsilonema 5. März 2010 um 8:28 pm

      Hm, nein, wenn ich mich dagegen ausspreche, dann nicht weil ich die Kunst retten möchte (oder irgendeine künstlerische Szene), sondern weil ich zu weitgehenden Verallgemeinerungen misstraue. Was sollte der Begriff dann noch aussagen? Und was ich oben schon ansprach: Dass ich den Eindruck habe, dass man mir etwas „verkaufen möchte“ (geht nicht an Dich). Da aber beides nicht Deine Absicht ist, hat es sich erledigt.

      Ich glaube nur, dass wir mit der Beschränkung auf Funktion alleine nicht weiterkommen werden, denn Kunst stellt ja immer auch etwas dar, sie ist etwas, und die Funktion ist davon nicht unabhängig. Mein Fazit wäre, einfach beides zu betrachten. Was Popper betrifft, liegt hier nicht ein Missverständnis vor? Er meinte doch, wir sollten „Was ist“-Fragen vermeiden, da wir uns in sprachliche Probleme verstricken, und diese Fragen ohnehin anders gestellt werden können. Womit er schon recht hat, aber: Kein Neurowissenschaftler, z.B. würde über das Selbstbewusstsein nachdenken ohne auch die Struktur des Gehirns zu berücksichtigen.

      Ich finde die Herangehensweise, die Du beschreibst völlig stimmig, und wir unterscheiden uns da auch nicht grundsätzlich: Ich sehe mir an, was jemand macht, dann urteile ich darüber, und man kann das dann an Hand dessen, was man unter Kunst/Künstler versteht, weiter vertiefen. Ich wüsste nur nicht warum ich ihn schon zuvor als Künstler bezeichnen muss, um das zu tun (es sei denn Du verstehst das bloß als Strategie um den eigenen Standpunkt verlassen zu können). Was mir allerdings schwer fällt ist das zu tun, ohne ein zumindest implizites Verständnis von Kunst, und sei es nur eine Erwartungshaltung. Konkreter: Wenn mir jemand sagt, er schreibt Erzählungen, dann habe ich eine Erwartungshaltung, aber sehe mir trotzdem an was er tut, und das kann durchaus dazu führen, dass man seine eigenen Verständnisse korrigiert (In diesem Sinne ist meine Definition oben, eine Arbeitsdefinition, die ich formuliert habe, weil Du danach gefragt hast). Was ich mir nur schwer vorstellen kann, ist, dass das bei Dir anders wäre.

      Dem kann ich mich auch vorbehaltlos anschließen: Diskutieren wir darüber, weswegen wir Text X, Handlung Y oder Video Z für Kunst halten, welche Funktion es erfüllt und lernen wir daraus, was Kunst evtl. bedeuten kann & was das wiederum konkret für uns bedeutet. Wenn du sagst “Dieser Text ist keine große Kunst” so sagt das sehr viel über dein Verständnis von Kunst aus, darüber was für Anforderungen du an deine Arbeit stellst und an welchen Maßstäben du sie bewertest. Das Missverständnis lag wohl an der zuvor notwendigen Bezeichnung Künstler/Kunst.

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