„Problembewusstsein“ bei Popper und Bauman.

Probleme sind scheinbare, temporäre, oder dauerhafte Widersprüche, die wir auflösen wollen oder müssen. Allerdings ist nicht schon jeder Widerspruch ein Problem. Dazu wird er erst, wenn er uns auf irgendeine Art und Weise einnimmt und betrifft.

Problem und Problemlösung sind Teil eines nie endenwollenden Kreislaufs: Jede Lösung wirft stets neue, und verschärfte Probleme auf – darin gleichen sich die Diagnosen zweier Denker, aber frappierend unterschiedlich sind ihre Folgerungen, und Bewertungen. Für den einen (Popper) sind sie ein integraler Bestandteil des Lebens selbst, für den anderen (Bauman) Übel und Auswuchs modernen Denkens, das überwunden werden sollte.

Bauman stellt in der Einleitung von „Moderne und Ambivalenz“ fest: Die meisten Probleme, mit denen die Verwaltungen lokaler Ordnungen heute konfrontiert sind, sind das Ergebnis der Problemlösungs-Aktivität. […] Probleme werden durch das Problemlösen geschaffen, neue Gebiete des Chaos werden durch die Ordnungs-Aktivität erzeugt. Fortschritt besteht zuerst und vorrangig im Veralten der Lösungen von gestern.1

Und Popper: Jede Lösung eines Problems schafft neue, ungelöste Probleme. Diese neuen Probleme sind um so interessanter, je schwieriger das ursprüngliche Problem war und je kühner der Lösungsversuch. Je mehr wir über die Welt erfahren, je mehr wir unser Wissen vertiefen, desto bewusster, klarer und fester umrissen wird unser Wissen über das, was wir nicht wissen, unser Wissen über unsere Unwissenheit.2 Und in einem anderen Kapitel, in verwandtem Sinn und Wortlaut: Mit fast jeder neuen naturwissenschaftlichen Errungenschaft, mit jeder hypothetischen Lösung eines naturwissenschaftlichen Problems wachsen die Zahl und die Schwierigkeit der offenen Probleme, und zwar weit schneller als die Lösungen. Wir können wohl sagen, daß, während unser hypothetisches Wissen endlich ist, unser Nichtwissen unendlich ist. Aber nicht nur das: Für den richtigen Naturwissenschaftler, der einen Sinn für offene Probleme hat, wird die Welt in einem ganz konkreten Sinn immer rätselhafter.3

Bauman kennzeichnet eine beinahe aggressive Negativität, Popper eine faszinierte Neugierde, die der Menge und Schwierigkeit der zu lösenden Probleme fast lapidar gegenübersteht: Es ist einfach so.

Bei beiden Autoren trifft man auf eine Art Sisyphos-Motivik, bei Bauman explizit4, bei Popper implizit, und positiv gewendet. Die gesamte Problematik ist für ihn eine, die allem Leben inhärent ist: Bereits einfache Amöben „lösen Probleme“, wenn sie sich durch Drehbewegungen an Hindernissen „vorbeitasten“. Und auch in der Evolution wirkt dasselbe Prinzip: Die Natur löst Probleme durch Versuch und Irrtum, und erreicht dadurch eine ständige Weiterentwicklung. Poppers letzte Bücher, „Auf der Suche nach einer besseren Welt“ und „Alles Leben ist Problemlösen“ zeigen bereits in ihren Titeln wie fundamental und wichtig diese Thematik für ihn war, die er mit grundsätzlichem Optimismus zu verbinden wusste: Ich glaube, daß es der Mühe wert ist, den Versuch zu machen, mehr über die Welt zu erfahren, selbst wenn alles, was bei dem Versuch herauskommt, nichts ist als die Erkenntnis, wie wenig wir wissen.5

Die Konsequenzen, die beide aus ihren Diagnosen ziehen, sind grundverschieden. Bauman entzündet hier seinen Kampf gegen die Moderne, während Popper gelassen bleibt, und damit aber auch konsequent, denn wenn die Problemlösungsproblematik tatsächlich gegeben ist, dann folgt daraus zunächst nichts: Aus dem Sein kein Sollen. Für Bauman liegt das Problem im Denken der Moderne, ihrer Suche nach Ordnung, und ihrem Kampf gegen die Ambivalenz, die er als „grundsätzlich angelegt“ sieht, weshalb das Bestreben der Moderne scheitern muss. Poppers Begriff des Vermutungswissens ist, so könnte man ihn auffassen, ein wenig dem totalitären Hang der Moderne entgegengesetzt, da er der Unmöglichkeit sicheren Wissens Rechnung trägt. Und doch entdeckt man auch bei ihm etwas von Baumans Befürchtungen: Etwa, wenn er vom Eliminieren der falschen Problemlösungen spricht6.

Für den Leser ist es frappierend, dass aus derart ähnliche Diagnosen, vollkommen unterschiedliche Schlüsse und Bewertungen gezogen werden, und er ist geneigt dem persönlichen Hintergrund eine wesentliche Bedeutung für das jeweilige Denken, für Bewertung und Folgerungen beizumessen. Es scheint einmal mehr berechtigt in Bezug auf einen bestimmten Autor von seinem Denken zu sprechen, und damit der Persönlichkeit, die dieses Denken geprägt hat, Rechnung zu tragen. Mithin bedeutet das aber auch, dass es ein von persönlichen Belangen unabhängiges Denken nicht (oder kaum) gibt. Popper hätte wahrscheinlich geantwortet, dass das nicht weiter tragisch ist: Wir haben ja die Kritik der anderen.

* * *

Zitate sind kursiv gesetzt.

Anmerkungen

1 S 31/32

2 „Auf der Suche nach einer besseren Welt“, S 62

3 Ebenda, S 224

4 „Moderne und Ambivalenz“, z.B. S 28

5 „Auf der Suche nach einer besseren Welt“, S 63

6 „Alles Leben ist Problemlösen“, S 15

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