Notizen zum Hirtenbrief des Papstes.

Benedikt XVI. hat etwas getan, was im Informationszeitalter selten geworden ist: Er hat sich für seinen Hirtenbrief Zeit genommen. Er hat sich ausführlich zu Wort gemeldet, und es in mancher Hinsicht an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Zwischen den Zeilen kann man sogar die Notwendigkeit einer Erneuerung der katholischen Kirche herauslesen. Aber ist das ausreichend?

Intention
Der Hirtenbrief ist an die Iren gerichtet, zumindest an die katholischen (Liebe Schwestern und Brüder). Angesichts der fast unvorstellbar großen Zahl an Missbrauchsfällen ist das nicht weiter verwunderlich, darf aber die Fälle in anderen Ländern nicht vergessen machen (der Papst ist für alle Katholiken zuständig, nicht nur für die irischen, die deutschen, oder die österreichischen). Aber auf mehr als eine Notiz, darf man schon hoffen: […] es ist wahr, dass das Problem des Missbrauchs von Kindern weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist.

Eine Feststellung die sich aber vor allem dagegen verwehrt, dass es eine katholische Ursache oder Begünstigung gäbe. Ein Muster, dass man auch in den weltlichen Institutionen, innerhalb derer Missbrauchsfälle bekannt geworden sind, wie etwa der Odenwaldschule antrifft. Menschlich und psycholgisch ist das verständlich. Aber wie schon Bernd Ulrich in der Zeit festgestellt hat: Aufklärung ist das nicht. Zumindest keine konsequente.

Anerkennung der Missstände
Der Papst spricht die Vorfälle offen an ([…] schwere Sünde gegen schutzlose Kinder […]; Wir sind alle skandalisiert von den Sünden und dem Versagen von einigen Mitgliedern der Kirche, besonders durch die derer, die eigens dazu ausgesucht waren, jungen Menschen zu dienen und sie anzuleiten), und tritt mehrmals für eine Zusammenarbeit mit der Justiz ein (Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber verzweifelt nicht an der Gnade Gottes.). Das war nicht immer selbstverständlich. Dennoch hat man mehrmals den Eindruck einer innerkirchlichen, innerkatholischen Abhandlung. Ein nicht (mehr) der Kirche angehörendes Missbrauchsopfer wird demgegenüber womöglich ratlos bleiben: Durchhaltevermögen und Gebet sind nötig, mit großem Vertrauen in die heilende Kraft der Gnade Gottes. Und seltsam nimmt sich die auch mehrmals geäußerte Möglichkeit der Heilung an: […] jede notwendige Maßnahme zu ergreifen, damit das nie wieder geschehen kann, sicherzustellen, dass die Vorgaben der Justiz voll eingehalten werden und, am wichtigsten, den Opfern und allen von diesen ungeheuerlichen Verbrechen Betroffenen Heilung zu bringen. Für den Papst mag das aus seinem Glauben heraus folgerichtig, für ein gläubiges Missbrauchsopfer (noch) verständlich sein, aber was sagt ein Betroffener der nicht glaubt, dazu? Viel wahrscheinlicher ist Wiedergutmachung meist nicht möglich, die seelischen Verletzungen sind tief eingegraben.

Der Papst hat sich nicht entschuldigt, und er recht getan. Denn wie Ulrich Greiner kürzlich treffend festgestellt hat, kann man sich nicht selbst entschulden (auch nicht repräsentativ für eine Organisation oder Gruppe, sondern Entschuldung ist immer Sache der Opfer, man kann sie erbitten, aber nicht mehr). Folgerichtig drückt der Papst Im Namen der Kirche […] die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen.

Konsequenzen
Fast meint man, dass Benedikt XVI. vergisst, welche Möglichkeiten er in Händen hält. Ringt er mit sich selbst? Kann oder will er nicht weiter gehen? Liegt es am Ende daran, dass er sich als Konservativer mit Veränderungen schwer tut? Das mag vielleicht ein Grund für die lange Zeitspanne sein, die der Papst verstreichen lies, bis er an die Öffentlichkeit trat. Wie auch immer: Benedikt XVI. ordnet für manche Bistümer eine apostolische Visitation an, was keinen alltäglichen Schritt darstellt, und er trägt eine Reihe von Ursachen vor: […] unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten; eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu favorisieren; und eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muss dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten und die das Licht des Evangeliums in einer solchen Weise verdunkelt haben, wie es noch nicht einmal Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist.; er reklamiert zwar die Rechenschaftspflicht vor Gott (Ich ermahne Euch deswegen, Euren Sinn für die Rechenschaftspflicht vor Gott zu erneuern, in der Solidarität mit Eurem Volk zu wachsen und die pastorale Sorge für alle Mitglieder Eurer Herde zu vertiefen.), fordert aber keinen Geistlichen direkt oder indirekt zu seinem Rücktritt auf, oder denkt auch nur laut über personelle Konsequenzen im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen nach (Er spricht sogar davon […] wieder glaubwürdige Obere und Zeugen der erlösenden Wahrheit Christi zu werden). Das ist, auf der einen Seite deutlich, aber auf der andern seltsam zahnlos. Auch die gleich zu Beginn angesprochene kirchliche Erneuerung erfreut im ersten, aber ärgert im zweiten Moment – sie ist ebenso unscharf (wie auch der versprochene Schutz der Kinder in Zukunft): Lasst Euch das Ansporn sein für eine ehrliche Selbstbetrachtung und ein engagiertes Programm kirchlicher und persönlicher Erneuerung. Auch bleibt unklar wie eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Behörden in Zukunft aussehen könnte.

Der Papst ist auch in Zukunft bereit sich mit Missbrauchsopfern zu treffen. Das ist wichtig und gut, aber auch hier wäre Konkreteres noch besser gewesen, und das Angebot zum gemeinsamen Gebet (Benedikt XVI. bezieht sich auf vorangegangene Treffen) wird nicht alle zufrieden stellen können.

Lob des Katholizismus?
Etwas irritierend, zumindest für den agnostischen oder atheistischen Leser, ist das Lob des Katholizismus in Irland, seiner Märtyrer und Heiligen. Soll das die Gläubigen ermuntern? Soll es die andere (große) Seiten der Kirche hervor kehren? Ablenken? Den Missbrauch klein reden? Man bleibt unschlüssig, irrt hin und her. Und immer wieder klingt etwas an, hört man die Sorge um die Kirche, ihr Ansehen, und ihre Botschaft hervor. Auch das ist verständlich, es hat sicher sein Gutes, aber die Opfer wird man so nicht „gewinnen“ können. Auch nicht, wenn man Zusammenhänge mit dem zweiten Vatikanum und Probleme der Säkularisierung anspricht (das wirkt wie ein Abwälzen der Schuld).

Eine neue Vision?
Benedikt scheint deren Notwendigkeit irgendwo einzusehen, aber er wagt sich nicht vor […] wir brauchen eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens zu schätzen. Indem Ihr den Weg des Evangeliums geht, durch das Halten der Gebote und dadurch, dass Ihr Euer Leben immer mehr in Übereinstimmung mit dem Leben Jesu Christi bringen, werdet Ihr sicher die tiefe Erneuerung erfahren, die wir in dieser Zeit so dringend brauchen. Das ist schade, mehr war aber auch nicht zu erwarten. Es wird sich zeigen welche Maßnahmen ergriffen werden, wie sich die Vorfälle auswirken, und ob eine neue Welle von Kirchenaustritten hereinbricht. Aber man kann auch nicht sagen, dass die Kirche nicht gelernt hätte, was zumindest den Umgang mit den in Deutschland und Österreich bekannt gewordenen Vorfällen angeht. Aber auch hier liegt das letzte Wort bei den Opfern selbst.

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