Sachte, sachte.

Lieber Blogozentriker,

ich habe keineswegs behauptet, dass Sie dem Völkchen nach dem Maul reden sollen, sondern gefragt, ob es Ihnen im Falle der Politik lieber wäre, wenn dies geschähe. So viel Zeit, so viel Genauigkeit muss sein (und so wenig Rhetorik).

Den Begriff Populismus verwende ich stellvertretend für all jene Strategien, die darauf abzielen im öffentlichen Diskurs erfolgreich zu sein, ohne sich einer sauberen Argumentation zu bedienen, d.h. im wesentlichen, denn ausschließlich tut das niemand. Rhetorik, das „wie“ darf (wenn Demokratie nicht zu einer Karikatur verkommen soll) nicht wesentlich die Sache, das Argument, ersetzen.

Wird Sprache als bloßes Spiel ohne irgendeinen Berührungspunkt zur sinnlichen Konstruktion unserer Realität angesehen, dann meine ich, dass derjenige der das behauptet, in der Pflicht wäre, dies auch zu zeigen. Ansonsten ist es nicht mehr als eine Behauptung.

Dass Rhetorik ihren Platz hat, und haben muss, ist unbestritten, in der Literatur zum Beispiel, und Nietzsche ist zweifelsohne auch dort zu Hause. Aber ein potemkinsches Dorf bleibt was es ist, egal mit wie viel Farbe und Zierrat man es überhäuft. Und es beweist natürlich gar nichts, dass jemand durch Rhetorik Schule gemacht hat.

Ein maßvolles Bewusstsein, eine gewisse Askese ist für den Bürger, wenn er seine Rolle als Bürger spielt, doch angebracht. An anderem Ort, zu anderer Zeit, soll er sich im Rausch und in der Nacht verlieren. In diesem Sinne bin ich Mensch, und brauche es nicht erst zu werden.

Es grüßt,
metepsilonema

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11 Antworten zu “Sachte, sachte.

  1. metepsilonema 31. März 2010 um 1:17 pm

    Link vergessen und hinzugefügt.

  2. Blogozentriker 31. März 2010 um 1:32 pm

    Wo fang ich an? Hier.
    Wenn der Bürger nur eine Rolle ist — kann eine Rolle denn je eine Realität sein? Oder ist sie nicht bloß Flickwerk aus Worten? D. h. ist eine Rolle nicht notwendigerweise immer eine Konstruktion? Oder sagen wir: eine Interpretation?

    • metepsilonema 31. März 2010 um 2:26 pm

      Der Bürger ist eine Rolle in einem Gemeinwesen, das seiner Partizipation bedarf. Wo ein anderes Verständnis von Politik existiert, gibt es sie nicht. Insofern ist sie eine Konstruktion, deren eine Monarchie, eine Diktatur, eine Oligarchie etc. nicht bedarf. Er ist aber auch eine Rolle, weil niemand prinzipiell oder zu jeder Zeit Bürger sein muss, genauso wie ein Schauspieler nicht immer Schauspieler ist.

  3. Blogozentriker 31. März 2010 um 2:32 pm

    Irgendwie dreht sich das WWW langsam nur noch im Kreis. Findest Du nicht? Was machst Du eigentlich im Real Wide Web? Als Mensch aus Fleisch und Blut? Nachdem Du die Bürgerbürde auf Dich geladen hast?

    • metepsilonema 31. März 2010 um 3:52 pm

      Wir beginnen zu plaudern. Macht aber nichts. Das www dreht sich im Kreis? Inwiefern?

      Die wenigsten Dinge sind nichts außer Bürde: Ich sehe hier mehr einen Konflikt, eine Unentschiedenheit, eine wechselseitige Bedürftigkeit, die sich nicht in die eine oder andere Richtung auflösen lässt, ohne Verrat zu begehen. Ohne etwas zu verleugnen. Mal verflucht man das eine, dann das andere, wie Wellen schlägt es hoch und nieder. Ich kann Politik zweitweise gut ignorieren. Aber ich kann und will es nicht dauerhaft tun.

  4. Blogozentriker 31. März 2010 um 3:59 pm

    Plaudern heißt ja eigentlich nur: den Horizont neu justieren. Vielmehr, die alte, bestehende Justierung aufzugeben. So dass neue Horizonte entstehen können. Das finde ich überhaupt das Schönste. Insofern HÄNGE ich auch am Gedanken, alles sei konstruiert. Für mich bedeutet das: Eine Kursänderung ist möglich! Wandel ist möglich. Nicht einfach, aber möglich. Es dauert seine Zeit, aber irgendwann ist alles anders. Wenn Du den Gedanken aufgibst, die Dinge SEIEN. Seien ganz unvermeidlich, was sie sind. Natürlich gibt es ein materielles Substrat. Eine Welt da draußen. Letztlich aber geht das nur mein Nervensystem an. Meinen Körper. Bewusstsein, Geist, Kommunikation — das alles sind GEMACHTE Systeme. Auch das NLP, das Neurolinguistische Programmieren. Im Prinzip stimmt es ja. Nur bin ich dann nicht Fan genug von der Offenheit der Systeme Bewusstsein und Wahrnehmung, um der Manipulation Tür und Tor zu öffnen. Kritische Prüfung ist immer notwendig. Man darf darauf nicht verzichten. Ich bin sehr viel eher meine Kritikfähigkeit als alles andere.
    Vermutlich ist aber auch das nur eine gemachte, gestanzte, erworbene Haltung. Nichts Natürliches, per Gen-Dekret Gegebenes.
    Ich gerate ins Plaudern, ins Lallen. Das WWW dreht sich im Kreis, in meinem Kopf.

    • metepsilonema 31. März 2010 um 8:13 pm

      Ich meinte das nicht negativ, eher im Sinne von lockerer werden (nur zu locker taugt nix, vor allem wenn es häufig geschieht).

      Ich habe überhaupt nichts gegen die Auffassung, dass alles Konstruktion ist, bin – aber da scheinen wir ja einer Meinung – jedoch skeptisch gegenüber einer postulierten Gleichwertigkeit von allem, und ähnlich seltsamen Konzepten. Dualist allerdings, bin ich keiner.

      Ja, das www dreht sich im Kopf – immer wieder.

  5. Blogozentriker 1. April 2010 um 9:13 pm

    Das eigentlich Faszinierende ist doch, dass sich aus Deinem Wahnsinn — Deiner Interpretation der Welt, wenn Du’s so nennen willst — und meinem Wahnsinn eine Art von Konsens ableiten lässt. Dass wir diese Hysterien, dieses Zickzack jeweils in den Köpfen, dimmen können zu einer Art von Freundlichkeit, wenigstens partiell, ein Hineingebogensein in den Anderen, gänzlich und pervers Fremden. Allein diese allergrößte Unwahrscheinlichkeit enthält doch unvorstellbare Hoffnungsquanten! Wenn einer hingeht und sich aufhängt, habe ich vollstes Verständnis dafür. Er denkt einfach realistisch; er hat wirklich den kalten, den klaren Blick auf die Welt. Die Resultate seiner Kosmosbetrachtung sind makellos. Aber eben die Fähigkeit zur Einigung, zum Austausch, zur Einschwingung, was ja, vom Planeten Mars aus gesehen, nichts weiter ist als vollkommene Hirnverbranntheit und lachhafte Sentimentalität — wenn das kein Wunder ist, dann weiß ich ja auch nicht! Und mich rühren einfach andauernd wieder Leute, die diese Leidenschaft für das im Grunde nicht vorkommen Könnende in sich tragen. Einfach so, nicht als Leistung, sondern als Gabe. Das ist das, glaube ich, was die Menschen WIRKLICH können.

  6. Lara 2. April 2010 um 8:42 pm

    „Rhetorik, das “wie” darf (wenn Demokratie nicht zu einer Karikatur verkommen soll) nicht wesentlich die Sache, das Argument, ersetzen.“

    Dann gibt es aber noch die anderen, die lieber die blaue Pille nehmen und sich gut fühlen wollen. Ich denke es gibt wenige Menschen, die ganz ohne Rausch auskommen, egal welcher Art dieser Rausch nun sein mag. Charisma war schon immer Teil des gesellschaftlichen Lebens. Es hat seine schlechten Seiten, es hat auch seine guten Seiten. Meines Erachtens muss man idealistischerweise grundsätzlich auf das Argument pochen und gleichzeitig realistischerweise erkennen, dass es permanent durch Rhetorik unterminiert wird (und umgekehrt). Der Versuch einer halbwegs ausgeglichenen Schizophrenie gewissermaßen, ein aurea mediocritas. Die vielleicht einzige Möglichkeit sich nicht im Gesellschaftsleben zu verlaufen. Oder aber eine Illusion, wer weiß (sic!).

    Wieder mal ein Fall für „alles ist konstruiert aber nichts“. Nächstes Thema.

    • metepsilonema 3. April 2010 um 12:22 am

      Aber ja! Nur noch hinzugefügt: Der Rausch, der inspirative, ist schon ein kleines Kunststück, der braucht ein Händchen und Fingerspitzengefühl. Er muss lebendig bleiben, darf nicht kippen, Überdruss und Betäubung werden. Und wahrscheinlich gibt es dafür nicht einmal ein Rezept – es misslingt einfach zu oft.

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