Ostern. Ein Traum.

Ein Hase hoppelte über ein Stück gleichförmige, mit einem Rasenmäher gestutzte Wiese. Und obwohl alles in Licht getaucht war, verlor sich die Wiese rasch im Dunkeln. Den Hasen kümmerte das nicht. Er setzte sich, und begann an einem Halm zu knabbern.
Julia saß etwa eineinhalb Meter vor dem Hasen, und sah ihm beim Fressen zu.

Dann bemerkte Julia, dass sie träumte. Und rasch zog sie ihren Finger zurück, und ihre Hand, als sie die filigrane Grenze ihres Traumes streifte. Blasen wölbten sich, und platzten. Dort, wo sich die Grenze bewegte, und wo Julia sie berührt hatte, wurde sie sichtbar. Milchig-trübe Wellen liefen auf halbkugeliger Bahn durch den Raum. Wie eine Kuppel musste sich die Grenze über Julias Kopf, die Wiese, und den Hasen erstrecken.
Julia sah die Wellen verebben, und ein wenig erschrocken, konzentrierte sie sich wieder ganz auf den Hasen. Sein Fell war bunt, voll blauer, gelber und grüner Haarbüschel. Und sein rechtes Ohr war fast zur Gänze rot, und sein kugeliger Schwanz orange. Wie auf den Bildern von Franz Marc, dachte Julia.
„Warum glaubst du, dass ich der Osterhase bin?“ Es knisterte und knackte, denn der Hase sprach und fraß zugleich.
„Weil ich diesen Traum träume, und mir vorstelle, dass du es bist.“
Abrupt stoppten die Kaubewegungen des Hasen. Er drehte seinen Kopf zu Seite, und Julia sah, dass sein Auge in denselben Farben schillerte, wie sein Fell. „Aber dann wäre ich bloß ein Hase deiner Gnade.“ Und er begann wieder an seinem Grashalm zu knabbern.
Julia beugte sich ein wenig vor, um den Hasen besser sehen zu können, obwohl das eigentlich gar nicht notwendig war, da sie auf einem Sessel saß, und von oben einen guten Blick aus das Tier hatte. Julia tat der Hase leid. Und da das Mädchen in ihrem Traum nicht einmal eine Ahnung von Trauer haben wollte, aber auch weil sie davon überzeugt war, sagte sie: „Das ist doch nicht weiter schlimm. In jedem Fall bist du ein Hase, und knabberst an einem Grashalm.“
Der Hase antwortete nicht, und stellte sich vor, dass der Halm saftig und süß war.
„Magst du eine Karotte?“, fragte Julia den Hasen, denn sie wollte ihm etwas Gutes tun.
„Lieber eine Birne.“, antwortete der Hase, und hörte auf zu kauen.
Julia schnippte mit den Fingern, und vor dem Hasen lag eine Birne, und der Hase begann sofort an der Birne zu nagen. Sie war saftig und süß, genau so, wie der Hase Birnen mochte, und sie hätte seinen Wünschen nicht besser entsprechen können. Der Hase fraß und fraß, denn die Birne war groß, und er ließ sich Zeit, denn er wollte jeden Bissen genießen. Lange sprachen sie nichts, und das einzige Geräusch, war das Knabbern und Kauen, das Schmatzen und Schlürfen des Hasen. Julia wurde immer argwöhnischer, und verfolgte jede seiner Bewegungen. Der Hase aber freute sich, denn eine solche Birne hatte er noch nie gehabt.
Das Mädchen wurde, als es die Freude des Hasen entdeckte, eifersüchtig. „Du könntest ruhig ein wenig dankbar sein“, sagte sie. Doch der Hase kaute immer noch. Da sprang Julia auf, und stemmte ihre Hände in die Hüfte. „Du böses Tier.“, rief sie voll Zorn, und der Hase duckte sich erschrocken auf den Boden, und legte seine Ohren an. Dabei verlor er seine ganze Farbe, und er fürchtete sich sehr. Erst jetzt, als der Hase zu Julia aufsah, erkannte er, dass sie die ganze Zeit auf einem Sessel gesessen war.
Und Julia sah, dass der Hase sich fürchtete, und dass es gut war. Und sie sah ihn noch lange an, denn der Hase musste lernen wie man sich zu benehmen hatte.
Doch der Hase wurde wieder lebendig, er richtete sich auf, und machte sich so groß er konnte. Und noch einmal schillerte er in allen Farben. „Wenn du weißt, was ich gerne fresse, und wenn das dein Traum ist, dann weißt du auch was ich denke. Warum sollte ich es noch einmal wiederholen?“ Und nachdem der Hase geendigt hatte, spürte er ein wenig Stolz in seiner kleinen Brust.
Julia aber stampfte mit dem Fuß, und jagte den Hasen davon. Sie sagte noch: „Nun lauf, geh! Werde glücklich.“ Und sie hob den Vorhang hoch, und der Hase, der von nun an ein ganz normaler Hase war, sprang davon.

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