Was kritischer Journalismus ist und nicht ist. Und das Beispiel ORF.

Die mediale Aufmerksamkeit und Erregtheit hat abgenommen. Die Beantwortung einiger Fragen ist aus demokratischer und journalistischer Sicht unumgänglich. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Journalismus als Aufklärung
Journalismus spielt, als eine Form institutionalisierter Kritik und Kontrolle, für das öffentliche Leben und den öffentlichen Diskurs eine entscheidende Rolle. In seinem Kern wirkt er aufklärend, und nimmt die Öffentlichkeit als Zentrum und Spielfeld widerstrebender Interessen kritisch in den Blick; er erhält ihre Funktionalität, in dem er durch Analyse und Information Missstände aufzeigt und bewusstseinsschaffend wirkt – seine Finger dort zu spüren, wo es weh tut, wo man sie nicht haben will, und auch nicht erwartet hätte, sie also in die sprichwörtlichen Wunde zu legen, ist seine zentrale Aufgabe.
Die Folgen seines Handelns sind Regulierungen, vor allem durch staatliche Stellen, im weitesten Sinn: Ein aufgedeckter Straftatbestand etwa, wird verfolgt und geahndet. Hinzu zu rechnen ist seine meinungsbildende Bedeutung, und die mit ihr einhergehende Verantwortung.
Ein Kriterium, ob diese hohen Erwartungen erfüllt werden, und der Journalismus seiner Verantwortung gerecht wird, ist die Bereitschaft, seine eigenen Wunden, und die blinden Flecken der ihn tragenden Institution ins öffentliche Licht zu zerren. Das ist nicht etwa ein Akt von Höflichkeit, den man beachtet oder nicht. Journalistische Selbstkritik ist für seine Funktionalität unabkömmlich, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Abhängigkeit, medialer Konzerne und versuchter Einflussnahme von Interessensvertretungen jeglicher Art. Dass letzteres immer wieder versucht werden wird, liegt auf der Hand, und lässt sich vor allem durch die Breitenwirkung journalistischer Erzeugnisse, und ihrem Einfluss auf Moden und gesellschaftliche Entwicklungen, erklären. Nicht zu Letzt verfolgen auch Medien Interessen, die journalistischen Grundsätzen widersprechen können, etwa im Kampf um Reichweiten und Aufmerksamkeit – hier ist es ebenfalls Aufgabe des Journalismus (aber auch des Konsumenten) korrigierend zu wirken.
Kritik im aufklärerischen Sinn, schließt immer Selbstkritik mit ein, und wo sie versagt, muss man von einem (partiellen) Versagen des Journalismus sprechen.

Kritik an Institution und Organisation
Wer in seiner Zeitung nie etwas über ihre Fehler liest, der sollte vielleicht besser eine andere in die Hand nehmen: Ein Defizit von Organisationen und Institutionen ist ihr Hang selbstverschuldetem Fehlverhalten nachlässig und beschönigend gegenüber zu stehen – es würde den eigenen Interessen und dem Ansehen in der Öffentlichkeit schaden, selbst wenn intern Konsequenzen gezogen werden. Selbstkritik bedeutet nicht nur, Fehler einzugestehen, sondern eine Betrachtung auch dann zu ermöglichen, wenn man sich selbst fehlerfrei meint. Ähnlich, wie man sich in einem Diskurs durch Argumente angreifbar macht – die Bereitschaft dazu, ist entscheidend. Wer sich in Erinnerung ruft wie kirchliche oder weltliche Institutionen (etwa reformpädagogische Einrichtungen, wie die Odenwaldschule) auf Missbrauchsfälle in der Vergangenheit reagierten, der wird die Notwendigkeit, aber auch die Gefahr eines Versagens von Journalismus erkennen.
Journalistische Kritik als Kritik an Institutionen und Organisationen, ist in Demokratien unabkömmlich, denn sie begegnen uns überall, und sie prägen das Leben (post)moderner Gesellschaften: Wir schließen Verträge mit Konzernen und Unternehmen, wir begegnen Ämtern und staatlichen Stellen, wir konsumieren Medien, wir sind in Vereinen organisiert, als Gläubige in Kirchen, oder anderen gesellschaftlichen oder religiösen Vertretungen; NGOs, wohltätige Organisationen, und Parteien vertreten und handeln in unserem Auftrag. Kurzum: Sie alle vertreten Interessen, unsere, und die anderer Menschen. Und dort wo das geschieht, muss Kritik geübt werden, ohne Ausnahme, damit Einzel- und Gruppeninteressen gegenüber dem Gemeinwohl ausgewogen bleiben, und nicht einen Überhang gewinnen, der ihnen nicht zusteht. Institutionen und Interesse bedingen Unregelmäßigkeiten und Fehler nicht, aber sie machen sie wahrscheinlich.
Organisationen und Institutionen kreieren Verbundenheit, und Identität, emotionale Bindungen, etwas wie Heimat – menschlich mag Versagen verständlich bleiben, zu rechtfertigen ist es aber nicht. Aufklärung darf daher nicht auf halbem Weg stehen bleiben, und Kritik bloß eingeräumt werden, sondern Handlungen und Konsequenzen die Folge sein.
Der Journalist bleibt hin und her gerissen, zwischen Konservativität und Progressivität, der für seine Arbeit notwendigen Gebundenheit und Treue zu einer Organisation (Institution), und der für seine (Selbst)Kritik erforderlichen Distanz.

Vertrauen im Zeitalter der Information
Der Journalismus steht in seiner Gesamtheit in Mitten einer neuen Bewährungsprobe, er ist angehalten das Vertrauen der „Konsumenten“ (wieder) zu gewinnen, und zu festigen. Die hohe Verfügbarkeit von Infomation, macht Filterung unumgänglich, und das was dem Leser, dem Hörer, und dem Seher nicht zusagt, wird er verweigern, rasch und ohne Umschweife, denn das Angebot in seiner Gesamtheit ist ohnehin zu groß – Fehler wiegen doppelt schwer.
Hinzu kommt, dass die Zahl kritischer Beobachter zugenommen hat, und sie sich lautstark, und einfacher denn je zu Wort melden (können). War es früher mühsam Leserbriefe zu schreiben, kann man heute unter (fast) jedem Artikel eines Zeitungsportals einen Kommentar hinterlassen. Hinzu kommen viele lesenswerte Blogs, nicht nur von Journalisten, sondern von aufmerksamen Bürgern, die Diskurse und Begegnungen ermöglichen, die früher dem persönlichen Gespräch vorbehalten waren. Manche Zeitungen haben das erkannt, und versuchen ihre Leser verstärkt in die Gestaltung ihres Mediums einzubinden. Die Grenzen zwischen Leser und Journalist verschwimmen, aber der Erstere wird den Letzteren nicht ersetzten – Ängste diesbezüglich sind überzogen.
Das Angebot wird durch diesen privaten Eintrag weiter verbreitert, der Konsument zu noch stärkerer Selektion gezwungen. Das digitale Zeitalter hat aber auch noch andere Konsequenzen: Nicht (nur) die Information selbst ist entscheidend, sondern mehr denn je die Quelle, der Weg ihrer Entstehung und Verbreitung. Quellenkritik wird wichtiger, und schwieriger zu gleich – eine teilweise Überprüfung ist aber für viele Bürger über das Internet möglich (und mit Recht erwartet er deshalb von Journalisten mehr, als Netzrecherchen und Wikipedia-Verlinkungen).
Der Journalist ist in einer Quadratur des Kreises gefangen: Er muss immer schneller Informationen und Analysen bereitstellen (man erwartet, täglich mit neuen Nachrichten versorgt zu werden, oftmals auch umsonst), zugleich kritisch gegenüber eine Vielzahl von Quellen sein, diese verwerten, und wird zugleich durch eine Leserschaft herausgefordert, die ihm auf die Finger sieht, und selbst in seine Bereiche vordringt.
Kurzum: Kompetenz und ein (auch) auf sich selbst gewendeter, kritisch-reflexiver Blick sichert Vertrauen und Leser, Seher und Hörer. Und zugleich erhält er das journalistische Grundbestreben, eines nach Aufklärung des öffentlichen Geschehens einer Demokratie.

Am Schauplatz
Die Dokumentation „Am rechten Rand“, dem Format „Am Schauplatz“ (Leitung: Christian Schüller), einem der erfolgreichsten des ORF zugehörig, gerät in die Kritik; es stellen sich Fragen nach der Sauberkeit der journalistischen Vorgangsweise, nach Verletzung der Sorgfaltspflicht: Wie kommt eine Dokumentation zustande, und in welchem Verhältnis steht das Endergebnis inklusive seiner Aussagen zum Weg seiner Entstehung?
Sieht man die Dokumentation ohne Kenntnis der Vorwürfe, und hat man sich schon ein wenig mit dem Thema beschäftigt hat, wird man befinden, dass sie in Ordnung war, auf der anderen Seite, aber keine wesentlich neuen Erkenntnisse geliefert hat (was auch nicht zwingend erforderlich ist, aber von Teilen der Seher sicherlich erwartet wird).
Einen „Wahrheitsbeweis“ an dieser Stelle zu führen, ist nicht möglich, darüber haben Untersuchungen von Sachverständigen, Gerichte, u.a. zu befinden. Was hier versucht werden soll, ist eine Beurteilung, in welchem Verhältnis die Vorwürfe, fiktiv als zutreffend angenommen, zu einem aufklärerischen Verständnis von Journalismus stehen, und ob der ORF (im Sinne der involvierten Personen) seiner Pflicht zur Selbstkritik genüge getan hat.

Konstruktion und Ideal
Im Zuge der Diskussionen (der Auslöser war ein angeblicher „Sieg Heil“-Ruf eines der beiden Skinheads, die im Zuge der Dokumentation eine FPÖ-Veranstaltung besuchten, und mit dem anwesenden Heinz-Christian Strache „zusammentrafen“1) wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Realität (und damit auch Dokumentationen die eine solche wiederzugeben versuchen) immer Konstruktionen sind, also nie mit der Realität selbst verwechselt werden sollten. Das ist richtig und wichtig, auch wenn es unserem alltäglichen Verständnis und Handeln entgegengesetzt erscheint. Entscheidend ist allerdings, und darauf hat man zu wenig hingewiesen, in welchem journalistischem Selbstverständnis, eine solche Dokumentation gedreht wird: Welche Ideale (Intentionen) leiten die Konstruktion? Vereinfacht, kann man das wie folgt ausdrücken: Versucht ein Journalist eine vorab eingenommene Meinung unter selektiver Berücksichtigung von Sachverhalten, darzustellen, oder gibt er widersprechenden Ansichten und Tatsachen Raum, und liefert keine glatte, vorgefertigte Darstellung? Reflektiert er seine Rolle als Handelnder oder nicht, und verhält er sich entsprechend?

Vorwürfe und Problematik
Die Vorwürfe reichen von manipulierten Videobändern, über die Inszenierung einer Dokumentation, ungerechtfertigte Bezahlung der Dokumentierten, bewusste Einflussnahme, und schlampige Vorgehensweise. Folgende Vorwürfe sollen näher betrachtet werden:

Über den ersten Punkt muss man nicht lange diskutieren, derartiges hat in einer Dokumentation nichts verloren, es bleibt aber festzuhalten, dass Heinz-Christian Strache sich selbst in Widersprüche verstrickte, da er später nicht mehr sicher war, was er tatsächlich gehört hatte („Heil Hitler“ oder „Sieg Heil“); auch ist politisches Kalkül nicht auszuschließen.
Ein Transport der Protagonisten in einem dem ORF gehörendem Fahrzeug, ist zumindest eine Unsauberkeit, und Unschärfe in der Trennung zwischen Handelnden und Dokumentierenden, deren Folgen aber nicht dramatisch sein müssen.
Schwer wiegt, falls sie in der behaupteten Form erfolgte, die Bezahlung der Protagonisten, denn diese sichert gefälliges Verhalten (man möchte ja weiter Geld bekommen), vor allem wenn sie, wie die beiden Betreffenden, arbeitslos sind, und finanzielle Probleme haben, und von Delogierungen betroffen sind oder waren (wie in der Dokumentation gezeigt). Für die Frage der Beeinflussung ist es völlig belanglos, ob diese Zahlungen privat von Seiten des Redakteurs, oder mit Wissen des ORF erfolgten (Und auch Mitleid mit den beiden kann keine Ausrede sein: Nach Abschluss der Dokumentation steht es dem Redakteur, wie er es schon einmal tat, frei sich erkenntlich zu zeigen – die Gefahr einer Beeinflussung besteht dann nicht mehr).
Und auch der letzte Punkt wiegt, sollte er zutreffen, schwer, er wäre nicht nur eine unzureichende Trennung, sondern schon etwas wie Inszenierung oder Regieanweisung (zumindest müsste man derartiges während der Dokumentation erklären, am besten aber sollte man es unterlassen).

Selbstkritik?
Der ORF reagiert, und stellt (zumindest einen Teil) des Rohmaterials online; er verlegt den Sendetermin der besagten Dokumentation nach vorne, und setzt im Anschluss eine Diskussion „Was darf Journalismus?“ (Club 2) an. Und der Verantwortliche für die „Am Schauplatz“ Dokumentationen, Christian Schüller, stellt sich im Online-Chat auf den Portalen des Standard2 und der Presse3 den Fragen der Benutzer. Eine Herausgabe des Rohmaterials, an die wegen Wiederbetätigung ermittelnde Staatsanwaltschaft, wird unter Berufung auf das Redaktionsgeheimnis, verweigert4. Im Detail besehen, sieht es dann allerdings nicht mehr so gut aus.
Christian Schüller antwortet teilweise ausweichend auf kritische Anfragen5, und die Club 2 Diskussion gerät zu einer Farce: Zunächst verblüfft das Verhalten des Diskussionsleiters Rudolf Nagiller, der sich in einer der folgenden Sendungen des Club 2 für seine Parteilichkeit entschuldigt – man verabsäumte einen neutralen, das heißt nicht dem ORF zugehörigen Moderator zu engagieren.
Des weiteren lud man den Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell, Betreuer der Diplomarbeit von Ed Moschitz, jenem Redakteur der für die Gestaltung der Dokumentation verantwortlich war (was auch in der Sendung gesagt wurde) ein, es waren Johannes Fischer (Hauptabteilungsleiter der ORF-Magazine), Herbert Lackner („profil“-Chefredakteur, der zu Beginn seiner Karriere freier Mitarbeiter bei Radio Wien [dem ORF zugehörig] war), Heinz Mayer (Verfassungsjurist), Heinz-Christian Strache (FPÖ-Parteichef) und Karlheinz Kopf (ÖVP-Klubobmann) zugegen. Es wurde ein Heimspiel für den ORF, und meist eine 4(5):2 Konfrontation (letztlich waren von rund 80 Minuten Diskussionsdauer, etwa zwei gehaltvoll, in denen Kopf versucht, das eigentliche Thema anzuschneiden, und weg von der „Sieg-Heil“-Thematik zu kommen). Völlig rätselhaft bleibt, warum man nicht jemand von ARD, ZDF oder dem Schweizer Fernsehen geladen, und nicht eine in Ansätzen seriöse Reflexion versucht hat.
Natürlich, als Journalist schafft man sich Gegner, Feinde sogar, mächtige in Politik und Wirtschaft. Aber der ORF ist keine kleine Zeitung, kein privater Blogger, er kann seine Redakteure und Journalisten schützen. Und vor allem: Das rechtfertigt kein derartiges Auftreten in der Öffentlichkeit.

Vorläufige Beurteilung
Der ORF lässt nun Richtlinien ausarbeiten, beauftragt eine Arbeitsgruppe zur Qualitätssicherung (Quelle), und es gibt eine Sondersitzung des Publikumsrats. Das ist gut, wenn auch völlig unverständlich bleibt, warum das erst jetzt geschieht (Ein Vorbild wäre das Schweizer Fernsehen), und einen Anlass benötigt. Und unaufgelöst bleibt der Widerspruch zwischen der medialen Verteidigung, dem offenkundigen Mangel an Reflexion (in der Öffentlichkeit), und diesem „Eingeständnis“, dass man doch „nachsehen möchte, ob alles in Ordnung ist“.
Sollten sich einige der Vorwürfe als berechtigt herausstellen, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, dann muss man zumindest von journalistischen Verfehlungen sprechen, aber das wird sich zeigen. Versagt hat der ORF (d.h. einige der involvierten Personen) hinsichtlich seiner (ihrer) journalistischen Pflicht zu Reflexion und Selbstkritik, und dabei wurde die Rolle des ORF als öffentlich-rechtliches Medium noch nicht einmal thematisiert.
Die Bereitschaft sich selbst ins öffentliche Licht rücken, ist wenn überhaupt, rudimentär vorhanden – mit Klauen und Zähnen versucht man sich zu verteidigen. Ja warum denn? Etwa weil es (auch) um Heinz-Christian Strache geht? Weil es etwas zu verlieren gibt? Ja wenn, dann doch das, was Journalismus ausmacht. Aufklärung!, möchte man verzweifelt rufen. Aber es gibt sie, die Lichtblicke, wie etwa im Falter. Und in der Presse erkennt man zumindest, dass […] allen Beteiligten der Text für eine ernsthafte Mediendiskussion fehlt.
Aber von Seiten des ORF? Weit gefehlt, Christian Schüller etwa erklärt: Auf Youtube gibt es ein Video, das einen von ihnen [den Skinheads] bei einer Strachekundgebung am Viktor Adlerplatz zeigt. das heißt, wir können dokumentieren, dass nicht wir die beiden Skins zu Strachefans gemacht haben. (Quelle) Wer die Dokumentation gesehen hat, weiß, dass die beiden keine Strache-Fans sind, er ist ihnen zu „weich“. Und darum geht es auch nicht, sondern darum, ob zumindest einer der beiden (s.o.) ohne den ORF überhaupt zu besagter Wahlveranstaltung gekommen wäre, und ob man damit dem Zuseher nicht etwas vorgaukelt, was sich in der gezeigten Weise nicht abgespielt hätte (in der Dokumentation war auch nicht die Rede davon, dass Journalisten eventuell Ideengeber waren), und welche Konsequenzen das haben könnte.
Oder Johannes Fischer, der auf die kritischen Worte des ehemaligen Chefredakteurs Werner Mück (Quelle 1, Quelle 2) antwortet (Quelle), er möge seine Pension genießen und nicht ständig irgendwelche falschen Informationen verbreiten (auch hier). Und noch einmal Christian Schüller der die Zahlungen (über die dem ORF bekannten 200€ hinaus) allen Ernstes zur Privatsache erklärt (Quelle): Es gab keinen Versuch, über Geld den Inhalt zu beeinflussen. Dass Zahlungen während der Dokumentation an und für sich Gefälligkeit befördern, kann man sich anscheinend nicht vorstellen.
Auch andere Verteidiger treten auf den Plan, und natürlich, man empört sich, wo man keine Argumente mehr hat, diskutiert lieber andere Beispiele, oder lobt die Dokumentation in den Himmel (worum es im Kern, wiederum nicht geht). Einer der Kommentatoren trifft ins Schwarze, lakonisch stellt er fest: wenn nur einmal einer sagen würde: „eventuell war es ein fehler, die nazis im bus mitzunehmen“ und „in zukunft wird es nicht mehr vorkommen, dass redakteure von ihrem privatgeld während der reportage für protagonisten einkaufen“, dann wäre alles im lot. aber nein, einen irrtum zuzugeben, ist strache recht geben (was es nicht ist), deswegen machen alle die mauer. solidarität mit ed, als handle es sich bei ed um arigona zogaj (die unserer solidarität wirklich bedarf).
Dem Fass setzt dann ORF-Kommunikationschef Pius Strobl die Krone auf: Wir haben die Angelegenheit durch gute Krisen-PR in den Griff bekommen (Quelle). So wünscht man sich die Behandlung öffentlicher Belange.
Da beißt sich die Katze in den Schwanz, das ist kein kritischer Journalismus, der sich selbst nicht mehr in den Blick bekommt, der nicht in Ruhe und Vernunft über die eigene Rolle zu verhandeln vermag.

Zitate sind kursiv gesetzt.

Anmerkungen

1 Heinz-Christian Strache erstattete Anzeige. Als auf den Videobändern keine eindeutigen Äußerungen zu finden waren, wurde über Manipulationen gemutmaßt. Zusätzlich wird über die Rolle von Ed Moschitz (für diese Folge verantwortlicher Redakteur) gestritten: Angeblich habe er Anweisungen und Instruktionen an die beiden Skinheads gegeben, wie sie sich Heinz-Christian Strache gegenüber verhalten sollten. In der Folge wurden dann die übrigen (aufzuklärenden) Sachverhalte bekannt.

2 Ich habe eine ganz ähnlich lautende Frage (siehe Anmerkung 5, Frage 1) an den Standard per email (das ist möglich, wenn man nicht direkt am Chat teilnehmen kann) eingesandt. Sie wurde nicht berücksichtigt. Zum Chat-Protokoll.

3 Als ich las, dass Christian Schüller sich eine Woche später auch im Presse-Chat Fragen stellen wird, habe ich die Möglichkeit ergriffen direkt zu fragen. Diesmal klappte es. Zum Chat-Protokoll und Anmerkung 5.

4 Das mag zunächst einleuchtend erscheinen ist es aber nicht, da die beiden Skinheads, die in der Dokumentation auftraten, nachher Interviews gaben, und sich somit einer breiten Öffentlichkeit bekannt machten – ein Schutz von Personen und Quellen kann für die beiden aus journalistischer Sicht daher nicht mehr geltend gemacht werden, allenfalls für andere Personen, die in auf dem Rohmaterial zu sehen sind, und die auch auf dem online zugänglichen Material „geschwärzt“ wurden. Allerdings können diese Regelungen bei entsprechendem Verdacht auch außer Kraft gesetzt werden. Da ich aber nicht über die entsprechenden rechtlichen Kenntnisse verfüge, bleibt ein abschließendes Urteil außen vor.

5 Im Folgenden meine beiden Anfragen an Christian Schüller, und seine Antworten im Wortlaut (Quelle: Anmerkung 4):

Frage 1:
metepsilonema: Gehen wir einmal davon aus, dass die Aussagen der beiden Skinheads, die sie in ihren Interviews getätigt haben, korrekt sind. Wie würden Sie dann die Rolle von Journalisten beurteilen, die Personen über die sie eine Dokumentation/Reportage drehten, bezahlt haben, persönlich an den Drehort gebracht, und möglicherweise (das gilt nur für einen der beiden) dazu ermuntert haben, dort überhaupt hinzufahren. Ist das mit journalistischen Tugenden wie Genauigkeit, Unabhängigkeit, und Wahrheitspflicht vereinbar? Und erfüllt das die Erwartungen der Zuseher in das entsprechende Format?

Christian Schüller: Selbst wenn die Idee zu dieser Veranstaltung zu fahren, von uns gekommen wäre, halte ich das nicht für manipulativ, solange wir das in der Reportage klar sagen. Eben weil wir niemandem vorschreiben oder vorschlagen, was er sagen soll, ist es durchaus journalistisch interessant, mit der Kamera zu beobachten, wie zwei junge Männer die von einem „Führer“ träumen, dann vor dem einzigen Politiker stehen, den sie gelten lassen, und in diesem Moment draufkommen, das auch der ihnen nicht aus ihrer Misere helfen kann. Ebenso interessant ist zu beobachten, wie FPÖ-Anhänger auf eine Gruppe reagieren, mit der sie nichts zu tun haben wollen. Es waren ungefähr 20 Rechtsradikale dort, nur zwei davon haben wir gekannt.

Frage 2:
metepsilonema: Es ist ein wesentlicher Unterschied ob Geld vor, während, oder nach einer Reportage bezahlt wird. Letzteres ist bedenkenlos, wenn das Verhalten der Protagonisten dadurch nicht beeinflusst wird (etwa wenn man sich revanchieren will, weil die Betreffenden arm sind, wie in Ihrem Beispiel). Können Sie deutlich machen wo für Sie eine Grenze zu ziehen wäre?

Christian Schüller: Über diese Grenzen reden wir sehr oft, und sie können mir glauben, dass ich nach 30 Jahren Journalismus ein Sensorium für diese Fragen habe. Was bisher gefehlt hat: Es gab keine schriftlich festgelegten Direktiven in dieser Sache, weil die Materie sehr kompliziert ist. Wir werden aber jetzt versuchen, schriftliche Regeln festzulegen, um es allen Kollegen/Innen leichter zu machen.

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3 Antworten zu “Was kritischer Journalismus ist und nicht ist. Und das Beispiel ORF.

  1. metepsilonema 12. April 2010 um 10:29 pm

    Und man macht munter weiter.

    Und dann habe ich noch diese Mitteilung über die (angebliche) Vorgehensweise des zuständigen Redakteurs Ed Moschitz im Zuge der Planung einer anderen „Am Schauplatz“-Folge in einem Kommentar unter einem Standardartikel gefunden: Tei 1, Teil 2.

  2. Anonymous 8. September 2014 um 2:51 pm

    cdfgzcfguvg

  3. Pingback: Carta — Postjournalismus, nicht konstruktiver Journalismus - Carta

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