Sebastian

Thomas und Sebastian starrten auf eines der klassizistischen Häuser in der Museumsstraße. Und obwohl es alles andere als einen Anblick bot, der zum Halten einlud, und die beiden auch keine Freunde klassizistischer Architektur waren, so dass ein hervorragender Erker, oder ein zierliches Sims ihre Aufmerksamkeit beansprucht hätte, blieben sie dennoch stehen.
Fast die gesamte Fassade des Hauses war eingerüstet, und nur ganz selten leuchtete ein Tupfer Weiß hinter dem Geflecht aus Netzen, Brettern, und Stangen hervor.
Wie es der Logik ihrer Zeit entsprach, erstreckte sich über mindestens die Hälfte des Gerüsts, also mehrere Stockwerke, ein einziges, riesenhaftes Plakat. Es war faltenfrei über dem Netz, das das Gerüst einhüllte, aufgespannt, und so platziert, dass ihm kein Fußgänger oder Autofahrer entkommen konnte.
Die Farben waren satt, so dass sie hervorstachen, aber nicht befremdeten. Das Mädchen, das halb dem Betrachter ab, und halb einem Plasmabildschirm zugewendet war, trug ein grünes Kleid, hatte lange braune Haare, und lächelte. Der Bildschirm selbst war dunkel, und erst als Thomas und Sebastian genauer hinsahen, entdeckten sie, dass sich ein nur schwer fassbares Wesen aus seinem Dunkel hervor wölbte – eine Mischung zwischen Teddybär und Stoffkarnickel, vielleicht. Seine Knopfaugen schimmerten, und es war dem Kind sicherlich freundlich gesonnen.
Es schien als träume das Mädchen, als wäre der Fernseher abgeschaltet, und das Wesen ganz das Produkt des kindlichen Geistes. Phantasie neu erleben, stand darunter, Fernsehen neu definiert.
„Besser als deiner, hm.“
„Was heißt besser? Meiner ist Schrott dagegen. Schrott!“
Schweigen. Und während des Weitergehens schüttelte Thomas unentwegt den Kopf. Ein Meter, ein Meter, flüsterte er. Und nach einer Weile blieb er plötzlich stehen, und Sebastian wäre beinahe in ihn hineingelaufen. „Stell dir einmal vor, ein Meter!“ Und seine Hände deuteten zitternd die gewaltige Spanne an.

Noch heute… Ein Wirbelsturm jagte durch Sebastians Kopf, das heißt jetzt, wo er es ausgesprochen hatte, setzte bereits die Flaute ein. Aber der Sturm würde sich gewiss wieder regen, sollte er sein Vorhaben weiter aufschieben.
Sebastian schlug die Bettdecke zurück, und stand auf. Draußen war es noch dunkel. Er war mit einer blau-orange gestreiften Boxershort bekleidet, und strecke sich – seine Rippen traten hervor.
Also gut, noch heute. Er sprach es noch einmal laut vor sich hin, und ihn fröstelte, aber die Erinnerung an den Wirbelsturm schob ihn vom Bett fort. Dabei war alles ausgemacht, beschlossen, geplant – er hatte sich sogar wegen der Baustelle erkundigt. Morgen?, der Arbeiter mit dem gelben Schutzhelm hatte seine Frage verdutzt wiederholt, und dann schallend gelacht.
Es gab keinen Grund bereits heute zu beginnen, aber er hatte nun einmal nachgegeben, und deshalb… Sebastian hatte die letzten Tage genossen, er war sich vorgekommen wie ein Rebell, das erste Mal in seinem Leben, und er meinte zu Recht, auch wenn er nichts anderes getan hatte, als im Bett zu liegen, zu essen und dem im Stundentakt läutenden Telefon zu lauschen. Manche Dinge musste man ausprobieren, um sie schätzen zu lernen.
Alles lag seit Tagen auf dem Küchentisch bereit. Ein rotes Megafon, ein schwarzer Rucksack, Handschuhe, festes Schuhwerk (das unter dem Tisch stand), und natürlich die Kleidung, die er sorgfältig ausgewählt, und neu gekauft hatte. Sebastians Blick glitt begehrlich darüber, und er fuhr mit den Fingern sanft über den roten Stoff. Dann nahm er das Megafon in die Hand, das er sich von der Studentenvertretung geliehen hatte (dass sein Studium schon lange abgeschlossen war, interessierte dort niemanden). Für Antifaschismus und so, hatte Sebastian gesagt. Er musste nur unterschrieben, und schon hielt er es in Händen.
Sebastian füllte den Wasserkocher. Die Studenten, dachte er, sich an den letzten Herbst erinnernd. Elisabeth trug ihren blauen Schal, und die rote Mütze. Die Studenten waren nicht eben zahlreich gewesen, und die Stimme hatte sie aufgefordert zu bleiben. Die verzerrte Stimme von damals, genau eine solche Stimme musste er haben. In der entmenschlichten Stimme, im metallenen Klang des Megafons, war er der Macht begegnet. Macht, weil die Stimme überall und nirgends war. Weil sie nicht menschlich war, und eine höhere Wahrheit zu verkünden schien. Sie waren stehen geblieben, damals, rot vor Scham. Sie hatten zugehört, und waren, erst als die Demonstranten weiter zogen, klammheimlich verschwunden.
Sebastian warf einen Beutel Earl Grey in die Tasse, und goss das Wasser darüber. Einen Moment lang hatte er überlegt diesen Tag anders zu beginnen, sich dann aber für die Banalität entschieden.

Mit einer nie gekannten Gelassenheit trat Sebastian von der Schwelle seines Hauses. Es war alles geregelt, und er atmete tief ein, als ob die frische Luft etwas damit zu tun gehabt hätte. Von den wenigen Menschen, denen er in der Morgendämmerung begegnete, glaubte er, dass sie festen Bestimmungen, wie einem Faden entlang, folgten. Jetzt, wo er wusste was zu tun war, was tatsächlich zu tun war, da dachte Sebastian, dass es allen anderen ebenso gehen musste. Alles war geordnet, befreit.
Dann kam ihm das Plakat wieder in den Sinn. Er betrachtete es ohne Schrecken, fast neugierig, denn längst hatte er seine Absicht durchschaut, selbst wenn dieser Prozess des Erkennens sein Leben grundlegend und vollständig erschüttert hatte.
Doch mittlerweile waren die Erschütterungen abgeklungen, und einer neuen Festigkeit gewichen. Das Plakat stand stellvertretend für die Versklavung des Menschen, nicht physisch, wie zu früheren Zeiten, nun ging es an den menschlichen Geist, und zwar nur an diesen, denn die Sklavenhalter von heute wussten, dass er der Schlüssel war. Doch sie waren ungleich schwieriger zu fassen, ja sie entzogen sich jedem noch so angestrengten Versuch, ihrer habhaft zu werden, und Sebastian gelangte zu dem Schluss, dass das System an die Stelle des Halters getreten war. Er hatte sich sozusagen unsichtbar gemacht, und beherrschte die Menschen.
Das alles kam Sebastian beiläufig in den Sinn, er dachte nicht folgerichtig, und zog auch keine Konsequenzen daraus, andernfalls hätte er den eigenartigen Widerspruch zwischen seinem Handel und Denken bemerken müssen.
Sebastian schlenderte die Straße entlang, und da er genügend Zeit hatte, ging er eine Reihe von Umwegen. Zuerst spazierte er an den Museen vorbei, und dann in den Burggarten, wo er sich kurz auf einer Bank niederließ. Doch schon bald zog es ihn weiter, und Sebastian lief noch hierhin und dorthin, und er hätte, kaum war er in die nächste Gasse eingebogen, keine Auskunft mehr darüber geben können, woher er gekommen war.
Mit einem Mal fand sich Sebastian in der Museumsstrasse wieder, vor dem klassizistischen Haus, dem Gerüst, und dem Plakat. Die Arbeiter waren noch nicht gekommen, und Sebastian sprang hoch, und ergriff eine der Stangen. Dann stemmte er seine Füße gegen die Mauer und kletterte aufwärts. Es war einfacher als er dachte, und da über die Nacht nur die unterste Leiter entfernt worden war, konnte er die oberen Plattformen des Gerüsts bequem erreichen. Sebastian suchte die Verankerungen des riesenhaften Plakats, nahm seinen Rucksack ab, prüfte sie mit den behandschuhten Fingern, hantierte herum, und suchte die nächste. Danach kletterte ganz hinauf, und er hatte Glück, denn die letzte Etage des Gerüsts, befand sich knapp unterhalb des Dachs, das sein Ziel war.
Um das Dach verlief ein Weg, schmal, aber doch so breit, dass man sich bequem auf ihm bewegen, und die Aussicht genießen konnte. Vor dem Weg, und das Dach abschließend, befand sich ein etwa zwanzig Zentimeter dickes, und einen halben Meter breites Sims. Sebastian warf seinen Rucksack auf den Weg, stemmte sich hoch, und setzte sich auf das Sims. Seine Beine baumelten über dem Gerüst, während sich die Sonne langsam aufwärts schob.

Tatsächlich konnte alles ein Leben verändern, in jedem Moment, und ehe man sich versieht, hat es in Sekundenschnelle eine neue Richtung eingeschlagen, und es bleibt nicht mehr, als diese Wendung nachzuvollziehen, weil sich unbewusst längst alles ereignet hatte. Das waren in etwa Sebastians Eindrücke der letzten Woche. Sein ständiges Unwohlsein – der Körper war dem Verstand vorausgeeilt, aber das Erkennen erst, hatte den Zusammenbruch vollständig gemacht.
Wie er sich so lange hatte täuschen können? Er suchte nach einer Erklärung, aber mehr als den lapidaren Satz, dass er wie ein Blinder durch sein Leben gegangen war, aber nicht bemerkt hatte, dass er blind war, kam ihm nicht in den Sinn. Und letztlich war es bedeutungslos, denn wo das Einverständnis zerbröselt, da zerbricht alle Erfahrung, und alles Leben, und man steht vor einem Scherbenhaufen, und spürt, dass noch jede einzelne Scherbe vergiftet ist. Welche Bedeutung sollte da eine Erklärung haben? Was sollte sie entschulden, und was würde das ändern?

Sebastian erkannte den Schuster Franzens und den Uhrmacher Neubauer unten auf dem Gehsteig. Sie waren Nachbarn, und spazierten, wie jeden Tag gemeinsam in ihre Geschäfte am unteren Ende der Straße.
Es war fast sieben Uhr. Die Museumsstraße erwachte, füllte sich mit Leben, schleppend, doch dann strömten, wie jeden Tag, immer mehr Menschen in Richtung ihrer Geschäfte, zur U-Bahn oder zur Busstation. Der Himmel war blau, die Bäume trugen bereits Blätter – ein schöner Tag kündigte sich an.
Sebastian wollte lächeln, ob all ihrer Naivität, ihres geschäftigen und doch sinnlosen Treibens, und er fühlte sich bereits weit entfernt, sehr weit, wie wenn er irgendwann in einer lang vergangenen Zeit, Teil dieser strömenden Menge gewesen war.
Am liebsten hätte er sich in ihr verloren, wäre er Waltraut, der städtischen Gärtnerin die die Beete vor dem Museum pflegte, gefolgt, hätte jede ihrer Bewegungen aufgesogen, und dann der Kellnerin des Kaffee Raimund dabei geholfen, die weißen Tische und Sessel, auf ihren Platz vor dem Kaffee zu stellten. Aber Sebastian durfte den rechten Zeitpunkt nicht verpassen, und es blieben nur noch wenige Minuten, dann würde der Bus halten, und einen Schwall von Erwerbstätigen ausladen – just in dem Moment, in dem der Zustrom vom oberen Ende am größten sein würde.
Sebastian erhob sich. Er nahm das Megafon aus dem Rucksack, stellte sich auf das Sims, und hob das Mikrophon an seinen Mund. Und dann drang seine Stimme, von der gegenüberliegenden Rückwand des Museums zurückgeworfen, seltsam verzerrt an sein Ohr.

„Ihr Schweine! Ihr verdammten Schweine!“ Jetzt fuhr er wie der Blitz in ihr Leben, und durchschnitt das hektische Treiben, zumindest dachte sich das Sebastian, und er sah es auch.
Fußgänger blieben stehen und reckten ihre Köpfe. Autos hielten. Fenster wurden heruntergekurbelt, und manche blinzelten verzweifelt, die vermeintliche Trübe des Morgens verwünschend.
Nach einiger Suche entdeckte ein älterer Herr, der neben dem Halteschild der Straßenbahn stand, die knallrote Gestalt oben auf dem Sims. Mit dem Regenschirm deutete er hinauf, und ganz seine guten Manieren vergessend, schlug er dem nächst Besten auf die Schulter, und wies ihn auf die Ursache der allgemeinen Verwirrung hin. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Entdeckung unter den Wartenden, ihr Gemurmel schwoll an, und zahlreiche Hände folgten dem Schirm des alten Mannes.
Vier, fünf Stockwerke über der Fahrbahn, eine rote Gestalt, ein rotes Megafon, und über ihr nur mehr der blaue Himmel. Niemand verstand das, und weil es niemand verstand, und weil sie nichts Besseres zu tun hatten, starrten all diese Menschen Sebastian an.
„Ihr Scheine! Ihr verdammten Schweine!“ Zum dritten Mal wiederholte er seine Worte. Er brüllte sie. Und dann lächelte er. Ja, er konnte noch lächeln.
Die Museumsstraße, und links lag der Ring, und vor ihm (noch immer) die Rückseite des Naturhistorischen Museums. Alles stand still, weil er gerufen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben erfuhr Sebastian was Macht bedeutete. Sogar die Straßenbahn hatte gehalten, und der Fahrer, in seinem hellblauen Hemd, stand vor dem Zug, und sah herauf. Sebastian winkte ihm zu, und er genoss die Stille, die zu ihm herauf schwappte, und die Aufmerksamkeit, die ihr folgte. Jetzt wo ihm alle zugewandt waren, begriff er, dass er nicht zu lange zögern durfte. Er musste etwas sagen, und er bemerkte, dass er nichts vorbereitet hatte.
Sebastian hatte sich nicht im Geringsten überlegt, was er sagen wollte. Zögerlich hob er das Mikrophon an seinen Mund. „Es ist Mord. Sie töten uns obwohl wir leben!“ Ein Raunen lief durch die Menge, und er fand schnell Gefallen an seinen drastischen Worten, das heißt, er meinte, dass sie treffend waren.
Sebastian schritt in atemberaubendem Tempo das Sims entlang. Man musste ihn sehen können, das war wichtig, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Dann blieb er blieb stehen. „Das System. Es ist ein teuflisches System!“ Ja, das System war schuld, soviel war sicher. Der Schall schlug ihm erneut wie ein bestätigendes Echo von der Rückwand des Museums entgegen. Er wartete.
„Wahrscheinlich werden sich die meisten von euch nun fragen“, und es war das erste Mal, dass er die Menschen direkt ansprach, „was ich denn meine. Mit dem System, und damit, dass wir lebende Tote sind.“
Und plötzlich stand eine Wand vor Sebastian, über die er nicht hinweg konnte. Die Pause wurde länger und länger. Und dann vernahm Sebastian eine Sirene.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Feuerwehr damit beschäftigt war einen Drehleiterwagen in Stellung zu bringen. Irgendjemand musste sie gerufen haben, und Sebastian wandte sich ihnen zu. Wie Ameisen, die das Unausweichliche durch rastloses Treiben abzuwenden versuchen. Handlager, dachte er, Missbrauchte, die nicht begreifen, dass sie missbraucht werden, und die es nie begreifen werden. Er hob die Hand mit dem Megafon, und trat an die Kante. „Wenn sie nicht aufhören, springe ich!“
Die steinernen Gelehrten auf dem Dach des Museums blickten herüber, überragt nur mehr von der Kuppel des Baus. Auf wessen Seite sie wohl stünden? Wahrscheinlich würden die meisten von ihnen jenseits der Seiten leben, irgendwo. Aber selbst das half nichts, man blieb ein Beherrschter, auch wenn man nichts davon wusste.

Auf der Floridsdorfer Brücke, neben den Geleisen, und im Regen fand Sebastian die Erklärung nach der er begehrte. Obwohl er genaugenommen nach keiner Erklärung, sondern vielmehr nach irgendeiner Art von Halt begehrte – Halt für eine gewisse Zeitspanne, in einem Leben, das nicht mehr zu ertragen war. Auf dem Randstein des Fußweges lag, halb durchnässt und schlammverschmiert, ein dünnes Buch. Leben in der Moderne, stand da geschrieben, und Sebastian wollte es schon erbost in den Fluss werfen, als sein Zeigefinger, zufällig, den eigentlichen Titel freilegte.
Sebastian spürte, dass ihn dieses Buch nicht retten würde, aber vielleicht war es genau das was er jetzt brauchte. Er begann zu lesen, und erst als die Seiten beim Umblättern vor Nässe rissen, beschloss er es zu Hause zu beenden.
In der Moderne verloren die Menschen ihre gestalterische Kraft. Manche konnten sie sich bewahren, oder sie entdeckten sie neu, aber die allermeisten wussten nicht einmal dass es sie gab, geschweige denn, was sie bedeutete. Die Menschen lebten nicht mehr, sondern sie ließen sich treiben, nein: Sie trieben dahin. Sich mit Gewalt gegen das Steuerruder zu lehnen, wenn Sturm aufkommt, das vermochten sie nicht mehr.
Er fand auch Erklärungen, wie das gekommen war, aber Sebastian überflog sie nur, und sie drangen nicht in sein Bewusstsein.
Sebastian erhob sich von seinem Stuhl, warf das Buch auf die Couch, und begann langsam im Zimmer umher zu gehen. Er war nun, grob geschätzt, in der Mitte seines Lebens angelangt, und wenn er es nüchtern betrachtete, dann hatte er bisher nicht gelebt. Er hatte es geglaubt, lange, das stimmte, aber die Dinge standen anders, auch dort wo er gelacht und geweint hatte, ja besonders dort.
Und dann dreht er sich um, und sah das Buch, das da auf dem dunkelblauen Stoff lag, scharf an. Wie man weiterleben soll, dazu schweigt es, dazu musste es schweigen.

Auch der Uhrmacher stand vor seinem Geschäft, und starrte auf die rot gekleidete Gestalt auf dem Dach. Wer mochte das sein? Ein Bekannter, ein Freund?
Eine Frau hob ihren Kinderwagen über die Gehsteigkannte, und schob ihn angestrengt vorwärts. Sie kannte nur den Kinderwagen, und den Gehsteig vor ihr, vielleicht sah sie noch die Pfeiler des Gerüsts, unter dem sie bald verschwinden würde, und schemenhaft noch einige Passanten. Aber alles andere war ihr entgangen, ja sie hatte wahrscheinlich nicht einmal das Bedürfnis es anzusehen, wenn es ihr aufgefallen wäre.
Manchmal waren die Gesichter voll Freude, oder von einer Anstrengung gezeichnet, und sie quollen über von dem was für Sebastian nichts anderes als Leben bedeutete, jenes Leben, das er nie gekannt hatte, und einen Moment lang schien ihm dieses manchmal, kein manchmal zu sein.
In Mitten einer Welt, die auf Verrat gegründet war, die nichts anderes als Lüge war, gab es etwas, das nach (seinen) menschlichen Kräften bemessen, nicht von alledem gezeichnet war – ein Widerspruch den Sebastian nicht aufzulösen vermochte. Menschen in dieser Stadt, konnten dem entkommen, was sein Leben schnell und unmerklich hatte absterben lassen. Bei aller Harmlosigkeit und Naivität, manchem Gesicht, war eine Tiefe eingeschrieben, die Sebastian mit Schauern erkannte. Sollte auch er…?
Man kann Phantasie nicht erleben, schrie Sebastian, niemand kann das! Dann schleuderte er das Megafon von sich, zog eine Fernbedienung aus einer Tasche, und drückte den einzigen, hellgelben Knopf.
Eine Reihe von Explosionen erschütterte das Gerüst. Dann sprang er so weit er konnte, und während das Plakat zu Boden fiel, und die ersten Rauchwolken über die Kannte stiegen, stürzte Sebastian in die Tiefe.

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Eine Antwort zu “Sebastian

  1. metepsilonema 22. April 2010 um 10:47 pm

    Noch ein paar Kleinigkeiten korrigiert…

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