Im Two Friends. Erster Stock.

Das Two Friends stand für alles, was einen gelungenen Abend umfasste, was uns zur Gewohnheit und lieb geworden war. Aber eigentlich meinten wir nur einen Teil des Two Friends, der für uns lange Zeit das Two Friends war, die ganze Realität, in der niemand auf die Idee gekommen wäre, nach dem Eingang die Treppe links aufwärts zu nehmen.
Und später, nachdem uns ins Bewusstsein gerückt war, dass ein zweites Two Friends existierte, da nahm das Andere, wie wir es nannten, lediglich die Gestalt eines unscharfen Fleckens in unseren Köpfen an, der dazu diente, das Gewohnte, als das einzig Wahre zu bestätigen. Wir kümmerten uns nicht, bogen weiterhin rechts in den Keller ab, und wahrscheinlich hätte ich es bis heute so gehalten, wenn mich nicht eine Notwendigkeit zu anderem verpflichtet hätte.
Die Stiegen aufwärts in einen Albtraum gelaufen, so könnte man es nennen. Lethargisch, fast erschlagen taumelte ich zu dem Ledersofa am anderen Ende. Ich presste meinen Atem, zwang auch ihn das Two Friends zu betreten, und nach einigen angestrengten Versuchen, atmete ich fast normal.
Den ersten Angriff des übereifrigen Barkeepers wehrte ich durch heftiges Wedeln mit der Getränkekarte ab. Dann legte ich sie vor mir auf das schwarze Tischchen und seufzte. Ich wusste ohnehin was ich trinken wollte, und nach einigen Minuten kann er wieder, und ich bestellte, wie gedacht.
Ich saß also im anderen Two Friends, Knie an Knie gepresst, die Handflächen flach darüber, und vor mir ein Mojito. Ja nichts berühren! Ich hielt, tief gebeugt, den Strohhalm mit den Zähnen und nuckelte. Überall dieser Glanz! Nur nicht tropfen!
Das erste Mal in der oberen Etage – ein Zugeständnis, sonst immer Substandard, sozusagen. Ich wollte keine Tische ohne Wachsflecken und Bierglasränder, und vor allem wollte ich Tische, keine Tischchen, von der fein darüber verstreuten Asche ganz zu schweigen. Hier aber strahlte alles um die Wette, kein Gedanke an Transzendenz kommt da auf, und ich zögerte sogar mein Glas zu berühren. Fingerflecken.
Ich zuckte unwillkürlich, als mein Rücken das Ledersofa berührte. Wie ein träger Sack rutschte ich langsam das Sofa hinunter, und versank darin. Falsches Leder? Im Two Friends? Mehr brauchte ich nicht. Und dabei wollte ich bloß wissen wie sie es reinigen, um mit dem Barkeeper-Kellner, blaues Hemd, Gilet, Masche, ins Gespräch zu kommen. Falls es Echtleder ist, dann… Aber Selbstgespräche sind ohnehin wertvoller. Ich bitte Sie! Der war tatsächlich beleidigt, und hat das Schälchen mit Erdnüssen, lächerlich klein, fast abgezählt, mit theatralischer Geste auf den Tisch gestellt. Eine hundertachtzig Grad Drehung, und weg war er.
Ein ekelig glänzendes Lokal, mit einem ekelig glänzenden Ledersofa, das zudem ebenso weich war, aber wenigstens die Cocktails waren gut, sehr gut sogar, und ich wusste auf wessen Kosten die erste Runde gehen würde.
Andreas kam, ich winkte. Hierher!, und der Kopf des Barkeepers flog mit einer ruckartigen Drehung in meine Richtung. Schon wieder der. Aber auch einige Gäste, Anzug und Abendkleid, des an-und-für-sich spärlich besetzten Lokals, verfielen in kleinbürgerliches Mienenspiel und heftige Kopfbewegungen. Der Barkeeper setzte sich in Bewegung. Ich sah ihn mitleidvoll grinsend an, winkte erneut, und röhrte ein tiefes hier. Hirschbrunftgeschrei. Die Erdnüsse zitterten in ihrem Schälchen und über die Oberfläche meines Mojito kräuselten feine Wellen.
Und schon stand er vor mir. Ihre Rechnung, mein Herr. Ein rot angelaufener Kopf stellte einen Teller auf das Tischchen, machte kehrt, und verschwand.
Drehen und verschwinden. Ich musste schallend lachen, tat es gerne, und ausführlich, und bemerkte einen Anstieg der Kopfschüttelfrequenz unter den Gästen.
Ich sprang auf, klopfte dem verwunderten Andreas auf die Schulter, und bedanke mich für den Cocktail. Wir sehen uns einen Stock tiefer!

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9 Antworten zu “Im Two Friends. Erster Stock.

  1. metepsilonema 21. Mai 2010 um 12:12 am

    Auch hier noch ein paar Kleinigkeiten korrigiert.

  2. Phorkyas 7. Juni 2010 um 11:34 am

    Eben noch als ich meine Rechnungen anschmiss, da war doch dieser Satz da: „Die Forschung soll zum Teufel gehen“, so dass ich hier den zweiten Text gelesen habe..

    Die Stockwerk-Metaphorik hab ich mir noch nicht ganz erschlossen. Ist das Obergeschoss mit illustren, edlen Gaeste, auch die Creme de la Creme der Forschung, die Koryphaeen, Arrivierten? Unten das Kumpelhafte, Menschlich-warme Geschraube in den Labors? So einfach laesst es sich nicht entknobeln..

    PS. lou-salome deuteten Sie an, dass es noch weiterginge, damit meinten Sie aber nicht nur diesen Teil? Oder ist es damit schon abgeschlossen?

    • metepsilonema 7. Juni 2010 um 5:46 pm

      Da habe ich einige Verwirrung angerichtet, tut mir leid! Es ist nur insofern ein zweiter Teil, weil es (sozusagen) am selben Ort spielt (ansonsten gibt es keine Parallelen). Allerdings plane ich zu dem hier einen zweiten Teil im anderen Stock.

      „Die Forschung soll zum Teufel gehen“

      Vielleicht gibt es davon eine längere Version, in einiger Zeit (und so mir etwas einfällt).

      • Phorkyas 8. Juni 2010 um 12:05 am

        Na, da hab ich doch eben mis(t)interpretiert (Sie können ja nicht zu jedem Text nen Beipackzettel schreiben) – hier ist das Hauptthema ja schon sehr anders (eine Verletzung von Konvention, unsichtbaren Zwängen [was ist da mit der Luft los, selbst die ist zu eng]?) …. Persönlich hätt ich mir nen etwas anderen Tabubruch gewünscht, aber auch hier bleibt einiges hängen (der pikierte Kellner gefällt mir, die Kopfschüttelfrequenz der Gäste – die werden so schön zu einer anonymen Masse) – Am Ende verwundert mich ein bisschen der Andreas, da der bisher gar nicht vorkam, man ihn nicht bemerkte und das Geschehen ja nur Interaktion: Erzähler-Umgebung, Erzähler-Kellner, Erzähler-Leute ist, oder?

      • metepsilonema 8. Juni 2010 um 9:22 pm

        Andreas war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht anwesend, folgende Variante wäre möglich:

        Ein ekelig glänzendes Lokal, mit einem ekelig glänzenden Ledersofa, das zudem ebenso weich war, aber wenigstens die Cocktails waren gut, sehr gut sogar, und ich wusste auf wessen Kosten die erste Runde gehen würde.
        Ginge, wenn Andreas endlich… aber da war er ja, er sah abgekämpft aus, verwirrt, und ich winkte: Hierher!
        Der Kopf des Barkeepers flog mit einer ruckartigen Drehung in meine Richtung. Schon wieder der. Aber auch einige Gäste, Anzug und Abendkleid, des an-und-für-sich spärlich besetzten Lokals, verfielen in kleinbürgerliches Mienenspiel und heftige Kopfbewegungen. Der Barkeeper setzte sich in Bewegung. Ich sah ihn mitleidvoll grinsend an, winkte erneut, und röhrte ein tiefes hier. Hirschbrunftgeschrei. Die Erdnüsse zitterten in ihrem Schälchen und über die Oberfläche meines Mojito kräuselten feine Wellen.

      • Phorkyas 9. Juni 2010 um 5:53 pm

        Sorry, den letzten Einwurf ziehe ich zurueck. Da hatte ich nur den Text etwas zu oberflaechlich gescannt und „Andreas kam, ich winkte. Hierher!“ uebersehen.. und dachte dass die weitere Person ueberhaupt ueberfluessig sei fuer die Geschichte.. So wie es im Text schon ist, ist alles fein. (Entschuldigen Sie bitte das etwas voreilige, andauernde in den Text Gequatsche..)

        Dieses „kein Gedanke an Transzendenz kommt da auf“ zieht mich sehr an,.. auch weil es mich zum Widerspruch reizt (mir draengte sich bei so einem Ambiente eine „reine, weisse, leere Transzendenz“ auf, so wie ich mir die Ewigkeit in so einer fiesen, kahlen Lounge vorstellen wuerde – aber das ist ja gewissermassen auch Anti-Transzendenz? – und passt nicht zu der Beklemmung, den Zwaengen, in denen dieser allzu perfekte Raum den Erzaehler haelt?)

      • metepsilonema 9. Juni 2010 um 10:47 pm

        Nicht scannen, lesen! Aber im Ernst: Das kann schon mal passieren, und das in-den-Text-Quatschen empfinde ich wie gesagt als sehr hilfreich, weil ich dabei lerne wie die Texte auf der anderen Seite ankommen bzw. verstanden werden.

        Vielleicht weil man das Transzendieren dort „verlernt“.

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