Fäden und Papier

Über Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand schwebt die rechte, und als es nicht mehr auszuhalten ist, greifen ihre Finger rasch zu, und nehmen das gefaltete, briefmarkengroße Stück Papier an sich; erlöst lassen Daumen und Zeigefinger davon ab, und der Schweiß ihrer Kuppen hat das Papier feucht und faserig gemacht. Die Buchstaben brennen auf meinen Fingern, wie wenn jemand aus den schmalen Spalten ein Brandeisen gegen das dünne Faserwerk drückte, eines für jeden Buchstaben, die sich dort im Dunklen befinden, und die sich in die Papillen meiner Haut graben, sie röten, und mich zwingen, es hin und her eilen zu lassen. Ich fliehe vor den Eisen, aber nur, um im nächsten Moment erneut ihre Nähe zu suchen.
Von Finger zu Finger wandert es, während ich schreibe, in Gedanken schreibe, und sie zu entwickeln versuche. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag. So schrieb es B., ich las es, lese es immer noch, und bin mir nach wie vor sicher, hier beginnen zu müssen. Aber nicht weil ich es selbst so erlebt habe, nein, in einem selbst ist immer alles anders, und die Worte fangen uns nur auf, wir füllen sie, und noch während des Lesens wissen wir, dass ein Satz wahr ist, weil ihn die eigene Erfahrung neu erschafft: Der Satz gibt ihr Raum, und fasst sie zusammen.
Niemand hat die Welt erlebt, wie sie beschrieben steht, und hier ist es nicht anders: Dieser Satz, und der durch ihn artikulierte Zustand, ist das Resultat einer Entdeckung, die alles umgestoßen hat, was man umstoßen kann, und etwas, das sich in den letzten Monaten immer häufiger aufgedrängt hat, macht ihn zu meinem Satz, obwohl er von B. stammt, B.s Satz bleibt, und selbst wenn das, wovon sie spricht, von dem Meinigen noch so verschieden sein mag, kann er es doch aufnehmen und bewahren.
Ja, und auch das: Eine geborgte Stimme schafft Aufmerksamkeit, und fesselt sie. Man leiht sich die Autorität eines anderen, eines erfolgreichen anderen, um auf sich selbst zu deuten, und zu sagen, seht her hier ist ein Könner, ein einzigartiger, ein Mensch von Bedeutung. Aber es wäre billig, nicht der Notwendigkeit entsprechend zu handeln, und es ist Heuchelei, mit der man der grauen Alltäglichkeit verhaftet bleibt, sich in ihrer Gemütlichkeit einnestet, und weitermacht, wie bisher.
Ich erwache also mit ihm, gemeinsam, und spüre wie die Tasten klemmen, sich wehren, als müsse man Toten das Gehen lehren. Doch es sind nicht die Tasten, und dann springen meine Finger mit einem Mal vorwärts, wie Steinböcke, oder Gämsen, und während der Zettel seine Besitzer wechselt, sauge ich an meiner Zigarette und schreibe.
Man blickt zurück, und entdeckt die Fäden, die von überall her in seiner Hand zusammenlaufen, und vor allem, man sieht, wie viele ihrer sind. Und dann steht man schon vor dem ganzen Drama, überschaut es, und kann es doch nicht lösen, kann aus diesen lose daliegenden Fäden niemals den einen flechten, und erkennt, dass man einige von ihnen abtrennen muss.
Erst etwas später entpuppt sich die Hand als fremde, als eine Hilfe, die wir erdacht haben, um uns überhaupt betrachten zu können. Aber man hat Angst die Schere anzusetzen, und tut deshalb nichts, obwohl man weiß, dass es die letzte Chance ist. Jetzt oder nie, sagt man sich, und versucht mit suggestiver Kraft das Fehlende zu herbeizuschaffen, einzufordern, und hat doch wieder nur sein Scheitern vor Augen. Es ist ja nicht so, dass man sich sofort entscheiden müsste, nein, in einem gewissen Sinn stimmt, was alle sagen, gutmeinend sagen, wie wenn sie wüssten worum es geht: Lass dir Zeit, oder: Nimm dir Zeit. Aber nein, es ist gar keine Zeit!, möchte man ihnen entgegen schreien, und noch: Es muss rasch entschieden werden, rasch! Versteht ihr denn nicht? Aber sie tun es nicht, und es hat gar keinen Sinn mit ihnen darüber zu sprechen.
Dennoch kann man sich etwas Zeit nehmen, es bleibt diese Spanne, dieser Raum, und dadurch, dass man sie in Anspruch nimmt, schiebt man seine Entscheidung auf. Die Schere bleibt liegen, auf dem Tisch vor uns. Bis morgen, sagt man, und später, bis übermorgen. Und man boxt es weiter, drängt, und stemmt sich dagegen. Es ist Zeit, raunt es von überall, und schließlich glaubt man ihnen, und die Tage gehen dahin, so lange, bis es zu spät ist. Manche fühlen das zu-spät-Sein langsam heraufsteigen, die Haut hebt sich ab, und wird brüchig, und der Blick der jetzt zurückfällt ist fast immer verklärt, und er entdeckt was er vermisst, dort, wo es niemals gewesen ist.
Doch manchmal wölbt sich während dieser Phasen des unentschlossenen Dahindämmerns, eine Blase voll Unbewusstem, und wenn sie platzt (und man denkt, bevor sie das tut, dass sie platzen müsste, aber es ist nichts weiter als eine Ahnung, eine wertlose Ahnung), löst sich eine Masche, und in der Weste aus Lüge und Täuschung, die man sich selbst gestrickt hat, schimmert ein Loch, und wenn man Glück hat, läuft die Masche weiter, und man ist zumindest so weit, dass man das Falsche erkennt. Das aber kann immer passieren, auch an den schönsten Tagen, an denen jeder Schritt als richtig und wahr erscheint.
Ich ziehe eine neue Zigarette aus dem Päckchen, beeile mich, da meine Finger schmerzen, und ich den Zettel nicht loslassen möchte, und entzünde sie an der Kerze auf dem kleinen Tisch vor mir, greife mit Ring- und Zeigefinger nach dem Zettel und übergebe mit ihren beiden Nachbarn die Zigarette der anderen Hand. Erst dann sauge ich tief und mit aller Kraft – lustig, es einmal mit links zu tun.
Darum liest man, denn Lesen ist wie das Platzen der Blasen, wenn auch der Vorgang etwas anders ist. Die besten Autoren sind solche, die eine Blase platzen lassen, die sonst nie geplatzt wäre, und die das mit einem Satz vermögen, die mit einem Satz die gesamte Existenz erschüttern. Und ein anderes Mal ist es ein feines Rauschen, und man muss genau hinhören, und erkennt die Frage von der das Rauschen kommt, und die das Rauschen selbst ist. Schafft man es, und hört man die Frage, beginnt eine Blase zu wachsen.
Am Ende aber läuft alles darauf hinaus, dass nur dieses eine Leben ist, nur dieses eine zu leben. Das haben sie gewusst, und darum haben sie geschrieben, nur zugegeben haben es nicht alle. Man könnte sogar sagen: Leben ist entscheiden; sich entscheiden, obwohl man keinen Sinn ausmachen kann, und trotzdem meint etwas wie Befriedigung finden zu können. Es zumindest versuchen, kein Neubeginn: Endlich beginnen! Das Platzen der Blasen zeigt, dass man von einem Weg überhaupt abgekommen ist, man muss also zurückkommen, oder einen anderen finden.
Nie hat er einen Augenblick befürchtet, dass der Vorhang, wie jetzt, aufgehen könne…und da waren wieder diese Worte (das eine, eigentlich, das nicht der Auslöser war, aber alles aufs Schärfste zusammenfasste), die ich nicht mehr aussprechen konnte, und die ich zu denken vermied, die alles in mir, in meinem Mund, zusammenzogen, wie von Säure und Bitterkeit gleichermaßen, so dass ich nicht einmal mehr zu lallen vermochte, und auch jetzt hätte ich am liebsten ausgespien, und ich schleuderte meine Zigarette fort, und sehe ihr nach, bis das feine Leuchten an den Gesichtern vorbei, hinter einer Wand von Nebel und Rauch verschwindet… dass das Stichwort fallen könne für ihn, und er zeigen müsse eines Tages, was er wirklich zu denken, und zu tun vermochte, und dass er eingestehen müsse, worauf es ihm wirklich ankomme. Nie hatte er gedacht, dass von tausendundeiner Möglichkeit vielleicht schon tausend vertan und versäumt waren – oder dass er sie hatte versäumen müssen, weil nur eine für ihn galt. Und meine Finger brennen heftiger als je zuvor. Ich sah in ein Morgen, in ein mögliches Morgen, und empfand die Furcht es zu wagen.
Aber wie ist es mit denen, die schon immer wussten, die gibt es doch? Sind sie frei? Denn immerhin, meine Zweifel machen mich frei, aber meine Möglichkeiten erscheinen dann vollkommen sinnlos, und nur dort, wo sich die schütteren Leidenschaften meiner bemächtigen, weiß ich bescheid, da ist alles klar, und nichts vermag den Zweifel auch nur durch die Hintertür hereinzuführen. Leidenschaft kann man entwickeln, sage ich neuerdings, und versuche mir einen Mittelweg schmackhaft zu machen, der wie alle Mittelwege zum Scheitern verurteilt ist.
Und endlich falte ich den Zettel wieder auf, ich schreibe schon lange nicht mehr, ja ich habe nie angefangen, und lese B.s Satz der mir wieder die Tränen in die Augen treibt, und nach langen, qualvollen Minuten erhebe ich mich, und verlasse den Raum.

* * *

Die kursiv gesetzten Stellen sind Zitate aus einer Erzählung einer deutschsprachigen Schriftstellerin.

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