Vorbereitungen für eine Feier

Bernd lachte, er kringelte sich vor Lachen. Dann faselte er etwas von grauen Haaren, die mir gut stünden, und dass da jeder durch müsse. Jeder.
Soso…, sagte ich, und traktierte die Tischplatte mit meinen Fingernägeln. Freilich, ich wusste bescheid, tat, als ob ich ihn nicht kannte, hob abfällig die Nase, und wischte ihn mit einer Handbewegung fort. Bernd aber ließ sich nicht abhalten, ergriff einen Sessel, und setzte sich.
Zumindest ist mit dir alles in Ordnung, mein Bester, witzelte er, wie ich sehe, bist du noch immer ein fleißiger Erfüllungsgehilfe unserer ökonomischen Eliten. Aber Robert, der kurz vor Bernd gekommen war, reagierte nicht, denn das iPhone unter der Tischkannte sog seine Aufmerksamkeit auf wie ein Schwamm.
Bernd zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder mir zu. Was soll nun dieses konspirative Treffen, dieser Flirt zu dritt, das ist doch ganz entgegen deiner Gewohnheit; – und noch ein idiotischeres Lokal als das Pirates hätte dir nicht einfallen können, vielleicht… Bernd sah mich an, während er sich in Rage redete, und kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, sodass nicht mehr als ein oder zwei Strahlen Licht hindurch gepasst hätten…, vielleicht, wiederholte er, hat dich der Altersschwachsinn bereits vor der Zeit erwischt? Oder der Kalk?
Ich habe Durst, knurrte Robert dazwischen, ohne von seinem iPhone aufzusehen. Du könntest uns zur Abwechslung mal die Ehre erweisen. Bernd verstand, und wenig später standen drei Gläser irgendeines destilled-and-blended-in-Scotland-Zeugs vor uns.
Was macht er eigentlich?
Er rechnet.
Er rechnet?
Er rechnet.
Robert war unser Gehirn, wir blödelten, und er dachte. Allerdings musste man auf der Hut sein, denn von Robert war alles, und zwar wirklich alles zu erwarten. Sollte er eines Tages auf die Idee kommen, Menschen durch iPhones ersetzen zu wollen, durfte sich niemand wundern; ansonsten aber war er ein netter Kerl, der entweder schwieg, oder im staccato parlierte.
Du brauchst…, sagte Robert, hielt inne, und sah noch einmal auf den kleinen Schirm. Hmm… Seine Stirn legte sich in Falten, und über sein Gesicht lief ein blau-weißes Wetterleuchten. Die Bedarfsoptimierung, wie er es nannte, hatte ihn wieder voll in Anspruch genommen. Eigentlich war es meine Bedarfsoptimierung, aber wenn man schon das Glück hatte Robert zu kennen, – und delegieren konnte ich, das hatte ich von meinem Vater gelernt.
Was willst du eigentlich?, fragte Bernd.
Ich wollte dich…, begann ich, verhaspelte mich aber, als ein Leinenkleid an uns vorübertänzelte, das der Wind einige Zentimeter weiter anhob, als es der Trägerin lieb gewesen war. Der folgende Hustenanfall trieb mir Tränen in die Augen, und als ich gar nicht mehr aufhören wollte, klopfte mir Bernd mitleidig auf den Rücken.
Na, na, sagte er, du bist es nicht mehr gewohnt, was? Und dann war es auch schon vorbei.
Danke, es ist Sommer, nun doch, oder endlich, gottseidank…
Du wolltest mich zum Geburtstag einladen, schloss Bernd den Bogen, und vervollständigte meinen Satz von vorhin – gute Idee! Aber in einem besseren Schuppen, als diesem hier, okay? Vielleicht im Blue Angel? Hmm?
Blauer Engel nennt er sich neuerdings, sagte ich, und rieb meine Augen.
Tatsächlich? Aber nüchtern betrachtet wird niemand zu deiner Feier kommen, außer einigen wenigen, die sich ihres Mitleids nicht erwehren können, Leute wie mich, oder Mr. iPhone da drüben. Es wäre besser, wenn du dir dein Geld sparst, wir könnten uns heute, hier und jetzt, betrinken, der Anfang ist ja gemacht, und du bringst es zu Ende – ‘tschuldigung!
Ich riss seine Hand zurück, und klatschte ihm ein Blatt Papier ins Gesicht.
Das ist zwecklos, so kann ich nichts erkennen, was ist das, es riecht seltsam…?
Das ist die Teilnehmerliste, wenn du so willst. Sechzehn Personen, so viele mitleiderfüllte Menschen gibt es auf der ganzen Welt nicht. Und was sagt uns das? Richtig: Die wollen feiern, sich im Rausch verlieren, und mit ihren Armen die Erde umfangen!
Toll, hast du Dionysos auch geladen? Er nahm den Zettel, und warf einen abfälligen Blick darauf. Ach du meine Güte!
Fünfmal nullkommafünf, macht zwokommafünf Liter, also mindestens fünfundzwanzig, besser…, Robert die Rechenmaschine kam auf Touren, noch stockend, aber bald würde man ihn vor Überhitzung schützen müssen. Das passierte immer dann, wenn er seiner Aufgabe überdrüssig geworden war, und ihn seine Umwege zu ungelösten mathematischen Problemen geführt hatten. Wenn Robert sich einmal wo festgefressen hatte, gab es kein Zurück mehr. Entweder er, oder das Problem. Entweder man zog den Stecker, oder er brach vor Überhitzung zusammen.
Da steht etwas von Verwandtschaft! Bist du verrückt? Wissen das die sechzehn? Dass du sie der Familienbande überantworten willst? Du willfähriger Sklave!
Äh, das muss ich noch überdenken.
Überdenken? Nix überdenken, ausladen, da hilft nur ausladen! Oder sie früh genug ‘rausschmeißen.
Jaja, das hatte ich ohnehin vor.
Drei mal zwei macht sechs, mal drei sind achtzehn…, Robert sprudelte, und Bernd schwenkte sein Glas. Er sah mich scharf an. Kannst du mir endlich sagen was du von mir willst? Dass Robert für dich arbeitet sehe ich, und ich spüre ein Damoklesschwert auch über mir, also? Magst du es nicht konkretisieren, ein wenig zumindest?
Vielleicht solltest du noch etwas von diesem Billig-blend bestellen, das hebt gewiss deine Laune. Irgendetwas schien ihn tatsächlich zu beunruhigen. Ich lehnte mich zurück und grinste.
Aha!
Dann zog ich eine Cohiba aus meiner Brusttasche, betastete sie mit meiner Nase, und sog den fein-herben Geruch auf; ich stutzte, als es knisterte, sah aber, dass es bloß Bernd war, der die Teilnehmerliste zerknüllte, und hinter die Theke schoss. Ich entzündete sie an der Kerze vor mir, und sog ihren nagenden, fast bissigen Atem begierig ein. Wenig später blickte Bernd einer wabernden Wolke bläulichen Rauchs entgegen.
Fünfhundert, tausend, zweitausendfünfhundert, – Robert schnurrte vergnügt.
Wo soll die Feier denn steigen?
Meine Eltern haben ein Haus, sozusagen am Ende der Welt, da drängt uns nichts und niemand… ich verzog meinen Mund. Der ist wirklich übel – solch eine Zigarre und so ein Whisky!
Ein Whisky-Verächter, dem etwas an Whisky liegt, und ein iPhone-junkie, eine schöne Gesellschaft seid ihr, klagte Bernd, und außerdem haben die hier nichts Besseres!
Dann schwiegen wir, und beobachteten Robert wie er seine Lippen an einander presste, und mit seinem iPhone rang.
Ich hoffe deine Hütte am Ende der Welt hat mehr drauf als dieses Loch hier.
Es ist nicht meine!
Also?
Was also?
Die Hütte.
Das Haus!
Meinetwegen. Der entscheidende Teil des Satzes war aber, ob die Hütte besser ist als dieser Ramschladen.
Eigentlich hätte ich an dieser Stelle das Pirates verteidigen müssen, aber nichts wäre geeigneter gewesen, mir ein Eigentor zu schießen – du wirst es feststellen, sagte ich trocken.
Bernd sah auf seine Uhr, und deutete auf Robert. Es war Zeit aufzubrechen, heat level critical, wie Bernd, als alter Veteran zu sagen pflegte, und wir leerten unsere Gläser. Während wir uns erhoben trug Robert die Ergebnisse seiner Optimierung vor: Mindestens fünfzig Liter Bier, und achtundvierzig Flaschen Wein, darunter ginge gar nichts.
Na das kann was werden! – Bernd pfiff durch seine Zähne.
Dann standen wir auch schon draußen, ich hielt Robert die Türe auf, und wir verabschiedeten uns – auch jetzt zappelte ein Leuchten auf seinem Gesicht.
Es würde mich freuen, rief ich Bernd noch von der anderen Seite der Straße aus zu, wenn du die Musik übernehmen könntest!
Ja klar, kein Problem, gab er lachend zurück. Wir grüßten noch einmal, und gingen unserer Wege.

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