Konservatismus

Zwei sehr anregende Artikel in aktuellen Ausgabe der Zeit darüber was Konservatismus ausmacht: Vor allem Ijoma Mangold („Die Wirklichkeit ist krumm“, noch nicht online), aber auch Jens Jessens zehn Thesen (und endlich einer, der das, was fälschlicherweise Neoliberalismus genannt wird, anders, und damit korrekt benennt, nämlich als neuen Liberalismus).

[Auch wenn man nicht allem zustimmt, die Zeit hat sich sozusagen selbst übertroffen: Man hatte sich vor etwa 1-2 Jahren schon einmal dieses Themas angenommen – weit weniger überzeugend.]

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8 Antworten zu “Konservatismus

  1. phorkyas 30. Juni 2010 um 10:24 am

    Zustimmung. Jens Jessens Artikel hat mich doch nicht so abgeschreckt, dass ich die anderen nicht mehr lesen wollte (was ich noch nicht habe, aber zumindest habe ich die Artikel eben doch wiedergefunden). Doch mal was anderes als die Mosebach-Masche – sein Interview mit dem SZ-Magazin wollte ich eigentlich mal mehr auseinandernehmen – http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33691/1/1 – ..ich werd hingegen etwas nostalgisch (konservativ?), wenn ich dieses grandiose Video aus meinem Geburtsjahr sehe: http://www.youtube.com/watch?v=DQ1_ALxGbGk&feature=related – vielleicht sollten diese Grünen sich mal ‚konservativ‘ verjüngen..

    • metepsilonema 1. Juli 2010 um 10:13 am

      Nostalgisch würde ich nicht als konservativ bezeichnen, da ersteres ein Sich-zurücksehnen impliziert, während der Konservative etwas erhalten, etwas bewahren will. Was ich anders als Mangold sehe: Der Konservative wie der Progressive sind notwendig mit der Macht verknüpft und verbandelt, der eine benötigt sie um zu erhalten, der andere um umzustoßen – Machtverflechtung ist somit für beide kennzeichnend.

      [Vielleicht ist das was Mangold schrieb ja Allgemeingut, und nur für mich neu, jedenfalls habe ich so eine komprimierte, schlüssige Darstellung noch nicht gelesen, vor allem weil sie eben weit über oder unter das Politische greift. Und weil ein paar Dinge aufgezeigt werden, die man einem Konservativen landläufig nicht zutrauen würde, aber in der Darstellung sehr plausibel erscheinen.]

  2. Gregor Keuschnig 2. August 2010 um 3:14 pm

    Ich weiss nicht, ob die Attribute wie „konservativ“, „radikal“ oder „links“ nicht immer mehr verschwimmen bzw. nur noch als vorläufige Hilfskennzeichen verwendbar sind. Sozusagen „twitteresk“. Natürlich neige auch ich dazu, das zu verwenden, um eine Person oder eine Denkrichtung schnell „einordnen“ zu können. Aber inzwischen verkommt das im medialen Nachrichtenkontext immer mehr zur Phrase. Man denke beispielsweise daran, wie in den deutschen Nachrichten immer von der „radikal-islamischen“ Hamas die Rede ist, oder vom „eher westlich“ orientierten Politiker in der Ukraine oder im Nahen Osten.

    Wenn man dann das hier gelesen hat, ist man sich, was das Attribut „konservativ“ angeht, überhaupt nicht mehr sicher: Wölfe draußen und drinnen. Was ich an diesem Artikel nicht verstehe: Warum Perger (früher auch „ZEIT“-Autor) vom „Elend der europäischen Konservativen“ spricht. Dürfte doch die Ausdehnung des Begriffes ungleich mehr Wählerschichten eröffnen als die Begrenzung.

    • metepsilonema 9. August 2010 um 9:33 am

      Ja, das stimmt. Aber gerade deswegen sollte man die Begrifflichkeiten diskutieren, und neu schärfen.

      Zum Artikel: Ich würde vermuten, dass er mit Elend den mangelnden Wahlerfolg meint, den die Öffnung bzw. die Ausdehnung hätte bringen sollen.

      Man könnte angesichts der Entwicklungen, den Begriff konservativ historisch definieren, und sich ansehen, was man heute darunter versteht, und wo Gemeinsamkeiten liegen…

      • Gregor Keuschnig 9. August 2010 um 4:21 pm

        Naja, die konservativen Kräfte haben nach der Euphorie des europäischen Sozialdemokratismus Ende der 1990er Jahren in vielen Ländern wieder Boden zurückgewonnen bzw. sind nicht so tief gefallen wie die sozialdemokratischen Gruppierungen (Ausnahme ist Spanien). Das ist eher kein „Elend“, zumal die früher fast „links“ verorteten Grünen mehr und mehr in die Mitte rücken 8alles nur Hilfsattribute – Du merkst). Längst verschwimmen aber diese Politiken zu einer Sozialdemokratisierung Europas (um Sloterdijk zu paraphrasieren). Selbst die „wert-konservativen“ ziehen heute soziale Errungenschaften nicht mehr in Zweifel. Sie munitionieren ihre Rückzugsgefechte im Diskurs gegen allzu freizügige Abtreibungsregeln oder die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit der guten, alten Ehe.

        Konservative wie Revolutionäre war gemein, dass sie immer auch Kulturkritiker waren. Die einen wollten die Kultur erretten, in dem sie die Zeitläufte anhielten, die anderen wollten sie beschleunigen. Vielleicht liegt hier eine Definitionsmöglichkeit: Konservative sind Entschleuniger von gesellschaftlichen Veränderungen. Eine konservative Revolution wäre demzufolge die Regression.

      • metepsilonema 11. August 2010 um 9:18 am

        Ja, das wäre ein Ansatz. Aber konservieren bedeutet doch „einen Zustand erhalten zu wollen“ (etwas anzuhalten, zu verlangsamen), die Regression, der Rückschritt, das Zurück, ist doch Sache des Reaktionärs (wenn man einmal die unmittelbare Bedeutung „des Reagierens auf etwas“ beiseite lässt)?

        Ähnlich hat auch Mangold argumentiert, wenn ich mich recht erinnere (ich ärgere mich gerade, da ich den Artikel nicht mehr finde).

        Wenn der Konservatismus mehr ein Beharren auf dem was gerade ist bedeutet, wenn er sich zunächst einmal gegen Änderungen versperrt (bevor man sich nicht sicher ist), dann würde das erklären, warum so viele konservative Parteien nicht mehr „konservativ“ sind: Sie schreiten nicht zurück zu dem wo sie einmal waren, sonder „verharren“ in einer neuen Position.

      • Gregor Keuschnig 12. August 2010 um 1:05 pm

        Ich sprach davon, dass eine „konservative Revolution“ eine Regression“ sei. Da der Konservative die Veränderung(en) in einer Gesellschaft zumeist erst bemerkt, wenn diese mindestens „auf dem Weg“ sind, muss er nicht nur die Bremse ziehen, sondern immer auch ein Stückchen zurückfahren. Die von mir hypothetisch angenommene „konservative Revolution“ wäre das Zurückstellen auf eine etwas länger zurückliegende Position, die jedoch der Gesellschaft vermittelbar und in ihr konsensfähig wäre. (Beispielsweise wäre es unmöglich, Homosexualität wie bspw. noch vor 40 Jahren wieder zu kriminalisieren).

        Die modernen Konservativen sind für mich Leute, die Veränderungen in Gesellschaften (unter Umständen seismographisch) antizipieren und diese dann in ihr Weltbild integrieren und in dessen Bahnen steuern. Sie verprellen zwar damit bestimmte, sogenannte „wertkonservative“ Kreise, besorgen sich jedoch zumeist anderweitig einen breiten Konsens auch in Schichten, die normalerweise nicht auf ihrer Linie stehen. Das Paradebeispiel ist die Familienpolitik der CDU unter von der Leyen, die in der Großen Koalition begann. Paradox dabei ist lediglich, dass die – konservative – CSU durchgesetzt hat, dass exakt das Gegenteil dessen, was von der Leyen will (eine Betreuung von Kindern praktisch von Geburt an), ebenfalls gefördert werden soll. Fakt ist jedoch: Die CSU-Korrektur ist in der Ferne erst Programm – die Politik heute schon beginnende Realität.

        Früher wurden Konservative immer von Entwicklungen überrascht. Moderne Konservative dominieren sie diese selber, um sozusagen „Schlimmeres“ zu verhindern. Revolutionen, also große „Paradigmenwechsel“ bleiben aus. Damit machen sie es Beobachtern schwer, sich von den progressiveren Kräften zu absentieren. Diese suchen ihr Heil in Maximalforderungen („Raus aus Afghanistan“, „Hartz-IV-abschaffen“; „bedingungsloses Grundeinkommen“). Dabei wissen sie um die Sinnlosigkeit dieser Maximalforderungen, erhaschen jedoch bei einer gewissen Klientel Zustimmung. Die Sozialdemokraten in Deutschland haben es deswegen so schwer, weil deren Politik seit 2004 nicht mehr wensentlich von der CDU-Politik zu unterscheiden ist. Wesentliche Teile des konservativen Lagers in Deutschland sind längst sozialdemokratisiert. Einziger Spaßverderber dabei ist derzeit noch die FDP.

      • metepsilonema 24. August 2010 um 1:21 pm

        Stimmt, hattest Du. Es besteht ja auch erst die Notwendigkeit die Bremse zu ziehen, wenn etwas ins Wanken gerät (sich etwas verändert), wann denn sonst?

        Aber ist das Begegnen dieser Veränderungen schon ein Zurückgehen? Doch nur dann, wenn sie etabliert sind. Es hängt also am Begriff „Revolution“ der immer einen radikalen Bruch mit dem Jetzt impliziert. Dann bin ich aber doch wieder dort: Ein Reaktionär wäre also ein konservativer Revolutionär, und Konservative eigentlich – ganz ihrem Wesen entsprechend – immer moderat im Bezug auf drastische Veränderungen.

        Dein moderner Konservativer passt da ganz gut ins Bild: Er ist eben nicht radikal, sondern vorsichtig, und nimmt nur die unaufhaltsam erscheinenden Veränderungen auf, bleibt moderat, was die Integration des Neuen betrifft, aber auch das Fallenlassen des Althergebrachten.

        Eine historische Betrachtung wäre erhellend, ob hier eine tatsächlich andere Art von Konservatismus auf den Plan getreten ist.

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