Thomas. Fragmente und Erinnerungen.

Erzählen. Was kann man anderes tun, als erzählen? Was bleibt in dieser Welt noch, als sich am Erzählten zu berauschen, und im Rausch von ihr zu erzählen? Was, als dieser Welt seine eigene entgegen zu halten, und aus einer Gegnerschaft heraus zu bejahen? Und doch: Es gibt ein Leben, es gibt ein Versprechen, das selbst jene Fliesen zurückwerfen, die jeden Tag meine Füße zerschneiden.
Und dieses Versprechen gab mir die Sonne, und anderes auch; aber dauerhaft vermag es niemand zu halten, und warum ich immer noch lebe, ist das allergrößte Rätsel. Doch ich glaube an dieses Leben, und dort, wo man es trifft, weist man alles von sich, und will ganz in diese Welt hinein wachsen, ganz diese Welt werden. Und man ist diese Welt, und dort, wo man selbst die Worte von ihren Diensten frei spricht, werden die seltsamsten Widersprüche offenbar: Man möchte dankbar sein, und ist es auch, aber man weiß nicht wem. Man hebt seine Arme, sieht gegen den Himmel, mit Erwartung, mit einem Rest von Erwartung, aber die Antwort bleibt aus, und der Himmel stumm. Vielleicht dankt man, weil alles schön ist, geordnet, und mit Sinn erfüllt; ja, weil alles seine rechte Ordnung besitzt. Und neben der Dankbarkeit spürt man langsam einen zweiten Widerspruch, erkennt, dass diese Ordnung nicht wie sonst von unseren Fragen behelligt wird: Alles bleibt gelöst, und schweigt beglückt; die Schönheit ist unserem Erstaunen Antwort genug.
Es ist wahr, dass die, die im Schmutz liegen, sich an der Welt erfreuen können, aber es ist ebenso wahr, dass sie davon nicht satt werden. Sie kennen das Versprechen, und eine bestimmte sinnliche Sattheit, sie lieben es, sie müssen es lieben, aber das Versprechen bleibt trügerisch, weil es sich niemals dauerhaft erfüllt, und nicht ausreichend ist. Aber man weiß, warum man immer noch lebt, und man weiß, dass das, was uns zu halten vermag, nicht ausreicht, und dass das Ausreichende und das Haltende, je nach Standpunkt wechseln. Trotzdem ergibt jetzt, in diesem Augenblick, alles Sinn, und kein Gedanke kann uns hindern. Aber niemand vermag ihn in Worte fassen, er ist weder Anweisung, noch Deutung, man muss ihn mit Händen greifen, und vor aller Überfülle schweigen wir, und sehen, dass es gut ist, wie es ist.
Und später, wenn man auf seine leeren Hände starrt, während man sich erinnert, beginnt man zu erzählen; zu erzählen, von einer Welt die nicht ist. Und um einen herum, richtet sich alles auf, erhebt sich, wie zum jüngsten Tag, und doch ist es nur ein Tag, wie jeder andere auch.
Hat man Papier und Stift, dann schreibt man es auf, und fehlen sie, dann schreit, dann ruft, und flüstert man, und hofft auf die Kinder, die als einzige noch zuhören können. Zumeist aber spiegelt sich das eigene Antlitz im grünen Glas und man starrt auf den Unterkiefer mit den schlechten Zähnen, der sich aufwärts und abwärts schiebt, als gäbe es nur das Eine und Einzige zu tun: In Trance versunken, von einer Welt zu erzählen.

Wenn ich mit Thomas‘ Worten eröffne, dann deshalb, weil ich mein ganzes Leben lang nichts zu erzählen hatte, und erst, als ich es tun musste, als ich Zeugnis ablegen wollte, vor den leeren Blättern saß, und nichts vermochte. Ein Denkmal sollte es werden, kühn, aber vor allem wahrhaftig, und jeder sollte es ansehen müssen. Doch meine Finger blieben klamm, und ich ergriff bloß, was sich mir fordernd entgegen streckte, was ich wiederfand, als ich in die Kronen der Platanen starrte, und meine Kreise über den Platz zog. Aber das eine, so wie ich es gesehen und erlebt hatte, wollte mir nicht gelingen. Schließlich band ich alles zu einem losen Bündel zusammen, schulterte es, und trug es mit mir herum, da ich hoffte, es später ausführen zu können.
Lange Zeit blieb ungewiss, was daraus werden sollte, und eigentlich, geworden, ist es immer noch nicht. Und irgendwann öffnete ich es wieder, und ordnete es neu, aber alles steht wieder orientierungslos nebeneinander, als verstünden die Sätze nicht, was der vorhergehende oder der nachfolgende eigentlich sagen wollte. Vielleicht kann man es Scheitern nennen, vielleicht nicht einmal das. Aber jetzt drängt es, wie vieles andere auch, in die digitale Welt, aus Dankbarkeit, und einem Schrei der Verzweiflung heraus. Ich schiebe es ab, hänge es wie eine Fahne in den Wind, und hoffe, dass der Zufall etwas ändern mag, dass der Zufall es jenen zuträgt, für die es bestimmt ist.

Erst von Thomas erfuhr ich, was Erzählen bedeutet, und ich bin mir sicher, wenn er bessere Kleidung getragen, und ein Dach über dem Kopf gehabt hätte, man hätte ihn einen großen Erzähler genannt. Aber da sich die Dinge anders verhielten [das heißt ich vermute, dass sie dies taten], und Thomas keinen Wert darauf legte, und nur selten etwas aufschrieb, nahm auch kaum jemand Notiz davon [und das ist der einzige, der tatsächlich einzige Vorwurf den man Thomas machen konnte, zumindest von einem bestimmten Standpunkt aus, denn von seinem, war es in bester Ordnung].
Aber vielleicht lang es auch daran, dass Thomas in einer Welt erzählte, die immer mehr aufhörte eine Welt zu sein, und die immer weniger dazu geschaffen war, eine Erzählung überhaupt noch verstehen zu können, denn sie zerfiel in immer kleinere Fragmente, die nichts voneinander wissen wollten, und die verlernten mit einander in Beziehung zu treten. Denn das bedeutete Erzählen in Thomas‘ Verständnis vor allem: Alles mit einander zu verbinden und in Beziehung zu setzen. Und nicht nur, dass in dieser Welt alles Erzählen beinahe unmöglich wurde, es schwand auch das Bedürfnis nach dem Erzählten selbst dahin.

Ich halte inne, und finde mich in Mitten seiner Worte wieder, einem Schwall der mich von irgendwoher mit Vergangenem überschüttet, und ich schreibe es auf, und versuche gleichzeitig zuzuhören, und bin mir nicht sicher ob Thomas immer erzählt, oder manchmal bloß die Welt da draußen beschreibt.
Sie werden alle einmal verschwinden, sagte Thomas, und wies auf den Platz und die Menschen hinaus [ja, zu diesem Platz gibt es noch vieles zu sagen, und ich schließe es etwas später an]: Die Natur hat sie ausgespien, und wird sie wieder verschlingen; sie haben nur diese eine Möglichkeit, und nichts wäre ein größerer Verrat, nichts eine größere Verachtung, als sie um ebendiese Möglichkeit zu betrügen, und dabei noch am Leben zu lassen. Man müsse, und ich weiß noch, dass ich es zunächst nicht verstand, das Leben lebendig erhalten, und es davor bewahren, träge und stumpf zu werden. Und das ist die Frage, ob die Welt, auf deren kleinen Ausschnitt wir gerade blicken [und Thomas meinte natürlich den Platz], nicht ebendies tut. Und da man es verhindern müsse, hieße das, mit aller Kraft zu erzählen, denn wer von der Welt nicht mehr zu schwärmen versteht, der ist bereits tot. Das sei zwar nicht alles, aber ohne Begeisterung gelänge nichts.
Da Thomas immerzu erzählte, ist es schwierig seine Person zu fassen, und ich habe, nachdem ich alle Erinnerungen aufgeschrieben, und gesichtet hatte, kaum etwas gefunden, das ihn oder seinen Charakter treffend bezeichnet hätte. Und das ist höchst sonderbar, denn ich habe Thomas immer Freund genannt, und wer mag über seine Freunde sagen, dass er sie eigentlich gar nicht kennt?
Eine einzige Entschuldigung möchte ich geltend machen, dass ich nämlich nie daran gedachte habe, einmal etwas über ihn schreiben zu müssen; und es ist tatsächlich, das größte Übel, wenn man erst im Nachhinein begreift, sich nur auf seine Erinnerung berufen kann, und nicht schon die Gegenwart befragt hat.
Thomas verschwand immer hinter dem Erzählten, ja man könnte durchaus sagen, dass er das Erzählte selbst war. Und mit dem Erzählten verwandelte er sich, war einmal dieser und dann jener, wie der vielgestaltige Proteus, von niemandem zu fassen. Und endlich glaube ich, dass es durchaus in seinem Sinn ist, nur das von ihm zu vermitteln, was sich aus dem Erzählten ergibt, und wie er seine Notwendigkeit begründete. Von diesen Gründen aber sprach er selten direkt, und ich fürchte, dass vieles von dem, was ich wiedergebe, weniger treu und unmittelbar ist, als es klingt.
Einmal saßen wir, das heißt ich saß, und Thomas lief aufgeregt, mit ausladenden Schritten umher, wie er es gerne tat; die Sonne ging gerade unter, und er fragte mich, was schöner sei, als das Gesicht einer Frau, wenn man sich nach einer sehnt. Und als mir Thomas‘ Frage wieder in den Sinn kam, habe ich lange gesucht, mich in das Dunkel zurückbegeben, und das Gesicht wiedergefunden, das er mir damals beschrieb. Seither trage ich es mit mir herum; es war ein alltägliches, ein Gesicht wie alle Gesichter und dennoch besonders. Eines, dem man sich sofort verwandt fühlt, wenn man es ansieht, weil es die Trübheit der Tage kennt, genau wie jene Momente, in denen das Leben über sich selbst hinauswächst, und denen seine ganze Leidenschaft gilt.
Die Gesichter, sagte Thomas, sind ein Abbild der Welt, und wenn ich die Trauer in ihnen lese, wenn ich weiß, dass sie noch trauern können, dann fühle ich mich mit ihnen verbunden, und an ihrer Sehnsucht erkenne ich, dass nicht alles verloren ist. Man sieht in die Gesichter der anderen, und erfährt wer man selber ist, wie wenn da eine Sprache wäre, die an jeder Lippe klebt, ohne dass jemand auch nur ein Wort gesprochen hätte.
Die Sehnsucht, setzte Thomas fort, macht den Körper empfindsam, und sie sprengt die Seele auf; sie macht, wie eine kleine Flamme, alles lebendig und wertvoll. Selbst wenn sie ein Begehren begleitet, belässt sie das andere dort wo es ist, sieht es an, und man beginnt zu erzählen, entfaltet ein Leben, von dem man nur die Splitter und Bruchstücke kennt, die die anderen an einem vorübertragen. Und das sei auch der Unterschied zwischen dem Erzählen und dem Leben: Dem Erzähler genügt seine Sehnsucht, das Leben aber verlangt nach mehr.
Und nun ertappe ich mich dabei, dass ich an eine Liste der Gründe denke, dass mir alles immer mehr zu einer unangemessenen Aufzählung wird, als ob man bloß einkaufen ginge. Daher nur noch zweierlei: Die Welt in der Thomas lebte [und wer weiß vielleicht noch lebt], in der wir alle noch immer leben, diese Welt war bedrohlich, und als ob sie ihn versklaven wollte, griffen die Dinge mit Armen und Händen nach ihm, um ihn gleichzeitig in alle Richtungen zu ziehen und zu zwingen [ich glaube, dass das etwas ist, was uns allen passiert, das uns alle durch diese Welt treibt, und erschöpfen lässt]. Sich in dieser Welt träumend zu bewegen, war für ihn eine Art Selbstschutz: Ja, sagte er, die Träume, kein Leben ohne Träume, und dann lassen die Hände ab von mir, und geben mich frei.
Und noch etwas, das ich nirgendwo anders einzuschieben vermag, und von dem ich nicht mehr weiß wann oder wo ich es aufgefangen habe: Man müsse erzählen, mit Leidenschaft erzählen, damit die Menschen wieder zusammen kämen, man müsse es, damit ihnen wieder das Leben gelänge.

Der Sobieskiplatz, auf dem alles begann, und alles sein jähes Ende nahm, das mit Thomas zu tun hatte, war von einer Magie durchdrungen, die der übrigen Welt trotzte. Wie eine Insel erhob er sich aus der Stadt und der Welt, und wenn ich darüber nachdenke, und immer wieder zurückkomme, dann bin ich mir sicher, dass es Thomas‘ Werk war: Das Erzählte, sein Erzähltes, veränderte die Wirklichkeit, verband sich mit ihr, und trat schließlich an ihre Stelle. Das meinte er, wenn er sagte, dass ihm auf dem Sobieskiplatz jeden Tag eine Welt offenbar wurde [der Sobieskiplatz war Thomas ebenso lieb wie mir, aber sein Können machte ihn erst zudem was er eigentlich war].
Was für ein großer Erzähler Thomas tatsächlich war, bemerkte ich erst lange nachdem er verschwunden war, als ich wieder und wieder über den Sobieskiplatz spazierte, zuerst nur aus einer Neigung heraus, und später, als ich verstand, was ich tat, und mich langsam zu erinnern versuchte. Manchmal gelang es mir die Fußstapfen von damals freizulegen, und wenn meine Füße hinein fanden, dann füllte ich wie von selbst mit rasender Geschwindigkeit die Seitenmeines Notizblocks, in den ich sonst nur Termine, oder Besorgungen eintrug. Aber meistens konnte ich die einzelnen Splitter, die ich kurz aufleuchten sah, nicht ins Licht zerren; ich gelangte nicht in ihre Nähe, und starrte lange auf den Stuck der Gründerzeithäuser oder in die ausladenden Kronen der Platanen, und irgendwann begriff ich, dass man selbst erzählen musste, um Thomas auf die Spur zu kommen.
Aber das wollte mir nicht gelingen, selbst als Thomas‘ Stimme von irgendwoher an mein Ohr drang, und ich von der Bank aufsprang, und an den Büschen vorbei, hinauf zu den Schanigärten lief, wie der Irre, der mit einer Kerze den Tag erleuchten will. Und manchmal, inmitten meiner Versuche mich zu erinnern, verschmolz ich für kurze Zeit mit jenen Fragmenten, die ich in Händen hielt und aus dem Dunkel zu retten gedachte. Thomas‘ Sätze wurden zu meinen, seine Gedanken wanderten durch die Windungen meines Gehirns, und ich begriff sie immer mehr als die eigenen; und dann begannen alle Unterschiede zu verschwinden: Ich war Thomas, und Thomas ich, und je länger ich schrieb, und meine Erinnerungen zu Papier brachte, desto unfähiger wurde ich zu entscheiden, wer oder was ich eigentlich war.
Ich begann mich zu verlieren, zwischen den Sätzen und Worten, und meine darin eine Verwandtschaft zu Thomas zu entdecken, eine kleine zumindest: Mir gelang ein kurzer Abschnitt, der realistischer ist, als man es mögen wird, aber er soll dazu dienen, den Sobieskiplatz vor aller Augen aufzufächern, und seine Besonderheiten, und meine Liebe zu ihm erklären helfen. Und bei allem Realismus, ist es doch mein gutes Recht, das folgende Stück Erzählung zu nennen, denn die Wirklichkeit ist immer eine Erzählung, die unsere Gehirne vollbringen, ohne dass wir nach ihr verlangen.
Anderes aber vollbringt ein echter Erzähler, denn mit meinen Augen besehen, hatte der Sobieskiplatz nur ein Gesicht, ein Wesen, das dem, das die meisten Menschen von ihm besaßen, stark ähnelte. Uund ich schließe dass ein Erzähler die Dinge einfach anders anzusehen vermag.

Es gibt viele Plätze in Wien, aber keinen wie den Sobieskiplatz. Und obwohl ihn die Bewohner dieser Stadt gemocht, ihn gemütlich genannt hätten, ist er nahezu unbekannt. Doch ich gönne ihm seine Unbekanntheit [die eigentlich völlig zu Unrecht besteht], und wünsche mir kaum etwas sehnlicher, als ihren Erhalt, denn andernfalls müsste er sich, wie viele andere Plätze auch, wie zum Schutz verstellen. Man denke an den Graben oder den Michaelerplatz, die man nie erleben wird, wie sie eigentlich sind, da die Menschen diesen Plätzen durch ihre Anwesenheit beinahe alles nehmen, und das Wenige, das zurück bleibt, wie selbstverständlich für den ganzen Platz halten.
Man schlendert, die Pestsäule im Rücken, und einen Teil des Stephansdoms, oder das Burgtor vor Augen, und eine Sehnsucht ergreift einen, die selbst für jene, die wie ich, ihr ganzes Leben in dieser Stadt verbracht haben, nie gestillt sein wird. Diese Plätze sind niemals leer, weder des Nachts, noch am Tag, auch wenn man vielleicht einmal kurze Zeit alleine ist. Aber das reicht nicht, und man geht auf und ab, und möchte wissen wie diese Orte eigentlich sind, ganz gleich ob sie einem nun gefallen oder nicht, ob man sie hasst oder liebt, doch die Zeit die man benötigt, bis der Platz hervortritt, diese Ruhe findet man nicht. Man steht alleine, unter den Vielen, und ahnt nur, dass er nicht sein kann, wie er sich gerade zeigt.
Aber dem Sobieskiplatz kann man jeden Tag, zu jeder Stunde ins Antlitz sehen, und man weiß: Er belügt einen nicht. Das ist es, was ich oben meinte, als ich schrieb, dass mir der Sobieskiplatz liebt ist. Man muss nur einmal hingehen, und sich auf eine der Bänke unter den alten Platanen setzen. Ja, man setzt sich einfach, man muss nicht warten, oder lange Zeit Kreise ziehen, nein, auf dem Sobieskiplatz ist immer eine Bank frei, und man grüßt einander, obwohl man den anderen nicht kennt, und beginnt zu plaudern. Und wenn man nicht will, dann sagt man es, und niemand verdenkt es, denn jeder versteht, dass man das Spiel von Sonne, Schatten und Blättern in aller Stille am besten genießen kann.
Und im Herbst, wenn die Samen der Platanen reifen, tollen die Kinder durch das Laub, wühlen darin, als ob sie schwimmen, und werfen die kleinen Samenkugeln auf einander. Nach kurzer Zeit schon passiert es, dass sich in dem allgemeinen Gewühl und Geschrei zwei oder drei Gruppen bilden, und die Geschosse fliegen nun gebündelt und gezielter, aber die Gruppen haben nie lange Bestand, und lösen sich in allgemeinem Chaos auf, bis von den Biedermeierhäuschen die Stimmen der Mütter herüber eilen, und die Ordnung zurückkehrt.
Wenn ich es in einem Satz sagen müsste, dann ließ uns der Sobieskiplatz einfach sein, er zwang uns nichts auf, sondern war eine einfache, ruhige Umgebung, die man dankend annahm.

Thomas war er der erste Mensch, den ich in der Straßenbahn eine Flasche entkorken sah, und der mich fragte, ob ich nicht mit ihm gemeinsam trinken wolle. Er fragte nicht, weil er sich etwas erhoffte, oder mich kannte, sondern weil er guter Laune war, und sie teilen wollte. Ich aber lehnte ab, und bedankte mich, war überrascht, und verunsichert, und gedachte auf dem schnellsten Weg zu fliehen. Thomas aber sah mich mit einigem Erstaunen an, und ich versuchte ihm zu erklären [ich log und schusterte mir eine Ausrede zurecht], dass ich zu gewissen Zeiten gerne trank, zu anderen aber nicht. Er hob die Flasche, hielt inne, kippte sie ein paar Grad nach vorne, nickte mir zu, und trank. Wenn du Lust hast, sagte er, nachdem er die Flasche abgesetzt hatte, dann besuche mich einmal auf dem Sobieskiplatz, ich bin fast immer dort, und ich lade dich ein, auf diesen hier, und er deutete auf die Flasche, oder einen anderen.
Ich bedankte mich, sagte aber nichts weiter, da mich der Sobieskiplatz an eine Arbeitskollegin erinnerte, die ich mochte, und die dort einmal gewohnt hatte [meine erste Anstellung, damals, gleich nach der Universität, war in unmittelbarer Nähe, und ich hatte eine ungefähre Ahnung wo der Platz lag]. Gedankenverloren beschloss ich hinzugehen, da das Wetter schön war, und ich ohnehin eine Runde spazieren wollte – Thomas hatte ich darüber bereits vergessen.
Wir stiegen wohl gemeinsam aus, nahmen aber verschiedene Wege, und er betrat den Platz vom oberen, und ich ging an der Markthalle vorbei, und kam vom unteren Ende her. Durch die Platanen und die Buschreihen waren wir verdeckt, und setzten uns auf dieselbe Bank, und erst als wir saßen, bemerkten wir es, und mussten herzhaft lachen. Deine Lust ändert sich schnell, sagte er, bot mir noch einmal seine Flasche an, und ich nahm einen großen Schluck. Wir blieben noch lange, leerten die Flasche, und dann ging ich, und holte eine neue, einen Grünen Veltliner, und Thomas begann das erste Mal zu erzählen.
Es war der Beginn einer Freudschaft, einer ungewöhnlichen, und ich besuchte Thomas immer wieder, bis es mir zur Regel wurde, und ich fast täglich auf den Platz kam.
Meist saß er auf einer der Bänke, oder spazierte umher. Selten nahm er auch in einem der beiden Beiseln Platz und genoss ein Märzen oder einen Riesling, denn fast immer trug er seinen Doppler mit sich, spazieren führen, nannte er das, und er stand, manchmal in Zeitungspapier gewickelt, neben einer Platane im Schatten, damit er kühl blieb.
Ich habe Thomas nie gefragt woher er stammte, oder von wo aus er den Platz besuchte [da stand mein geordnetes gegen sein ungeordnetes Leben, und eine Art unvereinbartes Stillschweigen herrschte zwischen uns], nur einmal, eines Abends, als wir aufbrachen, sagte er, dass er zur Station ginge.
So wie er aussah, hätten ihn die meisten einen Sandler genannt, was man hier gerne mit einer Mischung aus Heimeligkeit und Verachtung tat, lebten sie doch in den Tag hinein, und protestierten in ihrem Schmutz und Elend, scheinbar gegen eine bestimmte Art von Leben, das uns umtreibt, und in Bahnen zwingt, die wir eigentlich nicht wollen; es ist, als ob sie etwas täten, wofür uns der Mut fehlt.
Aber du bist anders, als die anderen, sagte Thomas einmal zusammenhangslos, nachdem wir einige Zeit geschweigen hatten, und wir gerieten darüber fast in Streit. Nein, antwortete ich, ich bin ein Arschloch wie alle anderen, es ist nur eine Laune, dass wir hier sitzen, und trinken. Dann trinken wir auf die Laune!, rief er, und hob die Flasche, und ich musste lachen, als sich seine Mundwinkel durch das faltige, unrasierte Gesicht nach oben schoben.
Ich fühlte mich schuldig [meine Füße waren nicht wund, und mein Leben lief in dieser geraden Bahn], aber er wehrte ab [wie ich es verstand]: Du kannst mich zum Essen einladen, oder mir ein Hemd kaufen. Und so habe ich Thomas nie gefragt, ob er Hilfe benötige, ich meine Hilfe, die die Umstände verändern kann, nicht irgendwelche Gaben, die zwar erleichtern, aber im Grunde nichts ändern.
Man könnte die Bekanntschaft mit Thomas als eine Episode bezeichnen, und lange Zeit war sie das auch: Etwas Abgeschlossenes, über das man hinweggegangen ist; eine Bekanntschaft, die einige Zeit andauerte, bevor sie unerwartet an ihr Ende kam, und nun, da ich an den Ort des Geschehens zurückgekehrt bin, wieder erwacht.

Wenn Thomas erzählte, dann trat das Unscheinbare, das Vielschichtige und das Wechselhafte hervor. Er machte es deutlich, oder schrieb es den Dingen überhaupt erst ein: Immer wieder stand mir etwas vor Augen, das nicht dem Wesen entsprach, das uns begegnet, wenn wir unseren alltäglichen Blick auf sie richten, und mir wurde klar, dass die Dinge nicht das waren, wofür wir sie hielten.
Der Sobieskiplatz war fast zur Gänze von Häusern aus der Gründerzeit eingefasst, und nur an einer Seite durchbrachen zwei niedrige, langgestreckte Häuser aus dem Biedermeier ihre geschlossene Front. Ich bin kein Liebhaber der Gründerzeitarchitektur [und auch nicht der des Biedermeier], denn die meisten Bauten der Jahrhundertwende sind weder besonders einfallsreich, noch fühlt man sich eingeladen oder geborgen, wenn man sich ihnen nähert, oder in ihr Inneres tritt. Stolz und prunksüchtig sehen sie auf einen herab, als wäre es ein Akt der Gnade in ihnen wohnen zu dürfen. Aber alles wäre halb so schlimm, wenn sie nicht in Legionen die Stadt bevölkerten, und ich verstehe gut, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis irgendjemand kam, um ihren Zierrat, und ihre Schnörkel mit dem Hammer von der Fassade zu schlagen. Dennoch gehören sie zu dieser Stadt, wie die übrige Architektur auch, nicht nur historischen Gründen, und sie passen auch auf den Sobieskiplatz, den sie wie Wächter umstellten, die man ab und an sogar freundlich grüßt.
Die Fenster dieser Häuser sind von Säulen umrahmt, die einen kleinen Giebel tragen, und man muss es beinahe als Errungenschaft ansehen, wenn die Säulen einmal eckig gestaltet wurden, die Akanthusblätter fehlen oder die Giebel rund statt spitz geformt sind. Aber damit nicht genug: Statuen, Adler, oder Engelsköpfe sitzen an den Ecken, oder blicken aus Nischen auf den Platz herab, und an allen erdenklichen Stellen hängen Lorbeerkränze, Bänder, Wappen, ja sogar Symbole aus dem Tierkreisstein, Kordeln, und Karos sind darunter.
Ein argloser Blick lässt glauben, dass die Häuser aus großen, behauenen Steinen erbaut wurden, aber dort wo der Verputz abbröckelt, sieht man woraus sie eigentlich zusammengesetzt sind. Und vor den riesenhaft erweiterten Eingangstoren stehen Statuen muskulöser Männer, die ihre Scham mit Tüchern bedeckten, und zugleich Balkone, oder Erker stemmen.
Wie eingefrorenes Leben sehen sie aus, und Thomas befreite es; eine Eidechse lief die Mauer hinab – kurz zuvor war sie noch Teil eines Ornaments gewesen. Die Schnörkel und Verzierungen lösten sich, wie ein organisches Ganzes wogten sie, wie das Gras im Wind: Ihre Ordnung und Strenge war dahin, aufgelöst, entspannt. Selbst die Statuen begannen sich zu regen, und entgegen den Intentionen ihrer Schöpfer zu verhalten [wobei eigentlich jede Art von Verhalten gegen diese Intentionen gerichtet war].
Zwei heldenhaft anmutende Statuen, die auch den Eingang des Hauses vor uns umstanden, traten zur Seite, und waren froh einmal anderes tun zu können: Sie streckten langsam ihre schmerzenden Arme, sahen sich kurz darauf um, und lümmelten alsbald im Gras vor dem Haus und würfelten. Eine junge Dame, von einem Sims des Nachbarhauses auf die Erde gesprungen, zögerte nicht lange, und schleuderte die Vase, die sie zu lange vor sich hergehalten hatte, fort, und schloss sich den beiden Helden an.
Ich ließ meinen Blick in der Dämmerung über die anderen Fassaden gleiten: Überall war ähnliches im Gang, und ich hegte viel Sympathie für das bunte Treiben, weit mehr als für Schnörkel oder in Reih und Glied angetretene Götter. Thomas Worte berührten den Stein, und machten ihn lebendig.

Gestalten erhoben sich und vergingen, alles vermengte und vermischte sich, und nur manchmal hielt der Strom inne, und ein Bild entstand. Was Erinnerung war, und was Erfindung, vermag ich nicht mehr zu sagen: Die Luft begann zu flirren, und während ich ermattet auf eine Bank sank, vergrub ich meinen Kopf in den Händen, und fand mich in einer Leere wieder, die kein hier und kein dort kannte, und auch keine Zeit. Doch die Tropfen, die meine Haut wie trockenes Laub berührten, riefen mich zurück.
Die Sonne, die Schwüle, und der warme Regen, dessen erste Tropfen sich wieder dampfend vom Asphalt erhoben: Eine Verbundenheit war von irgendwoher in die Schwüle gemeißelt, und der Platz war überall, die ganze Stadt war dieser eine Platz. Ein letztes Mal bäumte sich der Sommer auf, und alles sollte noch einmal seine Zeichen tragen. Mir schlug die heiße, schwere Luft entgegen – ein Abgesang und eine Liebeserklärung zugleich. Ich fühlte Thomas‘ Gegenwart, und seine Stimme mehr als ich sie hörte; ich erhob mich, schritt rasch vorwärts, und grüßte was mir begegnete. Manchmal erreicht das Erzählte das Leben, fließt das eine in das andere, und man kann sie nicht mehr voneinander trennen.

Viele Straßen und Plätze dieser Stadt sind wie Namen oder Gesichter, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, und der Sobieskiplatz trägt vor allem Thomas‘ Gesicht. Aber bewusst wurde mir das erst später, lange nachdem wir einander verloren hatten, in den Wirren der Stadt, und in der Schwüle des Sommers.

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