Warum schenken? Und wie?

Geschenke sind nicht irgendetwas, und das Schenken nicht bloß ein schöner Brauch: Beides verrät eine Menge über die Beziehung zu unseren Nächsten, über die Gesellschaft in der wir leben, und über einen selbst.

Freude, Wertschätzung, Liebe, und Dankbarkeit – stets drückt der Schenkende etwas aus, erzählt über den Beschenkten, über sich, und vor allem: Ein Geschenk spiegelt die Beziehung beider, und das in ihr verwobenen „intime“ Wissen. Um zu sein, was es ist, auch um der Glaubwürdigkeit willen, stellt ein Geschenk immer ein „Opfer“ dar, einen zeitlichen oder materiellen Verzicht.
Und weil es stets freiwillig erfolgt, ist ein Geschenk etwas ungemein Bedeutsames: Eine unerzwungene, eine ungefragte, und eine unnotwendige, aber trotzdem erwiesene Selbstlosigkeit. Ein Geschenk sagt danke, im schönsten Fall: danke, dass du bist – wir nennen das auch Freundschaft oder Liebe; und Geschenke sind ihre Zeugen.
Zugleich ist der Akt des Schenkens eine ritualisierte Versicherung gegenseitigen Vertrauens: Für den Beschenkten ist das Geschenk eine Überraschung, eine Unbestimmtheit, der er sich aussetzt, weil er den anderen kennt, und um das Verbindende weiß. Du kannst mir vertrauen. – Ja, ich weiß. Trotzdem bemerken wir eine Spannung, da sich ein Geschenk selten verrät, und vielleicht doch unerfreulich ist: Man glaubt es nicht, aber man weiß es auch nicht. Und selbstverständlich, im Augenblick des Öffnens, ist man schutzlos, und Missbrauch möglich, im Scherz, wie auch im Bösen.

Verbundenheit, Freiheit, Ausdruck, und Kreativität sind wesentliche Kennzeichen des Schenkens, die von einem lebendigen Umgang miteinander und intakten Beziehungen zeugen – nicht durch die bloße Praxis, sondern ihre Art und Weise.
Wer rasch etwas kauft, und dann verschenkt, der entledigt sich einer lästigen Verpflichtung, und offenbart die Oberflächlichkeit seiner Beziehungen. Das geht nicht gegen die Höflichkeit, – wer hat nicht schon aus Höflichkeit geschenkt! -, wohl aber gegen den schönen Schein, um ihm jenen Platz zuzuweisen, den er verdient. Wer ihn aufdeckt, fällt nicht länger auf sich selbst herein, auf seine Lüge, und seinen Betrug, denn Egoismus beginnt dort, wo wir nicht mehr verzichten wollen.

Und was schenkt man? Das, was man für richtig hält; was zum anderen passt, aber auch glaubhaft von einem selbst stammt; was notwendig ist, in dem Sinn, dass der Beschenkte sich des Geschenks nicht wieder entledigen will; kurzum: Woran der andere Gefallen findet, und was ihm Freude bereitet.
Aber haben wir nicht bereits alles? Ja; aber geht es immer ums Haben? Offenbart das nicht bereits den Verlust von etwas; – von Kreativität, von Einfallskraft? Nicht unbedingt: Auch ein „materielles“ Geschenk kann Freude bereiten, wenn es bewusst gewählt ist, wenn es eben nicht dazu dient, einer lästigen Pflicht zu genügen.
Aber wir sehen auch: Ökonomie, Konsum, und Warenwelt beschädigen uns, und verstellen unser aller Blick, ja sie etablieren unter der Hand eine neue Verbindlichkeit: Wenig Schlimmeres kann dem Schenken passieren, als dass es zu einem zeitlich erstarrten Formalismus wird: Man schenkt eben. Und: Schon wieder ein Geburtstag.
Nichts ist einfacher als Waren zu kaufen und zu verteilen, und die Beträge die man dafür ausgibt, steigern sich immer weiter, und verfehlen ihren Sinn, weil der Andere, der Freund, oder der Partner nicht im Zentrum stehen. Das Schenken wird etwas Beiläufiges, weil wir alles haben, und trotzdem weiter schenken; weil wir meinen, dass nur gekauft, und konsumiert werden muss, obwohl uns nichts und niemand dazu anhalten sollte: Es ist unsere Entscheidung, und sie sollte es auch bleiben, allen Einflüsterern zum Trotz.

Im Zweifelsfall, einmal davon absehen, und nichts verschenken: Diese Askese erhält unsere Freiheit, und gibt dem Geschenk seine Bedeutung zurück. Und das selbst Geschaffene, das nur von zweien verstanden werden muss, wirkt seltsam überraschend in unseren Tagen, und wird gerne gesehen, trotz allem.

Advertisements

Eine Antwort zu “Warum schenken? Und wie?

  1. Gregor Keuschnig 3. September 2010 um 2:52 pm

    Sehr schöner Gedanke zum Schluß: Der Verzicht auf den Zwang, der zum „Formalismus“ zu erstarren droht: das Plädoyer für die „Askese“ des Schenkens. Dann könnte der Ausspruch „Die schenken sich nichts“ ganz neu eingeordnet werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: