Von der Notwendigkeit des Politischen

Herr Maus: Was die wieder für einen Unsinn beschlossen haben!
Frau Maus: Wer denn?
Herr Maus: Na, unsere Abgeordneten.
Frau Maus: Ach so, die… was magst du denn zum Abendessen?

Nehmen wir den Ball an, den Susanne Gaschke in der Zeit aufgespielt hat, und spinnen wir die Antwort weiter, warum die Beschäftigung mit Politik notwendig ist, und wie sie sich praktisch auswirken könnte.

Enttäuschung
Man kann sich von den parlamentarischen Debatten, den Parteien und ihrem Programmen abwenden, wie von teuren Autos oder klassischer Musik, aber entkommen wird man ihnen dadurch nicht. Wer erst bei der Erstellung seines neuen Reisepasses verwundert feststellt, dass seine Fingerabrücke abgenommen werden, erkennt sein Versäumnis zu spät, und wird, selbst wenn er trotzig in seiner Teilnahmslosigkeit verharrt, auch weiterhin von den Auswirkungen der Politik betroffen bleiben. Was also wäre vernünftiger, als diesen Anlassfall zu nutzen, und der mit Verachtung gestraften Dame, endlich ins Antlitz zu blicken?

Pflicht
Wir leben in einem Gemeinwesen, weil wir soziale Wesen sind, und meinen, dass wir gewisse grundlegende Interessen, und Bedürfnisse teilen. Wir nennen das Gemeinwohl, und seine Gestaltung obliegt im Wesentlichen den Parteien und Politikern, denen wir unser Vertrauen aussprechen. Das bedeutet, dass wir durch unsere Entscheidung, unsere Wahl, Auswirkungen auf unsere Mitmenschen und unsere Umwelt zu verantworten haben: Wählen zu können bedeutet dieser Verantwortung dadurch gerecht zu werden, dass wir eine begründete und bedachte Entscheidung fällen. Das Politische ist gleichermaßen in unserer Sozialität wie in unserer Individualität verankert, es geht einen selbst, und alle anderen an.
Es ist jedoch nicht damit getan, eine Woche vor der Wahl Zeitung zu lesen, politisch zu sein, bedeutet eine regelmäßige Beschäftigung, und ein Einlassen auf die Fragen und Probleme des Gemeinwesens – Dauer ist von entscheidender Bedeutung, wenngleich die Intensität der Beschäftigung schwanken kann, darf, und soll.

Freude
Niemand ist ausschließlich deshalb politisch, weil er sich dazu verpflichtet fühlt; Politik bedeutet Freude an Auseinandersetzungen, am Lernen von einander, an Bildung, und am Verstehen von Zusammenhängen zu haben; den Qualen mancher Debatte und manchen Streits, steht der Reichtum einer gemeinsamen Erörterung, und Abwägung gegenüber. Ein gefundener Kompromiss bedeutet, dass aus widerstrebenden Interessen, etwas Gemeinsames entstanden ist; Demokratie und Gemeinwohl leben von einem Interessensausgleich, und einer Abwägung, nicht von der Dominanz und Durchschlagskraft einer bestimmten Richtung – auch deshalb ist es entscheidend wichtig, dass sich alle Teile und Schichten der Gesellschaft beteiligen (können).

Streit
Entgegen Susanne Gaschke, und ihrer Idee der Sozialisierung zum Streit, deren Notwendigkeit außer Zweifel steht, muss man, gerade weil es von der Politik oft verabsäumt wird, das Argument und die Auseinandersetzung wieder ins Zentrum rücken: Ein Streit verlässt bereits die geordnete Bahn einer Debatte, er ist ihre Zuspitzung, ein möglicher Endpunkt, aber kein grundsätzliches Ziel. Er ist dann notwendig, wenn starker Widerspruch gefordert ist, und Gefahr im Vollzug: Politische Entscheidungen sind vor allem auf Grund ihrer praktischen Relevanz umstritten, und je drohender und heftiger die Auswirkungen, desto energischer muss der Widerspruch sein. Nur sollte er nicht Mittel zum Zweck werden, denn man kann schwerlich gegeneinander stehen, und gleichzeitig gemeinsam gestalten.

Das Internet…
Für eine Politisierung ist es nie zu spät, und sie bedeutet natürlich nicht, von nun an ausschließlich homo politicus zu sein. Sie wird vermittelt und gefördert durch Freunde, Verwandte, Schule, Lehrer, und – das übersieht Susanne Gaschke – auch durch das Internet, zumindest dort, wo die ausgezeichneten Möglichkeiten eines verschriftlichten Mediums zu Tage treten: Wo man sich Zeit nimmt Argumente zu formulieren, abwartet, und nachdem man nachgedacht hat, antwortet.
Je mehr Zeitungsportale, und Weblogs von Privatpersonen und Politikern entstehen, je größer die Bedeutung sozialer Netzwerke wird, desto stärker verlagert sich die öffentliche Diskussion ins Internet; auch, weil das Netz die weltweit größte Datenbank ist. Das alles nimmt nicht nur die traditionellen Medien stärker in die Pflicht, die sich auf einem neuen Terrain bewähren müssen, sondern es fördert auch dezentrale Tendenzen: Jeder will seine Stimme hörbar machen; eine Vielzahl von individualisierten Blogs ist die Folge. Demgegenüber, wäre eine leistungsfähige politische Plattform, die nicht mehr zwischen Lesenden und Schreibenden, zwischen Verfassern und Kommentierenden trennt, eine dringend erforderliche Konsequenz, und eine Bereicherung für den Diskurs.

…und die Praxis
Lesen, Schreiben und Diskutieren, sind allesamt politische Handlungen, die sich auf unsere nächste Wahl auswirken werden, und sie bedeuten zugleich eine Art Selbsttranszendenz, ein Nachdenken, das über die eigene Selbstbezogenheit hinausreicht, und die Beziehung zu unseren Mitmenschen auszuloten versucht: Wer hat sich nicht schon neben alledem, nach praktischen Auswirkungen von Vernunft und Denken gesehnt? Dass am Ende des Tags, oder dem Abschluss einer langen Diskussion, ein neuer Anfang, eine Tat stehen müsse, die zweifellos eine andere Mühe, als die des Denkens bedeutet? Das Gedachte befriedigt nicht, weil es nichts (sichtbar) ändert, weil ihm (scheinbar) keine Handlung folgt – dieser Widerspruch ist nicht notwendig, aber er kann, wo er auftritt in den Kreis konkreter politischer Handlungen führen: Zur Selbstlosigkeit im Dienste des Gemeinwohls.
Dieser Dienst aber, scheint seltener zu werden, und verliert seinen Antrieb in einer Gesellschaft, die alle erdenklichen sozialen Leistungen ausgelagert hat, und vergütet. Wenn das Gemeinwohl nicht eine leere Phrase bleiben, und als Praxis zerfallen soll, muss an die Stelle, an der jetzt, in kapitalistischer Logik ein „mein“ steht, wieder ein „uns“ rücken. Auch wenn es stimmt, wie Susanne Gaschke schreibt, dass man sich etwas aneignet, wenn man politisch zu handeln beginnt, muss doch die Ichbezüglichkeit aufgebrochen werden, die Nachbarschaft, das Land oder die Universität ist unsere, nicht meine. Die Losung der protestierenden Studenten vor einem Jahr, führte das richtige Pronomen: Unsere Uni brennt.

6 Antworten zu “Von der Notwendigkeit des Politischen

  1. chromosFEAR 2. November 2010 um 5:42 pm

    Ich glaube wir alle wären politische Menschen, jeder (fast) interessiert sich für die Dinge die in seinem Land vorgehen, von der Familienbeihilfe über Vermögenssteuer bis zur Müllabfuhr. Die Politikverdrossenheit wird aber, ob bewußt oder unbewußt das weiß ich nicht, von denen an der Spitze gefördert. Kreatives Denken unerwünscht, bzw. bis du irgendwo in Schlagweite der Führungsspitze bist, ist jegliche Fähigkeit kreative Lösungen zu finden abgetötet. So kann das nix werden. Ich hab mir auch ein paar Gedanken dazu gemacht, die mögen zwar vielleich pessimistisch oder politikverdrossen klingen, bin ich aber eigentlich nicht…. http://www.chromosphere.at/blog/wordpress/?p=563

    • metepsilonema 3. November 2010 um 9:44 am

      Diese Erklärung ist mir etwas zu einfach, auch weil sie meiner Erfahrung widerspricht. Ich kenne Menschen, die Politik tatsächlich nicht interessiert (und mich selbst hat sie das lange Zeit auch nicht).

      • chromosFEAR 3. November 2010 um 7:51 pm

        Ich kenne auch Menschen die Politik nicht interessiert, zumindest sagen sie das. Wenn man sich in unserer Gesellschaft bewegt, Einsiedler vielleicht ausgenommen, dann wird man aber zwangsläufig mit Politik konfrontiert. Und jeder hat dazu seine Meinung, nicht jeder schreibt Blogs oder geht auf Demos, aber am Stammtisch wird diskutiert. Viele gehen natürlich lieber ihrer jeweilig bevorzugten Freizeitbeschäftigung nach und sagen sie interessieren sich nicht für Politik (mal ehrlich das kostet ja auch Zeit und vorallem noch mehr Nerven), die stellen natürlich die bevorzugte Wählerschicht dar, denken nicht viel und nehmen alles hin…

      • metepsilonema 4. November 2010 um 12:39 am

        Ja, aber seine Meinung haben, ist nicht gleichbedeutend mit Interesse oder Auseinandersetzung (man denke an den üblichen Antipolitik[er]reflex, das ist auch Meinung). Ich kenne einen Stammtisch sehr gut, und der ist überhaupt nicht politisch (und die meisten meiner Freunde sind es auch nicht).

        Natürlich nervt es, und kostet Zeit. Aber es ist auch schön und interessant. Und eben notwendig. Man entkommt den Folgen der Politik ja nicht.

        Sehr selten ist eine bewusste, reflektierte und begründete Abkehr von Politik.

      • chromosFEAR 4. November 2010 um 6:56 pm

        „Eine bewusste, reflektierte und begründete Abkehr von der Politik“
        Gibts das übrhaupt? Wahrscheinlich ja, aber was muß denn passieren, damit ein politischer Mensch plötzlich unpolitisch wird. Das würde ja bedeuten ich entscheide mich genz bewußt dafür, daß mich etwas nicht mehr interessiert, streng genommen kann das doch gar nicht funktionieren. Man kann das Interesse verlieren oder eben politikverdrossen werden, aber zu entscheiden, daß man sozusagen sein Wesen ändert, dürfte schwierig sein. Das wirft auch die alte Frage auf, hat der Mensch einen freien Willen?

      • metepsilonema 5. November 2010 um 1:33 am

        Ich kenne einen Fall. Ich meinte damit, dass man das tun, und sich der Problematik bewusst bleiben kann (was bei vielen Anti-politik Ressentiments nicht der Fall ist).

        Grundsätzlich besteht zwar Interesse, aber wenn ich den Rahmen (den öffentlichen Diskurs und die mediale Berichterstattung, etwa) als zu rudimentär ansehe, könnte ich mich (begründet) anderen Dingen zuwenden.

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