„Wie ein leerer Kartoffelsack…“

Er könnte genauso gut ZVWG-16 heißen, das hätte ähnlich viel mit der Realität gemein, aber mir gefällt SstM-57 besser. Jedenfalls: Der berühmte Mann hat sich bereits an anderer Stelle zu äußern begonnen, aber sein Wort wurde beschnitten, besser: abgeschnitten, und das, Sie erraten es, ist dem Leser entgangen, ja es wurde nicht einmal der Versuch unternommen, ihn davon zu unterrichten. Ein Skandal meinte ein mutiger Kollege (im Übrigen, wir auch), und spielt uns das vollständige Interview zu. Wir setzen unmittelbar nach dem Schnitt fort:

Der Andere: So besehen haben Sie natürlich recht, an Ihrer Stelle würde ich auch eher Klamotten kaufen, als…

SstM-57: Unterstehen Sie sich! Noch ist es ist nicht gesagt, dass sie meine Schwelle ein zweites Mal überschreiten!

DA: Ihr, ähm, ihr,…

57: Ja?

DA: Ihr neustes Körperbuch, dieses…

57: …Kartoffelsackbuch

DA: Genau. Ich würde jetzt gerne…

57: Es ist mein erstes, Sie verstehen, es gibt keine Edition Körperwelten, oder so.

DA: Oh! Entschuldigung. Ich würde trotzdem gerne, ich meine, Sie haben da jede Menge Psychologie hineingepackt, oder Psychoanalyse, wo sehen Sie sich da?

57: Hä?

DA: Es fielen Fromm, Freud, Marx, Frankl, Gramsci,…

57: Wo? Bei Ihnen? Gramsci?

DA: Nein, wir gehen da nicht so tief, wir deuten lieber an, und… haben Sie die Feuilletons nicht gelesen? Ihr Roman bekam so viel Raum, dass sogar wir nicht umhin kamen uns um Sie…

57: Ich lese sie nicht.

DA: Tatsächlich? Aber Sie sind doch Schriftsteller, müssen sich nicht…?

57: Eben. Gerade deswegen.

DA: Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Tagesablauf. Wann schreiben Sie? Wieviel? Und welchen Wein trinken Sie?

57: Äh, das interessiert doch keinen.

DA: Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Sehen Sie, wir beide haben ein gutes Gespür dafür, was der Leser will. Nur: Den Zeitungsleser kenne ich besser.

57: Sie missverstehen da etwas. Und ich mache mich für Sie nicht zum Affen, ganz bestimmt nicht. Wenn ich nur wüsste wo meine Beretta…

DA: Sie tragen ein Barett? Das müssen Sie mir erzählen. Sind Sie ein Militarist? Ein Fanatiker? Wie Hemingway?

57: Seufz, es ist ohnehin alles umsonst. Also gut, Psychologie, und dann lassen Sie mich in Ruhe, ja? Schreiben Sie, dass wir heute alle wie ein leerer Kartoffelsack sind, und dass uns das völlig egal ist. Völlig. Früher hätten die Kartoffeln protestiert. Heute nicht. Das ist der Unterschied.

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2 Antworten zu “„Wie ein leerer Kartoffelsack…“

  1. Phorkyas 19. Oktober 2010 um 7:39 pm

    Feuilleton schreibt wie Kartoffelsack leer?
    Die Deutschen, heissen die im Ausland nicht auch Kartoffeln oder картошка, aber protestwillig sind die doch eher in beschraenktem Masse?
    (leider kenne ich den Kontext ihrer Dialoge [noch] nicht so ganz, aber Dein Stueck und auch das beim Blogozentriker lasen sich gut, da wuenschte ich mir mehr .. was immer diese Dialogfetzen auch sollen(: )

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