Viennale 2010: Balada triste de trompeta

Ein Werk erreicht uns, wenn es das Gewohnte, das üblicherweise folgende, außer Kraft setzt, und wir uns auf den Bedeutungsraum, den das Gehörte und das Gesehene eröffnen, einlassen. Wir erkennen es, wenn der Applaus einige Zeit lang ausbleibt, oder die Kinobesucher länger auf ihren Stühlen verweilen.
Und tatsächlich, während des gesamten Abspanns der „Balada triste de trompeta“ wollte sich niemand erheben. Augenblicklich war seine Bilderwelt weder zu ordnen, noch zu begreifen, aber sie hatte sich tief eingegraben. Und geradezu gewaltig war die Kluft zwischen der augenscheinlichen Größe dieses Films, und der Frage nach seiner Bedeutung.

Begreifen, das ist vielleicht ein Teil seiner Botschaft, bleibt uns nicht erspart, weder im Kino, noch in der Welt da draußen: Leben, bedeutet um Erklärung und Urteil zu ringen. Und es ist zum Verzweifeln schwer auszumachen, was man da eigentlich gesehen hat. Eine dürftige Schablone: Die „Balada triste de trompeta“ ist eine persönliche und durchweg spanische Auseinandersetzung mit der Diktatur auf der iberischen Halbinsel, ihrer Zeit und ihrer Folgen; darüber hinaus thematisiert sie Belange von allgemein menschlicher Bedeutung.

Gleich zu Beginn: Zahlreiche Kinder werden in einem Zirkus von zwei Clowns unterhalten. Doch die Vorstellung wird abrupt unterbrochen, es kracht und poltert (eine Szene die sich auch in einem Bunker während des zweiten Weltkriegs abgespielt haben könnte); noch einmal, für kurze Zeit, können die Clowns die Illusion aufrecht erhalten, und die Kinder hören auf zu weinen; einige lachen sogar. Doch zwei Augenblicke später ist alles vorbei, und der spanische Bürgerkrieg hat den Zirkus erreicht. Nun heißt es gegen die Rebellen (die „Faschisten“) zu kämpfen, und jede Weigerung bleibt zwecklos: So gewinnt man keinen Krieg.

Die beiden Clowns, und andere Angehörige des Zirkus werden dem „Regiment“ (das eher ein verlorenes Häuflein darstellt) einverleibt, egal wie sie aussehen, mit Schminke und Kostüm, das kümmert höchstens sie selbst. Und schon muss man sich gegen die anstürmenden Feinde verteidigen: Ein heldenhafter, aber letztlich vergeblicher Ausfall gegen die zahlenmäßig weit überlegenen „Faschisten“, die siegen, und einen der beiden Clowns als einzigen Überlebenden gefangen nehmen. Weitere Menschen werden inhaftiert, es folgen Erschießungen, es herrscht Willkür. Spätestens jetzt treten die tragikomischen Elemente des Films hervor: Brutale, abstoßende Gewalt, Tote, groteskes, ernstes und absurdes werden in einander gewoben; die letzten Worte der Hingerichteten, etwa, lauten „Es lebe die Republik“ und „Es lebe der Zirkus“. Einem Jungen gelingt es den Clown (seinen Vater) im Gefängnis zu „besuchen“, und diesen Jahre später (offensichtlich dem „werde durch Rache glücklich“ Ratschlag des Vaters folgend) aus der Zwangsarbeit, durch einen Anschlag zu befreien. Allerdings wird der Vater auf der Flucht getötet.

Jetzt erst beginnt der Film eigentlich: Der Sohn (Javier) möchte, viele Jahre später (er ist längst erwachsen), dem Vater nachfolgen, als Clown (genau genommen: als trauriger Clown), und wird in einem Zirkus aufgenommen. Er trifft dort (eigentlich bereits während des „Aufnahmegesprächs“) auf einen zweiten Clown, Sergio (Ich wäre ein Mörder, wenn ich nicht Clown geworden wäre), dem Dreh- und Angelpunkt des Zirkus. Alsbald entwickelt sich zwischen beiden ein Konflikt, als Javier etwas wie (Zivil)Courage zeigt, und gegen die Autorität des anderen „opponiert“. Kurz darauf beobachtet er (unfreiwillig) die (sexuelle) Gewalt die Sergio gegenüber seiner Lebensgefährtin (Natalia) ausübt, für die Javier mehr als „bloße“ Freundschaft empfindet. Später tritt eine Gestalt aus der Zeit des Vater wieder auf, und auch Franco selbst.

Die beiden Protagonisten (Sergio, Javier) wandeln sich in einer allegorischen, verwirrenden, und brutalem Handlung, immer wieder ins Groteske überzeichnet, mit historischen Einflechtungen und Bezügen (in die Handlung eingebunden, oder in Form von originalem Bildmaterial, meist Nachrichtensendungen), die es dem der spanischen Geschichte Unkundigen alles andere als leicht machen (was aber nicht heißt, dass der Film wirkungslos bliebe, ganz im Gegenteil). Mehr soll hier nicht verraten werden, im Folgenden noch der Versuch einzelne Motive und Themen herauszuarbeiten, die aber allesamt unscharf und schwierig zu fassen bleiben (ein Vorzug und ein Manko zugleich):

  • Das Tragikomische kumuliert in den Gestalten der Clowns (dem Vater, Sergio und Javier) und steht für Spanien (nicht nur für das des Bürgerkriegs), aber auch für das genuin Menschliche. Ein Clown weint und lacht zugleich; seine Ungeschicklichkeit ist nicht ausschließlich gewollt, er ist widersprüchlich, wechselhaft und täuscht, indem er kompensiert und sich verstellt. Das sind durchaus allgemein menschliche Kennzeichen. Im Widerspruch dazu (dem Clownhaften und dem Menschlichen) steht die von ihnen ausgeübte Gewalt. Zum Ende hin werden die komischen Elemente seltener, das Tragische gewinnt die Überhand (man sieht sozusagen das „Ergebnis“).

  • Die Ballade (triste) de (la) trompeta (gesungen vom spanischen Sänger Raphael), hier in der Version, die in einem Ausschnitt auch im Film vorkommt, und die möglicherweise einen, der väterlichen Rachemotivik (deren Wirkung und Bedeutung sich wohl [auch] auf das heutige Spanien bezieht) entgegengesetzte Vergangenheitsauffassung darstellt. Jedenfalls wird hier die Vergangenheit lebendig: Die Trompete, der Clown, das ich, alle kämpfen mit einer schmerzenden, klagenden, traurigen Vergangenheit, oder sind Ausdruck derselben (Text auf Spanisch. Leider habe ich keine deutsche Übersetzung finden können, und google liefert nur sehr notdürftig „Halt“).

  • Die Rolle der katholischen Kirche, und auch die des Bürgertums: Ihre Schuld, ihr Versagen, und ihre Doppelmoral wird zur Schau gestellt und karikiert, und man meint (manchmal) die Blutrünstigkeit im Heiligen selbst angelegt zu finden. Exemplarisch kann man den Zirkus als Gesellschaft en miniatur verstehen: Wie sie Sergio einerseits fürchten, andererseits brauchen, und nichts ändern; wie sie Angst haben und sich nicht entscheiden können, oder sich als nicht zuständig verstehen (vgl. die Szene in der Sergio zum Tierarzt gebracht wird). Und ein Beispiel für heuchlerisches, christlich-katholisches Moralverständnis: Franco ist mit einem Freund gemeinsam auf der „Jagd“ (was an sich schon eine euphemistische Beschreibung ist), und beschwert sich dabei wie eben jener Freund einen Menschen unchristlich demütigt. Einen Augenblick später reißt Franco die Flinte hoch und schießt auf vorüber fliegende Vögel.

  • Es gibt kein Urteil: Dieser Film wertet nicht, er stellt dar, aber er verwirft nicht. Es ist (zunächst) wichtiger festzustellen, wie es war. Es geht darum die Wurzeln für das Leid der spanischen Seele, die in der Vergangenheit liegen, zu ergründen. Ihr ins Auge zu sehen, und nichts schön zu reden, das Leid sprechend zu machen, und mit ihm das Groteske, das Menschliche. Das ist auch „Faschismuskritik“, aber nur auch: Weder vordergründig noch moralisierend, auch dort nicht wo er lächerlich darstellt wird.

  • Man kann in Sergio und Javier Prototypen für „links“ (republikanisch, anarchisch-sydikalistisch, kommunistisch, sozialistisch) und „rechts“ (konservativ, ständisch, faschistisch, liberal, reaktionär) sehen. Aber auch das ist nicht eindeutig, es gibt es keine klare Zuschreibung von Gut und Böse, beides ist verteilt, vielleicht ungleich, aber in allen „Herzen“ angelegt. Javier der sympathische, etwas lebensfremde, unbeholfene Gute, wird, in gewisser Weise, dem ähnlicher, was Sergio schon immer war: Am Ende sitzen sie einander gegenüber und verstehen vielleicht was sie angerichtet haben. Allegorisch kann man auch die Rolle Natalies interpretieren: Sie repräsentiert wohl das Spanien des Bürgerkriegs, das von Sergio und Javier umkämpft und „zerrieben“ wird (und die sich weder für die eine, noch für die andere Seite entscheiden kann). Und prototypisch für „den Spanier“ steht der von der Vergangenheit gezeichnete Javier.

  • Das Attentat auf Blanco (die rechte Hand und Nachfolger Francos), der dabei ums Leben kommt, beeindruckt Javier, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Er tritt zu den in einem Auto sitzenden Attentätern, und fragt, bei welchem Zirkus sie seien. Aber sie antworten nicht, und fahren davon. Das kann man als Kritik am Terror von linker Seite, oder allgemein als eine Absage an Terror (als Mittel der Politik) lesen.

  • Ordnung und Unordnung: Francos Erfolg war vor allem auch dadurch bedingt, dass er Ordnung in die Wirren des Bürgerkriegs brachte. Die Bilderwelt des Films kann man als Gegenstück dazu betrachten (oder dahingehend verstehen, dass er die Wirren des Bürgerkriegs in sich aufgesogen hat). Auch das erschwert Urteil und Sinnfindung.

  • Gewalt und Blut, das Verzehren von rohem Fleisch, die Wandlung von Javier u.a. macht immer wieder deutlich wie dünn das zivilisatorische Häutchen ist, und wie rasch der Mensch zum Tier wird.

  • Ein Nebenmotiv, das vor allem zu Beginn auftritt: Der Krieg kommt zu allen, und wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, hat keine Möglichkeit sich zu entziehen.

Zitate aus dem Film sind kursiv gesetzt und sinngemäß zu verstehen.

Anmerkung: Der Begriff Faschismus wird hier unter Anführungszeichen gesetzt, weil er sich auf die spanische Form bezieht, die deutliche Unterschiede zum italienischen Faschismus oder dem Nationalsozialismus aufweist (das Fehlen einer revolutionären Bewegung, von Massenmobilisierung, das Hinarbeiten auf eine Monarchie und letztlich auch die Umformung und die Zurückdrängung des politischen Einflusses der Falange).

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4 Antworten zu “Viennale 2010: Balada triste de trompeta

  1. Phorkyas 5. November 2010 um 6:10 pm

    Traurige Ballade der Trompete,
    über eine Vergangenheit, die starb,
    die weint und schluchzt,
    wie sie weint.

    Mit soviel Weinen der Trompete,
    [geht] mein verzweifeltes Herz,
    geht weinend, sich erinnernd
    (das Komma irritiert mich hier)
    [an] meine Vergangenheit.

    Traurige Ballade der Trompete
    eines verzweifelten Herzes.

    (Ein Versuch, hoffe es ist einigermassen akkurat… – Ihren Text habe ich noch nicht richtig gelesen, da ich noch überlege, den Film zu schauen, und dann versuche ich meistens nicht zuviel „bias“ zu haben. Ein Verschreiber stach mir aber ins Auge: „Das Tragikomische kumuliert“ – kulminiert, oder?)

    Wenn dir aber so tragische spanische Lieder gefallen, dann möchte ich dir „En el muelle de San Blas“ von Mana ans Herz legen, ein sehr poetischer Text, finde ich (da gibt´s auch ne Übersetzung von SWR3)

    • metepsilonema 6. November 2010 um 10:21 am

      Herzlichen Dank für die Übersetzung! Ich versuche das genauso zu halten, und vorher möglichst wenig Beeinflussung zu „sammeln“. Ich würde mich jedenfalls über eine Diskussion freuen. Ich weiß aber nicht ob es der Film ins „normale“ Kino schaffen wird (bei den allermeisten Filmen der Viennale ist das nicht der Fall, obwohl es Ausnahmen gibt).

      Mit spanischen Liedern habe ich nicht explizit etwas am Hut (das heiß aber auch nicht, dass ich sie nicht mag) – das vorliegende ist mir sozusagen zufällig begegnet. Ich werde mir “En el muelle de San Blas” einmal anhören.

      kumuliert – kulminiert: Ich habe beim Schreiben nicht explizit darüber nachgedacht, aber mir scheint ersteres treffender, da ich tatsächlich eine Anhäufung (Verdichtung) in den Personen (Charakteren) meinte.

      • phorkyas 6. November 2010 um 1:10 pm

        Du hast recht „anhäufen“ könnte auch gemeint sein (vielleicht fehlte mir da dann das „kumuliert.. sich“, so dass ich doch eine Anhäufung/Steigerung bis zu einem Handlungshöhepunkt vor Augen hatte, so dass ich das andere Verb gewählt hätte… *g*, es ist schon fast wie mit dem „(be-)zwungenen Knochen“, da ist nur ein Wort, sind ein paar Buchstaben anders als erwartet und schon haut’s einen aus dem Satz – meine Idiosynkrasie bezügl. dieses Wortes erklärt sich vielleicht auch daraus, dass ich beruflich schon mal mit Kumulanten zu tun habe..)

        Bei einem tragikomischen Clown assoziiere ich auch gleich Herrn Böll. Kennst du die „Ansichten eines Clowns“? (Auch wenn das für diesen Film wahrscheinlich unwesentlich ist…)

        (Entschuldige bitte das herausgerutschte „Sie“, ich hatte gerade bei Herrn Keuschnig kommentiert und da war ich noch im „Höflichkeitsmodus“)

      • metepsilonema 6. November 2010 um 8:36 pm

        Diese berufliche „Besetzung“ habe ich vermutet… aber wie gesagt, ich habe es beim Schreiben intuitiv verwendet, von daher hat Dein „Anstoß“ schon seine Berechtigung.

        Nein, die „Ansichten eines Clowns“ kenne ich nicht.

        [Höflichkeitsmodus ist gut: Beflegeln tun wir uns ja auch nicht gerade.]

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