Skizzen, Bilder, Träume. Aus einer Stadt.

I

Aufbruch

Ich sehe die Straße hinunter, und hänge meine Tasche über die Schulter. Die Hände in den Hosensäcken, gehe ich los, wie an jedem anderen Tag auch. Doch meine Bewegungen verraten mich, sie folgen irgendeinem Takt, fließen dahin, und zeigen an ihren End- und Wendepunkten ein feines Zittern. Aber da ist kein Takt, und ich summe auch kein Lied. Die Dinge ringsum bemerken es, mehr als die Menschen, und blicken mich neugierig an.

II

Rauch

Schlieren dringen aus einem Häuflein Asche. Eine kleine Wiese mit verkrüppelten Sträuchern, Reifen, und Plastiksäcken: Sie liegt in Mitten der Häuser und Straßen, ist für uns fremd, und unverständlich, wie vieles andere auch. Und erst als wir vorüber sind, bemerke ich, dass in dem braungefleckten Gras, Vergessen und Gewöhnen auf eine beklemmende Art und Weise zusammenfinden. Ich mag nicht daran denken, wer das Feuer entzündet hat, und welchem Zweck es diente. Es dämmert, und ist bitter kalt.

III

Märkte und Straßen

Vor uns fügen sich hölzerne Stände und Zelte aus blauen und schmutzig weißen Planen zu einer endlos erscheinenden Reihe aneinander. Menschen drängen hinzu; auf den Tischen liegen vor allem Kraut, Radieschen und Paradeiser, und hinter ihnen stehen schmierige Kistchen mit Münzen und Scheinen. Alles hier ist größer, mit Ausnahme der Zwiebeln, von denen manche fast so klein wie meine Fingerkuppen sind. Ich spiele mit, betaste die Kartoffeln, die Kürbisse, und wiege eine Melanzani einige Augenblicke lang in meiner Hand. Dann werfe ich sie mehrmals hoch, und lege sie anschließend, von einem Kopfschütteln begleitet, wieder an ihren Platz zurück. Ich schlendere weiter, sehe zu Boden, und verliere mich im erratischen Muster zerbrochener Fliesen. Kaum eine ist intakt, und die zahlreichen Sprünge zerteilen die Fliesen in viele einzelne Felder. Die breiteren Spalte zwischen ihnen sind mit Moos oder Gras gefüllt; ich drehe einen Splitter aus einem Geflecht von Wurzeln, umschließe ihn mit meiner Hand und drücke zu bis es schmerzt. Dann stecke ich ihn ein, und bemerke dabei, dass niemand schreit, sondern die Luft nur von dem Gemurmel der Menschen, einem Schaben, und Wetzen erfüllt ist. Als ich weitergehe, rieche ich geröstete Mandeln, sehe kurz hin, und entdecke noch Wahlnüsse, Kaschukerne und Kastanien. Doch nichts hält mich.
Die Stromleitungen berühren fast meinen Kopf, die Kabel sind beschädigt, und ihre Enden zu einem gordischen Knoten verwickelt. Immer wieder, an jeder Ecke: Stromleitungen, die von ihren Masten hängen, wie die Takelasche eines heruntergekommenen Schiffs. Ich bewundere ihren Gleichmut, bewundere, dass niemand stolpert, oder über die offenen Kanäle fällt. Wir hätten es längst… aber das Wort bleibt mir im Hals stecken, und einen Moment lang verschwimmen die Planen mit den Menschen zu einem grauen Brei. Ich lehne an einer Wand, von der Verputz bröckelt, und atme tief aus und ein. Ich komme mir vor, als hätte ich etwas in Scherben getreten, bevor es von selbst eingestürzt wäre.
Ein Tropfen trifft mich. Staub rieselt herab, und ich stoße mich von der Wand ab. Ich schüttle mich, lasse mich von den Menschen mitnehmen und treiben. Langsam finde ich zurück, und wenig später kaufe ich doch etwas: Drei rote Paprika, eine Melanzani, einen Krautkopf und eine Hand voll Zwiebel. Auf dem Nachbarstand bekomme ich ein Glas Honig, und geröstete Kastanien. Ich setze mich auf eine Bank, und entdecke einen kleinen Jungen, der sie verstohlen, und mit großen Augen ansieht. Ich winke ihm, und wir teilen – ob seine Eltern hier irgendwo sind?
Als wir die Kastanien aufgegessen haben, schenke ich ihm noch einige Münzen, und deute auf den Mann hinter dem Ofen. Der Junge nimmt sie, mit gesenktem Blick, murmelt etwas, und läuft in eine enge Gasse auf der anderen Seite der Straße. In einigem Abstand folge ich ihm, und gelange in einen kleinen Innenhof. Ich betrete den Laden an seinem Ende, und bemerke erst jetzt den Geruch. Drinnen schnappen gierige Mäuler nach Luft, und mächtige Körper winden sich in einem tödlichen Spiel: Jeder ist sich selbst der Nächste, und wird doch nicht entkommen. Im Glas spreizen sich die Finger einer kräftigen Hand, ein Nicken spiegelt sich, und ich höre Worte, die ich nicht verstehe. Regungslos stehe ich da, und sehe sie vor mir: Manche schillern, und andere sind weiß, rosa, oder grau – sie liegen auf Folie und Eis. Ein Schatten möchte in panischer Angst fliehen, aber es folgt kein Schrei, sondern ein dumpfer Schlag, und dann Stille. Die Stimme wirkt zufriedener jetzt: Ihr Tonfall ist ruhig und sanft.

IV

Die Halle

Alles ist schön, sauber, glatt, und von der Decke rieselt Musik. Ich kenne alles, obwohl ich hier niemals zuvor war. Handschuhe und Hauben, Zangen und Schminke: Nein, es ist schon in Ordnung, ich will es ja auch. Nach einigem Überlegen entschließe ich mich zu einem Rundgang, einem Rundlauf: Schüchtern, und mit der kindlichen Hoffnung nicht entdeckt zu werden, eile ich an den Ständen vorbei, und sehe kaum links oder rechts. Ich rieche Tabak und Schafkäse, sehe Weinblätter und mit Fleisch gefüllt Rollen. Dann bleibe ich stehen und bewundere die Stahlkonstruktion der Decke. Nun aber fort, zurück zu Farbe und Schmutz!

V

Monotone Gesänge

Die Kerzen, wenige Meter vor mir, nehmen mich augenblicklich gefangen. Ihre Flammen nagen zitternd an den dünnen Stielen, bis die schwere, hölzerne Türe hinter mir ins Schloss fällt. Dann herrscht Stille, und erst als meine Sinne diese andere Welt halbwegs zu fassen vermögen, gehe ich weiter. Meine behutsamen, verstohlenen Schritte, malen das Schweigen bloß aus; es sind die auf- und abschwellenden Gesänge, die den Raum öffnen, der uns aufnimmt und durchdringt. Ich gleite an den Kerzen vorüber: Eine verlischt, dann noch eine, aber ein alter Mann bringt neue, und eine Dame im Minirock. Behutsam stecken sie ihre Kerzen in Halterungen oder das mit Sand gefüllte Becken. Etwas Unergründliches liegt in ihren Zügen, jede Geste, jede Bewegung wird geführt, und trägt ihre Ursache doch nur in sich selbst. Ich wende mich ab, fliehe beinahe, und gewahre wieder das Singen, das alles durchmisst. Als ich über die beiden steinernen Säulen hinaus unter die Kuppel trete, entdecke ich an der rechten Seite, im Halbdunkel einer Nische, die Sänger, aber erst im Zentrum direkt unter der Kuppel bleibe ich stehen. Die Bedeutung der Verse bleibt mir verschlossen, aber ihre langgezogene, vibrierende Melodie, ihr Auf und Nieder, und ihre Verflechtung in einander, sagen mir, dass das nicht von Belang ist. Sie versprechen nichts, sie geben nichts, aber sie machen mich irr, im Stillen irr, denn ich fühle erschrocken einen Widerhall in mir selbst.
Gold, taucht aus dem Dunkel vor mir, immer wieder Gold; dann weißer Marmor, Figuren, Säulen, und Schnörkel. Ich wende mich nach links, und sehe mich um: Der Rest, die Wände, die Wölbungen und Kuppeln, sind schwarz, und geben nur dort wo man sie schon fast mit der Nasenspitze berührt, frei, was sie eigentlich tragen. Ihre Farben sind verloschen, aber wo ich lang genug verweile, und angestrengt schaue, geben sie in Andeutungen frei, was einmal war. Das Singen kommt von überall her, und geht überall hin, von den Leuchtern ins Dunkel, in die Kuppel, und wieder zurück. Ich sehe bunte Gewänder und Menschen mit erhobenen Armen; andere knien oder verteilen Gaben, und fast alle sind mit Gold bekränzt. Eine einzelne Stimme klingt jetzt gedämpft aus der Nische hervor; die anderen fallen ein, und einige Momente lang, wirft jeder neue Ton, einige Farbtupfer mehr an die Wand. Dann schöpfen die Sänger Luft, und mit einem Mal ist alles wieder grau und dunkel; nur die Kerzen gewähren ihr flackerndes Licht. Die Stimmen erheben sich wieder, und dringen langsam aus der Tiefe empor. Aber jetzt frohlocke ich, denn ich bleibe auf den steinernen Fliesen, und ihre Kraft reicht nicht aus, mich noch einmal in die Höhe zu reißen. Ich befreie mich, gehe unter dem Kronleuchter hindurch, vorbei an den Säulen und Kerzen. Aber etwas ist anders, und mein Widerstand befriedigt mich nicht. Als ich nach dem Türhaken greife, fest entschlossen, diese Welt zu verlassen, und ein letztes Mal zurücksehe, bleibt mein Blick an einem Mann haften, der wie ich hier nicht her gehört. Aber er steht versunken da, und starrt irgendwo in die Kuppel, während seine Arme links und rechts herabhängen, und die langen um seine Handgelenke gebunden Stoffbanden, berühren beinahe den Boden.

VI

Gegner

Als wären wir gar nicht fort, hat alles um uns dasselbe Gesicht. Ich blicke aus dem Fenster der Bar, die Straße entlang. Aber auch dort gibt es nichts zu entdecken, mit Ausnahme des Kulturpalasts, der aus den Kronen der Bäume an ihrem Ende ragt. Wie ein Mahnmal, denn Sieger und Besiegter stehen schon lange fest, und der Sieger gestaltet nun auch hier Menschen und Dinge. Seinen Stil erkennt man daran, dass es eigentlich gar kein Stil ist, und er doch alle unter sein Gesetz zwingt.
Ich schlürfe meinen Latte macchiato. Überall dasselbe, nicht unbedingt schlecht, aber dasselbe: Standardisiert und steril. Die Bänke sind mit ockerfarbenem Leder bespannt, die Tische blank poliert, und die Säulen und Wände aus übereinander geschichteten Holzklötzen zusammengesetzt. Es ist stimmig, gekonnt arrangiert, aber zu nützlich, und eben: Es könnte genauso gut überall anders sein. Der Rest des Frühstücks kommt: Earl Grey und Espresso, eine heiße Schokolade, Bruschetta, Käse, Ei, und Karamellkrem.
Ich blicke wieder aus dem Fenster, auf dem nicht einmal ein Wasserfleck auszumachen ist; ich sehe den Kulturpalast aus dem Inneren seines Gegners heraus an: Dieser Gedanke fasziniert mich, und ich versuche mir vorzustellen, wer der Besiegte eigentlich war. Gewiss, ich las von ihm, und die Meinungen sind geteilt, manchmal. Aber so oder so: Nicht nur gerade eben, ich glaube, der Sieger hat uns alle längst verschlungen.
Die Bedienung ist sehr freundlich, so wie man heute überall freundlich ist. Erst nach seiner Niederlage, denke ich mir, konnte sich diese Art von Freundlichkeit über die gesamte Welt verbreiten; und mit ihr, kamen die blau schimmernden Büroturmfenster, und die neongrüne Leuchtreklame. Auch hier tragen schon zu viele die siegreiche Uniform, ohne sie überhaupt zu bemerken. Und weil es unbemerkt bleibt, wird sie gerne getragen. Seht uns doch an! Oder die Hocker, die Gläser, die Couch! Diese Uniform ist die Oberfläche selbst.
Ich wünsche mir einen neuen Gegner, für sie und für mich, denn noch ist das Spiel nicht zu Ende, auch wenn man zugeben muss, dass selbst seine natürlichen Feinde in der gesamten Stadt nicht zu entdecken waren.

VII

Ratten

Zu dritt, und jeder ein wenig für sich, so durchstreifen wir die nächtliche Stadt. Und bald bemerken wir, dass ihre Wunden verborgen sind: Die Nacht heilt, sagen manche, und andere, dass sie lügt.
Zum Theater, wir wollen es endlich einmal bei Nacht sehen! Es ist nicht weit, wir kommen aus Südwesten, und sind gut zu Fuß: In fünfzehn Minuten haben wir den Park vor uns, und hinter dem spärlich beleuchteten Blattwerk, kann man bereits das klassizistische Gebäude erkennen. Ich merke sofort, dass etwas nicht stimmt, behalte es aber für mich, obwohl ich nicht weiß warum. Wir gehen geradeaus, nehmen den Hauptweg durch den Park, und spazieren direkt auf das Theater zu.
Noch in Mitten der Bäume und Büsche, taucht rechts vor uns ein hölzerner Zaun aus dem Dunkel; hinter ihm werden langsam einzelne Spielgeräte sichtbar: Metall schimmert, ich sehe eine Schaukel, und eine Rutsche aus Kunststoff; die Laterne davor wirft ihr rötliches Licht auf einen gemauerten Tisch und zwei Bänke.
Und jetzt haben es auch die beiden bemerkt, denn sie beginnen einen Bogen um den Spielplatz zu schlagen. Ich gehe ein Stück hinter ihnen, beschließe kurz den Mutigen zu spielen, und ihnen dann auf ihrem Umweg zu folgen.
Ich spaziere auf ein Gewühl von bepelzten Körpern zu: Der Park vor dem Theater gehört jetzt den Ratten. Ich bleibe stehen, und sehe mitten hinein: Sie klettern übereinander, sie drängen und laufen auf die Bänke und den Tisch zu. Die Ratten feiern ein rauschendes Fest, und schleppen zahllose Dinge herbei: Ein Stück Apfel, Beeren, und etwas Salat; ich sehe einen Papiersack mit den Resten eines Hamburgers, und auf dem Tisch steht eine Flasche, mit der sie sich vergeblich mühen. Über den Randstein hinter der Leuchte schiebt sich ein rotes Päckchen mit Keksen: Gemeinsam befördern es die Ratten in Richtung Tisch. Einige haben uns bereits bemerkt; sie sind wachsam, wittern, und drehen ihre Köpfe. Ich kann noch Käse, angebissene Bratkartoffeln und einige andere Dinge entdecken, bin mir aber nicht immer sicher worum es sich handelt.
Die beiden sind stehen geblieben, und warten; doch mich zieht es in die andere Richtung: Eine Ratte packt das Ende meines rechten Schuhbands mit ihren Zähnen, und stemmt sich auf dem Boden mit unheimlicher Kraft von Rille zu Rille. Ich mache einen Schritt vorwärts, einen zweiten, und einen dritten. Fast muss ich lachen: Ich beuge mich zu ihr herab, aber dann springt plötzlich ein zweites Tier von hinten auf meinen Rücken. Schnell klettert es auf meine Schulter, und setzt sich, also ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre. Ich richte mich wieder auf, lasse sie gewähren, und wundere mich, wie ruhig ich bin.
Der Schwanz der Ratte betätschelt mein Ohr: Lass das bitte! Was wollt ihr denn eigentlich? Ihr seht doch, sie warten auf mich. Die Ratte besinnt sich, und senkt ihren Schwanz. Mit ihrer Vorderpfote deute sie hin.
Den Tisch? Ach so! Ich habe verstanden, das mache ich schon. Die andere lässt mein Schuhband los, und läuft neben mir her, als ich in Richtung Spielplatz gehe. Erst jetzt sehe ich, dass auch dort alles voll mit ihren kleinen Körpern ist: Wie Kinder turnen sie herum, laufen die Rutsche hinauf, und den Querbalken an dem die Schaukeln hängen, entlang. Andere graben im Sand, und mühen sich die Ketten hoch.
Doch aus der Ferne treffen mich mahnend zwei Stimmen: Komm endlich! Was treibst du denn dort?
Ich? Im Mindesten wir! Was meinst du denn dazu? Aber die Ratte ist von meiner Schulter verschwunden. Und auf dem Spielplatz schwingt bloß eine Schaukel hin und her.

VIII

Hunde

Die Leuchtschrift des Hotels wirft uns schon ein mattes Licht entgegen. Die nächste rechts, dann sind wir da: Nur noch durch diese Gasse.
Aus einem Mistkübel an der linken Seite klettert eine abgemagerte Katze, und flieht. Irgendetwas schleppt sie davon. Ich falle ein paar Schritte zurück, dann knie ich mich auf den Asphalt, und öffne mein Schuhband. Während ich es erneut binde, und dasselbe Spiel mit dem zweiten beginne, sehe ich einen sehnigen Körper, der in einem Satz über den Zaun springt. Sein Speichel schlägt mir ins Gesicht, dann trifft mich seine Pfote: Ein Wachhund, nichts weiter, der seinen Freund begrüßt.
Schläfst du?
Jaja, ich komme doch schon. Ein Heulen, sanft und gruslig weht um die Ecke.
In diese Gasse?
Ja, gleich!
Nach 50 Metern, trotten uns fünf keuchende Körper entgegen. Ich lege die Arme nach hinten, und hebe den Kopf. Ich pfeife, und sehe nach oben: Der Mond tritt hinter den Wolken hervor.
Doch wie Blei zieht es meine Augen wieder zur Erde: Ihr werdet doch nicht…?
Dann sind sie vorüber: Stolz und mager, aber keiner trägt eine Wunde am Hals. Ich muss an Phaedrus denken.

IX

Tabak und Wein

Ein Auge blickt uns aus Kastanienschalen heraus an. Wie feine Dolche blitzen Zähne an seinen Lidern, und die grüne, mit Stacheln gespickte Schale sitzt an einem dünnen Stiel. Wo er entspringt, kann ich nicht sagen, aber für eine Pflanze sind Schale und Stiel äußerst beweglich. Kurz denke ich an eine fleischfressende Art, eine Fliegenfalle, aber es ist keine bekannt, die Augen hätte, und sich derart rasch und behände bewegen kann. Überhaupt verwirrt mich diese Vermischung von tierischen und pflanzlichen Geweben, von Wirbeltierauge und Kastanie. Das Auge wandert: Einmal sieht es uns von unten, und ein anderes Mal von oben an. Dann verschwindet es, und taucht hinter uns wieder auf. Es ist faszinierend und furchteinflößend zugleich, wie sich der Stiel bewegt, und das Auge rotiert. Seine Lider schlagen auf und zu, es belauert uns, aber niemand kommt auf die Idee den Raum zu verlassen. Ich schlage vor Wein zu trinken, und gehe eine Flasche holen, aber eigentlich nur um dem Auge zu entkommen. In der Küche frage ich, nachdem ich eine Flasche Cabernet in Händen halte, was es denn mit dem Auge in der Kastanie auf sich habe. Die beiden Damen sind groß und schlank mit dunklem Haar. Sie sehen einander an, und lachen, dann reichen sie mir die Gläser. Das Auge sei harmlos, und etwas Besonderes, da es nur wenige zu entdecken vermögen. Eine von beiden klopft mir noch auf die Schulter, vielleicht um mir Mut zu machen: Ein grünes Auge mit graublauen Wimpern.
Als ich zurück komme liegen die anderen merkwürdig entspannt auf den Pölstern und Decken. Sie plaudern und lachen, als hätte uns niemals ein Auge irre gemacht. Eine Zigarre wandert herum, ich verteile die Gläser, und schenke ein. Wir stoßen an, und ich trinke schnell.
Ich schwenke mein Glas, und sehe mich um: Ich kann das Auge nicht mehr entdecken. Aber es hält sich möglicherweise versteckt, und ich sehe mir alles ganz genau an. Der Raum ist klein, wir liegen auf Pölstern und Decken, weil es keine Bänke und Tische gibt. Ich bitte alle, kurz ihre Gläser zu heben, und sehe unter den hölzernen Quader, der uns als Tischersatz dient. Doch dort ist nichts.
Die Vorhänge sind durchscheinend, hinter ihnen kann sich kein Auge verbergen, und unter den Pölstern wäre es längst zerquetscht. Es bleibt noch das Bild an der Wand: Ein Baum neben einem Wasserfall, ein schlichtes Werk, aber auch hinter ihm hat kein Auge Platz, denn die Wand ist ohne Buckel und Spalte.
Die Lautsprecher über der Tür verströmen Musik, und auf dem Bildschirm daneben erscheinen passende Muster in Blau, Rot und Grün; gegenüber steht noch ein Topf mit Bambus, aber auch er birgt kleine Gefahr.
Auch ich entspanne mich, und lausche den Gesprächen und Scherzen. Die Zigarre ist gut, sehr gut sogar, aber alle lachen, als ich sage, dass ich sie mag. Ich behalte den Rauch möglichst lange im Mund, stoße ihn aus, und gebe sie weiter. Als ich wieder zu meinem Glas greifen will, verzieht sich der Wein zu einem spitzen Gesicht: Eine Schnauze, Haare, und Augen; aus dem Glas kriecht ein Tier, eine rotglühende Ratte, die mich anstarrt, und dann auf die Wand hinter mir springt.
Sie läuft die Wand hinauf, und bleibt an der Decke über mir sitzen, aber ich starre nur auf das Glas, das immer noch steht. Doch die Anderen reden in einem fort, sie scheint nichts aus der Ruhe zu bringen.
Blut läuft herab; die Tropfen treffen das Glas, sie fallen vom Fell der Ratte herunter. Doch dann werden sie Wein, und ich beginne zu spucken, als sie meine Lippen berühren. Ich versuche den Geschmack von der Zunge zu kratzen, und ein Taschentuch hilft mir dabei, aber man reicht es mir, als käme ich von einem anderen Stern. Doch kaum bin ich fertig, fallen die Tropfen schneller und schneller, ein richtiger Regen, der sich über die Pölster, und mich ergießt. Auch wenn man hier ein Auge duldet, eine Ratte doch nicht! Ich ergreife einen Polster an seinem Zipfel, und werfe ihn nach dem Tier: Der Schreck zumindest, wird es vertreiben! Und es gelingt, aber der fallende Polster landet in Mitten der Gläser. Zwei kippen, und gehen in Scherben, man flucht und schimpft, während der Wein den Teppich verfärbt. Sogleich kommen die Damen, mit Schaufel, mit Besen und Tüchern. Die Scherben werden aufgekehrt, und der Teppich gereinigt, so gut es geht. Ich ernte Blicke, voller Vorwürfe und Wut. Aber ich bin doch mit Wein beträufelt, und wie ein Pudel begossen! Zum Beweis hebe ich meine Arme und deute nach oben, zur Decke, auf der die Ratte wie toll im Kreis herumläuft, und das Weiß durch ihre Tapser in rot verfärbt. Aber die Dame schüttelt den Kopf, und ihr Haar wirbelt im Kreis: Sie sieht nicht einmal hin.
Ich lasse mich rücklings auf die Pölster fallen, ziehe einen sauberen vor die Brust, und vergrabe mein Gesicht. Sie schütteln die Köpfe, und wünschen sich weg, aber was soll ich denn tun, die Ratte hat Schuld!
Irgendjemand holt eine neue Flasche Wein, und später eine zweite, eine andere Sorte, sie schmeckt nach Brombeer und Weichsel. Schnell ist das Chaos vergessen, und Ruhe breitet sich aus. Ich ziehe ein Zigarillo hervor, entzünde es, und reiche es weiter. Als ich den Rauch aufwärts zur Decke blase, bemerke ich, dass sie nun völlig rot, aber die Ratte verschwunden ist. Ich hebe die Schultern: Was soll’s!
Irgendwann führen die beiden Damen den Fremden herein. Sie wirken nervös, und nicht mehr so sicher: Ein wichtiger Gast, eine Persönlichkeit gar? Alle springen auf, als er den Raum betritt: Die Damen strahlen, und deuten mit ihren Händen abwechselnd auf uns und den Mann. Auch ich will auf, und ihn gebührend begrüßen, aber ein Schwindel erfasst mich, und ich falle zurück. Ich fühle mich in den Pölstern und Decken versinken: Ein Meer, und ich habe das Schwimmen verlernt! Alle lachen, die Damen auch, von Peinlichkeit keine Spur. Die Fenster eiern, der Wasserfall rauscht, und der Bambus schwingt seine Blätter. Ich bekomme etwas zu fassen, bevor ich versinke, und sehe das Auge wieder vor mir. Sein Stiel entspringt dem Topf mit dem Bambus, und an seinen Wimpern hängen nun feine Tröpfchen von Blut.

X

Mensch und Spiel

Es genügt nicht, dass die Anderen spielen, man muss es selbst tun, selbst zum Schöpfer werden. Ihr Spiel kann niemals Ersatz für dein eigenes sein: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Mir fährt ein Ellbogen in die Rippen, es wird gedrängt und gestoßen. Wir sind in der Masse gefangen, mit ihr zusammen gesperrt, weil wir Teil dieser Masse sind. Ich rieche Bier, Urin, und mir schlägt der Rauch einer Zigarette ins Gesicht. Ich schiebe ihn fort, jedoch ohne Erfolg. Der Satz steht an der Mauer rechts von uns – er ist in metallenen, schwarzen Lettern, drei oder vier Meter über dem Asphalt angebracht. Die Buchstaben sind groß, und trotz der Dunkelheit gut zu erkennen.
Mensch wirst du, wo du selbst spielst. Die blauen Lichter der Einsatzwagen fließen über die Menge, die Kronen der Bäume, sie fallen in die Tiefe, und klettern die Fassaden auf der anderen Seite der Straße empor. Einer schlägt sich wie wild geworden gegen den Kopf, und brüllt. Eigentlich wollen alle nur fort, aber niemand weiß, versteht oder denkt.
Ich starre die metallenen Zeichen an, und den Namen darunter. Ich fühle mich von der selbstverschuldeten Marter erlöst, während der letzten Tage keine Schilder und Inschriften, ja überhaupt nichts, nicht einmal einen einzigen Buchstaben lesen zu können.
Unversehens öffnen sich die Sperren, und wir fassen uns an den Händen, um in dem Strom, der sich auf die Straße ergießt, nicht verloren zu gehen. Aber noch entlässt man uns nicht in die Freiheit, die wir wünschen. Man begleitet uns, ob wir wollen oder nicht: That’s the order, und ein schwarzer Gummistock weist uns den Weg. Es bleibt nichts, als den anderen hinterher zu trotten, die Straße entlang, obwohl wir nicht wissen wohin es geht. Ich blicke nach rechts, zu den Masten, die schon ein Stück weit entfernt, noch immer ihr grelles Licht auf den Rasen werfen. Ich sehe, wie es blockweise zu verlöschen beginnt, dann packt mich eine Hand an der Schulter, und reißt mich fort. Ich stolpere mehr als ich laufe, den anderen in eine Seitengasse hinterher. Worauf wartest du denn? Ich keuche, und bin froh, dass uns niemand bemerkt.

Noch habe ich den Rhythmus der Trommel im Ohr: Ich klopfe ihn mit zwei Fingern auf die Platte, immer lauter, immer schneller, bis meine Faust den Tisch erbeben lässt. Dann stoßen wir die Gläser zusammen, und lachen. Regelmäßig drehen wir unsere Köpfe zur Seite, um die Schirme, die überall von der Decke hängen ins Blickfeld zu bekommen: Geschnitten, ergänzt und manchmal verlangsamt, sehen wir uns alles noch einmal an. Dass es so gut laufen würde, hätte niemand gedacht. Das Spiel war hart, doch für uns ohne Verletzte, und wir können nur wenige Fehler erkennen. Ich nehme die Karte, und schwanke zwischen Tobermory und Isle of Arran.
Und als es vorüber ist, sehen wir, wie durch den feuerroten Rauch ein verkrümmter Körper wankt – dann eilen Uniformierte ins Bild. Aber wenige Sekunden später, läuft wieder ein Spiel.
Und wir feiern bis tief in die Nacht.

XI

Monumente

Erwartungsvoll sind ihre Blicke in die Ferne gerichtet: Immer, selbst wenn sie die Alten und Schwachen stützen, oder mit ihren Kinder spielen. Die meisten von ihnen sind auffallend kräftig und jung; sie stehen zusammen, als ob sie sich gemeinsam zu etwas entschlossen hätten. Gemeinsam: Diese freiwillige Sorge für einander, dieses so entschlossene Miteinander weckt, wie ihre Augen, eine alte Sehnsucht in mir. Eine Sehnsucht nach einer Art von Reichtum, der von allen erschaffen werden muss.
Nur Wenige starren tatsächlich in die Ferne, aber man erkennt bei den meisten, die in ihren alltäglichen Verrichtungen verharren, dass sie es doch tun, dass sie ihm eingedenk sind: Man könnte auch sagen, dass die Augen aller von einem Leuchten, dass sie alle von demselben Geist erfüllt sind. Sie leben im hier und jetzt, und zugleich jenseits davon. Besonders fällt es mir bei den jungen Arbeitern auf, den Studenten, und den Eltern mit kleinen Kindern. Und weniger gegenwärtig ist es bei den Alten oder den ganz Kleinen, deren Augen fast matt erscheinen. Trotz meiner Sehnsucht, möchte ich ihnen zurufen, dass sie sich täuschen, dass sie sich in Acht nehmen sollen.
Aber stattdessen gehe ich noch einmal um die bronzene Gruppe herum. Auf der anderen Seite entdecke ich ein Motorrand, und jetzt erst fällt mir auf, dass viele Waffen tragen, auch die Frauen, die den Männern ganz gleichgestellt sind. Aber ihre glücklichen Blicke stimmen mich traurig: Wohin werden sie gehen? Oder, sollte ich besser sagen: Wohin sind sie gegangen?
Ich sehe zu der zweiten Gruppe hinüber, gehe ein paar Schritte auf sie zu, und bleibe genau in die Mitte zwischen beiden stehen. Hinter ihnen erst, liegt der Hauptteil: Becken, Stufen, und schmale Rasenflächen. Und dann groß auf einer Säule, etwa vierzig Meter entfernt: Ein junger Mann mit einer Fahne und eine Frau. Und auch sie sehen in die Ferne, aber sie tun es tatsächlich, sie brechen gerade auf: Der Junge fasst das Mädchen an der Hand. Sie sitzt noch fast zur Gänze, aber er steht bereits, und beide sind vom Betrachter abgewandt. Der Junge hält die Fahne in seiner Rechten, sie ist schräg gegen den Horizont geneigt, als müsse sie bloß mit. Er trägt eine Schirmmütze, ein Hemd, und schwere Schuhe, das Mädchen halb lange Haare, und ein Kleid. Und wieder sind beide Körper ausgesprochen kräftig geformt.
Ich möchte ihnen zurufen, doch sitzen zu bleiben.

XII

Zurück

Nicht wie ein Eroberer, sondern langsam und unmerklich, nimmt das Gewohnte seinen Platz ein; Stück für Stück kommt es dahin zurück, von wo es vertrieben wurde, und wirft nicht einmal einen Schatten voraus. Aber an dem Abend, an dem alles so weit, und wieder restlos normal geworden war, erhoben sich die Bilder: Die Stadt, in die ich nie wollte, und von der ich nie geträumt hatte, wurde lebendig. Und erst jetzt begriff ich, wie ähnlich ich ihr selbst war.

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12 Antworten zu “Skizzen, Bilder, Träume. Aus einer Stadt.

  1. Yorick von Hamletshof 18. November 2010 um 12:13 pm

    Lieber metepsilonema, dieses Format hier ist wirklich leserunfreundlich! Weißt Du das? Du tust Deinen Texten damit keinen Gefallen …

    • metepsilonema 18. November 2010 um 1:05 pm

      Danke für den Hinweis (sagen wir ich habe es geahnt). Meinst Du die Textbreite?

      • Yorick von Hamletshof 18. November 2010 um 1:31 pm

        Es ist eine Katastrophe, ganz offen gesprochen! Der Zeilenlauf – viel zu breit. Vom jetzigen vielleicht ein Drittel, das ginge. Und die Schrift: mit der Lupe zu suchen! Such Dir doch einfach ein anderes Layout! Und dann vielleicht solche Textmassen wie diesen Beitrag (im Druck sind das ja elf Seiten oder so, ich hab’s ausprobiert) auch auf verschiedene Artikel verteilen. Das sage ich mit nostalgischem Seufzen – aber im Internet liest sich das dann besser weg.

      • metepsilonema 18. November 2010 um 3:31 pm

        Ich komme auf gut 7 Seiten (11pt). Punkto Schriftgröße denke ich nach, aber die Tasten „Strg“ und „+“ wird zur Not jeder finden, das kann kein ernstzunehmendes Hindernis sein wenn man es lesen will. Aufteilen möchte ich es nicht, weil es zusammengehört, und durch die Unterteilung auch nicht auf einmal gelesen werden muss.

        Wenn ich am Abend daran denke, probiere ich eine andere Textbreite aus, ich würde mich über eine Rückmeldung freuen.

      • metepsilonema 18. November 2010 um 5:25 pm

        […] durch die Unterteilung auch nicht auf einmal gelesen werden muss.

        Soll heißen: durch die Abschnitte I-XII.

  2. Yorick von Hamletshof 18. November 2010 um 6:04 pm

    Oder: „IN die Abschnitte I-XII“?

  3. Pingback: Layoutwechsel « Makulatur

  4. Yorick von Hamletshof 19. November 2010 um 11:48 am

    Sagt man wirklich „Hosensäcke“ in Deiner Welt? „Paradeiser“ für „Tomaten“ ist hingegen wieder köstlich … sehr einfallsreich!

  5. Belinda Fox 19. November 2010 um 2:39 pm

    Sagt man in Deutschland aber nicht. Ich hab’s peinlicherweise googlen müssen. Eigentlich wäre logisch doch auch: Paradeiser = Apfel, oder? Eva hat doch nicht die Tomate gereicht?

    • metepsilonema 19. November 2010 um 2:55 pm

      Ich weiß. Lustigerweise kennt man bei uns (wahrscheinlich durch die Tourismusabhängigkeit) meist beide Ausdrücke (vgl. Semmel und Brötchen, Topfen und Quark), verwendet aber die österreichische Variante (wobei Paradeiser und Tomate etwa gleich häufig vorkommen), und schimpft gerne lokalpatriotisch (manchmal auch ironisch) gefärbt über die welsche Ausrucksweise.

      Manche touristischen Gegenden sind voll Anbiederung: Dort bekommt dann jeder der es auch im Urlaub nicht anders aushält, das was er ohnehin kennt: Weißbier, Sahne, Pflaumen, usw.

      Eva hat doch nicht die Tomate gereicht? Warum sie Paradiesapfel heißt, weiß ich auch nicht (vielleicht der Herkunft wegen).

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