Ergiebig: Peter Handke im Gespräch mit Ulrich Greiner – Einige Ausschnitte

[…] Erzählen ist nicht Nacherzählen. To tell a story is revelation, ist Offenbarung. In jeder Geschichte, auch wenn sie ganz real ist, um das Wort realistisch zu vermeiden, muss es eine Offenbarung geben. Man muss etwas anderes sehen können als das Kanonisierte. Der Blick des Lesers muss etwas entdecken können vom Menschen, was er vielleicht geahnt hat, was ihm aber nicht deutlich war. Sonst ist es kein Buch, keine Erzählung.

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Handke: […] Ein Gesicht zu erleben kann für mich die Rettung sein, daraufhin schreibe ich. Das ist auch eine Offenbarung. Das Entscheidende ist für mich das Gesicht des anderen.

ZEIT: Müssen Sie ihn kennen?

Handke: Nein, eben nicht. Ich kann ihn auch kennen, vielleicht ist er mir sattsam bekannt, aber wenn ich ihn dann wirklich sehe, ist er mir eben nicht mehr sattsam bekannt, sondern anders bekannt. Das geschieht manchmal, man kann es nicht suchen, nur finden.

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Handke: […] Es muss Ausbrüche geben, ein beherrschtes Sichgehenlassen, nicht dieses rezepthafte Schreiben. Es muss vom Autor etwas ausgehen, ob das nun aus seiner Verlorenheit oder aus seinem Schmerz kommt. Wenn man beim Autor nur das Machen sieht, um das Wort Mache zu vermeiden, genügt das nicht.

ZEIT: Aber Handwerk gehört doch auch dazu?

Handke: Das Handwerk dient nur dazu, etwas nicht zu tun. Voraussetzung ist, dass der Autor seine Figuren liebt. Stendhal zum Beispiel liebt seine Menschen. Das macht das Geheimnis seiner Romane aus.

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[…] Für mich ist der Leser die eigentliche Instanz der Literatur, nicht der Dichter.

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ZEIT: Haben Sie mit der Pariser Literaturszene Kontakt?

Handke: Das kommt schon vor, alle zwei Jahre vielleicht.

ZEIT: In Deutschland ziehen viele Autoren nach Berlin, weil sie sich dort Anregungen erhoffen, von anderen Autoren, Verlegern, Intellektuellen.

Handke: Anregung von Verlegern? Da bekomme ich von Hornissen mehr Anregung. Ich lese, das ist mir Kontakt genug.

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ZEIT: […] Was bedeutet für Sie Heimat? Wo sind Sie zu Hause?

Handke: Am Schreibtisch. Oft, aber nicht immer. Das Schreiben ist meine gefährliche Heimat. Heimat muss gefährlich sein, das ist ein Paradox, aber kein leichtfertiges, wie Nietzsche gesagt hat, sondern für mich ist es ein stichhaltiges Paradox. In meinem Stück wettert der Großvater gegen das Wort Heimat, er hat genug von diesem deutschen Wort, aber ein anderes gefällt ihm gut: Bleibe. Mir gefällt es auch besser, Bleibe zu sagen statt Heimat.

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[…] Jetzt bin ich bald 68, das Leben hat mir viel gezeigt und viel nahegebracht. Wie kann man das erzählen? Ich denke, das Leben ist viel zu schade für eine Autobiografie, viel zu wertvoll, als dass man es in einer Autobiografie verscherbelt. Die Fiktion ist das Höchste, die Erfindung. Wie Hermann Hesse gesagt hat: Es wird Zeit, dass ich mal wieder das Risiko der Fiktion eingehe. Deswegen grübele ich daran herum, ich habe die Form noch nicht: Wie kann man ein Leben, mein Leben erzählen? Eine epische Form in der Nachfolge von Stendhal müsste es sein, aber nicht als Gesellschaftsroman. Ich bin ja kein Romancier, ich bin ein Erzähler.

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Die kursiv gesetzten Stellen stammen aus dem angesprochenen Interview.

3 Antworten zu “Ergiebig: Peter Handke im Gespräch mit Ulrich Greiner – Einige Ausschnitte

  1. Gregor Keuschnig 3. Dezember 2010 um 3:44 pm

    Schön, obwohl sich Greiner manchmal etwas „dumm“ stellt. Er dürfte doch die Biographie gelesen haben…

  2. Ron Wut 4. Dezember 2010 um 12:38 pm

    Ein großartiges Interview. Handke ist der Meister segensvoller Interviews, das kann man nicht anders sagen. Vor vielen Jahren hat er auch mit Thomas Steinfeld in der SZ ein tolles geführt … damals anlässlich seines „Bildverlustes“, glaube ich. Das war auch überwältigend.
    Danke für den Hinweis!

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