Ein Leben für die Literatur

Es war nicht auszumachen woher die Stimme kam, aber sie hatte zweifellos recht. Mein Leben für die Literatur, wiederholte Bob, das war es, was ich immer wollte.
Bob Macha öffnete langsam seine Augen, und bemerkte die Seile, die um seine Hände und Füße gebunden waren, und ihn quer durch den Raum spannten. Bob schwebte, soviel meinte er aus seiner unbequemen Lage heraus erkennen zu können, in der Mitte eines feuchten, muffigen Kellers. Er zog sein Kinn zur Brust, was ihm einige Anstrengung kostete, so dass er rechts und links über sie hinweg blicken konnte, aber im Halbdunkel um ihn war niemand zu entdecken. Bob hatte sich gewiss nicht selbst in der Waagrechten aufgehängt, aber wer sonst sollte so etwas tun? Bob ließ seinen Kopf nach hinten fallen, und seine Halsmuskulatur entspannte sich. Warum sollte jemand ausgerechnet ihn, Bob Macha, den wohl unbedeutendsten Menschen im ganzen Universum, splitternackt in einen Keller hängen?
Eine Gänsehaut lief über seinen milchig-weißen Körper. Aber in Bob regt sich kein ernst zu nehmender Widerstand: Er versuchte nicht sich zu befreien, er zerrte nicht an den Seilen, und dachte nicht einmal über eine Flucht nach. Bob blieb einfach hängen, wie man ihn hingehängt hatte, und als ob ihn gütige Hände hielten. Das einzige was ihn etwas anhaltender beschäftigte, war, dass er, sollte er hier länger hängen bleiben, langsam aber sicher erfrieren würde.
Bob entzündete in einer der Ecken des Kellers, die er eigentlich gar nicht sehen konnte, ein Feuer. Er ließ sich dort nieder, lachte, trank Merlot, und unterhielt sich mit seinen Freunden – fast wie immer.

Danke Bob, hörte er die Stimme sagen. Sein Kopf fuhr hoch, und das Feuer verblasste. Was heißt danke? Wofür denn? Schlagartig wurde Bob bewusst, dass das die falschen Fragen waren, aber für eine Korrektur blieb ihm keine Zeit.
Ich habe befürchtet, dass du dich nicht erinnern wirst. Das sind die Folgen der Vorbehandlung; – aber ich versichere dir, es wird alles so ablaufen, wie wir es besprochen haben. Was?, schrie Bob, welche Folgen? Wovon? Und er umfasste, das erste Mal, mit seinen Händen die Seile und begann an ihnen zu ziehen. Bob bot seine gesamte Kraft auf, aber um sich loszureißen, hätte es weit mehr benötigt, als er aufzubringen vermochte.
Bleib ruhig, mahnte die Stimme, ich erkläre es dir. Vor zwei Wochen begann unser Institut für deskriptive, analytische und empirische Literaturforschung, mit der Endphase eines vor vielen Jahren begonnenen Projekts, das die Frage nach der Dysfunktionalität der Gegenwartsliteratur behandelt. Wir haben – wahrscheinlich erinnerst du dich, denn nur die letzten drei Wochen deines Gedächtnisses sollten von der Vorbehandlung betroffen sein – in einer beispiellosen Anstrengung die gesamte deutschsprachige Literatur der letzten 25 Jahre – von heute an gerechnet – analysiert. Die Stimme hielt kurz inne und Bob meinte das Rascheln von Papier zu hören. Wir haben, setzte sie fort, keinen Verlag ausgelassen und kein Buch. Die Aufzählung aller wissenschaftlichen Mitarbeiter umfasst alleine 80 Seiten.
Bob schloss seine Augen und sein Kopf sank langsam zurück: Er war im letzten Sommer aus dem Institut spaziert, unter den Platanen hindurch in die Sonne, und hatte ganz aufgeregt die lederne Schutzhülle unter seinem Pullover gespürt… scheiße, das kann doch nicht wahr sein, ich meine, ich habe – ja, rief Bob laut, ja ich habe sie gestohlen, aber ihr werdet doch nicht nachtragend sein, das war doch nur ein Buch, verstehen sie, nur ein Buch, und da standen noch neun weitere Ausgaben in dem Regal… Der lakonische Titel war in schwarzen Lettern auf den roten Einband gedruckt gewesen: Eine Analyse der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und am unteren Ende: In Auftrag gegeben und durchgeführt vom Institut für deskriptive, analytische und empirische Literaturforschung.
Siehst du, ich wusste du würdest dich erinnern. Ich werde dann beginnen… Halt!, schrieb Bob, halt! Was ist denn mit dem Rest?
Der Rest? Die Stimme erstarb für einen Augenblick, doch dann fing sie sich wieder: Ach so, ja natürlich, verzeihe! Ein Hauptergebnis unserer Studie war eine zeitabhängige, signifikante Abnahme der Tiefe aller literarischen Personen unabhängig von ihrem Schöpfer, der Erzählperspektive oder der Bedeutung der Charaktere, wenn du verstehst was ich meine.
Ich glaube ja, antwortete Bob nachdenklich. Das war sogar ihm aufgefallen, noch bevor er die Studie gelesen hatte.
Das kann nur zwei Gründe haben: Entweder ist es ein Versagen der Literatur selbst, oder aber das Vorbild, auf das die Schriftsteller zurückgriffen, hatte sich verändert. Kurz gefasst: Entweder sind die Menschen oder nur die Schriftsteller hohl geworden. – Und darum lieber Bob, bist du hier.
Aber, stammelte Bob, der nun völlig verwirrt war, was habe denn ich damit zu tun?
Du bist, sagte die Stimme, eine jener dreihundert Personen, die sich für die substanzielle Analyse zur Verfügung gestellt haben.
Was? Nein! Nein, das habe ich nicht! Bob Machas Stimme wirbelte durch den Raum, und sein Kopf fiel anschließend kraftlos nach unten. Bob ahnte etwas – und mit einem Mal schien es ihm gar nicht unmöglich, dass er, auch völlig nüchtern, eingewilligt haben könnte.
Sie haben ihre Kooperation bis zuletzt und auch ausdrücklich gegen ihren eigenen Widerstand zu einem in der Zukunft liegendem Zeitpunkt des Experiments zugesagt. Ihr Einsatz wird selbstverständlich entsprechend gewürdigt werden. Wir danken ihnen dafür, und wünschen ihnen alles Gute. Dann hörte Bob ein Klicken. Er war jetzt allein.

Bob wurde von einem Kratzen und Knirschen geweckt, als ob Metall und Stein auf einander schabten. Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, seit das Gespräch beendet worden war. Doch Bob war sogleich hellwach, denn der gesamte Keller bebte, und sein Körper begann ein wenig hin und her zu schwingen. Dann bemerkte er, dass sich über ihm die Decke öffnete. Er konnte nicht mehr erkennen, als dass sich die beiden Metallplatten die sie bildeten, auseinanderschoben.
Die meinen es ernst, stotterte er, und erkannte, dass er sich genau in der Mitte der Öffnung befand, die sich gerade über ihm bildete. Was sollte er tun? Was konnte er? Immerhin hing Bob völlig in der Luft.
Dann stoppten die Platten, und Bob schlug mit einem Mal grelles Licht entgegen; er presste seine Augenlider zu, und versuchte den Kopf abzuwenden, was ihm nur wenig gelang. Bob begann zu schwitzen. Dreht es ab, schrie er, verdammt noch mal, schaltet diese verfickten Scheinwerfer ab! Und dann verlöschten sie. Bob keuchte. Na also, sagte er, und mit einigem Selbstbewusstsein fügte er hinzu: Und jetzt bindet mich los.
Aber nichts regte sich. Und anstelle von Bob Machas Befreiung, raste ein grauer Metallzylinder von eineinhalb Metern Länge herab, und hielt zehn Zentimeter über Bobs Stirn. Das ging so schnell, dass Bob nicht einmal Zeit hatte, sich zu fürchten.
Bob konnte nicht erkennen wo der Zylinder festgemacht, oder wie er zu ihm herunter befördert worden war – hilflos begann er an den Seilen zu zerren.
Lassen sie das!, fuhr ihn eine knatternde Stimme an. Der Zylinder hatte mit einem Mal Augen und Arme, und Bob war froh, zumindest eine Stimme zu hören.
Wenn sie sich bewegen, werden wir Maßnahmen ergreifen! Der Zylinder neigte sich ein Stück vor, und bewegte sich dann ein wenig zur Seite: So ist es gut, es dauert ohnehin nicht lange. An seiner Frontseite öffnete sich eine Klappe, und gab ein Gewirr von Schläuchen frei, die sich langsam zu bewegen begannen. Sie erinnerten Bob an kleine Schlangen, die gerade aus ihrer Starre erwachten, sich schüttelten, und noch ein wenig orientierungslos wirkten. Aber bald hatten sie Bobs Geruch aufgenommen, und bewegten sich zielstrebig aus dem Hohlraum des Zylinders heraus auf Bob zu. Bob war völlig paralysiert und zu jeder Bewegung unfähig, ja er konnte sie nicht einmal mehr denken. Die Schläuche aber stürzten sich nicht blind auf Bob, sondern jeder suchte eine vorgesehene Stelle, und saugte sich an dieser fest. Einer setzte sich mitten auf seine Stirn, ein anderer auf seinem Hinterkopf, ein dritter an den After, ein vierter auf Bauch, und sie wurden immer mehr und mehr. Nach jedem Ansetzen eines Schlauches spürte Bob einen kleinen Stich, denn im Inneren eines jeden saß eine Nadel, die wie ein kleiner Stachel in den Leib des Opfers gerammt wurde.
Irgendwann wurde Bob bewusst, dass er seinen Körper schon länger von oben, das heißt von außerhalb, betrachtete, und die Schläuche, die noch immer aus dem Bauch des Zylinders drangen, zählte. Er bewegte sich mit einer seltsamen Distanziertheit von sich selbst in Richtung Decke.
Endlich war es so weit: Mit einer gewissen Befriedigung sah Bob, dass alle Schläuche ein Ziel gefunden hatten und eine Lampe auf der Frontseite des Zylinders ansprang. Die Schläuche blähten sich, und Bobs Blick begann zu verschwimmen; er verspürte keinerlei Schmerz, und verlor kurz darauf das Bewusstsein.

Ein vollkommen verblödeter Titel, sagte der Blogozentriker, ich werde ihn Bob Machas Traum nennen. Wie gefällt er dir?
Ich finde ihn gut, sagte ich, und zog an meinem Zigarillo, sehr gut sogar. Dann fixierte ich den Blogozentriker mit meinen Augen, aber der konzentrierte sich schon wieder auf seinen Text. Und da er nicht reagierte, packte ich ihn am Arm, und zog ihn über den Tisch. Blogo, fuhr ich ihn an, wir brauchen diese Studie, wir müssen objektiv wissen, warum die Literatur versagt!

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