Ein Gespräch…

…das stattfand in einer kleinen Wohnung, die gerne eine Bibliothek gewesen wäre, ihrem Aussehen nach aber einer Altpapierlagerstätte glich. Wir schaufelten
uns den Weg, Sessel und Tisch frei, und setzten uns. Es gab grünen Tee und Kekse. Und noch wichtiger: Bleistift und Papier.

Ich trat ans Fenster, und stützte mich auf das Brett. Wie eine Last hing L.s Einwand, ihre Bestimmung an mir, und als ich den Kopf hob, und hinaus sah, da bemerkte auch ich den Frühling, der schon vor mehreren Tagen Einzug gehalten haben musste. Im Hof waren die Kapseln der Weiden gerade im Aufbrechen begriffen, und an einigen Ästen konnte man schon die weißen Büschel der Kätzchen erkennen. Aber noch lag Schnee an den Stämmen der Bäume, und in Flecken über die grünbraune Grasnarbe verstreut. Die Meisen tollten herum, und hatten alles lange vor mir bemerkt.

L. trat zu mir, öffnete wie selbstverständlich das Fenster, und wir beugten uns über die Brüstung: Die Meisen belagerten einen Kunststoffring, in dem Sonnenblumenkerne und Nüsse klebten. Kaum waren welche herausgepickt, kamen die Lauernden herbei, und jagten den Eroberer durchs Geäst. Wir erfreuten uns an dem neckischen Spiel, ließen den Hof aber bald Hof sein, da wir wichtigeres zu erledigen hatten, und traten vom Fenster zurück.
Ich schlug vor es offen zu lassen, den Hof in die Wohnung zu holen, denn es war draußen warm, und man hörte die Vögel. L. willigte ein, denn auch sie mochte ihn: Wie schön sie singen und einander verstehen.

Vor mir befand sich die Stirnseite eines schweren, dunkelbraunen Tisches, an dessen gegenüberliegendes Ende sich L. setzte. Ich begann noch einmal alles zu verrücken, aus der Distanz zu betrachten, und L. notierte es. Erst dann bemerkte ich, dass das doch gar nicht sein durfte, dass L. schrieb, obwohl ich in Bedrängnis geraten war, und da ich es nicht ertragen konnte, nahm ich Bleistift und Zettel an mich und bat L. einen Platzwechsel an, dem sie erstaunt, doch ohne Zögern zustimmte.

Im Anfang fünf Buchstaben, auf den Kopf des Blattes – ich hatte noch etwas darunter notiert und L. das Papier zugeschoben. Sogleich hatte sie den angedeuteten Widerspruch erkannt, scharfsinnig, und sie lächelte, denn er gefiel ihr.
Rasch war das Blatt zurück, und dann irrten wir lange durch enge Gassen ohne Fenster und Türen, betraten den Platz mit dem schiefen Turm, und dann wieder die Gassen, bis mich ihr Einwand traf, wofür sie nichts konnte, und uns befreite.

Nun saß ich da, und tat lange Zeit nichts. Endlich wendete ich mich dem Bücherregal zu, und stand schon davor, als mich L. ermahnte, dass wir doch beschlossen hätten uns selbst zu bemühen. Ich gab ihr recht, ich hatte es vergessen, schob das Buch zurück, und setzte mich. Ich dachte nach, oder tat nur so, und griff irgendwann nach der Kanne. Aber da meine Tasse voll war, trank ich zuerst einen Schluck, schenkte nach, und saß wieder vor dem Papier: Von selbst wollte der Stift nicht schreiben, trotz Ermahnung blieb er stumm.
Doch dann stand es vor mir, wie gerufen, und auch wieder nicht. Jedenfalls musste es, ob es wollte oder nicht, in meine Dienste, und ich schrieb auch schon, eine Zeile, zwei, und so fort. L. trat heran, und ich zog noch eine Linie, einen Pfeil, setzte eine Frage dahinter, und als ich geendet hatte, griff L. nach dem Zettel – nicht hastig, aber mit Neugier und Spannung.

Als sie das Blatt nahm, gesellte sich eine Schwanzmeise zu uns, flog eine Runde durch das Zimmer, und setzte sich. Ihre dunklen Augen blickten vom Bücherregal herab, und ihr Kopf drehte sich ruckartig hin und her; dann segelte sie abwärts, landete auf dem Tisch, und tat ein paar Sprünge, als hätte sie eine ernste Sache vorzubringen, die jede Störung zu rechtfertigen wusste. L. sah mich an, und ich die Meise, aber der Vogel entschied sich für die Kekse, schnappte danach, und was nicht zerbröselte, trug er davon.

L. blieb stehen, und begann um den Tisch, um mich zu wandern, schlug Kreise und Bahnen, und mir wurde ganz schwindlig, so dass ich zur Decke schielte, und die Rücken der Bücher studierte.
Immerzu klopfte sie mit dem runden Ende des Bleistifts auf Lippen und Nase, schön im Takt, dreimal pro Schritt, und später zweimal. Ab und an nahm sie den Stift von den Lippen und strich etwas aus, niemals aber fügte sie ein Wort hinzu, oder ich sah es bloß nicht, und jede Streichung schob das Ufer weiter von mir.

Klopfen, streichen, klopfen, streichen, eine federnde Bewegung ohne Ende – und die Geduld des Papiers! Es musste längst alles zweimal durchkreuzt worden sein. Dann lag der Zettel vor mir, ich zögerte, und L. saß auf dem Fauteuil in der Ecke, putzte ihre Brille, eine mit dickem Rand, die sie wieder aufsetzte, als wäre nichts geschehen.
Mit einem Ruck waren meine Augen über dem Blatt, ich sah dicke Linien und feine, und hörte schon vom Fauteuil in der Ecke, dass wir, aber ich verstand es nicht, und tat mir schwer ihre Zeichen zu entziffern. Warte nur, sagte ich, wie im Nebel benommen, wir versinken darin.

Dann quollen die Stimmen von draußen herein, und L. sah mich an, und wir hörten wieder das Singen, aber jetzt seltsam vermengt, war es nicht mehr zu trennen, die einen die anderen, und doch wieder nicht. Und wir saßen noch lange, und sprachen, und hörten, und schrieben.

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