Im Fünf vor Zwei.

Treffpunkt in fünfzehn Minuten im Fünf vor Zwei, ja. Es ist wichtig!
– Was? Nein, ich kann nicht, mein Job… Aber alles was Tom zu hören bekam war ein monotones Tuten. Mistkerl!

Bist Du wahnsinnig! Solche Aktionen kannst Du Dir künftig sparen, schließlich gibt es Menschen, die arbeiten – ich möchte bloß wissen was diesmal los ist. Wenn es wieder um ein Fläschchen Nähmaschinenöl geht, dann kannst Du Dich auf etwas gefasst machen!
– Für den Herren bitte einen Cognac, er muss erst einmal ‚runter kommen.
Ich muss gar nix. Und außerdem ist es Vormittag. Noch bin ich kein Alkoholiker! Tom warf seine Jacke mürrisch auf die Lehne, und setzte sich.
– Also?
Also?
– Na was Du trinkst!
Ich muss ohnehin gleich weiter.
– Ein kleines Bier für den Herren. Geht auf mich.
Du machst mich fertig. Echt. Tom schüttelte den Kopf, zündete sich eine Zigarette an, und starrte auf den Aschenbecher, während er sorgfältig Bahnen durch die Asche zog. Dann sah er mich an: Also, wo drückt der Schuh?
– Gar nicht. Oder sagen wir: Es wäre schön, wenn nur der Schuh drückte. Tom, diesmal geht es um alles, und wir beide sind mitten drin!
Nicht, dass ich wüsste.
Wir schwiegen. Ich lehnte mich zurück, und sah Tom ins Gesicht. Dann kam das Bier.
– Tom, das ist geht so nicht. Was Du schreibst, ist – verzeihe – Unsinn!
Ich? Hä? Warum glaubst Du bin ich Busfahrer geworden? Weil ich in meinem Leben keinen Satz mehr schreiben wollte. Und wenn meine Kollegin keine Schwäche für mich hätte, dann säße ich auch nicht hier, sondern im meinem Vehikel. In Ruhe. Seine letzten beiden Worte zog er bedrohlich in die Länge.
– Ist sie hübsch? Du könntest sie mal mitnehmen.
Also gut. Tom dämpfte seine Zigarette aus, ich gehe, du hast ja ganz offensichtlich nichts zu sagen. Er erhob sich, hielt aber inne, als mein Zeigefinger auf sein Bierglas tippte und ließ sich sogleich wieder auf seinen Sessel fallen. Es gab da eine Abmachung aus unserer gemeinsamen Studienzeit: Ein Bier auf das man eingeladen wird, hat man auszutrinken. Und das galt noch immer, auch wenn sich unsere Wege getrennt hatten, und der eine der Welt ade gesagt hatte, und Busfahrer geworden war, während der andere weiter studierte, und gerade sein fünfunddreißigstes Semester zu Ende brachte.
Mistkerl!
– Ich grinste. Leugnen ist zwecklos, ich weiß, dass das Dein Blog ist. Und Du machst einen Fehler.
Schön. Und welchen?
– Du vergisst, dass die toten Minuten und Stunden auch zum Leben gehören, dass es das andere Leben ohne sie nicht gäbe. Außerdem sprach bereits Buddha, von der Unbeständigkeit unseres Lebens – einmal auf, und einmal ab. Ich schob ich ihm den Ausdruck hin, den er kurz ansah, sofort zu sich zog, in eine kreisende Bewegung versetzte, und mit seinem Zeigefinger in dem Moment stoppte, in dem er um hundertachtzig Grad gewendet da lag. Dann wanderte er zu mir zurück. Vielleicht solltest Du ihn noch einmal lesen. Es geht nicht um Trauer, Unglück oder Pech.
– Sondern?
Ach! Mein Gott, was denkst Du, warum ich diesen Text geschrieben habe? Weil man ohnehin alles in einem Satz zusammenfassen kann?
– Bist Du jetzt beleidigt?
Sag mal wozu studierst Du eigentlich, herrschte er mich an, und hieb mit der Faust auf den Tisch, dass das Bierglas ins Wanken geriet.
– Du bist beleidigt. Ich schob meine Ellbogen vor, und setzte das Kinn auf meine Hände. Weil Du es nicht verkraftest, dass Dein Text versagt.
Hoho! Na, hört ihn euch an! Er, der Literatur nicht einmal buchstabieren kann, sagt mir, dass mein Text versagt.
– Ich verstehe immerhin so viel davon, dass ich weiß, dass kein Autor Hoheit über sein Geschreibsel besitzt!
Tom sah mich an, kniff die Augen zusammen, und runzelte die Stirn. Soso, Geschreibsel, brummte er.
– Aber gut, hören Sie genau zu Herr Autor, ich interpretiere jetzt Ihren Text, höhnte ich, und hob die Arme wie ein Priester zum Gebet. Dann sah ich kurz mitleidig zur Seite, verschränkte ich die Arme auf der Platte, und neigt mich etwas nach vorne. Im Ernst, begann ich ruhig und gedämpft, der Text ist eigentlich gar nicht schlecht, aber ich hänge an der entscheidenden Stelle fest: Ich fühle, dass da etwas durch den Leser interpretiert werden muss, aber ich finde Lösung. Die Stelle bleibt leer. Ich kann sie nicht füllen.
Tom lächelte gönnerhaft: Und ich soll dir jetzt aus der Patsche helfen? Ein guter Autor…
– Ich brachte ihn mit einer abwehrenden Handbewegung zum Schweigen: …interpretiert seine Texte nicht. Geschenkt! Ich stieß einen Schwall Luft aus: Du hast da zwei prototypische, idealisierte Protagonisten gezeichnet, die eine ist innigst mit dem Leben, mit allem anderen verbunden, ganz Gegenwart, ja man könnte sagen, sie hat die Moderne niemals kennen gelernt – und der andere ist nichts als ebendiese Moderne: Von ihr gepeinigt, zerrissen, abgeschlagen, ein Mann unserer Tage, der nicht Herr der Geister wird, die er rief. Er begreift einfach nicht, was er mit dem Schreiben dieser dämlichen Theaterstücke bereits erreicht hat. Sie sind das Gegenprogramm, das er sucht, oder besser das Schreiben derselben. Alles andere ist nichtig.
Und wo ist nun Deine Leerstelle? Das, was Du nicht deuten kannst?

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