Tretradläufer

Ha! – Triumphierend hielt ich Bob eine vergilbte Seite unseres gemeinsamen Notizbuchs unter die Nase: 27. 8. 2008, der Selbstmord ist logisch nicht zu begründen. Das ist deine Schrift!
Ich ließ mich auf den Stuhl fallen, warf meine Beine über Kreuz, und bewunderte seine Eckzähne: Schlank und zierlich. Dann schloss er seinen Mund. Wenn ich mich recht erinnere, dann hast Du das während der kläglich gescheiterten, dritten Landnahme notiert.
– Landnahme? Er sah von dem Büchlein auf.
Du bist einfach ein Narr! Ich sprang auf, und hob beschwörend meine Arme. Immerhin habe ich Dich vorgestern vom Geländer der n+2 Dachterrasse gezerrt, und an den Haaren über die Fliesen geschliffen; und wenn ich Dir nicht zwanzig Minuten lang eingeredet hätte, dass das Leben schön sei, hättest Du nicht die zwei Schritte rückwärts gemacht. Das hat der große Logiker, der sich vom Autor des Mythos in seinen Bann hat ziehen lassen, dann auch noch geglaubt. Hast Du das notwendig? Du Tretradläufer! Wach endlich auf, wir sind Leereexperten, und zwar qua unseres Lebens. Du hörst Dich an wie einer der gerade ersäuft, und noch immer behauptet nicht zu wissen was Wasser ist!
Bob war sichtlich verdutzt; man konnte ihm das auch nicht verdenken, hatten wir uns doch eigentlich verabredet, um, man könnte sagen, einen neuen Anfang zu versuchen, einen möglich zu machen. Und nun lagen wir einander wieder in den Haaren.
– Scharfsinn war noch nie Deine Stärke, entgegnete er kühl. Das war nicht der Bob den ich kannte, der andere Bob hätte alles kurz und klein geschlagen. Er ließ das Büchlein achtlos auf den Tisch fallen, und ging zum Fenster. Wo liegt jetzt der Widerspruch?
Ganz einfach, sagte ich, und setzte mich – wir hatten einander die Rücken zugekehrt. Jemand der erklärt, dass das Leben logisch nicht verneint werden könne, und sich dann durch Binsenweisheiten von einem zehn Zentimeter breiten Sims herunter locken lässt, hat…
– Du vergisst, schnitt er mir das Wort ab, dass die Logik dem Irrationalen weder vollständig, noch jederzeit gewachsen ist – es hat mich überwuchert und in Besitz genommen.
Genau! Und deswegen hast Du Dich dann auch ohne weiteres überreden lassen, klar, der n+2 Turm hat auch keine zweiundachtzig Stockwerke, sonder achtundzwanzig, und ist eigentlich ebenerdig, da die ersten siebenundzwanzig zum Keller gehören…
– Und was habe ich Deiner Ansicht nach da oben sonst gemacht? Magst Du mir das erklären? Bob hatte sich inzwischen umgedreht, und saß auf dem Fensterbrett.
Das ist völlig gleich; kehren wir einfach zum Kern zurück, ja. Dort waren wir schon vor Deinem, äh, Ausraster: Du verhältst Dich seit neuerstem affirmativ, Bob du bist konform geworden, du leistest Dir den Luxus, nein, die Lebendigkeit des Widerstandes nicht mehr: Die Gleichförmigkeit verschlingt Dich und Dein Schaffen – darum bist Du auch da hinaufgeklettert. Du hast mir erklärt, Du seist kein Experte, und das für Dich kein Thema – Bob Du hast Dich von allem verabschiedet!
– Hä? Kannst Du mir in einem klaren Satz sagen, was Du meinst, in einem Satz?
Bob, sagte ich, man fühlt sich nicht herrlich dabei; das fragte schon ein unbekannter Jäger vor über zweihundert Jahren: Die Frage ist, ob wir weitermachen, auch wenn alles verloren ist.
– Das war mehr als ein Satz.

2 Antworten zu “Tretradläufer

  1. Bob Macha 17. Dezember 2010 um 10:47 am

    Durch die ins Leere führenden Links wird das Air des Irren, das diesen Beitrag umgibt, vollkommen.

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