Rodin über das Häßliche in der Kunst

Was in der Natur für häßlich gilt, zeigt oft mehr „Charakter“ als das, was man für schön hält, weil in dem nervösen Spiel einer krankhaften Physiognomie, in den tiefen Spuren einer lasterhaften Maske, in jeglicher Mißbildung, in jedem Brandmal die innere Wahrheit viel leichter aufblitzt, als auf regelmäßigen und gesunden Zügen.

Und da einzig die Macht des „Charakters“ die künstlerisches Schönheit bedingt, so geschieht es häufig, daß ein in der Natur äußerst häßliches Wesen in der Kunst um so schöner wird.

Häßlich ist in der Kunst das, was keinen Charakter, das heißt weder eine äußere noch eine innere Wahrheit besitzt, ferner das, was falsch und künstlich ist, was anstatt ausdrucksvoll zu sein, einnehmend oder schön sein möchte, was gekünstelt und gesucht ist, was ohne Grund lächelt, was ohne Ursache sich aufdrängt und sich spreizt, alles, was ohne Seele und Wahrheit ist, was sich nur mit Schönheit oder Anmut brüstet, alles, was lügt.

Wenn ein Künstler schmerzverzerrte Züge, die Senilität des Alters, die Scheußlichkeit der Perversität im Ausdruck mildert, wenn er die Natur verbessert, wichtige Dinge in ihr umnebelt, verhüllt, mäßigt, um der unwissenden Menge zu gefallen, so kann nur etwas Häßliches dabei herauskommen, weil er Furcht vor der Wahrheit hat.

[Rodin im Gespräch mit Paul Gsell – gefunden in einem alten Ausstellungskatalog.]

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