Johanna

Soll ich ihren Kopf auf ein goldenes oder ein silbernes Tablett legen? Was meinst du? Eigentlich genügte ja Kunststoff, aber stell dir vor sie würde, so vor den Spiegel gebettet, noch einmal blinzeln, ihr Abbild erblicken, die ikonographische Tradition begreifen, und dann zur Hölle fahren – gäbe es eine würdevollere Bestätigung für Meister und Werk?
Bob befand sich in einer Art Endzeitstimmung, und war über jeden Zweifel erhaben – lustvoll bastelte er an einigen Details seines makaberen Plans.
Georg starrte seinen Freund an, presste seine Hand vor den Mund und würgte; dann schüttete er einen halben Liter Bier hinterher, und sah Bob noch einmal an: Er war ja einiges gewohnt, aber das war einfach zu viel.
Ich gehe jetzt, lallte Bob, aber Georgs Arm hielt ihn zurück, das heißt er verhinderte, dass Bob mitsamt dem Stuhl ging, und es lag mehr an Bobs Unfähigkeit überhaupt einen Schritt zu tun, als an Georgs Entschlossenheit, dass er sitzen blieb.
Diese verdammte Göre, begann Bob erneut, wie kann man nur, ich meine, dass Jesus seine Wunden auf dem Markt unter die Leute getragen, und gewollt hätte, dass man in ihnen herumfingert, verstehe ich ja, immerhin war er der Erlöser, und selbst wenn man nicht erlöst werden will, muss man diesem Unterfangen eine gewisse Größe und Ehrenhaftigkeit zugestehen – aber wenn jemand nur um seiner selbst willen auf die Male an der eigenen Brust deutet, dann – und jetzt wurde Bobs Stimme eisig – gibt’s nur eins: Rübe ab!
Obwohl Georg noch relativ nüchtern war, hatte er die losen Zusammenhänge kaum begriffen; um genau zu sein, er war nur sicher, dass Bob irgendeinen Kopf von irgendeinem Rumpf trennen wollte, und das war nach seinem viertem Versuch die Dinge halbwegs zu ordnen, allen Umständen zum Trotz, ein klägliches Ergebnis.
Ich verstehe ja dass einer, der sich in der Öffentlichkeit sein Hemd vom Leib reißt, und seine Male ausstellt, das allgemeine Gelächter ertragen muss, wenn es doch nur ein paar harmlose Kratzer sind; – aber warum willst du ihn gleich umbringen?
Doch Bob war damit beschäftigt ein neues Bier zu bestellen, und erst mit einem vollen Glas in der Hand, wandte er sich wieder seinem Freund zu: Ich werde es ganz altertümlich mit einem Schwert tun – ein sachgemäßer Hieb, und zack! Bob führte die Bewegung mit seinem Bierglas vor, und verteilte die Hälfte seines Inhalts über Georg und die Bar – nur durch ein Wunder ging nichts zu Bruch. Georg nahm seine Brille ab, und befreite sie vom Schaum.
Äh, ‘tschuldigung , murmelte Bob, und Georg war selbst von seiner eigenen Teilnahmslosigkeit überrascht. Aber irgendjemand musste Bob hier heraushelfen.
Ich hätte dir, wenn deine Vorführung beendet ist, gerne eine Frage gestellt. Georg sah seinen Freund kurz an, gab ihm aber keine Chance zu antworten: Ich habe ehrlich gesagt noch immer nicht ganz verstanden, warum…
Ach, fuhr Bob dazwischen, der Kopf der Göre muss ab, während er seine Handkante mehrmals auf die Bar niedersausen ließ – der Rest ist unwichtig, und muss dich nicht weiter kümmern. Hast du nun ein solches Tablett? Ich würde nur ungern eines kaufen, denn man kann ja nicht abschätzen, ob man es ein zweites Mal brauchen wird.
Aber Bob, versuchte es Georg erneut, als dein Freund und gelernter Jurist würde ich gerne bescheid wissen, nur für den Fall, dass ich eine Verteidigung organisieren müsste…
Bob wurde nachdenklich: Du meinst, es wäre eine Frage von Klugheit, von Geschick? Dann kroch irgendetwas Bobs Kehle hoch, er stieß auf, fuhr sich mit der Hand über den Mund, und fügte hinzu: Von Taktik?
Genau, antwortete Georg, ich muss alles wissen, um mich auf alle Eventualitäten vorbereiten zu können.
Bob sah Georg ernst an; dann begann er: Georg, als Künstler verstehe ich ja, dass man seinen Stolz vor sich herträgt, aufplustert, sich hineinsteigert und lächerlich macht, das ist Teil unseres Spiels, aber bei jedem anderen ist es einfach unerträglich peinlich.
Äh…, sagte Georg.
Warte, Bob hob seine Handfläche, das ist nur die Prämisse meiner Betrachtung.
Georg hob seinen Kopf, entspannte sich ein wenig, und stützte sich mit seinem Unterarm auf die Bar.

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