An einen Traumdeuter

Wer seine Träume verstehen will, sollte sie aufschreiben, sagte ein Bekannter, der beruflich damit zu tun hat, und folglich etwas davon versteht; er meinte, nach dem Aufstehen wäre die beste Zeit, denn das Geträumte verändere sich rasch, und gäbe später keinen Blick mehr in die unbewussten Tiefen des Ich frei; ich erinnerte mich gottseidank, nahm Bleistift und Papier vom Nachtkästchen, und schrieb eilig, ohne das Licht einzuschalten, im morgendlichen Dämmer; – ein wenig war ich dabei von der Angst getrieben, etwas von meinem Traum zu verlieren oder ihn in Unordnung zu bringen.

Irgendwie war ich, was mein Traum leider nicht preisgab, auf einen großen Tiermarkt geraten, und bestaunte eine unüberschaubare Menge von Fischen, großen und kleinen, gedrungenen und schlanken, silbergrauen und bunten, die zum Verkauf angeboten wurden.
Ich war überrascht, wie man meinen Wunsch erraten hatte, denn ich dachte schon länger daran, einen Fisch zu erwerben, und war alsbald ganz darauf konzentriert, unter den glänzenden, und schillernden Tieren, das richtige auszuwählen; ein großer Hund, der durch eine Leine, mit seinem weiter entfernt stehenden Besitzer verbunden war, entging meiner Aufmerksamkeit, und kurz darauf passierte es, dass einer der lebensfreudigen, glitschigen Kerle entweder zu dem Hund hinab sprang, durch einen Zufall fiel, oder von dem Hund herunter gezogen wurde, jedenfalls verschwand er rasch, und ohne Umschweife in seinem Maul.
Als hätte man mir einen Schlag verpasst, drehte ich mich zur Seite, sah mir den Hund kurz an, und griff dem Köter, ohne mit der Wimper zu zucken, den Rachen hinab, und holte den Fisch zurück ans Licht; leider hatte das dem armen Tier nicht gut bekommen, und der Fisch eine eigenwillig zerdrückte und verkümmerte Gestalt angenommen, mit der auch sein freundliches Schillern verschwunden war.
Aber der Fisch roch, entgegen meiner Erwartung, nicht nach dem Magen des Hundes, sondern immer noch nach Fisch; ich mochte das zunächst gar nicht glauben, schnupperte mehrmals an ihm, und versuchte mich zugleich von dem Fischgeruch in der Luft zu befreien, aber das änderte nichts: Der Leib, den ich an seiner Schwanzflosse hielt, und der so kläglich herab hing, roch nicht nach Hund.
Einige Zeit lang stand ich, wahrscheinlich recht lustig anzusehen, einfach da; dennoch wusste ich was zu tun war, und ging die Leine einige Schritte entlang, bis ich vor dem Herren des Tiers stand, der über eine erstaunliche Leibesfülle verfügte; ich unterrichtete ihn von dem unerfreulichen Ereignis, an dem er nur mäßiges Interesse zeigte, weshalb ich ihm den Fisch unter die Nase hielt, und hoffte, dass dessen Gestalt und Geruch die notwendige Überzeugungskraft haben würden.
Weit gefehlt! Er donnerte bloß, dass ich nicht fähig wäre einen Fisch von einem Hund zu unterscheiden, ein Narr, und zusätzlich ein rechter Idiot sei, und außerdem weder dieser Hund, noch ein anderer Angehöriger seiner Gattung, jemals Fisch begehrte oder fraß.

Leider hielt die erwähnte Bekanntschaft nicht lang genug, und ich stehe ohne Hilfe allein auf weiter Flur. Ich hätte, auch das scheint mir für die Analyse meines Traumes nicht unwichtig zu sein, trotz dieses Zusammenstoßes gerne weitergeträumt, allerdings rissen, die fast gewalttätigen und gegen meine Person gerichteten Anschuldigungen, mich endlich aus dem Schlaf.

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8 Antworten zu “An einen Traumdeuter

  1. Lyriost 12. Januar 2011 um 12:45 pm

    Vielleicht nicht ganz unwichtig zum Verständnis des Traums: Was wolltest du mit dem Fisch? Und wer hatte deinen „Wunsch erraten“?

    Wichtig auch die Frage, ob du den Traum an deiner Tagesrealität andocken kannst, denn bevor man beginnt, mit möglichen Symbolen zu jonglieren, sollte man banale Bezüge zum Tagesgeschehen ausschließen können. Hattest du am Abend zuvor Fisch gegessen? ;-)

  2. Sigmund Jung-Reich 12. Januar 2011 um 5:14 pm

    Interessant wär doch, wer der Hund war? Verlust – der Fisch wird verschluckt. Beharrungsvermögen: metepsilonema, listenreich wie Odysseus, reißt ihn wieder aus dem Schlund heraus. Realitätssinn: Der Fisch ist lebendig, aber beschädigt, von jetzt an ein Gebraucht-Fisch. Wie es so geht mit unseren Idealen. Sie nutzen sich ab. Nur die Idyllen bleiben leuchtend intakt. Weil’s sie ja eh nicht gibt.

    • metepsilonema 15. Januar 2011 um 11:11 am

      Herr Macha (ich weiß dass Sie das sind)! Wenn sie nur wüssten was Sie angerichtet haben: Die Zeichen stehen längst auf Sturm, Flutwelle über Flutwelle bricht in meinen Posteingang, der Spamordner hat bereits aufgegeben, aber der Grieche kämpft trotzdem weiter, und wird nicht untergehen, noch nicht zumindest.

      Fragen Sie nicht, Sie haben eine ganze Zunft in Aufruhr versetzt: Die freundlichsten Zuschreibungen waren „Dilettant“ und „Amateur“, das meiste andere würde sogar einen Bob Macha umwerfen und soll, auf Grund der vielen minderjährigen Leser, hier nicht wiedergegeben werden. Man schäumt lieber Herr Macha, weil Sie schneller waren, der Profi verachtet Sie, weil er seine eigene Unzulänglichkeit hasst. Noch stecken all diese Herrschaften ihre Köpfe in den Sand der Nebenöffentlichkeit, aber wer weiß wie lange noch.

  3. Bob M. Acha 17. Januar 2011 um 1:15 pm

    Noch viel interessanter als die Deutung eines Traumes ist heute doch die Deutung eines Suchbegriffpaars. Ich meine, das Unterbewusstsein in den Träumen zu suchen, das ist SO WAS von passé! Man stößt ja doch immer nur auf den ollen Kram, auf die alten Themen. Aber: „Winterjacken durchficken“ – was assoziieren Sie dazu, Sie frei Flottierender?

  4. Lyristoteles 19. Januar 2011 um 3:26 pm

    Hey, nettes Blog! Werd mal öfter vorbeischauen. Verkauft Ihr auch Kinderkleidung?

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