Ehrung und Wechsel

Haben Sie fünf Minuten? Ich hob meine Hand und deutete den Gang entlang: Ich würde Sie gerne sprechen, es dauert nicht lange. Sie sah zu ihrem Mann hinüber und wies in meine Richtung – er lächelte und nickte: Dann kam sie auf mich zu.

Für uns war sie die Frau des Chefs, obwohl wir sie über viele Jahre hinweg kannten, sie zu Feiern wie Weihnachten oder dem Betriebsgründungstag kam und auch zu den Beratungen mit Investoren und Kooperationspartnern erschien. Ich erinnerte mich an einige Anlässe: Den dreitägigen Schiausflug, den Besuch des Japaners oder den Heurigenabend in der Wachau; aber ich hatte sie nie zu fassen bekommen, nie verstanden wer sie eigentlich war, obwohl wir oft bei einigen Gläsern Wein zusammen gesessen waren. Und lange Zeit dachte ich, dass es an mir, dem um viele Jahre jüngeren, lag.

Nachdem wir einige Schritte gegangen waren, hatte ich meine Erinnerungen beiseite geschoben. Als sie mich vorhin fragten, begann ich, ob das für mich nicht ein denkwürdiger Augenblick sei, habe ich mich mit meinem „Ja“ vor einer Antwort gedrückt, die ich Ihnen trotzdem gerne geben möchte – es tut mir leid, sie sind ein freundlicher Mensch und … ich brach den Satz ab und setzte nach einer kurzen Pause fort: In meinem bisherigen Leben habe ich außer ihm noch keinen Menschen kennen gelernt, der seine Mitarbeiter in Wahrheit nur benutzt und verachtet, keinen, der mir in meiner langen Zeit hier nicht zumindest persönlich näher gekommen wäre. Ich war bislang immer einer der wenigen, die für ihn ein gutes Wort übrig hatten, der dachte, dass die Menschen gegen die man sich verteidigen müsste eigentlich nicht existieren und das meiste nur Missverständnisse wären. Aber seit unserem letzten Gespräch, kann ich nicht mehr anders, ja jetzt erst verstehe ich, warum keiner der Älteren ein gutes Wort über ihn verliert. Der Augenblick von dem Sie sprachen, war ein Schritt in die Freiheit.

Ich sah abwechselnd auf die dunkle Tür am Ende des Gangs und auf die Spitzen meiner Schuhe und wartete ob sie einen Einwand machen wollte, aber sie schwieg. Dann blieb ich stehen und sah sie an: Ich kann nicht einmal sagen, dass ich sie dafür bewundere, dass sie ein Leben lang an seiner Seite geblieben sind, aber ich hoffe, dass es für sie der richtige Entschluss gewesen ist. Ich reichte ihr die Hand, verabschiedete mich und ging zur Tür. Ich weiß nicht was sie dachte, ob sie traurig war, aber ich glaube, sie sah mir nach. Sie hatte es verdient, dass ihr einer in all den Jahren einmal die Wahrheit gesagt hatte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: