Egoist, Egozentriker und Egomane — drei Skizzen

Die Menschen unserer Gesellschaft werden häufig als Egoisten und Egozentriker bezeichnet und beide Begriffe in einem Atemzug genannt; der Egomane steht dagegen im Abseits, gehört aber eigentlich in die Nähe des Egozentrikers; würde man alle in Form eines Dreiecks anordnen, wäre es annähernd gleichschenkelig und die Distanzen zwischen dem Egoisten und den beiden anderen am größten.

Alle drei verengen ihren Blick auf sich selbst, aber schon der Grad der Bewusstheit und der Freiwilligkeit trennt sie von einander. Nur der Egoist würde seine Position konsequent verteidigen, er gilt sich selbst alles, die anderen — vielleicht mit Ausnahme der Seinigen — gehen ihn nichts an, außer aus einem zufälligen Akt der Gnade heraus. Er begründet das damit, dass die überwiegende Mehrheit ebenso handelt oder die Welt auf diese Weise verfasst ist; für ihn gilt das Recht des Stärkeren, das Leben ist hart, männlich und man muss sich durchsetzen. In einem gewissen Sinn stimmt das auch, denn wer begegnet nicht einmal Widerwärtigkeiten gegen die er sich stemmt und auflehnt? Dem Egoisten fehlt scheinbar der Spürsinn, dass diese Auflehnung oder das Handeln im Allgemeinen, einen Akt der Gemeinsamkeit darstellen kann — da er dies aber vehement verneint, entsteht eine Verengung, die man potenziell totalitär nennen muss.

Ein Egoist ist also Amoralist, ihm macht es nichts aus, wenn andere wie er selbst handeln und er zieht sich damit auf eine argumentfreie Position zurück, die alle ethischen Einwände von sich weist. Freiheit kann er nicht in Bezug auf andere denken, sie ist lediglich eine pathosgeladene Chiffre, die seine Einstellung rechtfertigt und verdeckt. Sein Handeln gegen Mitmenschen fordert von ihnen ganz ähnliche Reaktionen: Weil der Amoralist fast keine andere Sprache versteht, trägt er zur Verhärtung der Angegriffenen bei, das ist das eigentliche Drama. Egoisten bringen Egoisten hervor, weil sie Menschen sind, gegen die man sich verteidigen muss, möglicherweise sogar durch einen Angriff, der aber kaum Hoffnung auf Veränderung birgt. Das einzige was ihn potentiell bezwingen kann, ist starkes Mitgefühl, dem er sich selbst nicht verwehren kann.

Doch der Egoist besitzt einen Blick für den Anderen, weil er sich gegen ihn wendet und dort benutzt, wo er ihn braucht — deswegen ist er ein höflicher und verlogen freundlicher Mensch. Tatsächlich wird ihm Freude, falls er sie überhaupt kennt, kaum bewusst, da diese einen Wert im Anderen entdeckt, begründet und respektiert. Nachlässigkeit und Unachtsamkeit können bei flüchtigem Hinsehen einen Egoisten vortäuschen, meist jedoch nur kurz, da diese selbstbewussten Menschen unter vier Augen breitwillig Auskunft geben; — und trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, dass sie Luftschlösser und potemkinsche Dörfer errichten.

Ein Egozentriker latscht den Fahrgästen in der U-Bahn vor den Füßen herum und bemerkt es nicht, weil er träumt — er ist nicht bösartig, sondern unachtsam; er passt nicht auf, weil er beständig um sich selbst kreist wie ein Trabant um seinen Stern; er ähnelt darin einem Autisten, auch wenn er dessen Empfindlichkeit und Gereiztheit nicht teilen muss. Egozentriker verschließen sich vor anderen, als wären sie dazu verflucht; sie leiden daran, da ihnen ihr Mangel manchmal bewusst wird, denn es sind Menschen mit hoher Reflexionsfähigkeit. Und bisweilen freuen sie sich sogar über Begleitung.

Manche Egozentriker fürchten den Anderen, fühlen sich von ihrer Außenwelt verstoßen und verbergen ihr Inneres aus Scham, Schmerz und Angst vor Blöße; es darf nicht nach außen gelangen, aber das Äußere dringt immer wieder heftig und tief nach innen, worauf ein (weiterer) Rückzug auf sich selbst folgt. Sie reagieren auf Andere aber sie agieren nicht, weil sie zu passiv, zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und lauschen einer inneren Stimme nach, bis sie deutlicher und deutlicher zu vernehmen ist — dabei sollte man sie nicht stören.

Der Egozentriker bekommt sich selbst nicht aus dem Zentrum seiner Betrachtungen und manchmal will er es gar nicht. Oft sind es naive, verschreckte und gutmütige Menschen, die auf Berührung ihrer Welt durch andere nicht abweisend, sondern schüchtern, verletzt oder erfreut reagieren — ein Egozentriker ist beinahe eine Monade.

Ein Egoist ist insofern immer Egozentriker, weil jemand, der bewusst gegen Andere handelt, sich auch sonst nicht achtsam gegenüber ihnen verhält. Alle übrigen Eigenschaften trennen die beiden: Der Egoist ist nicht unfähig mit anderen zu interagieren und der Egozentriker sieht sein Fehlverhalten ohne Weiteres ein, es ist ihm peinlich und er entschuldigt sich.

Ein Egomane bläht sich im besten Fall wie ein Luftballon auf und stilisiert sich zu einer lächerlichen Figur; dabei überspielt er seine eigentliche Schwäche und tritt seinen Mitmenschen, bewusst oder unbewusst, auf die Füße, denn er hat Angst übersehen zu werden. Er verstellt sich seinen Blick mehr als er ihn verengt; er enttäuscht seine Erwartung oder, falls er an seine Illusion glaubt, zumindest die der Anderen, aber der Egomane ist zu sehr Egozentriker als dass er boshaft in größerem Stil wäre –- ärgerlich allerdings ist er und Diskussionen mit ihm sind ein Greul: Er will immer Recht behalten und erzählt stets von sich und wie großartig er ist. Egomanen schaden sich oder anderen dort, wo sie aus Selbstüberschätzung heraus, fahrlässig handeln.

Egomanen sind zwar für ihre Darstellung verantwortlich, aber hinter ihr kann sich ein ungestilltes Affiliationsbedürfnis oder ein Mangel an Anerkennung verbergen. Manche nutzen ihr verzerrtes und übersteigertes Selbstbild, um etwas aus sich heraus zu kitzeln oder meinen dies zu können; sie legen sich sozusagen ein Abbild vor, das sie einholen müssen, auch anderen gegenüber, das steigert die Wirkung. Da ihre Ideen und Konstruktionen aber nie Wirklichkeit werden und wie alle Ideale in ihrem eigenen Reich verbleiben, verbindet sich das Dargestellte mit der teilweise erfüllten Wirklichkeit zu einer schützenden Illusion; die Diskrepanz zwischen Sein und Schein ist für den Egomanen dann nicht mehr erkennbar und er fällt auf sich selbst herein; seine Umwelt, die klarer als er selbst sieht, nennt ihn starrköpfig, weil er sich anscheinend weigert, das Augenfällige anzuerkennen — durch sein Gebaren verärgert und verschreckt seine Mitmenschen, denen er sich als Übermensch verkauft. Sie werden sich von ihm ab- und Erfreulicherem zu wenden und niemand wird es verwundern, wenn sich Egomanen als einsam und nirgends zugehörig fühlen; dies zu verhindern liegt allerdings mehr in ihren Händen, als in denen des Egozentrikers, der sich nicht von seinen Leiden zu befreien vermag; und wie dieser, ist er zur Selbstreflexion fähig. Egomanen benötigen ihre Mitmenschen mehr als Egoisten oder Egozentriker, denn ihre vermeintliche Größe wäre ohne sie wertlos wie ihre Anstrengungen vergeblich — nur ein Narziss würde seinen Körper in einem leeren Weltall bestaunen.

Viele Künstler (und vermutlich auch Wissenschaftler) standen in menschlicher Hinsicht oft weit hinter ihren Leistungen zurück, ja sie waren vielleicht oft nur möglich, weil sie Egoisten, Egomanen und Egozentriker waren. Diese Feststellung gibt uns unseren Realitätssinn zurück und vertreibt das Staunen vor den abstrakten und großen Namen; andererseits aber warnt sie vor der Schlussfolgerung, dass Menschen, denen grundlegend menschliches fernzustehen scheint, nichts dazu zu sagen hätten.

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18 Antworten zu “Egoist, Egozentriker und Egomane — drei Skizzen

  1. Anonymous 8. November 2012 um 10:18 pm

    wußte nicht genau wie ich meinen EX beschreiben sollte und findde alle drei Begriffe super erklärt danke

  2. Sabine SaBine Schulze 16. Juni 2013 um 1:04 pm

    Selten habe ich solch eine treffende Beschreibung dieser unterschiedlichen, jeoch in Punkten auch auch ähnlichen, Charaktertypen gelesen!

  3. Anonymous 16. Januar 2014 um 3:36 pm

    finde die Beschreibung der drei Ego-s sehr treffend und anschaulich. Bin begeistert!

  4. jenny 21. Februar 2015 um 1:36 am

    Ech super beschrieben
    Allerdings fehlen mir persönlich noch ein paar sachen, wie zum beispiel unbegründetes selbstverherrlichendes lügen, gesprächs- kritikunfähigkeit, „zweierlei maß denken und verhalten. Aber sonst echt passend

    Lg

    • Anonymous 10. April 2015 um 3:49 am

      Wirklich sehr gut beschrieben! Unglaublich das alle 3 Ego’s in einem Menschen stecken können. In den darauf folgenden Kommentaren wurden noch weitere sehr treffende Eigenschaften genannt.

    • Anonymous 24. Oktober 2015 um 8:45 pm

      auf meine schwiegertochter trifft es 100 %tig zu. Mit ihr kann man zu keinem Dialog kommen, auch ihre Kinder wenden sich schon von ihr ab. Nicht schön

  5. anonym 29. Februar 2016 um 9:21 pm

    also dass mit dem egozentriker dass die ihr verhalten einsehen habe ich noch nie gesehen. Die werden arrogant, und abwertend. der typische egozentriker ist der lästerer oder mobber. egozentriker, dass sind die, die intolerant sind und ganz empört, wenn jemand anders ist als sie. z,b egozentriker, dass sind z.b die Schönheitsop ganz schlimm finden, Frauen die sich die Lippen aufspritzen als duckface entwerten usw. die sehen ihr Fehlverhalten nicht ein, weil sie sich nicht in andere versetzen können und informationen auch verweigern und werden aggressiv. page gedankentanken ist es auch gut richtig erklärt. „Egozentriker wenden ihre Maßstäbe auf andere an. Handelt jemand gegen den Rat, die Ästhetik oder eine Konvention eines Egozentrikers, ist der Egozentriker verwundert, enttäuscht, pikiert oder empört.“ hast du jemals von so einem eine Entschuldigung bekommen ?. Ich nie, und ich habe viel mit denen zu tun. die beharren auf ihrem Weltbild bisa zum ende, bleiben arrogant und bezeichnen den anderen der ihr Weltbild nicht glaubt als dumm. aber vielleicht hast du den Trick gefunden, wie man deren Lernresistenz überwinden kann. die Forschung wäre dir sehr dankbar. denn narzissten usw lassen sich wegen ihrer egozentrik nicht therapieren. daher haben dass auch narzissten oder antisoziale. in wiki ist das mit referenzen auch erklärt. „Mit Egozentrik wird ein „Egozentrismus der Wahrnehmung“ beschrieben, der die Unfähigkeit bezeichnet, sich in die Rolle eines Anderen hineinzuversetzen bzw. die Perspektive eines Anderen anzunehmen sowie die eigene Sichtweise als eine unter mehreren aufzufassen. Sie ist insbesondere eine Eigenschaft des Kindes und nach Jean Piaget als „ein Mangel an einer Unterscheidung zwischen dem Ich und der äußeren Realität“ definiert. Dieses Durcheinander „führe schließlich zur Vorrangstellung des eigenen Standpunktes“.[1] In der Psychopathologie stehen egozentrische Reaktionen für eine Selbstzentrierung in der Form, dass Patienten sich in den Mittelpunkt stellen und ichbezogen sind, d.h. alles auf ihre Person beziehen. Sie gilt als eine weitere Form von Persönlichkeitsveränderung neben der Regression.[2] Eine pathologische Egozentrik wird vor allem bei Persönlichkeitsstörungen wie der dissozialen, der narzisstischen oder der histrionischen Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.[3][4]“ auf

    • metepsilonema 2. März 2016 um 10:03 pm

      Es handelt sich oben um allgemeine Skizzen, nicht um die Beschreibung psychologischer Störungen oder Krankheitsbilder.

      Wenn Egozentrik eine Fokussierung auf sich selbst bedeutet, ist damit nicht gesagt, wie stark diese ausgeprägt ist und auch nicht, dass dies nicht von den „Betroffenen“ erkannt werden kann; es ist damit auch keine zwingende Korrelation mit anderen Eigenschaften beschrieben (ich bestreite nicht, dass das, wie von Ihnen dargelegt, vorkommen kann, es muss allerdings nicht so sein, warum sollte es?).

      • anonym 3. März 2016 um 5:32 pm

        Im Text steht, „Oft sind es naive, verschreckte und gutmütige Menschen, die auf Berührung ihrer Welt durch andere nicht abweisend,…“ . Wenn sie gutmütig wären, dann wären sie schnell keine Egozentriker mehr, denn dann wären sie bemüht und würden schnell lernen, wie die sozialen Umgangsformen sind und auch anderes tolerieren. egozentriker sind so, weil sie lernresistent und stur sind, informationen verweigen, die halten ihr Weltbild für das einzig wahre und wer dagegen verstösst wird als dumm angesehen Wenn jemand was anderes sagt, dann denken die, der will verarschen. die haben quasi urmisstrauen und sie machen kaum selbstreflektion. egozentrik ist quasi die Mutter aller störungen und basiert auf dem alphatrieb. (der beste und führer einer Gruppe zu sein). Als Herdenführer bei der entwicklung der menschen war es sogar sinnvoll, dass alle beisamen bleiben usw.

  6. Samy 10. Februar 2017 um 6:33 pm

    Das heißt ich kann meine Beziehung jetzt auflösen?!?!?!

  7. Christian 13. September 2018 um 10:22 pm

    Bitte um ein Bsp. wie man durch starkes Mitgefühl einen Egoisten bezwingt. Vielen Dank!

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