Ein Zuviel an F…?

[Ein regennasses Stück Papier, mit Bleistift eng beschrieben, aber bis auf ein paar Schmutzflecken ist alles gut zu entziffern. Ich habe es abgetippt. Der Titel stand in Blockbuchstaben und die Handschrift erinnert an die eines Schülers. Alle Notizen in eckigen Klammern stammen von mir.]

Ein Maß für Liebe und Menschlichkeit ist [zwei unleserliche Worte], die wir anderen zugestehen, [drei unleserliche Worte] wo wir auf etwas verzichten müssen. Diese Freiheit gründet sich in der Freude und dem Mitgefühl, die wir Anderen entgegen bringen. Es ist gut, dass Du bist; ich weiß, dass Du [?]. Und weil das so ist, gebe ich Acht.

Die Wertigkeit des Anderen ergibt sich [wieder unleserlich] aus dem Gedanken, als aus der Tatsache, dass er in uns selbst lebendig wird: Wir fühlen und sehen mit seinen Augen und wissen dadurch, dass er auch da [ist]. Dadurch bedarf es auch keiner Motivation zu Handel [sic!], der Gedanke allein genügt noch nicht (er ist an anderer Stelle wichtiger).

Eine Frage die sich dabei aufdr[ä]ngt, ist ob eine Welt denkbar ist, die ein solch hohes Maß an Freiheit gewährt, dass man an anderen vorbeleben [?], kann, dass der Kontakt mit ihnen gesucht werden muss, und ob diese Welt vielleicht [kein Fleck, hier fehlt zumindest ein Wort] ist.

Sagen wir, dass unsere [ein Wort mit kleinem „w“ ist unleserlich] Welt in diese Richtung drängt: Der [schwarzer Fleck] entkoppelt vielleicht von der Pflicht, sich dem anderen zuzuwenden; wir wissen ja, dass ausreichend um [?] gesorgt wird und können uns ganz unserer Sache zuwenden.

Dagegen kann man ein [?], dass unsere Bedürftigkeit uns wieder zu den anderen zurücktreiben müsste und sie tut das auch: Jeder sorgt sich um seine Freunde, den nächsten Kreis der ihn umgibt – der Bezug zu den weiter außenstehenden bricht mehr und [?] weg, wir werden individualisierter, selbstzentrierter und begegnen diesen Menschen der äußeren Kreise mit einer gewissen Ignoranz: Es geht ihnen ja doch gut.

Im besten Fall wären wir Menschen, die ihr Inneres pflegen und dem nachgehen was sie interessiert, nicht unbedingt E[?], aber sehr selbstzentriert. Die Frage ist nun ob man dies ändern soll und falls ja, wie? Eine Änderung wäre vielleicht wünschenswert, weil es für alle Beteiligten ein Zuwachs an Leben bedeutet, wenn sie über ihre eigenen Grenzen gingen, ihre Schale durchbrächen. Wenn etwas von dem Licht, das sie gewiss in sich tragen nach außen [unleserlich]. Und so wie man Zeit braucht um alleine zu sein, braucht man daneben Zeit, die den Freunden gehört.

Man kann diese Frage auch verneinen, etwas [unleserlich]technologisches hat sie gewiss an sich und diese Versuche sind bis jetzt immer schiefe [sic!] gegangen; [Fleck] kann man nicht erzwingen. Vielleicht aber kann man den Rahmen verändern und die Entwicklung begünstigen, so wie sich eine Gesellschaft dazu entschlossen hat eine freie zu werden, in dem Augenblick wo sie es noch nicht gewesen ist. Die gesellschaftliche [?] ist nicht abgeschlossen: Wir stehen mitten in [unleserlich].

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11 Antworten zu “Ein Zuviel an F…?

  1. Gregor Keuschnig 25. März 2011 um 2:39 pm

    Jetzt hätte ich aber noch gerne gewußt, worin wir mitten drinstehen…

  2. Uwe 25. März 2011 um 6:37 pm

    Ohne Du kein Ich – so habe ich mir dieses Fundstück ausgelegt.
    LG, Uwe.

    • metepsilonema 26. März 2011 um 8:04 pm

      Deutungshoheit maße ich mir keine an, aber interessieren tut es mich allemal — danke!

      • Uwe 26. März 2011 um 8:54 pm

        Es sollte eher ein Deutungsversuch sein, eine Konklusion aus dem nur fragmentarisch Vorhandenen und Verstehbaren.
        Interessant an solchen Schrift(Fund)stücken ist für mich das letztlich deutungsoffene Zusammenspiel von les- und unlesbaren Stellen, oder was fasziniert Dich an solchen Trouveillen, so dass Du sie hier veröffentlichst? LG, Uwe.

      • metepsilonema 26. März 2011 um 10:53 pm

        Was ich reizvoll finde, und lehrreich, ist, wie sich der Text verändert, was aus dem – genau! – Fragmentarischen wird, wie sich das Fremde „einschleicht“ oder wie er interpretiert wird. Es ist ein Spiel mit Realität, auch mit dem Zufall…

        [Nur damit kein Missverständnis entsteht: Dieser Text ist erfunden, fiktiv, es gab keinen Fund, weswegen er auch unter „Miniaturen“ eingeordnet ist.]

  3. Uwe 27. März 2011 um 10:26 am

    Ich ging von einem objet trouvé aus. Aber das ändert nichts. Dann sind die Sinn-Enttäuschungen kalkuliert und eben nicht durch äußere Umstände und Zufälle entstanden. Es geht doch letztlich um Leerstellen und wie wir sie auffüllen, rastlos in unserem Bemühen, Sinn zu suchen, oder?

    • metepsilonema 27. März 2011 um 11:03 pm

      Es macht nichts aus und doch wieder etwas: Ich glaube wir betrachten einen Text anders, wenn wir wissen, dass er fiktiv ist: Es kommen neue Aspekte hinzu und andere verschwinden. Aber es ist nicht an mir zu entscheiden, was er soll: Ich möchte das dem Leser überlassen (natürlich habe ich Intentionen, aber die sind nicht so wichtig).

      Aber es freut mich, wenn sich jemand Gedanken macht.

  4. Uwe 28. März 2011 um 10:21 am

    Das Spannende an Deinem Text war für mich, ihn als ein zufälliges Fundstück zu betrachten, das einmal für seinen urspünglichen Autor eine Bedeutung hatte, nämlich die, seine Gedanken zu einem Thema schriftlich zu ordnen. Als Fundstück war es der Witterung und dem Wetter ausgesetzt, verlor seine Konsisitenz an bestimmten Stellen und wurde so in Teilen unleserlich. Dadurch erhöhte sich aber der Bedeutungsspielraum seiner möglichen Lektüren. Und genau das ist es, was mich an objet trouvés interessiert: Wie sie sich von ihren Urhebern ablösen und für ihre Finder zum Zeichenträger in je unterschiedlichen und subjektiven Erzählzusammenhängen werden. Dass Dein Text fiktiv ist, also willentliche Zäsuren und Leerstellen aufweist, war für meine erste Leseerfahrung letztlich unerheblich. Für die Deutung des Fundstücks ist seine Fiktionalität allerdings – da gebe ich Dir recht – wichtig, denn dann kommt der Autor und seine Intentionen ins Spiel und die Frage: Warum lässt er mich gerade an diesen Stellen ins Leere laufen und verweist mich auf meine eigene Denk- und Assoziationstätigkeit? Diese Frage stellt sich bei einem veritablen Fundstück nicht, denn dort verdanken sich die Fehlstellen dem Zufall, sind also autorunanhängig.
    Ich hoffe, ich konnte Dir mein Verständnis klar machen. Ich habe es vor allem auch deshalb so ausführlich versucht darzulegen, da zufällige Fundstücke für meine Art des Fotografierens wichtig sind. LG, Uwe.

    • metepsilonema 28. März 2011 um 10:50 pm

      Danke nochmal, ich sehe das genauso. Die ursprüngliche Betrachtungsmöglichkeit eines Fundstücks bleibt erhalten, wenn auch die „naive“ Sicht verloren geht, weil wir beginnen den Autor miteinzubeziehen (was letztlich nur bedeutet dem Text mehrere Perspektiven zuzugestehen, Grundlage bleibt immer der Text).

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