Ein Kaffee im siebten Himmel

Dem Blogozentriker zuerdacht.

Bob hatte es endlich erreicht: Das Allerheiligste, den allerletzten Winkel seiner Seele, das Innerste des Inneren: In diesem Moment verschmolz er langsam mit dem Urgrund alles Seienden.

Wäre Bob gläubig gewesen, dann hätte er diese Worte gebraucht; aber da ihm der Glaube, wie so vieles andere, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, am Arsch vorbei ging, lächelte er einfach. Bob saß in einem Kaffee, aber nicht in irgendeinem, sondern in einem der Wiener Kaffeehäuser, die er liebte, und die mittlerweile nicht einmal mehr die Wiener selbst zu schätzen schienen. Für Bob hatte dieser Kulturverlust etwas zutiefst Empörendes, und nur weil er gerade glücklich war, ließ ihn dieses aufreibende Faktum, das Einzige, das ihn noch empören konnte, kalt.

Bob sah sich um: Holztäfelung und samtene, leicht abgenutzte Pölster; runde, marmorne Tische und zierliche Sessel; ein Aschenbecher, eine Zeitung und dieser unwiderstehliche Geruch … und obwohl das Interieur wieder in diese Zeit passte, schnippte Bob mit den Fingern: Die Holztäfelung verschwand und mit ihr einige Schnörkel; Tisch und Sessel waren gegen Modelle mit klarer Linie und einem Ton von Abstraktheit getauscht. Der Raum strahlte jetzt in einer gräulichen Grundstimmung, aber der wohlige Geruch war erhalten geblieben, und mit ihm der Blick aus dem Fenster: Ein nobler Herr in weißem Marmor und einige Arbeiterfiguren, ebenfalls in weißen Stein gehauen; dahinter stand eine alte Platane mit ausladender Krone; Menschen schlenderten über den Platz und saßen auf Bänken im Schatten des Baums…

Bob rutschte auf seinem Sessel hin und her: Dieses unbequeme Zeugs, murmelt er und schnippte noch einmal mit den Fingern: Jetzt hatte er wieder den roten Samt unter seinem Hintern. Bob öffnete ein Päckchen, und zog ein Zigarillo heraus. Ein Kellner nickte ihm anerkennend zu: Endlich einer der sich’s traut. Gleich bin ich bei ihnen! Und Bob öffnete die Karte: Ja, die Wiener, sie mussten bloß die Karten ihrer Kaffeehäuser lesen, um glücklich zu sein. Allerdings: Auch das taten sie immer seltener. Narren!, dachte Bob und gab sich ganz der Karte hin: Es war es nicht nur der Klang der Worte, nicht nur dieses wohl gestaltete Stück Papier … ein umfassendes sinnliches Erlebnis ergriff den jungen Mann, und er begann langsam die Namen zu lesen, sie im Mund zu führen und wirken zu lassen: Eine Schale Gold, ein Schwarzer, der kleine Braune, wie gute Bekannte sahen sie ihn an und er grüßte sie, einen nach dem Andern: den Einspänner, den Verlängerten und den Franziskaner … Hach! Und dann noch der Fiaker und die Kaisermelange.

Der Kellner kam näher, bleibt aber, als Kenner, der wenig mehr, als die Versunkenheit seiner Gäste zu schätzten wusste, stehen, und wartete, bis sich Bob nach ihm umsehen würde. Erst dann wollte er sich bewegen.

Einen Verlängerten bitte…
Gerne. Hat der Herr sonst noch einen Wunsch?
Nein, danke.

Er deutet eine Verbeugung an und verschwand.

Etwas später stand er vor Bob. Er blies den Rauch in die Luft und dämpfte das Zigarillo aus: Seine Nasenflügel vibrierten, und er sog den dunklen, würzigen Geruch tief in seine Lungen. Nur nicht zu lange zögern, die richtige Temperatur war entscheidend! Bobs Finger zitterten, aber als er die Tasse berührte, hörten sie auf. Bob ergriff sie und kurz darauf legte sich ein cremiger, wohlbekannter Geschmack über Zunge und Gaumen, und in Kürze würde er … aber Bob erstarrte: Als hätte man ihm mit einem Messer mehrmals quer durchs Gesicht geschnitten.

Wir, äh, stotterte der Kellner, er ist aus, wir haben nur mehr diesen, äh, Malzka…

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4 Antworten zu “Ein Kaffee im siebten Himmel

  1. Bob Macha 24. Mai 2011 um 10:10 am

    Das Franziskaner ist mir oft lieber als der Franziskaner!

  2. Bob Macha 24. Mai 2011 um 1:56 pm

    Alkoholiker.

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