Brücke und Mond – Gespräche IV

Etwas wird lebendig, erhebt sich und spricht; in Worten und Bildern, unklar und dann immer klarer: Das war weder neu, noch besonders, aber gerade deshalb unfasslich. Ich faltete den Zettel auf, mit der Freude desjenigen, der etwas verlegt, aber nicht verloren hatte, das ihm wert war, ähnlich einer Erinnerung, doch anders, sie nicht ersetzend oder verdrängend, ein Ausgangspunkt, eine Flucht des Gegenwärtigen, hingekritzelt, ein Versuch festzuhalten was nicht festzuhalten war, wartend, hoffend, lauernd…

Als ich die Falten glättete, kam mir in den Sinn, dass wir lange nicht mehr von der Brücke gesprochen hatten. Ganz deutlich stand sie da, im roten Licht des neuen Monds. Der neue, rote Mond. Ich begann zu lesen, und stutzte zugleich: Was hatte er damit zu tun? Ihren Bau hatte er nicht veranlasst und eigentlich gab es auch keine Brücke, obwohl wir ganz selbstverständlich auf ihr standen; sie war also vorhanden und in jener Nacht beleuchtet, von eben jenem Licht. Hatte er geholfen? Vielleicht. Und wobei? Roter Mond, roter Berg, rote Stadt, roter Fluss, hatte ich mir notiert … rote Turnschuhe auch noch. Und mit einer Zeile Abstand: Zinnober.

Ich lehnte mich zurück, nahm meine Zigarette vom Rand des Aschenbechers und sog ihren Rauch in meine Lunge; ich hielt ihn solange wie möglich zurück, und ließ ihn durch Nase und Mund ins Freie … ich klemmte die Zigarette einige Zeit lang zwischen die Finger und schielte abwärts … Auch der Hügel auf dem die Brücke steht, ist in sanftes Licht getaucht, wie das Gras und die Blätter. Aber interessanter als die Frage nach dem roten Licht ist, warum man eine Brücke auf einem Hügel errichten sollte. Ich war ein wenig enttäuscht, meine Notizen waren armselig gegenüber dem Augenblick, dem Erlebten, dem Erinnerten und unsinnig selbst ihrer inneren Logik gegenüber. Ich wollte gar nicht zu Ende lesen, tat es dann doch und musste sogar lachen. Ich habe es mir ausgedacht. Alles.

Was nicht stimmt, denn das Gedachte, Phantasierte und Erlebte vermengt sich, verliert seine Zeitlichkeit, seinen Kontext … es entsteht etwas, das über dem Realen steht, und doch wird diese Nacht bleiben, als eine der schönsten überhaupt. Und mit ihr die Brücke.

4 Antworten zu “Brücke und Mond – Gespräche IV

  1. blogozentriker 6. Juli 2011 um 7:32 pm

    Die Momente gehen vorüber — und wir können es nicht ertragen. Wir können nicht aushalten, dass unser Dasein in dieser Welt immer ein unerfülltes Versprechen bleibt. Unsere Hoffnung ist, dass wir das Vergängliche in Wörtern unvergänglich machen können — als würde das bedeuten, das Versprechen einzulösen. Aber wenn wir ehrlich sind, ist das alles absurd. Wir können allenfalls das Nichtexistente verewigen. Während Prospero idiotischerweise immer lebendiger wird, ist Opa tot. Eine Kunstfigur, die nie gelebt hat, kann an Lebendigkeit zulegen. Ein Mensch verliert sie, unvermeidlich, Wimpernschlag für Wimpernschlag. Egal, wie viele Stanzen, Sonette und Sophismen ich ihm widme.

  2. Pingback: Vergänglichkeit « Makulatur

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