Entkommen!

Entgegen den Anstrengungen meiner Versuche zur Kunst gibt es in mir seit Langem eine Bewegung, die eher weg will von der ins immer Haarspalterischere Getriebene der Differenz, hin zu etwas Fraglosem, aus sich heraus schon Hinzunehmendem – z.B. so etwas wie (unschwülstige, nicht-besungene) Nacht.
Rainer Rabowski, Die gerettete Nacht

Ich betaste die Mauern des Labyrinths, in das ich wieder einmal geraten bin, als ob man sie einreißen könnte oder nur eine passende Stelle finden müsste, um ein Loch hinein zu schlagen; aber sie lassen sich nur verschieben, etwas anders anordnen, und auch das äußerst beschränkt: Sie führen ein Eigenleben, und wenn ich gerade nicht hinsehe, dann passiert immer etwas, das meine Anstrengungen narrt.

Dabei bin ich es, der oft genug ruft: Ihr Narren, liebt doch einfach! Aber sie hören mich nicht, weil ich nicht laut genug schreie, und weil ich doch wieder selbst darauf hereingefallen bin. Man glaubt mir nicht, und wenn ich ehrlich bin, mit gutem Grund: Warum sollte man ausgerechnet jemanden ernst nehmen, der dasselbe tat und immer noch tut? Jemanden, der es offensichtlich doch nicht bereut oder keine plausiblen Einwände machen kann. Ja: Er rät davon ab, und zwei Stunden später profitiert er selbst wieder davon. Oder meint, profitieren zu können. Man wird ihm sagen, dass seine Ablehnung seiner Faulheit oder seinem Misserfolg entspricht, und damit einem Mangel an Mühe. Er könnte, wenn er nur wollte.

Und so stecken wir zwar nicht am selben, aber an einem sehr ähnlichen Ort, wenn man sich klar macht, dass das Feststecken methodischen Ursprungs ist. Manche sind verzweifelt darüber, und sie sagen unverblümt, dass sie sich festgefressen oder -gefahren haben; aber für die meisten ist es ihr täglich Brot: Etwas das so sein muss, oder nicht anders sein kann, wie die Mühe die das Leben mit sich bringt (und die oft nur eine eigebildet-hingenommene ist). Dennoch: Einige sind durchaus erfolgreich, auch wenn sie keinen Weg in einem umfassenden Sinn finden, so gelingt es ihnen immer wieder einen Teil des Labyrinths übersichtlich zu gestalten: Man findet sich dann, auch als ortsunkundiger, zurecht. Und glaubt man ihnen, macht es sogar einigen Spass, obwohl sie im kleinen Kreis oft wieder ins Jammern verfallen, und man nicht weiß was man eigentlich denken soll.

Bei ihnen (den anderen), wie bei mir, hängt es, glaube ich, aber vor allem daran, dass das Verfahren zu einer Art Routine geworden ist, einem Zwang, und eigentlich kann niemand anders: Aus ihm (dem Nicht-anders-können), einem Unwohlsein, beim Vorhandensein eines Wollen, einer Grundunzufriedenheit, die uns zum Handeln treibt, erhält das Wort Entkommen seine Bedeutung. Wir wollen weg, eben: entkommen, hin zu etwas anderem. Und es ist seltsam genug, dass wir das andere doch kennen, dass es mehr als eine Ahnung ist. Eigentlich einfach: Man müsste bloß etwas anderes beginnen.

Es gibt also Momente in denen man weiß was zu tun ist, zumindest hätte ich das geantwortet, wenn mich jemand gefragt hätte, aber da das niemand tut, muss ich mir meine Fragen selbst stellen (so wie ich es meistens tue, was einerseits angenehm ist, da man die richtigen Fragen vor sich hat, also die, die einen auch beschäftigen, andererseits aber die Gefahr der Zirkularität, der Selbstbezüglichkeit, usw. lauert, die man im Auge behalten muss…). Die Angelegenheit ist also zwiespältig, widersprüchlich, ambivalent und die düstersten Momente sind die eigentlich klarsten: Wenn ich völlig hilflos gegen eine Wand klatsche, dann weiß ich, wohin ich muss, müsste.

Aber das ist natürlich unbefriedigend, als ein Zustand von Dauer, d.h. einer, der immer wieder auftritt, und den man eigentlich von Anfang an meiden will: Wer weiß, dass er den Eingang nicht nehmen wird, der klagt später auch nicht über eine angestoßene Nase… man könnte nun annehmen, dass man einfach nicht schwach werden müsste, sich auf die eigene Stärke besinnt, und… aber wie ich schon sagte, es handelt sich nicht um Versuchung, sondern um Gewohnheit, und um Nutzen, denn es existiert die Einsicht, dass diese Verirrungen einiges Gute geschaffen hätten und noch immer schaffen könnten; und das Vertrackte ist: Wenn man es prüfen will und nicht bloß glaubt, dann, genau!, gerät man wieder mitten hinein.

So weit ich sehe, bleibt mir nur eine Möglichkeit: Wenn mich die Prüfung, sozusagen der Blick auf die Karte, in das Labyrinth selbst befördert, muss ich alles betrachten und aufsaugen, was von seinem Wesen her nicht-labyrinthhaft ist. Es gilt zu bewundern, schauen, sehen, und vieles mehr…! Und wenn es mich hält, dann hätte ich den Beweis, dass ich der Mauern und Irrwege nicht bedarf!

Ist es so einfach? Aber weil sie es tun – sehen, schauen, betrachten –, genauer als ich (und ich es wiederum tue und getan habe, in seiner labyrinthhaften Form), erkenne ich, dass es vor allem um seine Art und Weise geht: Die Handlung selbst ist nicht entscheidend, sondern das Bewusstsein, das mit ihr den Bund schließt. Vielleicht gerade nachlässig und faul sein, ablassen, zu-sich-kommen, und das andere zu sich kommen lassen: Leere trotz Bewegung, trotz Anstrengung, trotz Tätigkeit; ein erster Schritt, eine Übung die ich selten ausführe: Aber wenn sie gelingt, dann wird das Normale ein Stück weit verdächtig, und das ist immerhin etwas.

Ein Wort, das mir in den Sinn kommt, ist Askese, und ein anderes Ruhe; Weniger-wollen, Zurücktreten: Ein Zuviel an Beschreibung genügt um das Eigentliche zu zerstören, und das Lachhaft-traurige, die nicht enden wollende, unerquickliche Mühe, entsteht vielleicht gerade dadurch. Mit ihr schwindet das Unmittelbare und wir müssen stehen bleiben und uns einreden, dass es gut ist wie es ist, und tun gerade das nicht: Es fühlen, erlauben, erfahren, erleben…

Ich erinnere mich, dass es schon ein paar Mal so weit gewesen war, ich kenne es und ahne nicht nur, auch wenn ich es immer nur zufällig erreiche… mir fällt die Trockenheit einer Schieferwüste ein, in der alles, selbst die Luft, vom harten, schweren Stein geprägt war… und dann die Stille, als der Wind einmal aussetzte, aber die Wolken über dem Rand eines Gletschers sich weiter formten und überformten… auch hier stoße ich wieder darauf, stelle ich fest, dass ich nicht anwesend war, oder in einer Weise, in der nur Trockenheit und Stille blieben: Man muss auf sich selbst vergessen lernen, um sich den Wunsch nach der Freiheit aus dem Labyrinth zu erfüllen.

Und welche Zeitlichkeit das dann bedeutet, oder bedeuten kann, ist schwer vorwegzunehmen: Ein temporärer, ausgleichender Zustand oder aber einer von Dauer, dem das Labyrinthhafte, Verwirrte überhaupt abgeht.

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